Schwul ist kein Schimpfwort

Die Wahrscheinlichkeit, dass im Fußball schwule Sportler aktiv sind, ist selbst bei konservativen Schätzungen und auch im Profifußballs sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit allerdings, dass Homosexualität zum diskriminierenden Thema von Beschimpfungen wird, ist vermutlich noch höher, wenn man um die Tatsache weiß, dass Homophobie ein historisch fest verwurzelter Baustein öffentlicher Diskurse ist (Homosexualität wurde erst 1969 legalisiert! Bis 1994 gab es zwischen Homo- und Heterosexuellen noch Unterschiede in Bezug auf das gesetzlich festgelegte Schutzalter für sexuelle Handlungen).

Das geht inzwischen zwar nur noch bei vergleichsweise kleinen Gruppen so weit, Schwulen das Recht auf ihre Sexualität abzusprechen, aber es ist immer noch ein Thema, das fest in den Sprachgebrauch eingebettet ist, bedenkt man, dass „schwul“ gerade bei Jugendlichen ein Wort ist, mit dem man alles belegen kann, was man nicht mag.

Es ist also absolut nicht erstaunlich (ich kenne es aus meiner Jugend aus eigenem Tun), dass auch ein prominenter, in Deutschland aktiver Vertreter des Fußballs sich in einer emotional angespannten Situation wie der bei einem in letzter Sekunde gewonnenen und von diversen Beschimpfungen begleiteten (die Versionen reichen von „schwuler Österreicher“ bis hin zu „Hure des Fußballs“) Spiel zu einem verbalen Fehlgriff hinreißen lässt. „Schwule Sau“ platzte es laut diversen Medienberichten, die vom Verein nicht dementiert wurden, aus RB-Coach Peter Pacult gegenüber einem Zuschauer  beim  Spiel beim FC St. Pauli II vor 10 Tagen heraus und zu vermuten ist, dass dies auch auf Aktivenseite auf den Fußballplätzen der Republik durchaus häufiger vorkommt.

Es ist nicht so, dass jeder der einen Song oder ein Auto oder eben einen Spieler mit dem Wort „schwul“ bedenkt, tiefgreifenden Hass auf homosexuelle Lebensformen spüren muss. Homophobie ist in ihren Erscheinungs- und Ausdrucksformen sehr viel alltäglicher und banaler. Und gerade deswegen ist es so wichtig, darauf zu bestehen, dass man gegenüber diskriminierendem Alltag wachsam bleibt. Und „schwul“ als Schimpfwort einzusetzen, ist und bleibt nun mal eine Diskriminierung, weil damit Homosexualität herabgesetzt und so das Gegenüber beleidigt werden soll.

Schwul ist kein Schimpfwort

Peter Pacult hat sich also in Hamburg unter gewöhnungsbedürftigen Umständen zu einer homophoben Äußerung hinreißen lassen. Als ich davon das erste Mal hörte, dachte ich irgendetwas wie „Uiuiui“. Ich dachte an die unweigerlich folgende, negative mediale Öffentlichkeit. Und ich dachte aber auch an eine Reaktion seitens des Vereins, die sich eindeutig von diskriminierenden Äußerungen distanziert.

Womit mein persönlicher Unwille eigentlich erst anfing, denn von Vereinsseite gab es ganz in der an manchen Stellen unglücksseligen Tradition des ‚Wir beteiligen uns nicht an öffentlichen Diskussionen‘ auch in beruhigtem Abstand zum Spiel nichts. Beziehungsweise (leider möchte ich fast sagen) nicht ganz nichts, denn in einer Peter Pacult untergeschobenen Stellungnahme verwies dieser zugespitzt gesagt darauf, dass die anderen angefangen hätten und beiderseits Sachen gesagt wurden, die eigentlich nicht gesagt werden sollten. Und glaubte, dass so der schwarze Peter von einem weggeschoben sei und man die Sache nun kommentarlos aussitzen könne.

Mal ehrlich, seit Jahren versuchen Verbände und Vereine sich in gemeinsamen Aktionen gegen Diskriminierung zu wenden und so den vorurteilsfreien Zugang zu Sportvereinen und Zuschauertraversen zu ermöglichen. Seit Jahren gibt es gut gemeinte Plakate, Kampagnen und Aufrufe. Doch in dem Moment, in dem man in eine Situation gerät, in dem ganz praktisch wird, wie Diskriminierung im Alltag passiert (eine Situation übrigens auch, die der DFB, wenn der Schiedsrichter es im Spielbericht vermerkt, mit einer Strafe in Form bspw. einer Spielsperre hätte ahnden können) und in der Sprache steckt, beginnt das große Schweigen? Das ist doch Irrsinn.

