Geduldsprozess

Interessantestes Detail der mittwochlichen Pressekonferenz mit Ralf Rangnick und Alexander Zorniger zur Vorstellung der beiden Neuen bei RB Leipzig (bzw. ihrer Ideen) vielleicht die Einlassungen des neuen starken Manns in Salzburg und Leipzig Rangnick zum nunmehr Ex-Trainer Peter Pacult:

Es gab Kritik, dass obwohl ich schon seit einer Woche als Sportkoordinator feststand, hier trotzdem die Verantwortlichen habe weiterarbeiten lassen. Ja, was denn sonst? Wir können ja nicht den Trainer mitten in der Vorbereitung abberufen, solange wir noch nicht in allen Punkten Einigung haben mit einem neuen Trainer.

Für mich war von vornherein klar, dass wir andere Überlegungen anstellen müssen. Das hat gar nichts mit der Qualität der Trainerarbeit zu tun, sondern das ist eine grundsätzliche Frage, welchen Weg man gemeinsam bestreiten möchte.

Sprich, mit Dienstantritt von Ralf Rangnick war klar, dass Pacult gehen muss. Zu einem Zeitpunkt als selbst Loos und Pacult öffentlich noch abwartend davon sprachen, dass man sich sicherlich bald mit Rangnick zusammensetzen werde. Ist dann wohl nicht mehr geschehen. Peter Pacult, das ehemalige Gesamtprinzip von RB Leipzig, als einwöchiger Übergangsübungsleiter, damit die Spieler nicht unbetreut sind. Das ist eine ziemlich deutliche Ansage mit Hang zur kleinen Demütigung.

Aber auch wenn man sich natürlich berechtigt fragen kann, ob man nicht eine andere vereinsinterne Trainingsübergangslösung hätte finden können, hat Rangnick mit seiner frühen Entscheidung gegen Pacult natürlich analytisch (wegen völlig unterschiedlicher Vorstellungen und Prinzipien) recht. Er hätte pragmatisch (Kader bereits fertig zusammengestellt) auf Pacult setzen können, aber das wäre konzeptionell nicht konsequent und letztlich weitere verschenkte Zeit gewesen. Von daher Respekt für die schnelle und absolut nachvollziehbare Entscheidung.

Ganz grundsätzlich habe ich zum ersten Mal seit dem Beiersdorfer-Abgang das Gefühl, dass bei Red Bull nun arbeitsfähige Strukturen vorhanden sind. Mit Houllier und Rangnick hat man ein starkes und kompetentes Duo im Zentrum installiert, das bereit ist mutige, aber der eigenen Philosophie entsprechende Entscheidungen zu treffen.

Die Verpflichtungen der Trainer Schmidt und Zorniger in Salzburg und Leipzig erscheinen aufgrund ihrer fachlichen Qualitäten und der Spielweise für die sie stehen absolut logisch. Trotzdem sind sie auf ihren jeweiligen Karrierewegen eher Frischlinge, deren Verpflichtung natürlich auch ein gewisses Risiko beinhaltet. Denn ob sie unter den jeweiligen Augen der kritischen (Medien-)Öffentlichkeit bestehen können, ist eine Frage, die sie in ihren bisherigen Laufbahnen noch nicht beantworten mussten. Genausowenig wie die Frage, ob sie mit etablierten Spielern mit Macken und Meriten arbeiten können. Aber wie die Freistellung von Unruheherd Leonardo in Salzburg zeigt, haben die Trainer beim Umgang mit den Stars die volle Rückendeckung von oben.

Bei all dem personell-strukturell Positiven verbreitet sich in der Öffentlichkeit eine ziemlich krasse Aufbruchstimmung, mit der sich wohl auch die bereits 350 verkauften Dauerkarten erklären. Fast hat man das Gefühl als wäre die neue Saison ein Selbstläufer, nur weil der neue Trainer kommunikativ und taktisch beschlagen ist und der neue Sportdirektor mehrere Minuten am Stück über Philosophien und Ideen plaudern kann. Fast kommt es einem so vor, als wäre die Verpflichtung Zornigers das Detail gewesen, der aus einem mäßig erfolgreichen Team ein durchstartendes macht.

