Testspiel: Grün-Weiß Piesteritz vs. RB Leipzig 1:6

Und plötzlich war es da, das erste Testspiel. Genau an dem Tag, an dem Neucoach Alexander Zorniger seinen Dienst antrat und am Mittag noch launig-kämpferisch auf der vorstellenden Pressekonferenz an der Seite von Ralf Rangnick aufgetreten war. Und bei mir war sie wieder da, die Lust auf einen Ausflug in die fußballerische Provinz, um den ersten Auftritt von RB Leipzig in einer „neuen Zeitrechnung“ (Rangnick) mitzuerleben. Schließlich hatte der neue Sportboss von Salzburg und Leipzig auch gesagt, dass „alle die bei der Reise mit dabei sein wollen, herzlich willkommen sind.“ Ich habe das mal als persönliche Einladung verstanden.

Letztlich war der Ausflug nach Wittenberg in die Good-Old-Days-Arena von Grün-Weiß Piesteritz aber weniger ein Zeichen einer neuen Zeitrechnung als vielmehr eine fußballerische Zeitreise in die letzte Saison. Zwei Halbzeiten lang im ganz schlichten 4-4-2 mit zwei Sechsern agierend, zeigten die RasenBallsportler vor allem das, was sie in den letzten Monaten schon zeigten, nämlich die Baustellen, an denen Team und Trainer in den nächsten Wochen werden arbeiten müssen.

Da ist zum einen die mangelnde Qualität im zentralen Mittelfeld. Was auf der bestbesetzten Position im Kader erst mal als Aberwitz erscheint. Schulz, Lagerblom und Rost. Die Spiele im deutschen Profifußball kann man nicht mal zählen. Dazu Neuzugang Adrian Mrowiec, gerade aus Schottlands erster Liga herübergewechselt. Da denkt man, dass alles kein Problem ist.

Ist es aber, weil einzig der andere Mittelfeld-Neuzugang Jeremy Karikari im ersten Test die Handlungsschnelligkeit in der Ballverarbeitung an den Tag legte, die man im modernen Fußball auf der Sechs braucht. Alle anderen fielen vermehrt mit Ballschleppen und teilweise haarsträubenden Querpässen auf, in die der gastgebende Oberligist einige Male spritzte und so gefährlich wurde. Keine Ahnung, ob man das Problem mit den vorhandenen Spielern lösen kann, aber ich bin vorsichtig pessimistisch, dass Handlungsschnelligkeit ein Skill ist, den man im späten Profialter erwirbt. Vielleicht schlägt dadurch doch wieder die Stunde von Henrik Ernst, der in Piesteritz den Innenverteidiger gab, letzte Saison aber – phasenweise sehr gut – auf der Sechs spielte.

Das andere Problem ist das Arbeiten gegen den Ball des gesamten Teams. Die Balleroberung durch Pressing findet fast nicht statt, weil das Pressing selbst nicht funktioniert. Oft steht man ohne größere Bewegung in seinem 4-4-2 sehr weit auseinander, sodass die Räume zwischen den Spielern viel zu groß sind, um sinnvoll die Balleroberung zu versuchen. Und attakiert man dann doch mal, resultiert daraus nicht der Ballgewinn, sondern im konkreten Fall das Gegentor, als Lagerblom im Mittelfeld den Zweikampf gleich mehrmals sucht und nicht gewinnt und in direkter Folge der Ball steil in den Strafraum gespielt wird, wo Henrik Ernst deutlich mehr als eine Zehntelsekunde zu spät kommt. Gute Nachricht: Im Vergleich mit Handlungsschnelligkeit ist Pressing sicherlich der sehr viel einfacher zu erlernende Skill.

