Anders als gedacht

Ja, das hatte man sich etwas anders vorgestellt, das mit dem letzten Heimspiel am morgigen Samstag (13.30 Uhr) in der Red Bull Arena gegen den VfL Wolfsburg. Ein rauschendes Fest sollte es werden. An einem Tag, an dem der Aufstieg im besten Fall klar gemacht worden wäre. Und nebenbei hätte man den bundesdeutschen  Zuschauerrekord für Viertliga-Regionalliga-Spiele (bisher 18.500 beim Spiel Preußen Münster gegen Gladbach II letzte Saison) gebrochen.

So oder so ähnlich sah es wohl in den Träumen der meisten RB-Anhänger aus. Und nun wird das Stadion mit Freikartenbesuchern aufgefüllt und selbst Lok dürfte (so in Meuselwitz nichts weltbewegendes passiert) einen Tag später trotz sportlich durchwachsener Saison dank intakter Aufstiegschance mehr Euphorie erleben (auch wenn ich nicht an die erwarteten 10.000 Besucher glaube) als die RasenBallsportler bei ihrem vorletzten Regionalligaauftritt der aktuellen Saison.

Na klar, ein kleines Fünkchen Hoffnung wabert natürlich ganz heimlich, still und leise auch durch mein Hirn. Was aber nichts damit zu tun hat, dass Meuselwitz-Boss Wolf vollen Einsatz angekündigt hat und beim ZFC im Spiel gegen den HFC offenbar (was mich überraschen würde) keine Spieler für das Pokalfinale gegen Jena vier Tage später geschont werden. Denn realistisch ist es nicht, dass Meuselwitz den euphorisierten Gegner mit seinen mehr als 2.000 mitreisenden Anhängern stoppt. Aber ganz unten im Unterbewusstsein lauert das Wissen, dass im Fußball nicht immer der Realismus gewinnt, sondern auch ab und zu die unglaublichen Dinge passieren. Halt aber nicht täglich, sondern eher aller 10 Jahre mal. Mal abwarten, ob RB Leipzig schon dran ist mit einem Zehnjahresereignis..

Egal wie die Spiele morgen ausgehen (Kiel bräuchte in zwei verbleibenden Spielen ja auch noch einen Patzer, morgen geht es gegen Halberstadt – Patzerwahrscheinlichkeit sehr gering), das gute an dem Spieltag ist, dass man an dessen Ende wissen wird, ob RB Leipzig noch mit einer Chance nach Halle fährt oder ob der Ausflug wie letztes Jahr der nach Chemnitz nur dazu da ist, um den Gastgebern beim Feiern zuzugucken und sich so noch mal schmerzlich vorführen zu lassen, was man in dieser Saison nicht erreicht hat.

Als pädagogische Maßnahme wäre das verzichtbar gewesen und offenbar war die Erfahrung vom letzten Jahr in Chemnitz auch nicht wirklich nachhaltig. Was natürlich auch daran liegen könnte, dass nur noch ein kleiner Teil der Spieler dabei ist, die auch letztes Jahr in Chemnitz auf dem Rasen standen. Franke, Geißler, Rockenbach und Kutschke dürfen sich als einzige der damals aufgelaufenen noch als Stammplatzkandidaten fühlen.

Gegen Wolfsburg fehlen wird definitiv der Mannschaftsteil von RB Leipzig, der in diesem Jahr am ehesten Drittligatauglichkeit (und mehr) ausstrahlte, die rechte Außenbahn mit Verteidiger Christian Müller (gesperrt) und Offensivgeist Timo Röttger (verletzt). Am ehesten könnte ich mir dort das Duo Sebastian/ Heidinger vorstellen. Was aber schon wieder die Innenverteidigung sprengen würde. Wohin dann Henrik Ernst aus dem defensiven Mittelfeld rutschen könnte. Viel Raum also für viel Kaderbewegungen. Aber das war ja in den letzten Wochen ein bisschen typisch für RB Leipzig.