Der Verein hat eine verdammt gute Chance verpasst, nämlich die, einen Fehler zu korrigieren und sich so im öffentlichen Diskurs gegen Diskriminierung zu stellen und so auch zu zeigen, dass die Welt vielleicht nicht perfekt ist, aber man aus ihr und dem Handeln darin lernen kann. Was für eine großartige Chance menschlich und dem eigenen Ziel und Geldgeber Red Bull entsprechend weltoffen(!) zu agieren. Was für eine großartige Chance für einen jungen, identitätssuchenden Verein nach innen gegenüber dem eigenen Nachwuchs und nach außen gegenüber den eigenen Fans ein Zeichen zu setzen, dass man für Diskriminierung nicht zur Verfügung stehe, dass man aber für jeden offen sei, der bereit ist, Fehler zuzugeben und der versucht, damit umzugehen.

Ich weiß, dass ein hoher Anteil der Medienöffentlichkeit die „schwule Sau“ von Peter Pacult nicht thematisiert, weil Antidiskriminierung schon immer das A und O ihrer Redaktionsarbeit war, sondern weil es bei RB Leipzig passiert ist. Und ich weiß auch, dass auf St. Pauli offenbar Zuschauer mit ähnlicher Sprache wie Peter Pacult aufgedribbelt sind. Doch beides ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, weil Teile der Medienöffentlichkeit eh immer irgendwas zu RB Leipzig finden und machen werden und ich damit umgehen kann (weil ich weiß, dass vieles nicht die Realität spiegelt), ich nicht St. Pauli anhänge und ich zudem einen Unterschied zwischen einem Fan und DEM sportlich Verantwortlichen bei RB Leipzig schlechthin sehe.

Gegen Homophobie | © GEPA pictures/ Sven Sonntag

Es geht mir und hier um den Verein, dem ich anhänge und an dem ich Freude habe. Es geht dabei vor allem auch um die Frage, wie ich mir (m)einen Verein wünsche, dass er öffentlich agiert, ohne dass ich es als peinlich empfinde, darauf angesprochen zu werden. Es geht hier um nichts anderes, als um Teile der Identität eines jungen Vereins, zu dessen Umfeld ich mich zählen würde. Und ich finde, dass in diesem Verein ein „schwule Sau“ nicht in die Verbannung führen muss, weil ich nicht glaube, dass gesellschaftliches Zusammenleben und Weiterentwickeln (bis auf Extremfälle) auf der Basis von Ausschluss funktioniert. Aber ich glaube absolut, dass das Verwenden von „schwul“ als Schimpfwort durch einen führenden Vereinskopf irgendeine kurze, aber klare, öffentlich nachvollziehbare Reaktion hervorrufen müsste, die deutlich macht, dass das nicht geht. Dass diese Chance vereinsseitig auch dann noch verpasst wurde, als man nicht mehr in der Hitze des Spiels reagieren musste, sondern in der Ruhe danach entscheiden konnte, empfinde ich immer noch als ziemlichen Schatten, der mich leicht frösteln lässt.

Der Verein begibt sich in einer Situation, in der er Stärke hätte beweisen können, in eine kommunikative Sackgasse, die ein völlig falsches Signal an Spieler und Fans sendet, nämlich, dass homophobe, diskriminierende Bemerkungen irgendein Kavaliersdelikt seien, das man mit einem ‚die haben auch‘ abtun kann. Man stelle sich nur mal den 15jährigen auf der Suche nach sexueller Identität vor, der bei RB Leipzig spielt und eventuell merkt, dass ihn Jungs mehr interessieren als Mädchen und nun vom höchsten Trainer des Vereins unkorrigiert öffentlich erfahren darf, dass schwul ein Schimpfwort ist. Na vielen Dank auch. Aktionen gegen welche Form der Diskriminierung auch immer kann man sich bei RB Leipzig somit vorläufig eigentlich auch sparen, denn mehr als Lippenbekenntnisse können dabei angesichts des Umgangs mit ganz realen Vorfällen nicht herauskommen.

