Statt mittendrin nur irgendwie dabei

Und dann gibt es diese wirklich großartigen Statistiken. Die, die leicht verschwörungstheoretischen Charakter haben und Ableitungen vornehmen, wo de facto keine sind. Wie jene, dass dies Jahr bisher drei von vier Mannschaften, die zu Hause gegen den BVB im DFB-Pokal ausgeschieden sind, am Ende der Saison einen Aufstieg feiern durften. Düsseldorf und Fürth in die Bundesliga, Sandhausen in die zweite Liga. Und der vierte Auswärtsgegner des BVB hieß Holstein Kiel und spielt morgen im Fernduell mit dem Halleschen FC um den Aufstieg in die dritte Liga. Ausgang ist – na klar – nicht offen, sondern dank Statistik bereits entschieden. Schade HFC. 😉

Hätte man mich vor der Saison (und auch noch lang in diese hinein) gefragt, dann hätte ich gehofft, dass vor dem Spiel in Halle die Saison entschieden sein möge, weil mir ein Ausflug nach Halle mit dem Auftrag Punkte mitbringen zu müssen, als ziemlich heftiges Roulettespiel erschien. Dass RB Leipzig nun ziemlich entspannt und ohne Druck nach Halle fahren kann, entspricht trotzdem nicht so recht meinen Hoffnungen vor der Saison.

Aber es ist eben wie es ist, für RB Leipzig geht es nur noch um solche Kategorien wie Ehre und Charakter und um einen gelungenen Saisonabschluss und für den Halleschen FC geht es schlicht um alles, nämlich um den Drittligaaufstieg. Wenn sie die sechs Punkte Vorsprung auf Kiel, die es nach 30 Spielen waren, tatsächlich noch verspielen, dann wäre dies tatsächlich ein heftiges Desaster für eine Stadt, die nach der Phase der allumfassenden Tristesse während der Zeit des Stadionumbaus so etwas wie Fußballeuphorie atmet. Allerdings endete auch der letzte aussichtsreiche Versuch, aus der Regionalliga zu entkommen, im Jahre 2009 auf dem undankbaren zweiten Platz. Hinter? Na klar, Holstein Kiel. Wegen zweier Unentschieden und einer Niederlage in den letzten vier Spielen. Aktuelle Bilanz der Spieltage 31-33: ein Sieg, ein Unentschieden, eine Niederlage.

Fehlt also noch ein Unentschieden und Holstein Kiel hätte es selbst in der Hand, mit einem Sieg bei der durchaus starken U23 des VfL Wolfsburg doch noch den Aufstieg klar zu machen. Ein Ereignis gegen das ich vor vier Spielen bereit gewesen wäre, einige Euros zu setzen. Andererseits wäre ein Aufstieger Holstein Kiel auch eine sehr verdiente Geschichte, denn abgesehen von einer verletzungsverursachten Durststrecke, die vor allem den März über währte, würde ich Kiel für das kompletteste und stärkste Team der Regionalliga Nord in dieser Saison halten. Und wie sie sich aus aussichtsloser Lage mit sieben Siegen in Folge selbst befreit haben, nötigt einiges an Respekt ab.

Auf der anderen Seite spielt natürlich auch der HFC für seine Verhältnisse eine überragende Saison. Die Rückrunde war nach der Winterpause bis zum 30. Spieltag überragend, aber auch mit dem kleinen Einbruch am Schluss absolut top. Insgesamt stehen in 15 Rückrundenspielen erst ein Unentschieden und zwei Niederlagen zu Buche. Kiel sammelte in derselben Zeit ein Unentschieden und drei Niederlagen. Und RB Leipzig brachte es auf drei Unentschieden und drei Niederlagen. Insgesamt darf man wohl über das aktuelle Tabellenbild nicht meckern.. Für den HFC aber wäre ein Scheitern auf der Zielgerade vergleichbar mit dem des großen Rivalen 1.FC Magdeburg im Jahre 2007, als diese in der Regionalliga in den letzten drei Spielen noch einen Vorsprung von fünf Punkten aus der Hand gaben und letztlich nicht in die zweite Liga aufstiegen (die Regionalliga war damals noch die zweigleisige dritte Liga). Ein Ereignis, an dem der Verein bis heute knabbert.

Auch am letzten Spieltag dürfte es umkämpft zugehen - Daniel Frahn im Hinspiel gegen den HFC am Boden | © GEPA pictures/ Sven Sonntag

Für den HFC geht es also um alles und für die RasenBallsportler eigentlich um nichts. Trotzdem hört man vor allem aus dem Leipziger Fanumfeld, dass ein kampfloses Abgeben des Spiels nicht in Frage kommt und dass man beim HFC punkten möchte. Für den einen oder anderen ist sogar der Nichtaufstieg des HFC das Ziel am letzten Spieltag. Unter anderem, weil dann die Regionalliga nächstes Jahr interessanter würde. Jaja, ich weiß, dass die Rivalität zwischen Halle und Leipzig im Fußball (mal abgesehen von ein paar Lok-Fangruppen mit HFC-Freundschaft) eine große ist und man diese mit der Muttermilch aufgesogen haben muss.