Gegner VfL Wolfsburg II ist tatsächlich das Gegenteil von Fallobst und niemand sollte den Fehler begehen, so zu tun, als hinge das Wohl und Wehe von RB ausschließlich vom Ausgang in Meuselwitz ab. Das Spiel gegen Wolfsburg muss auch erst mal gewonnen werden und mit dem Auftreten der letzten Heimspiele würde das nicht einfach werden. Die Gäste stehen in der Rückrundentabelle nicht umsonst mit nur fünf Punkten Rückstand auf RB auf einem sehr guten vierten Platz. Zudem haben sie in den letzten vier Auswärtspartien bei einem Torverhältnis von 7:1 Toren 10 Punkte geholt. Und in der Tabelle der letzten sechs Spiele liegt Wolfsburg trotz Niederlage gegen Energie Cottbus II noch vor den RasenBallsportlern.

Die Qualität und das Talent des Wolfsburger Kaders spiegelt sich schon in den Namen wieder. Das fängt bei den bereits bundesligaerfahrenen Jungspunden Robin Knoche, Bjarne Thoelke , Michael Schulze und Sebastian Polter an, geht beim ehemaligen Leipziger Stürmer Kevin Scheidhauer weiter und hört beim 14fachen Torschützen Andre Fomitschow (linkes Mittelfeld!) und dem erfahrenen Führungsspieler Sebastian Schindzielorz noch nicht auf. Als Fußballfreund darf man sich sehr auf das Duell RB Leipzig versus VfL Wolfsburg II freuen und hoffen, dass letztlich tatsächlich alle Talente den Weg mit nach Leipzig antreten. Auch wenn das die Aufgabe für RB Leipzig nicht gerade vereinfachen würde.

Sei das ganze kadertechnisch wie es sei, morgen müssen noch mal drei Punkte her, will man sich im (unwahrscheinlichen) Fall der Fälle eines HFC-Ausrutschers nicht schwarz ärgern. Und auch wenn das Schielen nach Meuselwitz (zumindest für die Spieler) eher auf den Index gehört, der Blick auf die Zwischenstände via allerlei internetfähigem Material dürfte (da die Zwischenstände vermutlich während des Spiels in der Red Bull Arena nicht verkündet werden) morgen zum Stadionstandard gehören. Und vielleicht resultiert ja daraus doch noch mal ein ungläubiger Aufschrei erwachender Euphorie..

Fazit: Es hätte ein Leipziger Traumwochenende in der Red Bull Arena werden können. Am Samstag sichert sich RB den Aufstieg vor 20.000 euphorisierten Zuschauern und am Sonntag zieht Lok vor nicht viel weniger Zuschauern im entscheidenden Match gegen Dynamo Dresden II nach. Bei beiden Clubs ist aber trotz vorhandener Aufstiegschancen (bei Lok sogar trotz Platz 6 recht gute Chancen) nach durchwachsenen Rückrunden nicht viel Euphorie zu verzeichnen. Sieht ja vielleicht am Ende des Wochenendes schon wieder ganz anders aus. Und wenn nicht, dann hoffe ich in Bezug auf RB auf ein versöhnliches Finale mit viel Wehmut, ein bisschen Pathos und Anhängern, die ihrem Team zeigen, dass sie auch nächstes Jahr den Viertliga-Weg mitgehen werden.

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12 Gedanken zu „Anders als gedacht“

  1. „Und nun wird das Stadion mit Freikartenbesuchern aufgefüllt[…]“. Hiess es nicht bei der ersten Freikartenaktion das so etwas nur einmal pro Saison (seitens Verband) gestattet wäre?

  2. Was das Zehnjahresereignis betrifft: gab es da nicht den 29.07.2011, als ein – wenn auch ambitionierter – Viertligist vor mehr als 30.000 Zuschauer den VfL Wolfsburg aus dem Pokal warf. Mit einer Leistung, die mir – was man sich als äußerst unvorteilhaft aussehend vorzustellen hat – teilweise den Mund offen stehen ließ. Ist ja nicht mal zehn Monate her.

    Im Übrigen bewundere ich bereits seit Wochen Deine stoische Gelassenheit im Umgang mit dem Gang der Dinge. Glaubst du wirklich, dass der absehbare, erneute Nichtaufstieg in Fuschl ähnlich gelassen hingenommen wird? Oder verleiht Red Bull nicht nur Flügel, sondern im Falle von Mateschitz sogar das ewige Leben? Wie alt gedenkt er zu werden, um sein Ziel Champions-League-Teilnahme zu erleben, wenn bereits der Aufstieg in die Dritte Lage mindestens drei Jahre dauert?