Ich kann da nur zur absoluten Vorsicht und Geduld mahnen. Vor zwei Tagen begann ein taktischer und kadertechnischer Umbauprozess, der noch sehr lange Zeiten andauern wird. Vielleicht kommt man zum Beginn der nächsten Saison langsam an den Punkt, an dem Zorniger auf sein Team blickt und denkt, dass das ungefähr das ist, was er sich bei Dienstantritt vorgestellt hat. Bis dahin jedenfalls dürfte es auch einige Rückschläge, miese Spiele und schlechte Tage geben. Eben weil man das brachliegende 4-4-2 ohne größere Bewegung und Präsenz, das aktuell im Kader drin steckt, nicht binnen fünf Wochen Vorbereitung in ein System umwandelt, das mal eben irgendeinen Gegner der Regionalliga Nordost locker wegspielt.

Zumal der auf Pacult zugeschnittene Kader nicht mal eben bis Ende August umgebaut werden kann. Schon jetzt wird die Zeit eigentlich eng, um noch relevante Neuverpflichtungen vorzunehmen. Da es sicherlich noch zwei, drei Tage dauern wird bis Zorniger überhaupt einen Überblick hat, wo potenziell noch Bedarf besteht, kann man davon ausgehen, dass vor dem Trainingslager ab dem 17.07. nicht mehr viel passieren wird. Und von da an sind es mal gerade noch reichlich drei Wochen bis Saisonstart. Nicht viel Zeit zum Einspielen..

Wobei gleichzeitig das Problem ansteht, dass man eigentlich den Kader auch noch etwas ausdünnen müsste. Aktuell 28 Spieler sind schon leicht zu viel (zwei bis drei). Rechnet man noch drei vier drauf, dann wird es langsam eng auf dem Trainingsplatz. Zielvorstellung Rangnick waren 20 bis 22 Feldspieler. Ich glaube, dass man da nicht hinkommen wird, weil vermutlich kaum einer der angestellten Spieler auf seinen gut dotierten Vertrag verzichten will (völlig zurecht nicht, keinem der Spieler wurden die Verträge schließlich aufgezwungen), nur um sich Ende Juli, Anfang August auf einem engen Transfermarkt nach Alternativen umsehen zu müssen. Mal gucken, aber ich bin skeptisch, was die Seite der Abgänge angeht. Was bedeutet, dass im Kader wegen seiner Größe potenziell viel Unruhe und Unzufriedenheit herrschen könnte.

Das alles zusammengenommen bedeutet, dass man etwas braucht, von dem ich weiß, dass das in Leipzig eigentlich nicht zu kriegen ist. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass man mit RB Leipzig am Beginn der Saison oder gar in der gesamten ersten Halbserie Geduld haben muss, ist doch recht hoch. Worauf sich zumindest die, die dem Verein anhängen, einstellen sollten.

Dies vor Augen teile ich auch nicht die verschiedentlich geäußerten Ansichten, das Startprogramm in die Saison käme RB Leipzig wegen seiner Leichtigkeit entgegen. Mit Union II, Neustrelitz und Lok hat man drei Auftaktgegner gegen die man sich eigentlich nur blamieren kann, weil keiner etwas anderes als einen Sieg erwartet. Da die RasenBallsportler aber spieltaktisch noch lange nicht bei 100% sein werden, werden auch diese Partien kein Selbstläufer. Das psychologische Favoritenmoment dazugenommen, kann da auch leicht mal eine negative Eigendynamik entstehen, die vielleicht nicht entstehen würde, spielte man gleich gegen Mitfavoriten (Zwickau, Jena, Hertha). Man denke nur an die drei Anfangsunentschieden unter Oral 2010/2011, unter anderem gegen zwei spätere Absteiger. Ich hoffe man trainiert neben modernem Fußballzeugs in der Vorbereitung auch Klassiker wie Standards, um auch mal in Grottenspielen (vielleicht ja am Anfang der Saison) den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können.

Ich finde es in diesem Zusammenhang auch nicht sehr clever, dass seitens Ralf Rangnicks permanent das Thema Offensivspektakel einer deutlich verjüngten Mannschaft propagiert wird. Klar, das ist das Ziel, aber vielleicht sollte mal jemand anmerken, dass dies nur als mittelfristiges Ziel dienen kann, dass aber kurzfristige die Veränderungen sehr viel kleinere und weniger absolute Schritte nehmen werden. Mir wäre hier ein bisschen Demut etwas lieber, zumal man sich bei BILD vorstellen kann, dass sie selbst nach zwei mauen 1:0-Siegen am Anfang mit einem lockeren „Bullen zum zweiten Mal nur 1:0 – Herr Rangnick, sieht so ihr Offensivspektakel aus?“ titelt. In Leipzig sind negative Eigendynamiken in den letzten Jahren der Normalfall gewesen. Man muss sie nicht auch noch zusätzlich anheizen bzw. mögliche Schlagzeilen selbst liefern..