Ich für meinen Teil bin da allerdings entspannt. Mit dem Unentschieden gegen Wolfsburg letzte Woche hat sich die einzige Mannschaft aus dem Aufstiegskampf verabschiedet, der ich den Platz an der Sonne gewünscht hätte. Ob nun Kiel oder Halle aufsteigen, finde ich so interessant wie Platz 11 in der dritten Liga. Und die Tatsache, dass RB die Chance hätte, den Hallensern noch mal in die Suppe zu spucken, setzt in mir keinerlei Adrenalin frei. Nur weil ich selbst das Elend letzte Woche erlebt habe, wünsche ich es doch nicht dem Kontrahenten auch. Nee, so viel Schadenfreude ist nicht in mir. Selbst nicht gegenüber einem Verein, der sich fanseitig sehr stark über die Ablehung von RB zu definieren scheint.

Es ist mal unabhängig vom Aufstiegshintergrund ein sportliches Top-Duell. Eines, das natürlich durch die Niederlage im Hinspiel noch eine kleine Rechnung offen hat. Eines, das ich grundsätzlich auf Augenhöhe sehe und das einen Kampf auf Biegen und Brechen verspricht. Durch den Aufstiegshintergrund ist aber völlig unklar, inwieweit der HFC Nerven und RB Leipzig Lustlosigkeit zeigen wird. Ein bisschen vermute ich ja, dass die RasenBallsportler mit gelösten Handbremsen gegen einen verkrampften Gastgeber ein gutes und erfolgreiches Spiel bestreiten werden. Andererseits war die Stärke der RasenBallsportler in dieser Saison vorwiegend der Wille, mit dem man einige Partien für sich entschied. Dass RB noch einmal mit mehr als 100% sportlichen Erfolg will, ist in der aktuellen Situation und dem heftigen Erlebnis letzte Woche gegen Wolfsburg schwer vorstellbar. Mal gucken.

Im „Amateuresupporter“, dem inoffiziellen Programmheft der U23 von Energie Cottbus hieß es anlässlich des Spiels gegen Holstein Kiel sinngemäß, dass man sich zwar über einen Nichtaufstieg von RB Leipzig freue, dass dies aber nicht bedeute, dass man in den Heimspielen gegen Kiel und Halle abschenken werde: „Wenn ihr hier gewinnen wollt, dann müsst ihr auch besser spielen als unsere Amateure.“ Und genau so sieht es aus: Wenn Halle aufsteigen will, müssen sie eben besser spielen als RB Leipzig. Und wenn sie das nicht schaffen, dann wird Kiel verdient aufsteigen, so sie denn selber in Wolfsburg bestehen. So wie Meuselwitz gegen Halle und so wie Wolfsburg in Leipzig sollten auch die RasenBallsportler noch mal das bestmögliche versuchen und nichts abschenken, das gebietet allein schon der sportliche Anstand.

Lässt RB den HFC noch stolpern, könnte dies auch erhebliche Auswirkungen auf den Leipziger Lokalrivalen Lok haben. Denn für den Fall, dass Kiel aufsteigt und Jena in die Regionalliga absteigt (also nicht noch von einem Lizenzentzug für Unterhaching oder Osnabrück profitiert), dürfte Lok (die am Samstag parallel zu RB spielen) bei Fortuna Chemnitz nicht verlieren, weil sie ansonsten den Aufstieg in die Regionalliga tatsächlich noch verpassen würden. Und das, wo doch derzeit bereits Platz sechs sicher reichen würde. Es liegt viel Spannung in der Luft und doch ist RB Leipzig statt mittendrin leider nur irgendwie dabei. Wenn auch mitentscheidend dabei.

Fehlen werden RB Leipzig in Halle neben den sowieso verletzten Röttger und Kocin auch Hoffmann, Kammlott und Hoheneder. Wodurch sie die Mannschaft zumindest in der Defensive schon fast selbst aufstellt. Fraglich nur die Besetzung von Mittelfeld und Angriff. Wenn es nach mir ginge, bliebe die Raute jedenfalls in diesem Spiel zu Haus und man versucht sich in einer sehr kompakten Formation. Wenn jemand was in dieses Spiel investieren muss, dann der HFC. Da kann man sich auch erst mal in Ruhe angucken..

Fazit: Es wird ein heißer Saisonabschluss in einem ausverkauften Stadion (der Gästeblock wird wohl auch ausverkauft, aber trotzdem nur gut gefüllt sein) mit hitziger Atmosphäre. Fehlen werden neben den sowieso verletzten Röttger und Kocin auch Hoffmann, Kammlott (beide verletzt) und Hoheneder (gesperrt). Der HFC hat es gegen diese dezimierte und trotzdem noch hochklassig besetzte Elf selber in der Hand, die Saison mit der Aufstiegparty zu beenden. Kampflos werden sie die drei Punkte und den Aufstieg aber nicht überreicht bekommen.

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Bild: © GEPA pictures/ Sven Sonntag

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