  3. Naja, dass ein Viertligist mit Dritt- bis Zweitligakader mal nem Bundesligisten im Pokal ein Bein stellt, finde ich jetzt nicht so extrem außergewöhnlich. Zumal RB ja auch gegen Augsburg mindestens gleichwertig, eigentlich sogar besser (weil williger) war.

    Naja, die Gelassenheit ist relativ. Ich hatte ja schon zum Rückrundenbeginn (insbesondere Havelse und Zwickau) meinem Unumut Luft gemacht, weil mir diese ‚Man-kann-in-Havelse-auch-mal-Punkte-liegen-lassen‘-Attitüde und das ‚Da werden noch ganz andere Probleme kriegen‘ völlig unpassend vorkam im zweiten von 16 ausgerufenen Rückrundenendspielen. Und der Rest kommt dann in der Saisonanalyse..

    Und ob Mateschitz jetzt die Lust verliert oder nicht, kann ich weder beeinflussen noch wissen, von daher berührt mich das nicht. Sollen sie erst noch das Trainingszentrum zu Ende bauen und danach darf er dann unruhig werden. 😉 Ich glaube zumindest nicht, dass Mateschitz jemand ist, der ein Vorhaben nach vergleichsweise kurzer Zeit wegen Erfolglosigkeit wieder streicht. Aber man weiß es natürlich nicht. Vielleicht ist ja Pacults Zwei-Jahresvertrag auch die letzte Frist aus Salzburg (aber unwahrscheinlich).

  4. Da hast Du mich – zum Teil – missverstanden. Mateschitz ist, nach allem was ich weiß, ein ungemein strategisch denkender, langfristig planender Kopf. Die Chance, dass er RB Leipzig aufgibt, würde ich bei nahe Null verorten. Aber, Langfristigkeit schließt eben auch die Notwendigkeit ein, Etappenziele zwingend zu erreichen. Im Grunde ist die Situation derzeit, vergleichbar mit der von Hoffenheim in den ersten Jahren des Hopp-Engagements: Regionalliga for ever! Dann hat man tabula rasa gemacht, Rangnick engagiert und der hat ein paar sensationelle Transfers von jungen, ausländischen Ausnahmetalenten getätigt (tätigen dürfen). Dann ging es ganz schnell und man war in der Münchner Allianz-Arena gegen die Bayern, in einem sensationellen Spiel, die bessere Mannschaft.
    Ich bin kein Hellseher, könnte mir aber vorstellen, dass so etwas in der Art nach Saisonende bei Euch auch passiert: Neuer Trainer und eine (weitgehend) neue, sehr viel kostspieligere Mannschaft. Es nur mit relativ jungen Spielern aus der Region (mehr oder weniger) zu schaffen, scheint als Konzept gescheitert zu sein.

    Aber okay, ich weiß, noch sind 6 Punkte zu vergeben. Allein, mir fehlt der Glaube.

  5. Wie bereits verkündet lautet das Konzept für das 3. Jahr 4. Liga Kontinuität. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert wird mit dem größtenteils gleichen Team auf und neben dem Platz ein neuer Anlauf genommen. Aber warten wir erstmal morgen ab.

  6. Ah ok, so meinst Du das mit Mateschitz. Die LVZ ließ ja bereits verlauten, dass man in Mateschitzens Entscheidungszirkeln eine zweite Pacult-Saison bereits abgenickt hat (kam glaub ich nach dem Kiel-Spiel). Von daher glaube ich nicht, dass sich in den RB-Schaltzentralen viel ändert. Auch der Kader dürfte sehr viel weniger rigoros umgebaut werden wie vor einem Jahr. Drei, vier hochklassige Zugänge, dazu ein bisschen hoffnungsfrohes Anschlussmaterial (die U23-Regel erreicht man derzeit nur mit Ach und Krach), dazu vor allem einige Abgänge, das wird es wohl gewesen sein (zumindest, so Pacult tatsächlich weitermachen darf).

    Und der letzte Glaube fehlt mir auch, aber Du weißt ja wie das ist, wenn man einem Club anhängt, die Hoffnung stirbt erst, wenn alles Rechnen nicht mehr hilft..

  7. Bei mir müßte P.P. selbst bei einem Dusel-Aufstieg die Koffer packen, so eine Angst hätte ich vor der 3. Liga mit so einer Spielweise und totaler Konzeptionslosigkeit. Extremstes Beispiel ist das systematische Kaputtspielen von Wallner, welcher wohl glauben dürfte, „im falschen Film“ gelandet zu sein.
    Zeit hat heute keiner, auch ich nicht!

