Feed on
Posts
Comments

Hinrundenstart gegen Wilhelmshaven. In der Regionalliga. Das klingt unspektakulär. Ein lockerer Aufgalopp mit einem mehr oder weniger deutlichen Heimsieg, nach dem man schnell zur Tagesordnung übergeht. Und dann das! 8:2, Offensivfeuerwerk und Defensivgroteske. Und reichlich, reichlich bundesweite Medienöffentlichkeit für ein von der Ansetzung her durchschnittliches Viertligaspiel. So etwas nennt man dann wohl ein Ausrufezeichen.

Hinterher kann man ja immer klugscheißen. Dass man es vorher ahnen konnte, dass das Spiel gegen Wilhelmshaven nicht die irre Herausforderung wird. Dass auch ein hoher Sieg drin liegt. Ich hatte vor dem Spiel immerhin auch auf ein 5:1 getippt, weil die Testspiele von RB Leipzig darauf schließen ließen, dass man gerade die Offensivabläufe erheblich verbessert hat und Roman Wallner aus einem sehr guten Team ein sehr gutes Team mit Sternchen machen kann.

Aber ganz ehrlich, auf das, was da gestern durch die Red Bull Arena schwappte war ich nicht vorbereitet. Es roch nach Fußball. So richtigem. Mit schnellem, präzisem Passspiel und perfekt herausgespielten Toren. Mit sehr viel Klasse, die man in dieser Form bei RB Leipzig wohl auch noch nicht gesehen hat (ich zumindest nicht).

Vor dem Anpfiff klärten sich aber erst mal die noch offenen Personalfragen. Was bedeutete, dass Pekka Lagerblom und Timo Rost nicht mal im Kader standen. Was bei ersterem ziemlich überraschte, bei zweiterem aber absehbar war. Im zentralen Mittelfeld durften schlussendlich Tom Geißler und Henrik Ernst auflaufen, während Bastian Schulz auf der Bank Platz nehmen musste. Und in der Innenverteidigung setzte sich Fabian Franke gegen Neuzugang Niklas Hoheneder durch, musste aber bereits nach 30 Minuten verletzungsbedingt das Feld wieder räumen. Was stammplatztechnisch ziemlich bitter ist.

Interessant auch die taktische Formation im zentralen Mittelfeld. Während in der Hinrunde auch in der Offensive zwei eher klassische Sechser agierten, durfte Tom Geißler gestern direkt hinter den Spitzen agieren, sodass nur noch Henrik Ernst auf der Sechs agierte und das 4-4-2 kurzerhand zu einer Raute wurde. Womit wohl niemand ernsthaft gerechnet haben dürfte. Und was auch in der Vorbereitung nie gespielt wurde. Letztlich ähnelte die offensive Grundformation einem 2-3-1-4. Was sehr offensiv ist. Und den Gegner komplett überforderte. Inwieweit dies für RB Leipzig auch gegen Gegner anderen Kalibers (Konterstärke) ein erfolgsversprechendes Konzept ist, muss man aber abwarten.

Ein passendes Spielsystem ist das eine, Spieler die das Spielsystem mit Leben erfüllen das andere. Man hat gestern gesehen, dass die individuelle Klasse von RB Leipzig auch langsam das Spielsystem ausfüllt. Dass man sich als Mannschaft langsam findet. Sportlich meine ich. Dass sich Automatismen, Passsicherheit und Spielgeschwindigkeit einstellen. Tom Geißler hatte aufgrund seiner offensiven Position auf dem Spielfeld erheblichen Anteil daran, dass das Spiel so gut aussah.

Vor allem aber Roman Wallner macht den Unterschied zur Hinserie. Was nicht vornehmlich an seinen drei Toren lag, sondern an seiner Rolle als Anspielstation, also an ihm als Spielertyp. Im Gegensatz zu Kutschke und auch Kammlott ist Wallner ein kompletter Spieler, den man in der Spitze in so ziemlich jeder Position anspielen kann. Wie er den Ball sichert, zwei Verteidiger bindet und immer wieder die Lücken zum Mitspieler findet, ist für mich noch beeindruckender (und für dass Spiel von RB Leipzig wertvoller) als die drei Tore, die Wallner ja vor allem deswegen schießt, weil sie von der Mannschaft so grandios herausgespielt wurden.