Die aktuellen Hauptprobleme wurden dem neuen Trainer Alexander Zorniger in einer eindrucksvollen Live-Demonstration gleich mal vorgeführt. Was ja auch ganz gut ist, dann kann man gleich in die vollen gehen. Und mit Jeremy Karikari hat RB Leipzig bereits jemanden an der Hand, der im zentral-defensiven Mittelfeld zu einem ganz wichtigen Baustein werden kann, um die Probleme zu überwinden. Stichwort bereits benannte Handlungsschnelligkeit. Wie er mit eben dieser immer wieder nach Ballgewinn oder Anspiel binnen ganz kurzer Zeit eine unkomplizierte Spieloption suchte und oft auch fand, sah schon mal gut aus. Heraus kamen vor allem einige Versuche, links außen Paul Schinke ins Spiel zu bringen. Und auch wenn nicht alles klappte, die Ideen waren richtig und die Feinabstimmung kommt später. Sah offenbar auch Zorniger so, der Karikari nach einem etwas zu langen Pass deutlich vernehmbar lobte. Nach 30 Minuten ging Karikari vom Platz, danach kam aus der Mittelfeldzentrale nicht mehr viel.

Der Beginn einer wundervollen Freundschaft? - Taktikgespräche zwischen Alexander Zorniger und Jeremy Karikari | © GEPA pictures/ Roger Petzsche

Auffällig auch, dass in der ersten Hälfte versucht wurde, den Spielaufbau vor allem über das zentrale Mittelfeld voranzutreiben. Keine Ahnung, ob das Absicht oder nur der Tatsache geschuldet war, dass da Karikari stand und auf den Außenverteidigerposten mit Patrick Koronkiewicz und Tomasz Wisio zwei nicht ganz so große Offensivgeister (gestern zumindest nicht) ihren Dienst verrichteten, aber das sah von seiner Idee her schon mal nicht schlecht aus. In der letzten Saison lief der Ball meist über die Außenverteidiger und von dort gen Außenspieler, was aufgrund des geringen Platzes in diesem Bereich für den Gegner bei halbwegs vernünftigem Verschieben recht einfach zu verteidigen war. In der gestrigen zweiten Testhälfte verfiel RB Leipzig dann wieder in dieses Muster, auch weil auf den Außenbahnen dann die größere individuelle Klasse vertreten war, die sich vor allem in der Person des sehr agilen Thiago Rockenbach immer wieder zeigte. Aber Erfolge durch dieses Prinzip bleiben trügerisch, denn ein Regionalligist und erst recht ein Team wie Holstein Kiel lassen sich so nur mit viel Glück knacken.

Spieltaktisch bleibt also einiges zu tun. Dabei stimmt aber das Auftreten des Trainers positiv, der den Spielern schon vor dem Spiel in vielen Einzelgesprächen ihre Aufgaben vermittelte und auch während des Spiels – mit Notizblock bewaffnet – immer wieder mit klaren Anweisungen eingriff. Man wird abwarten müssen, ob Zorniger den gesamten Kader erreichen kann, aber er scheint klare und vor allem auch moderne Vorstellungen vom Spiel zu haben und besitzt offenbar die kommunikativen Fähigkeiten, um sie zu vermitteln.

Auch als positiver Typ fiel der neu verpflichtete Torhüter Fabio Coltorti auf. Wenn sein Torwartspiel (das gestern nicht zu beurteilen war) nur halbwegs so gut ist, wie es sympathisches Auftreten und lautstarke Kommunikation von hinten nahelegen, dann darf man sich auf die neue Nummer 1 freuen. Und dass er Nummer 1 werden wird, kann man kaum bezweifeln. Der letztjährige Amtsinhaber zeigte sich auch gestern vor allem in Gemeinschaft mit Tim Sebastian unsicher und dürfte (wenn da nicht noch irgendein Knoten platzt) chancenlos sein. Benjamin Bellot gefiel mirhingegen wieder als mitspielender Torwart. Mit dem Fuß ist er vermutlich der Beste der drei Keeper. Alles andere lässt sich nicht in Tests gegen unterklassige Gegner sehen. Und somit auch nicht die Frage beantworten, ob er eine ernsthafte Konkurrenz zu Coltorti darstellt.