Fazit: Personell und strukturell wirkt das neue Gebilde bei Red Bull bis runter zu RB Leipzig ziemlich gut. Mit Alexander Zorniger (und auch Roger Schmidt) hat sich Rangnick zudem interessante, vielversprechende Trainer geangelt. Insgesamt ist die Situation rund um RB Leipzig so angenehm und vielversprechend wie lange nicht oder gar noch nie. Trotzdem sollte man bei all der Euphorie nicht vergessen, dass es extrem überraschend wäre, gäbe es in all dem nicht Rückschläge und Unruhe. Wer schon zum Saisonstart modernen Offensivfußball erwartet, sollte vielleicht besser zu Hause bleiben und ein paar Wochen oder Monate später wiederkommen. Wer noch keinen Offensivfußball erwartet, sondern prozessinteressiert ist, der ist schon morgen (07.07. 17 Uhr) am Cottaweg zum Testspiel gegen den VfL Halle am richtigen Ort.

PS: Nun schon zum wiederholten Male hat Rangnick (im Rahmen der ganz oben erwähnten Pressekonferenz) auf seine Ostaffinität verwiesen, die er damit begründet, dass er in seiner Jugend immer irgendwelche Verwandtschaft irgendwo in der DDR besucht hat. Man drehe das mal um und stelle sich vor, Ede Geyer finge beim VfB Stuttgart an und versuche sich dann beim Stuttgarter Anhang dadurch einzuschmeicheln(!), dass er ihnen erklärt, dass er sich ja schon immer für den Westen(!) interessiert hat, weil er eine Tante in Kaiserslautern(!) hatte, die er immer besucht hat. Ich hoffe, die Absurdität dieser Narration wird deutlich. Mir jedenfalls ist es unter dem Stichwort regionale Verknüpfung wirklich vollkommen wurscht, wo die Verwandtschaft Rangnicks so wohnt/ gewohnt hat. Und dass die Problemlagen RB Leipzigs nun stellvertretend für dass Gebiet der (gar nicht mehr) neuen Bundesländer stehen sollen und man sich mit Kindheitsbesuchen in der Zone ein besonderes Verständnis dieser Problemlagen eingekauft hat, wage ich doch arg zu bezweifeln..

Flattr this!

13 Gedanken zu „Geduldsprozess“

  1. Wie immer ein sehr schöner „Bericht“. Das der offensive Spaßfussball nicht von heute auf morgen folgen kann sondern ein mitelfristiges Ziel ist sollte aber jedem der das Wort Fussball schreiben klar sein.

    1. „sollte“ ist genau die richtige Wortwahl. Leider ist aber die Erwartungshaltung vieler Fans und Zuschauer so hoch, dass da wieder massive Kritik zu hören sein wird, wenn es nicht von Anfang an so klappt.

    2. Sehe ich auch so, das Beständige in Leipzigs Fußball, das auch RB übernommen hat, ist die Unruhe und Missstimmung, wenn es mal zwei, drei Spiele lang nicht läuft..

    3. Bei Pacult waren es aber nicht nur 2 oder 3 Spiele, die es nicht lief. Das Publikum war eher gnädig mit ihm bzw. am Ende ohne jegliche Hoffnung auf Besserung.

    4. Am Ende war die Unzufriedenheit über Pacult auch ok und nachvollziehbar, aber Oral beispielsweise stand schon nach drei Spielen am (nicht nur medialen) Pranger. Und sowas gab es in Leipzig schon öfters. Zuerst das Team hypen und irrational schon von der Bundesliga träumen und drei Wochen später verbal alles in Schutt und Asche legen. Ich wünsche mir einfach, dass Zorniger und Co ein Jahr Zeit kriegen und man am Ende des Jahres guckt, was sich wie entwickelt hat und ob die Richtung stimmt. Dass es keine Rückschläge – gerade am Anfang – gibt, halte ich für ziemlich ausgeschlossen. Und da wünsche ich mir einfach ein wenig Ruhe.