  8. „Selbst Lok dürfte …. einen Tag später trotz sportlich durchwachsener Saison dank intakter Aufstiegschance mehr Euphorie erleben …“

    Davon war heute aber nichts zu spüren. Ich hatte mich seit der möglichen Konstellation 2x 4. Leipziger Liga bisher immer gefragt, ob RB mit seinen Fans schon bereit ist, für ein Derby dieser Art. Nachdem ich mir das Spiel heute angeschaut habe, mache ich mir da keine Sorgen.

    Was für eine Stimmung war dagegen doch am Samstag bei RB!!! Oder habe ich eine verklärte Sicht?

  9. Es ist schade, dass es mit dem Aufstieg nichts geworden ist. Dann eben die nächste Saison. Mateschitz hat seine Engagements im Sport immer langfristig ausgerichtet gehabt.

    Hoffenheim (sprich Hopp) hat 2006 die Entscheidung getroffen ernst zu machen und mit Rangnick, Hockeychampiontrainer Peters, mit Jochen Rotthaus einen Profi für die kaufmännischen Geschicke vom VfB Stuttgart, dazu einen Psychologen der auch für die Nationalmannschaft tätig war, einen gewieften Manager Schindelmeiser geholt. Dazu kamen unglaublich viele eingeschlagene Transfers. Das Scouting war zur damaligen Zeit fast auf Werder Bremen Einkaufs-Niveau in den besten Tagen.

    In der damaligen Aufbruchzeit hielt sich Dietmar Hopp auch sehr zurück. Die handelnden Personen konnten sehr eigenständig die Dinge vorantreiben. Das spätere zerfallen dieser personellen Struktur und ein stärkeres einmischen von Hopp in die Belange des Vereins können durchaus als Lehrbeispiel gelten wie es nach einen Etappensieg nicht weitergehen sollte.

    RB Leipzig braucht aus meiner Sicht vorallem auch eine elementare Einstellung zu dieser Regionalliga. So im Vorbeigehen ist sie nicht zu stemmen. Die Punktverluste gegen namlosere Mannschaften sind oft auch eine Kopfsache.

    Das kriegt man auch nicht so leicht raus. Als ich in meiner Jugend bei Motor Gohlis Nord aktiv Turnierschach gespielt habe, gab es immer wieder Situationen wo wir mit der Mannschaft gegen vermeintlich schwächere Teams spielten. Diese innere Überheblichkeit konnte man kaum ablegen, selbst wenn nach den ersten Eröffnungszügen in den ersten 15 Minuten klar war das der Gegner unglaublich stark und ernsthaft um jeden Zug ringt. Ich hab dann immer versucht ein wenig aus dem Klubhaus raus zu gehen, mich zu sammeln und wieder zum Brett zurück zu gehen. Diese Phänomen des leichten Unterschätzens des Gegners ist vorallem auch sehr hartnäckig.

  10. @L-MP Da ich vom Lok-Spiel in Bildern und Tönen nichts mitgekriegt habe, kann ich Dir Deine Frage nicht beantworten. Aber ich traue Deiner Einschätzung. 😉

    @sportinsider: Heerscharen von Psychologen lassen sich im professionellen Sport sicherlich gut bezahlen, um dieses Phänomen einzugrenzen. Ich würde behaupten, dass man da wenig Chancen hat, den psychologischen Effekten der David-Goliath-Nummer beizukommen. Ich glaube immer noch, dass man sich eine Mannschaft bauen muss, die schlicht geil auf den Aufstieg ist (und ihn nicht als Pflicht betrachtet), wodurch andere Effekte einen geringeren Einfluss hätten.

  11. @L-MP: Ich denke das es verschiedene Faktoren waren die zu einer gefühlten Anti-Stimmung geführt haben. Der Fan-Sektor hinter dem Tor war durch den verordneten Wechsel von D nach B praktisch leer. Weiterhin war die Spielweise von Lok mehr eine Bettelei nach dem Ausgleich. Die Drohkulisse in Form von Polizeiketten (ausgelöst durch den Einmarsch der Dresdner Herde) war auch nicht unbedingt stimmungsfördernd.
    Falls Lok aufsteigt und endlich mal wieder ne Mannschaft zusammenbekommt wird ein Aufeinandertreffen sicherlich etwas stimmungsvoller.

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