Testspiel: RB Leipzig vs. FK Teplice 6:0

So kann es kommen. Da dachte man zuerst, dass nun auf RB Leipzig der erste richtige Test warten würde. FK Teplice, erste tschechische Liga. Letztes Jahr 0:2 verloren. Aber spätestens beim Aufwärmen bewahrheitete sich, was sich vorher schon andeutete, nämlich dass Teplice nur mit einer uneingespielten Juniorenauswahl anreisen würde. Deren Niveau sich später als irgendwo zwischen deutscher Fünft- und Siebtklassigkeit herausstellen sollte. Weswegen das 6:0 auch komplett ein Muster ohne Wert bleibt.

Es ist beileibe nicht so, dass RB Leipzig schlecht gespielt hätte, es ist nur so, dass ein Spiel ohne Gegner nur wenig Aussagekraft in Bezug darauf hat, was man selbst gut gemacht hat. Wobei der tschechische Nachwuchs in der ersten Hälfte noch halbwegs gut dagegen hielt, bei konsequenterer Chancenverwertung aber auch bereits nach 45 Minuten mit zwei, drei Gegentoren hätte vom Feld gehen müssen.

Die erste Halbzeit schien mir dem Taktiktraining der defensiven Kompaktvariante zu dienen. Schön zu sehen, wie sich RB Leipzig bei gegnerischem Ballbesitz immer wieder auf einem 20-Meter-Streifen (20 Meter zwischen Abwehr und Angriff) rund um die Mittellinie sortierte und so die Räume extrem eng machte. Immer wieder, wenn ein Stürmer aus dieser Formation ausbrechen und den Verteidiger angreifen wollte, das klare Signal von der Linie in der Formation zu bleiben und nicht ohne Not die Kompaktheit aufzugeben. Daraus resultierte ein extrem enges Spielfeld und wenig Platz zu spielen bzw. gute Chancen für RB, den Ball zu gewinnen.

Bei Ballgewinn sollte es dann schnell und ausschwärmend nach vorn gehen und ging es auch manchmal. Das meiste war allerdings zu ungenau. Und wenn es dann mal gefährlich wurde, dann durch den von links nach innen ziehenden Sebastian Heidinger oder nach Kombinationen über rechts und das Trio Kaiser, Röttger, Koronkiewicz. Gerade letztere drei zeigten einige schöne Ansätze von Spielkultur, auch wenn sie zuvor noch nie zusammen spielten. Nicht unentscheidend daran beteiligt der ball- und passsichere Dominik Kaiser, der bereits andeutete, dass mit ihm im Mittelfeld ein deutlicher Qualitätsgewinn zu verzeichnen ist. Und dabei war er noch gar nicht richtig ins Spiel eingebunden und wurde von Zeit zu Zeit beim Anspiel ignoriert.

So leicht dann doch nicht aufzuhalten - Neuzugang Dominik Kaiser bei der Ballverarbeitung | © GEPA pictures/ Roger Petzsche

Neben der Chancenverwertung (Wallner, Kutschke) liefen auch das Gegenpressing nach Ballverlust und das Nachschieben bei eigenem Ballbesitz in Halbzeit 1 nicht ganz rund. Was zeigte, dass man für das neue System auch eine große Portion Vertrauen braucht. Henrik Ernst jedenfalls schien es nicht ganz geheuer, bei Ballbesitz nicht ganz tief in Sechserposition zu verharren, sondern aufrücken zu sollen. Paradoxerweise produziert Nichtaufrücken genau das, was es eigentlich verhindern soll, nämlich defensive Instabilität. Bleibt Ernst sehr defensiv stehen, dann ist vor ihm ein großer freier Raum, der bei Ballverlust vom Gegner bespielt werden kann. Und genau dies soll ja durch das Prinzip Gegenpressing bei Ballverlust verhindert werden. Was heißt, dass der jeweilige Sechser mit nach vorn schieben muss, um bei Ballverlust in Ballnähe gleich wieder gegenpressen zu können. Ist er nicht mit aufgerückt, hat der Gegner im Fall der Fälle (mangels Gegenpressing), Zeit sich zu ordnen und sich durchs Mittelfeld zu spielen.

Vertrauen in das System braucht es deshalb, weil man in diesem ohne Nachzudenken bei Ballverlust eine erste Pressingwelle startet. Was ein sehr offensives Vorgehen ist. Überlegt einer der Spieler in Ballnähe auch nur einen kurzen Moment, ob es nicht besser wäre, nicht zu pressen, kommt er in seiner Vorwärtsbewegung zu spät und öffnet so hinter sich möglicherweise tatsächlich den entscheidenden Raum. Ich werde im Laufe der nächsten Monate wohl noch öfters auf dieses Vertrauen ins System zurückkommen, denn das dürfte nur über lange Zeit wachsen, weil dieser Wechsel aus hohem Pressing und (wenn der Ball nicht gewonnen wird) anschließendem Zurückziehen in die oben angesprochene Kompaktversion ziemlich hohe Schule und für die meisten Spieler wohl auch ein neues Brot ist.

Das spiegelte sich auch darin wieder, dass immer wieder Spieler zu Bank blickten und wissen wollten, in welche Positionen sie denn nun zu laufen haben. Da war noch eine ziemlich Unsicherheit mit im Spiel. Das Kunststück dürfte sein, den Spielern Mündigkeit und Sicherheit/ Vertrauen zu geben und sie gleichzeitig zu Lakaien des Systems zu machen. Erfüllen der autoritären Vorgaben des Systems und füllen dieser mit individueller Klasse und Kreativität. Spannende Prozedur.