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Randbemerkung: Letztes Jahr im Dezember war es als die aktive Fanszene von RB Leipzig dafür sorgte, dass das Banner der bundesweiten Aktion „Fußballfans gegen Homophobie“ beim Spiel gegen den HFC vor dem Heimblock hing (siehe Bild oben). Inklusive des in die Choreographie eingewebten Spruchbands „Gegen Homophobie, Gewalt und Rassimus“. Schade, dass auch die Fanszene es verpasst hat, nach dem Pauli-Spiel öffentlich wahrnehmbar kund zu tun, dass man „schwul“ ganz sicher nicht als vereinsseitig verwendetes Schimpfwort sehen möchte.

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Links: „‚Schwule Sau‘ kann man im Jahr 2012 nicht mehr vor sich hinsagen.“, „Schwul ist kein Schimpfwort“

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Bild: © GEPA pictures/ Sven Sonntag

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15 Gedanken zu „Schwul ist kein Schimpfwort“

  1. Sehr reflektierte Sichtweise auf den Vorfall. PR-Abteilungen scheinen nach wie vor dem Dogma verpflichtet, sich mit einer unangenehmen Sache erst dann zu befassen, wenn die Lawine krachend niedergeht. Solange das nicht der Fall ist gilt die Omerta!

  2. Mich fröstelt es ganz allgemein, beim Gedanken an RB bin ich derzeit um den Schlaf gebracht!
    Kommunikationsdirektor oder Pressesprecher, gibt es so etwas überhaupt bei meinem Lieblingsverein? Wie geht es nächstes Jahr weiter? Fragen über Fragen…

  3. Ich mag die Bloggs sehr aber das Thema finde ich ehrlich gesagt sinnlos. Ja er hat es gesagt aber das ist doch scheiß egal. Wenn es für den Pauli Fan eine Beleidigung ist, ja dann Pech und wer das schlimm findet, für den ist es halt auch eins. Man sollte PP aktzeptieren und sagen: „Schade, dass du das als Beleidigung ansiehst, wir nicht“ ENDE! Ich würde mir eig. mehr toleranz gegenüber soetwas wünschen. Nicht gegenüber „Beleidigungen“ aber wenn jmd. mal in so einer Situation austickt und sowas sagt und besonders nur auf das gleichgesagte addaptiert antwortet, sollte man den Pacult sowas nich übel nehmen. Find ich irgendwo auch sehr scheiße von Leuten die da jetzt rumheulen

    1. Es geht nicht darum, ob es für den Pauli-Fan (wenn er denn einer war) eine Beleidigung ist, sondern darum, dass Pacult es als Beleidigung verwendet hat. Und es geht nicht darum, ob jemand austickt, sondern darum, wie man hinterher (und in aller Ruhe) damit umgeht. Und ja, als Gesicht eines Vereins hat man (zumindest in der Ruhe nach dem Spiel) eine andere Vorbildsfunktion als Fan xy dies hat.

  4. Ich habe wohl auch so etwas wie „uiuiui“ gedacht, aber wohl mehr aus der Sorge heraus, dass dieser Spruch tatsächlich geahndet werden könnte. Glück für PP, dass es nicht soweit kam. Aber offenbar scheint es für den DFB nicht dramatisch genug, „schwul“ als diskriminierende Beleidigung zu erachten. Ist nicht genau das eigentlich herber? Ich beschimpfe niemanden mit dem Wort „schwul“, dafür gibt es einfach viel zu schöne Schimpfworte .-) … du hast definitiv recht, dass dieses Wort als Schimpfwort immer noch verankert ist und das sollte sich doch langsam mal ablegen lassen… aber das kratzt wohl auch den DFB nicht. Ich bin kein Soziologe, aber soviel scheint klar: jemanden „schwul“ zu schimpfen ist gesellschaftlich offenbar legitim. Dennoch: ich kenne in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sehr großartige Menschen, die homosexuell sind, die aber sehr unberührt mit dem Begriff „schwul“ als Schimpfwort umgehen, das seltsamerweise teils sogar selbst benutzt haben. Es steckt mehr gemeine Pöbelei als Homophobie dahinter. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb diese ganze Debatte doch etwas im Sand versackt… auch wenn dieser Schimpf homophobe Wurzeln hat.
    Ich stimme aber mit dir überein, dass es für einen Verein, der sich gegen Homophobie ausspricht, schon eine feine Geste wär‘ eine etwas klarere Stellung zu diesem Thema zu beziehen… und tatsächlich fänd‘ ich eine Reaktion der Fans noch bezeichnender.
    Aber: all das ist nicht passiert… „schwul“ als Schimpfwort juckt offenbar keinen (ein Stinkefinger dagegen kann unter Umständen sogar ein Bussgeld kosten).
    Wie auch immer, ich denke bei diesem Thema auch an einen Verein wie den Roten Stern, der sein eigenes Klientel Fans mit sich bringt und wo das Thema „gegen Homophobie, Gewalt, Rassismus“ von den Fans weit mehr unterstützt wird. Schade, wenn sich ein solcher Gedanke in einer großen Masse von Fans vielleicht nicht mehr unterbringen lassen könnte, von denen die meisten doch nur darüber zetern, dass der Aufstieg in Gefahr sein könnte!
    PS: Interessant ist auch, dass die Rechtschreibkorrektur „Homophobie“ als fehlerhaftes Wort erkennt .-/