Interessantes Experiment von Peter Pacult dann ab der 55.Minute als er Kutschke für Rockenbach einwechselte und so Wallner auf den linke Flügel ausweichen musste. Wo er aus meiner Sicht nicht ganz optimal aufgehoben war. Mit dem Experiment wollte Pacult offenbar gucken, ob es eine Möglichkeit gibt, nicht auf Stefan Kutschke zu verzichten und trotzdem keinen der gesetzten Wallner und Frahn rausnehmen zu müssen. Nicht zu 100% zukunftsfähig würde ich behaupten, aber trotzdem eine erhebliche Wertschätzung für Stefan Kutschke und dementsprechend eine ziemlich Watsche für Sebastian Heidinger und Carsten Kammlott, die eigentlich als erster Ersatz für Rockenbach links und Wallner im Sturm galten.

Das Spiel war bis zur Pause ein grandioses, weil man von der ersten Minute an – mit der Unterstützung einer gut aufgelegten Fankurve – mit unheimlichem Ideenreichtum und mit viel Flexibilität den gegnerischen Kasten belagerte. Ob über die Außen oder durch die Mitte, ob aus der Ferne oder aus der Nähe, es war alles dabei. Sogar ein blitzsauberer Konter, der nach perfekter Vorlage von Frahn und 40 Meter Alleingang von Wallner das 2:0 brachte. Das Offensivspiel der RasenBallsportler war auch zu jenem Zeitpunkt bereits großartig, als der Gegner noch nicht geschlagen war. Beim Stande von 0:0 grandios zu spielen, ist ja immer ein bisschen mehr wert als beim Stande von 4:0 gut auszusehen.

Dass der Torwart der Gäste Hergen Gerdes tatsächlich als neben dem zweifachen Torschützen Francky Sembolo bester Gästespieler bezeichnet werden kann und vor allem durch sehr gutes Mitspielen und Herauslaufen auffiel, verdeutlicht die gestrige Dominanz von RB Leipzig. Hätten die RasenBallsportler 90 Minuten lang ernst gemacht, dann wären die Gäste in jedem Fall mit einer zweistelligen Niederlage nach Haus gefahren. Da hatten die meisten Testgegner von RB Leipzig aus der Vorbereitung eine höhere Qualität.

Andererseits wäre das Spiel eventuell auch ganz anders gelaufen, wenn die Wilhelmshavener Gäste durch den schnellen, trickreichen und torgefährlichen Sembolo bereits vor dem 1:0 bei einer Großchance selbst in Führung gegangen wären. Nachdem Sembolo aber die Gelegenheit, eine Notbremse gegen Hoffmann zu provozieren, nicht angenommen hatte und auf den Beinen blieb, ließ er sich 30 Meter später im letzten Moment noch von Christian Müller einholen und abdrängen, während zwei völlig frei vor dem Tor wartende Mitspieler mit der Welt haderten. Aber vermutlich hätte RB gegen diesen Gegner auch zu zehnt oder nach Rückstand gewonnen..

Will man bei RB Leipzig nach dem gestrigen Kick Baustellen ausmachen, dann fällt auf jeden Fall die linke Seite ein, die im Offensivspiel noch sehr ungenau agierte. Gilt für Thiago Rockenbach und im noch stärkeren Umfang für Tomasz Wisio. Wobei letzterer zumindest sein Defensivpotenzial andeutete. Letztlich fiel es aber auch nicht auf, dass die linke Achse wegbrach, weil auch Roman Wallner immer wieder nach links auswich und so die Seite mitbelebte.