    5. Kann man jetzt bei diesem TEAM gern so stehen lassen, ich bin voller Zuversicht…

  2. @ RB-Blogger

    Erklär mir mal bitte, ich bin ganz Ohr bzw Auge:

    Es sind nicht wenige Spieler im Kader, die Erfahrung haben in verschiedenen Ligen, in x Mannschaften und unter einigen Trainern und hier, in Leipzig, wird es als fast Überforderung hingestellt wenn man die Taktik etwas ändert. Hallo?!

    Leicht, aber wirklich auch nur leicht überspitzt gesagt: Die Jungs kriegen den ein oder anderen Euro, haben einige Erfahrung und wenn sie einen Systemwechsel nicht hinkriegen und in der 90. Minute überfordert sind einen Sprint mit Torschuß hinzulegen – in anderen Betrieben würden sie spätestens am letzten Tag der Probezeit mit einem feuchten Händedruck in den Feierabend entlassen, OHNE Abfindung oder Ablöse.

    Ich wundere mich wie sanft und geduldig hier im Blog aber auch in Foren über Spiele(r) berichtet wird.

  3. Ich glaub ich bin raus aus der Diskussion mit Dir. Dein Argumentationsmuster ist immer dasselbe und gleichermaßen schlicht wie albern: Menschen, die ob eines Talents viel Geld verdienen, müssen wie Maschinen funktionieren. Kannst Du ja gern so halten, aber da haben wir keine gemeinsame Diskussionsgrundlage.

    1. “ Menschen, die ob eines Talents viel Geld verdienen, müssen wie Maschinen funktionieren. “

      Nein, so denke ich nicht – aber meinen Dank für Deine ehrlichen Worte.

    2. Ist aber das, was Du immer und immer wieder in verschiedenen Variationen schreibst.

    3. Genau, ist doch Schwachsinn, dass auch nur ein Spieler besser ist, weil er auch nur einen Euro mehr verdient. Durch Verdienst ändert sich keine Motivation und auch die spielerische Klasse wird nicht besser.

  4. Ich hoffe auch, dass Rangnick/Zorniger mit etwas Ruhearbeiten können, allein mir fehlt der Glaube, dass Alexander Zorniger in einem Jahr noch hier Trainer ist, wenn RB weiterhin in der Regionalliga spielt. Auch wenn die Liga dominiert wird und RB knapp in der Relegation scheitert.
    Übrigens ist auch Pacult hier mit Visionen gestartet und wollte unbedingt aufsteigen. Auch er hatte die vollste Unterstützung von Dietrich Matteschitz, nun schwups ist es damit vorbei. Keine Frage, Pacult hat Fehler gemacht, so gibt es keine wirklich guten Spieler für ZM, oder sie werden eben auf LA eingesetzt. Es gibt nur 5 U23 Spieler, unfassbar. Und nicht zu vergessen, gegen Ende der Saison war keine Verbesserung zu sehen, eher das Gegenteil.
    Bleibt zu hoffen, dass Herr Zorniger einfach auch etwas Glück hat und bitte, wenn er nicht so viele Fehler macht wie Peter Pacult, gebt ihm auch ein weiteres Jahr Zeit, egal ob er aufsteigt oder nicht!

  5. Menschenskinder, Rangnick hat das eigentlich nicht nötig, mit der ostaffinität und dem Verweis auf Verwandschafsbesuche in der DDR.

    Insgesamt darf man gespannt sein auf die Entwicklung von RB unter der konzeptionellen Ausrichtung von Rangnick. Er war vor gar nicht langer Zeit dieses Jahr hier in der Nähe am Bodensee beim Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung auf dem Podium in Leutkirch und erzählte ausführlich über seine gesundheitlichen Probleme. Er wirkte aufgeräumt. Analysierte im Rückblick eine Menge eigene Fehler (Essen am Ende eines langen Arbeitstages zwischen Tür und Kühlschrank, mahnende Worte aus dem familären Kreis nicht hören wollend, fehlende Regeneration zwischen Phasen der Höchstanspannung etc.).

    Bei seinem Ehrgeiz wird es sicherlich das Ziel Aufstieg ohne Verzögerung im Jahr 2013 geben. Ich drück die Daumen für eine interessante und erfolgreiche Saison.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.