  5. „Schade, dass auch die Fanszene es verpasst hat, nach dem Pauli-Spiel öffentlich wahrnehmbar kund zu tun, dass man „schwul“ ganz sicher nicht als vereinsseitig verwendetes Schimpfwort sehen möchte.“

    Wir haben damals mit der Banner- und Spruchbandaktion gezeigt, wie wir zu der Sache stehen.

    1. Nur erscheint die „Banner- und Spruchbandaktion“ jetzt in einem anderem, nicht mehr so gutem Licht. Nach PPs verbal Entgleisung hatten die Fans, die riesen Chance zu zeigen, dass sie es mit dem Thema wirklich ernst meinen. Wer ab und an zu einem anderen Leipziger Verein geht (RSL) weiß wie es besser geht. Chance verpasst. Sehr bedauerlich!

  6. @Lausi: Zum DFB gibt es die ’schöne‘ Story von Weidenfeller, der vor ein paar Jahren wegen des Ausspruchs „Schwarzes Schwein“ (gegenüber Asamoah) zu sechs Spielen Sperre verurteilt werden sollte. Vor der Sportsgerichtbarkeit des DFB bestritt er aber den Vorwurf und meinte, er hätte „Schwule Sau“ gesagt. Woraufhin er nur für drei Spiele gesperrt wurde.. Aber gesperrt wurde er, das sollte man vielleicht festhalten.

  7. Ich finde du hängst das hier viel zu hoch. PP ist beschimpft worden und hat sich auf gleichem Niveau verteidigt. Menschlich. Eine Strafe gabs nicht – nicht weil es den DFB nicht juckt, sondern weile es keinen Sonderbericht gab. PP hats zugegeben und gesagt dass es nicht richtig war. Punkt. Sollte man kein Riesenthema draus machen.

    Einen normaleren Umgang mit Homosexuellen wünscht man sich schon. Blickt man nach Russland wo gerade wieder ein Schritt ins finsterste Mittelalter gegangen wird um so mehr. RBL ist aber da um guten Fussball zu bieten – nicht die Welt zu verbessern.

    1. @roger Ja, meine Meinung. Vielleicht wollte PP öffentlich das erst mal nicht klar zugeben, dass er das gesagt hat. Sonst wäre das wie Selbstanzeige und DFB müsse dann reagieren. Angesicht der Tabellen- Situation wäre das gleich K.O.

      Ich glaube auch nicht, dass die Untersuchung in der Interesse von Pauli wäre. Zitat Bild: „Beim Gang in die Kabine, bei der allerdings auch Bullen-Spieler beleidigt und Thiago Rockenbach mit einem Ellenbogen-Check bearbeitet wurden…“
      Das ist doch eine Tätigkeit!
      Salutieren vor dem Heimblock war bestimmt keine kluge Geste von Kutschke. Das hat natürlich die Situation angeheizt. Trotz dem das ist auch kein Grund ihn als „Nazi“ und „Spinner“ zu bezeichnen.

      PP hat ja zugegeben. Ich hätte ihn empfehlen noch eine Summe X in eine Schwulen-Stiftung zu spenden. Freiwillig.

  8. Naja ich empfinde das Thema insgesamt wichtig, aber in diesem Kontext überflüssig. Keiner weiß wirklich was genau abgelaufen ist und in solch emotional aufgehitzter Lage, da kann jedem der Kragen platzen und man sagt etwasm, das nicht politisch korrekt ist. Geahndet werden hätte es meines Wissens nach eh nur, wenn der Schiedrichter an Ort und Stelle dies offiziell per Sonderbericht aufnimmt – von daher sollte man auch einen Punkt darunter setzen.
    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen das PP ein Schwulen-Hasser ist – denn nur dann hätte es auch wirklich eine Aussagekraft. Das von Seiten des Vereins überhaupt keine Stellungnahme kommt ist nicht ok – aber man sollte zu diesem Thema nicht mehr hineininterpretieren als es tatsächlich an Aussagekraft hat.