Eine besondere Story schrieb natürlich Neustürmer Tom Nattermann, der als erster Junior von RB Leipzig einen Profivertrag erhielt und im ersten Spiel als solcher gleich zweimal einnetzte. Das erste Mal war ein trockener Abschluss, der mir typisch für ihn zu sein scheint. Das zweite Tor war dann ein nicht mehr zu verfehlender Abpraller. Spielerisch mag ich das noch nicht bewerten, aber in Sachen Torabschluss ist der junge Mann eine ziemliche Klasse. Mit dieser könnte er dieses Jahr noch viel Freude machen. Abwarten, wie er sich entwickelt.

Auch wieder ihre Chancen bekamen gegen Piesteritz Paul Schinke und Carsten Kammlott. Ersterer wurde häufig von Karikari eingesetzt, konnte sich aber nie entscheidend durchsetzen. Eher mau. Aber immerhin hatte er sein Erolgserlebnis, weil er das 1:0 von Frahn per Standard auflegte. Auf der anderen Seite, also auf rechts außen, sollte Carsten Kammlott wirbeln. Was ihm nicht wirklich gelang. Böse gesagt: Vielleicht wundert sich Rangnick jetzt nicht mehr, so wie er es noch auf der mittäglichen Pressekonferenz tat, dass der ehemals so talentierte Kammlott im vergangenen Jahr fast nur auf der Bank saß. Vielleicht ist er aber auch nur ein weiterer sportlicher Verantwortlicher, der Kammlott wieder auf die Bahn bringen will. Öffentlich darauf hinzuweisen, dass Kammlott vor drei Jahren auf dem Weg in die Bundesliga hätte sein können und dies dadurch als Messlatte zu setzen, könnte für das Vorhaben eventuell kontraproduktiv sein. Stichwort Druck…

Sonstige Auffälligkeiten in Tickerform: Abgesehen von genannten Ausnahmen gab es viel Durchschnitt und gerade in der Defensive einiges an Abstimmungsschwierigkeiten. Ralf Rangnick wegen der besseren Übersicht auf einem Baugerüst für Fernsehkameras und dazu immer von einer Art Hofstaat umgeben. Juri Judt kann ich nicht einschätzen, hatte ich schlicht nicht genug im Auge. Stefan Kutschke wie immer on fire, auch bei einem Freundschaftsspiel kann man Gegner, Welt oder wen auch immer anschreien (nach seinem vorerst geplatzten Wechsel nach Wolfsburg hat er vielleicht auch Grund dazu). Roman Wallner wirkt mit seinen hakenschlagenden Einzelaktionen ziemlich antiquiert, aber vielleicht macht ja Zorniger aus ihm einen gefährlichen Spieler für Tempogegenstöße. Lifefußball ist großartig, selbst wenn die sportlichen Leistungen noch lange nicht bei 100% sind.

Fazit: Es war letztlich eine bessere Kennenlerneinheit für Trainer Zorniger. Mit reichlich Baustellen, aber auch einigen Lichtblicken. Dass die zweite Hälfte wesentlich besser aussah als die erste, lag letztlich daran, dass gerade außen mit Rockenbach und Heidinger eine ganz andere individuelle Klasse auf dem Platz stand, die zudem mit Müller und Judt(?) auch ein bisschen Unterstützung bekam. Aber wie gesagt, es geht aus meiner Sicht auch darum, von diesem ausschließlichen Festklemmen des Balles auf dem Flügel wegzukommen. Der für mich auffälligste und beste RasenBallsportler war Jeremy Karikari. Letztes Jahr im ersten Testspiel war Röttger besonders auffällig. Wenn Karikari genauso wie der aktuell noch nicht ganz genesene Röttger einschlägt, dann wär dies natürlich prima.

Am Samstag geht es am Cottaweg schon wieder weiter mit dem Testen. Mit dem VfL Halle kommt ein ähnliches Kaliber wie Grü-Weiß Piesteritz. Anpfiff 18 Uhr. Zu vermuten ist, dass das nochmal ein Kennenlerntestspiel wird, bei dem sich Zorniger seinen Kader anschaut und daraus Schlüsse zieht. Vielleicht gibt es ja aber auch das eine oder andere Experiment in Sachen Spielsystem und/ oder personeller Besetzung der einzelnen Positionen. Man darf auf jeden Fall gespannt drauf sein. Wenn das Wetter nur halbwegs mitspielt, dürfte es auch ziemlich eng werden am Spielfeldrand im Trainingszentrum. Kuschelatmosphäre. Auch schön.