0:0 also zur Pause und in der zweiten Halbzeit schien RB Leipzig mit einer nicht ganz so geordneten und offensiveren Taktik aufs Feld zu gehen. Wobei dies auch an nun absurd verteidigenden und angreifenden Gästen lag. Jedenfalls war die Formation der RasenBallsportler nun nur noch sehr selten kompakt. Meistens jagte man eher wahllos dem Gegner und dem Ball hinterher. Das ging an diesem Tag gut, weil der Gegner keine Klasse (und keine Kondition?) hatte, hätte gegen cleverere Mannschaften, die die erste Pressingwelle durchbrechen und dann einen ungeordneten Gegner vorfinden, auch ziemlich schief gehen können.

Da dies nicht passierte, wurde das Spiel zum Scheibenschießen. Eines das in Bezug auf das groteske Defensivverhalten der Teplicer am und im eigenen Strafraum stark an das Spiel gegen den SV Wilhelmshaven erinnerte. Die hatten damals aber immerhin einen Torhüter. Teplice spätestens ab einem Torwarttausch Mitte der zweiten Halbzeit auch auf dieser Position unterirdisch.

Daniel Frahn schien sich angesichts dessen zu sagen, dass er sich auch selber verarschen könne und so einfache Tore dann auch nicht erzielen will. Carsten Kammlott dachte aufgrund seiner bescheidenden Trefferausbeute in den letzten reichlich zwei Jahren RB Leipzig das Gegenteil und nahm mit, was mitzunehmen ging. Insbesondere das 1:0 war ein ziemlich abgezocktes Tor des Stürmers. Insgesamt muss man sagen, dass der tschechische Nachwuchs mit dem 6:0 mehr als gut bedient war. Eigentlich hätte dieses Spiel zweistellig ausgehen müssen.

In der ersten Hälfte war besonders Stefan Kutschke bei aller Glücklosigkeit im Abschluss sehr auffällig. Was auch für den wieder überzeugenden Rechtsverteidiger Patrick Koronkiewicz galt. In der zweiten Hälfte war Carsten Kammlott nicht nur wegen seiner drei Tore herausragend. Dazu kam ein Linksverteidiger Paul Schinke, der mit großartigem Auge und entsprechenden Pässen diverse gefährliche Situationen einleitete. Immer wieder 10, 15 Meter in die Mitte rückend spielte er offensiv fast schon einen Sechser und band von dort insbesondere Thiago Rockenbach links ins Spiel ein. Defensiv lässt sich über Schinke nichts sagen, da Teplice nun gar nicht mehr offensiv aktiv wurde.

Gestern und heute hatte und hat RB Leipzig frei, bevor es morgen dann ins Trainingslager nach Österreich geht. Man darf schon ein bisschen gespannt sein, mit welchen Qualitäten das Team zurückkommt. Bei immer noch knapp vier Wochen bis zum Punktspielstart hat man jedenfalls noch Zeit die ersten gut aussehenden Schritte gen modernem Fußball auszubauen und zu sichern. Ich jedenfalls habe im Spiel gegen Teplice zwar viele Tore und einiges Gutes gesehen, aber gleichzeitig auch zur Kenntnis genommen, dass die Rückschläge in der Entwicklung bereits zu lauern scheinen.

Fazit: Bei Küstenwetter mit viel Sonne und sehr viel Wind überrannten die RasenBallsportler einen überforderten, in allen Belangen unterlegenen Gegner. Das mag fürs Ego einiger Spieler und für die vielen Leipziger Zuschauer hübsch gewesen sein, in der zweiten Halbzeit hat man allerdings falscherweise gelernt, dass man auch mit einem in der Gesamtformation schlecht organisierten Pressing sehr erfolgreich sein kann. Und genau diese positive Bestätigung könnte dazu führen, dass man damit irgendwann (wenn man es nicht abstellt) auf die Nase fällt. Aber ganz sicher, dass das zum Lernprozess dazu gehört. Insgesamt bleibt es jedenfalls spannend, einen solchen Prozess mal aus der Nähe begleiten zu können.

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Tore: 1:0 Kammlott (49.), 2:0 Nattermann (60.), 3:0 Rockenbach (62.), 4:0 Rockenbach (64.), 5:0 Kammlott (71.), 6:0 Kammlott (88.)

Aufstellung 1. Halbzeit: Bellott – Koronkiewicz, Sebastian, Franke, Judt – Röttger, Kaiser, Ernst, Rockenbach – Wallner, Kutschke

Aufstellung 2. Halbzeit: Coltorti – Müller, Hoheneder, Hoffmann, Schinke – Nattermann, Schulz, Karikari, Rockenbach – Kammlott, Frahn

Zuschauer: offiziell 603 in Grimma, handgeschätzt 800 bis 1.000

Links: RBL-Bericht [broken Link], RB-Fans-Bericht, Teplice-Bericht (Google-Translator)

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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6 Gedanken zu „Testspiel: RB Leipzig vs. FK Teplice 6:0“

  1. Allein die Tatsache, dass man im vierten Jahr endlich ein plausibles taktisches Konzept erkennen kann, stimmt mich verhalten optimistisch, auch wenn die Frage, wie man das insbesondere gegen Regionalligisten umsetzt, auf einem anderen Blatt steht.

  2. Also ich denke man hat gerade in HZ 1 gesehen wo es hingehen soll. Das Pressing hat mir schon recht gut gefallen. Und wenn man die Tests nacheinander betrachtet finde ich das es (logischerweise) immer besser aussieht und man die Handschrift des Trainers schon erkennen kann. Ich für meinen Teil freue mich richtig auf die neue Saison.

  3. @René: Nächster Schritt ist Zugfahrer. Und nächstes Jahr gründe ich dann eine Ultragruppierung. 😉

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