Transfer(gerücht): Juri Judt, Christian Beck

Wer ausgerechnet in dieser Woche im Urlaub weilt und RB Leipzig anhängt, der könnte bei seiner Wiederkehr nächste Woche ziemlich verwirrt aus Wäsche schauen. Ungefähr so wie ein langjähriger Sträfling, der nach seiner Haftentlassung erst mal staunend seine Umwelt anschaut, könnte der- oder diejenige ungläubig den runderneuerten Kader betrachten. Denn nach Coltorti und Mrowiec am Montag und Karikari und Koronkiewicz gestern kam heute mit Juri Judt schon Neuzugang Nummer 5 aus der Kommunikationskiste [broken Link]. Dazu steuerte die LVZ schon wieder mindestens weltexklusiv bei, dass Christian Beck, aktuell für Germania Halberstadt kickend, nächste Saison für RB Leipzig Tore schießen will. Na dann, haben wir mal einen Blick drauf.

Juri Judt (25, bald 26 Jahre): Und dann kommt da wieder so ein Knüller, bei dem man nicht so recht weiß, ob man sich freuen soll, weil man nicht weiß, ob das nicht wieder einer ist, der ein halbes Jahr braucht, bis er sich an die Regionalliga gewöhnt hat. Einer der bereits 44 Erstliga- und fast 100 Zweitligaspiele bestritten hat. Einer der es in der Bundesliga wohl immer schwer haben, aber in der zweiten Liga eine prima Rolle spielen würde. Ein Spieler eines Kalibers, das man zugegebenermaßen nicht unbedingt in der Regionalliga erwarten würde.

Dass Juri Judt vom 1.FC Nürnberg zu RB Leipzig wechseln wird, ist natürlich erst mal hübsch, weil es die Qualität des Kaders deutlich anhebt. Danach kommen aber schon die Fragezeichen, denn Judt ist seines Zeichens hauptsächlich Rechtsverteidiger. Eine Position, die bei RB Leipzig vom ebenfalls zweitliga- und inzwischen auch regionalligaerprobten Christian Müller bekleidet wird und für die man mit Patrick Koronkiewicz gerade erst einen Backup verpflichtet hatte. Und nun ein weiterer Rechtsverteidiger?

Folgt man der offiziellen Bekanntgabe des Wechsels von RB-Seite, dann erhält man dort den Hinweis, dass Judt gleichermaßen Rechts- wie Linksverteidiger spielen könne. Aus Nürnberger Zeiten weiß man auch, dass Judt in der Defensive so ziemlich alles spielen kann, außer Innenverteidiger vielleicht. Also auch im defensiven Mittelfeld. Wobei es dort bei RB Leipzig tatsächlich den geringsten Bedarf gibt. Und auch im rechten Mittelfeld(!) hat Juri Judt bereist agiert.

Am wahrscheinlichsten ist (bzw. sehe ich dies als einzige sinnige Variante), dass Judt als Linksverteidiger eingeplant ist, aber gleichzeitig für den Notfall bereitsteht, dass sich Koronkiewicz nicht als der erhoffte Ersatz für Christian Müller (im Verletzungsfall beispielsweise) erweist. Was gleichzeitig bedeutet, dass der nicht immer überzeugende, etatmäßige Linksverteidiger Tomasz Wisio und der in der Rückrunde dauerverletzte Umut Kocin ins zweite Glied rücken müssen (wobei zweiterer auch im linken Mittelfeld spielen könnte).

Juri Judt gilt als technisch-spielerisch limitierter Defensivallrounder, der seine Stärken vor allem in Kampf und Einsatz hat (also ein ähnliches Profil wie Adrian Mrowiec, der Neuzugang im defensiven Mittelfeld). Genau deswegen wird er in Nürnberg, wo er im vergangenen Jahr über die Rolle als Ergänzungsspieler nicht hinauskam, vermisst. Wegen seiner Limitiertheiten reicht es aber eben nicht mehr für ganz oben im Profifußball. Man könnte vermuten, dass Pacult mit Mrowiec und Judt also vor allem die inzwischen viel zu oft zitierten Eier verpflichten wollte, die er im letztjährigen Saisonfinale bei einigen vermisste.