  9. absolut top auf den punkt gebracht. zeigt mal wieder, dass die fans häufig weiter sind als eine großzahl der funktionäre. wobei ich dem user „fan“ nicht zustimme, dass aufgrund der banneraktion keine notwendigkeit mehr bestand, sich zum konkreten fall pacult zu äußern. das gegenteil ist m.m. nach der fall.

  10. @Fan: Hmm, ich respektiere dies natürlich, finde es aber trotzdem schade, weil ich nicht glaube, dass man mit einem Banner aus dem Dezember (ohne darauf in der aktuellen Situation zu verweisen) Stellung zu einem Vorfall von Anfang April nehmen kann. Ich meine, wir reden hier nicht über eine Protestdemo, sondern bspw. über einen kurzen Facebookeintrag, dass „schwule Sau“ Teil dessen ist, gegen was man sich im Dezember gewendet hat. Oder irgendne andere kleine, wahrnehmbare Aktion. Polemisch gefragt: Hätte es auf eine Gruppe von 50 RB-Fans im Block, die z.B. „schwule Hamburger“ rufen, auch keine Reaktion aus der Fanszene gegeben, weil man sich ja damals mit dem Banner schon positioniert hat? Und wenn dies eine Reaktion wert gewesen wäre, was macht 50 RB-Fans wichtiger als einen Profi-Chefcoach und das Gesicht des Vereins?

    Insgesamt an die, die meinen ich hänge dies zu hoch. Mal ganz grundsätzlich gesagt, geht es hier darum, wie man sich (s)einen Fußballverein wünscht. Einen jungen Verein, der noch seine Identität sucht. Ein junger Verein, dessen Umfeld noch im Wachstum und in Bewegung ist. Ein Verein mithin, dessen Grundlagen jetzt geformt werden. Ich habe manchmal den Eindruck als hätten sich die Anhänger von RB in eine Art Abwehrkampf gegen die kritische Öffentlichkeit zurückgezogen und trauten sich (öffentlich) gar nicht mehr an die Frage, wie ihr Verein aussehen solle, weil man dann ja den Gegnern in die Karten spielt. Ich finde, dass es absolut essenziell ist, sich über den Gegenwind hinwegzusetzen und eine Identität zu finden, die nicht ausschließlich auf der Abwehr der Ablehnung von Außen beruht. Wie möchte man, dass der Verein ist, um mit ihm Wege zu gehen. Klar, sportlicher Erfolg sollte im Idealfall ein Baustein sein. Nachwuchs aus dem eigenen Club vermutlich auch. Gemeinsam gefeierte Siege, gemeinsam durchlittene Niederlagen auch. Für mich zählt aber definitiv auch dazu, dass der Verein offensiv (also nicht nur reagierend, sondern aktiv agierend) ein eigenes Gesicht entwickelt, dass sich nicht in sportlichem Erfolg und der ausufernden Verwendung des strategischen Begriffs Rote Bullen erschöpft. Sprich, ICH wünsche mir keinen Verein, der immer perfekt agiert, aber ich wünsche mir einen Verein, der mit Fehlern umgeht und der für einen diskriminierungsfreien Zugang zum Fußballsport steht. Und ICH wünsche mir, dass er das auch kommuniziert, falls das notwendig wird. Und ICH wünsche mir, dass der Verein da im Einklang mit der Fanszene agiert, nicht zuletzt deswegen, weil der Verein in den kommenden Jahren noch einiges an Fanwachstum verzeichnen wird und es aus meiner Sicht ziemlich wichtig wäre, da früh unverhandelbare Mindeststandards (bspw. gegen Gewalt, gegen Diskriminierung), die für die gesamte Gesellschaft gelten, zu setzen. Und genau diese Chance verpasst zu haben, seine eigenen Gesichtszüge zu schärfen, empfinde ich als sehr bedauerlich. Und, was „die“ oder „die“ oder „die“ vorher gemacht haben, ist für die Entwicklung des eigenen Gesichts und die Frage, was man für eins möchte, völlig irrelevant.

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