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Tore: 0:1 Frahn (6.), 0:2 Kutschke (30.), 1:2 Hinkelmann (32./ FE), 1:3 Nattermann (50.), 1:4 Rockenbach (57.), 1:5 Heidinger (63.), 1:6 Nattermann (87.)

Aufstellung 1.Halbzeit: Coltorti (30. Borel) – Koronkiewicz, Hoheneder, Ernst, Wisio – Kammlott, Schulz, Karikari (30. Lagerblom), Schinke – Kutschke, Frahn

Aufstellung 2. Halbzeit: Borel (60. Bellot) – Müller, Sebastian, Franke, Judt – Heidinger, Mrowiec, Lagerblom (60. Rost), Rockenbach – Wallner, Nattermann

Zuschauer: handgeschätzt 500 (davon 150 Gäste)

Links: RBL-Bericht [broken Link], RB-Fans-Bericht

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Bilder: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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5 Gedanken zu „Testspiel: Grün-Weiß Piesteritz vs. RB Leipzig 1:6“

  1. Pacult ist schon jetzt im RB-Forum „Geschichte“, kaum einer weint ihm eine Träne nach, so auch ich! Wie kann man DIE CHANCE SEINES LEBENS so zielstrebig und fahrlässig vor den Baum fahren, ich werde es nie verstehen.
    Jetzt haben wir ein TEAM, welches mMn einen Plan hat (das ist total neu), ich bin mehr als euphorisch und nunmehr dankbar dafür, daß wir NICHT letzte Saison aufgestiegen sind.
    Wir werden die verlorenen letzten beiden Jahre mit A.Z. und R.R. an der Spitze jetzt mehr als aufholen, ich werde auch bei evtl. Nichtaufstieg zum jetzigen Team stehen, es ist eine neue Qualität, die Lust auf Fußball auch in der 4. Liga macht!

    1. “ Wie kann man DIE CHANCE SEINES LEBENS so zielstrebig und fahrlässig vor den Baum fahren, ich werde es nie verstehen. “

      … vielleicht nicht ganz, aber irgendwie ist es auch eine Leistung mit diesen Voraussetzungen plus Rückhalt vom Chef persönlich plus einem Team und Umfeld, das er sich selbst aussuchte die Konkurrenz nicht unter Kontrolle zu haben.

      Als 2011 PP kam dachte ich: Der Aufstieg wird kein Thema sein, man plant insgeheim für die Ligen 3 und 2.

    2. Dachte ich auch, da mach ich keinen Hehl draus, ich hab 5 Kreuze gemacht, als der Peter den Tomas ersetzte…
      Dieses Mal bin ich mir sicher, alles wird gut, es ist unsere letzte Chance!

  2. @ Roter Brauser

    “ Öffentlich darauf hinzuweisen, dass Kammlott vor drei Jahren auf dem Weg in die Bundesliga hätte sein können und dies dadurch als Messlatte zu setzen, könnte für das Vorhaben eventuell kontraproduktiv sein. Stichwort Druck… “

    Wenn dieser Knabe mit diesem „Druck“ nicht umgehen kann, was denkst Du wäre aus ihm in der 2. oder gar BuLi geworden?
    Wie viele Ars**tritte soll er noch bekommen?
    Vielleicht sollte er einfach mal Gas geben – oder sich kommendes Jahr einen neuen Beruf aussuchen.

  3. Na da hast Du ja auf Twitter mal einen Demut-Blog verlinkt.
    Ich denke, da gibt es in Deinem Fundus noch reichlich davon.
    Coltorti, Kutschke. Zorniger, da sind so viele Namen dabei die im Nachgang irgendwie eine Bedeutung hatten.
    Und dann das Datum der Veröffentlichung vom Blog.
    Verrückt.

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