Juri Judt ist im Gegensatz zu manch anderem, der bei RB Leipzig gelandet ist, kein Wandervogel. 2005 wechselte er aus dem Nachwuchs in den Profibereich bei Greuther Fürth. Nach drei Jahren der Wechsel zum 1.FC Nürnberg, wo er die folgenden vier Jahre verbrachte und unter anderem 2009 im direkten Duell mit Timo Rost gegen Energie Cottbus in zwei Relegationsspielen (wobei er nur einmal eingewechselt wurde) den Bundesligaaufstieg mit erkämpfte und entsprechend feierte. Anschließend biss er sich in der Bundesliga fest und war vor allem 2010/2011 mit 24 Einsätzen (alle von Beginn an) rechts hinten eine tragende Säule. Wie gesagt, im vergangenen Jahr rutschte er ein wenig aus dem Profikader und spielte vor allem nach der Winterpause in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga. Was ja eventuell in Vorbereitung auf die kommende Saison gar nicht so schlecht war..

Fazit: Juri Judt ist natürlich ein Spieler ziemlich guten Kalibers. Wenn Pacult für ihn ein passendes Plätzchen im Team findet, ohne den rechten Flügel Müller/ Röttger zu zerstören, dann könnte das was ziemlich schickes werden. Andererseits macht mir ein vorauseilender Ruf technischer Limitiertheit immer ein wenig sorgen, gerade weil RB Leipzig gegen sehr kompakt agierende Defensivketten immer auch Ballsicherheit, Spielpräzision und kreative Momente braucht. Schauen wir mal, was das in den zwei Vertragsjahren mit Juri Judt wird. Aber zuerst einmal: Herzlich Willkommen!

Christian Beck (24 Jahre): Eine völlig andere Geschichte ist der Spieler, der von der heutigen LVZ aufs Gerüchtefeld geworfen wird. Vielleicht sagt es am meisten aus, dass Christian Beck vor einem Jahr noch in der Oberliga beim Torgelower SV Greif auf Torejagd ging, bevor es ihn zu Germania Halberstadt verschlug. Beck käme mithin aus einer völlig anderen Richtung (nicht nur geographisch) zu RB Leipzig als Juri Judt.

Spontan hätte ich zu Beck ein ‚Äh, warum?‘ auf den Lippen gehabt. Weil ich grundsätzlich daran zweifeln würde, dass er ausreichend Klasse hat, um sich bei RB Leipzig durchzusetzen. Vor dem Hintergrund eines Abgangs von Stefan Kutschke nach Wolfsburg würde das Gerücht aber Sinn machen. Denn Christian Beck wäre derselbe Stürmertyp, ohne ähnlich wie Stefan Kutschke Ansprüche auf einen Stammplatz anmelden zu können. Was dazu führen könnte, dass im Sturm endlich Hierarchien einziehen würden. Frahn und Wallner als gesetzte (zumindest in einem Zweistürmersystem) Angreifer und dahinter die Herren Nattermann, Beck und auch Kammlott als recht unterschiedliche Backups. Das klingt erstmal gar nicht so schlecht.

Die große Stärke des Christian Beck ist sein Kopfballspiel (man frage mal bei Fabian Franke nach). Was nicht nur seiner Körpergröße von 1,96 m geschuldet ist, sondern auch einer ziemlich guten Kopfballtechnik. Mit dieser Qualität wäre Beck ein ziemlich guter Brecher in engen Spielen. Hier mal 20 bis 30 Minuten, dort eine Viertelstunde. Hier mal ein Kopfball, da eine Kopfballablage. Das würde vermutlich schon ausreichen, um den Wechsel – zumindest aus Vereinssicht – zu einem sinnvollen zu machen.

Problematisch – zumindest für den Spieler – ist, dass er mit seinen 24 Jahren leider schon zu alt ist, um von der U23-Regel zu profitieren. Sprich, es dürfte für ihn bereits schwierig werden, überhaupt in den Kader zu kommen, da er nicht auf dem Ticket reisen kann, einer von vieren bis 23 Jahre zu sein, die im Kader stehen müssen. Ob ihm das wohl bewusst ist, dass bereits der Weg in den Kader ein schwerer ist?

Möglicherweise Problem Nummer 2 ist ein noch vor einer Woche schwelender Streit mit dem alten Verein, denn eigentlich steht Christian Beck bei Germania Halberstadt noch bis 2013 unter Vertrag. Dort hatte er wohl die Zusage für eine fünfstellige Summe (10.000 Euro) schon dieses Jahr gehen zu dürfen. Doch die Zusage wurde wieder zurückgenommen. Woraufhin sich die beteiligten Parteien offenbar heillos verstritten haben und die Beck-Seite sogar mit dem Gericht drohte und angab, dass Beck eventuell mit dem Fußball spielen aufhören wolle(!). Vom Karriereende zu RB Leipzig in weniger als einer Woche. Auch interessant.

Und noch ein Problem ist mit der Personalie Beck verbunden, sozusagen das Neuer-Problem. Denn in den zwei Spielen gegen RB Leipzig in der vergangenen Saison jubelte er in beiden Spielen recht betont offensiv und provokativ vor dem RB-Block, erging sich in Leipzig in (harmloser) Eckfahnenaction und soll zudem den Stinkefinger ausgepackt haben. Vom Anti-RBLer zum Fanliebling in ein paar Wochen? Schwer vorstellbar.

Aber andererseits ist die Geschichte natürlich auch harmlos. Man stelle sich einen Club wie Halberstadt mit wenigen hundert Zuschauern vor, der gegen RB Leipzig spielt und auswärts 2:0 in Führung geht und zu Hause den 1:1-Ausgleich schießt. Wer da nicht versteht, dass da die ‚Seht ihr, ihr …“-Emotionen mit einem jungen Spieler durchgehen, der hat wohl noch nie in einer Underdog-Situation erfolgreich Fußball oder was auch immer gespielt.

Nun jedenfalls ist die Saison abgehakt und Christian Beck hat offenbar die Chance, den ersten richtigen Vertrag seines Fußballer-Lebens zu unterschreiben. Klar, dass das für ihn karrieretechnisch eine Riesenchance ist. Genauso eben wie für Neuer, der die Bayern auch nicht zu seinen Herzensfreunden gezählt hat, trotzdem wegen der Karriere hinwechselte und dort als Fußballer alles zu geben sucht. Jeder muss natürlich selbst entscheiden, wie positiv er oder sie auf Christian Beck reagiert, aber letztlich wäre es albern, ihm die Vergangenheit als Kreuz auf die Schultern zu binden.

Fazit: Christian Beck ist für den Fall eines Kutschke-Abgangs als Sturmergänzung eine absolut nachvollziehbare Verpflichtung. Wenn er darum weiß, dass er wohl maximal zu Teilzeiteinsätzen kommen wird und mit dieser Situation leben kann, dann super und her mit ihm.

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2 Gedanken zu „Transfer(gerücht): Juri Judt, Christian Beck“

  1. Das mit dem Gerüst ist dehnbar. 😉 Im Ernst, wir sind jetzt bei fünf Neuzugängen, wovon drei bis vier gute Chancen haben, gleichzeitig in der Stammelf zu stehen. Exorbitant viel für die Stammelf wird nun nicht mehr kommen. Vielleicht ein kreativer noch. Von daher sehe ich mich mit meiner Aussage vom Gerüst noch nicht völlig danebenliegen. Aber vielleicht kommen und gehen ja noch jeweils 10, dann revidiere ich mich..

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