Möglicherweise eine Baustelle ist auch die Besetzung der zweiten Innenverteidigerposition. Nachdem Fabian Franke gestern verletzt ausgewechselt wurde (und damit die ersten Minuten in dieser Saison verpasste), ist diese mit Neuzugang Niklas Hoheneder besetzt. Ob dies eine gute Besetzung ist, kann man noch nicht endgültig sagen. Zu wenig aussagekräftig war das Spiel der Gäste. Und zu nachlässig agierte der gesamte RB-Defensivverbund insgesamt insbesondere in der zweiten Hälfte.

Der Gerechtigkeit halber muss man auch sagen, dass es eigentlich nur Sinn macht, die ersten 45 Minuten in Betracht zu ziehen. Als es noch ein Spiel war. Nach der Pause waren dann gerade die Defensivbemühungen der Gäste von einer derart grotesken Art und Weise, dass man bei der einen oder anderen Chance aus dem Kopfschütteln nicht heraus kam. Dass man sich im und am Strafraum in aller Seelenruhe den Ball zupassen kann, habe ich in der Form auch noch nicht (oder selten) gesehen. Und auch die Bemühungen der RasenBallsportler waren über weite Strecken der zweiten Halbzeit (vor allem defensiv) nicht mehr von 100% Engagement begleitet. Was völlig ok und normal ist. Ging den Zuschauern lange Zeit nicht anders. Aus einem 5:0 gegen ein Team aus der unteren Tabellenregion kann man sich dann emotional eben doch keinen Rausch ableiten. Begeisterung ja, aber spätestens ab der Halbzeit und dem 4:0 sehr zurückgelehnte.

Fazit: Ein irres Zeichen an die Konkurrenz, ein schöner Nachmittag für die Anhänger und insgesamt ein perfekter Start in die Rückrunde, bei dem man viel, viel gutes sehen konnte. Kann Pacult die Mannschaft wieder runterholen und ihr (und gerade auch den Neuzugängen) eindringlich und wirkungsvoll vermitteln, dass das nicht der durchschnittliche Regionalligagegner der nächsten Wochen gewesen sein dürfte, sondern einfach nur ein gutes Spiel war, das nebenbei das unter Umständen relevante Torverhältnis entscheidend verbessert hat, dann ist alles prima. Beginnt man aber unterbewusst zu denken, dass es neben Kiel und Halle keine ernsthafte Konkurrenz gibt, dann könnte man bereits beim Auftritt beim TSV Havelse nächste Woche eines besseren belehrt werden. Mit dem Sieg gegen Wilhelmshaven ist einfach nur ein Endspiel weniger geworden, ansonsten hat sich an der Situation nichts geändert.

————————————————————————————————–

Randbemerkung: Felix Brych stand vor kurzem ja ziemlich im Fokus der Öffentlichkeit als er durch seine rote Karte + Elfmeter erst das DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen Hertha und Mönchengladbach und kurz darauf das Zweitligaspitzenspiel Düsseldorf vs. Frankfurt mitentschieden hatte. Nun durfte der Referee Viertligafußball pfeiffen. Was er insgesamt überzeugend tat. Ob es sich bei der Ansetzung eines Bundesliga-Schiedsrichters für ein Viertligaspiel ohne jegliche Brisanz um eine Art Strafversetzung handelt, wäre mal interessant zu wissen.

Lichtblicke:

  • Roman Wallner: Stadionmoderator Tim Thoelke hat natürlich recht. Den Namen Wallner wird man wohl noch häufiger rufen. Aber eben auch schreiben. Hier und heute ist er erst einmal dafür in den Lichtblicken, dass er einfach ein kompletter Stürmer ist und diese Fähigkeiten gegen Wilhelmshaven sehr gut in die Mannschaft eingebracht hat. Auch ohne drei Tore wäre sein Auftritt sehr wichtig gewesen.
  • Daniel Frahn: Ich hatte nach dem Test von RB Leipzig gegen Jena ein wenig befürchtet, dass Frahns Effektivität und Spiel unter Wallners Hereinnahme leiden könnte. Gestern hat er aber gezeigt, dass er auch neben Wallner perfekt besetzt ist und sich beide gut ergänzen können, auch wenn noch das eine oder andere Missverständnis zu beobachten ist (natürlich nach erst drei Spielen miteinander). Gestern glänzte auch Daniel Frahn mit einer sehr kompletten Leistung. Torschütze und Torvorbereiter (wie beim 2:0), dazu viel unterwegs und mit nur wenigen Ballverlusten. Wenn es so wie gestern weitergeht, ist das Duo da vorne mindestens drittligatauglich.
  • Christian Müller: Wie schon in der Vorbereitung angedeutet offensiv sehr agil und unheimlich dynamisch. Wurde dafür mit einem Treffer belohnt. Verhinderte großartig ein mögliches 0:1 und war auch sonst immer zur Stelle, wenn er zur Stelle sein musste.
  • Henrik Ernst: Wird vielleicht weiterhin etwas unterschätzt, aber seine Rolle im 4-4-2-System ist eine wichtige, was gestern noch einmal dadurch unterstrichen wurde, dass er (im Offensivsystem) alleiniger Sechser war. Zweikampfstark, ballsicher, in ausreichendem Maße schnell. Dazu das 3:0 vorbereitet und das 5:0 selbst geschossen. Perfekter Nachmittag für denjenigen, der völlig überraschend mit Lagerblom, Schulz und Rost die versammelte Ex-Bundesligaprominenz aus dem Team verdrängt hat.
  • Tom Geißler: Mit leichten Abstrichen (wegen einiger leichter Ballverluste) hat auch Geißler gezeigt, warum er sich in der Vorbereitung ins Team gespielt hat. Sehr viel Dynamik, sehr flexibel. Mit einigen guten Ideen und der wichtigen Torvorbereitung zum 1:0. Auch das hat in der Hinrunde oft gefehlt, ein Spielertyp der wie Tom Geißler eine offensive Mittelfeldposition ausfüllen, aber defensiv auch auf der Sechs spielen kann. Wenn Geißler selbst weiter auf diesem Niveau agiert, dann ist er eine sehr gute Besetzung im zentralen Mittelfeld.

————————————————————————————————–

Tore: 1:0 Frahn (14.), 2:0 Wallner (26.), 3:0 Wallner (42.), 4:o Müller (45.), 5:0 Ernst (49.), 5:1 Sembolo (72.), 6:1 Frahn (78.), 6:2 Sembolo (79.), 7:2 Kutschke (84.), 8:2 Wallner (87.)

Aufstellung: Borel – Müller, Hoffmann, Franke (30. Hoheneder), Wisio – Röttger, Ernst, Geißler (68. Schulz), Rockenbach (55. Kutschke) – Wallner, Frahn

Zuschauer: 4958

Links: RBL-Bericht, RBL-Liveticker, RB-Fans-Bericht, MDR-Bericht [broken Link], SVW-Bericht

flattr this!

6 Responses to “Regionalliga: RB Leipzig vs. SV Wilhelmshaven 8:2”

  1. M. Nestler sagt:

    Was mir bei Wallner sehr gut gefallen hat ist das Pressing. Immer wieder setzte er auf (s)einen Gegenspieler nach und verursachte so voreilige Befreiungsschläge und ungenaue Abspiele. An ihm werden wir noch viieel Freude haben. :)
    Nach ca. 5min hatte ich zu meinen Nebenmann gesagt: “Also wenn RB heute so weiter macht wirds zweistellig” .. Toll dass ich auch mal fast recht behalten kann. Großartige Leistung, dass man in der zweiten Halbzeit bei so hoher Führung etwas nachlässig wird ist da schon fast verständlich. Trotzdem überraschend das Schulz irgendwie neben sich stand.
    Im Nachhinein: “Duuu bekommst die Buuude voll… ” :D

    PS: Schöner Bericht.. wird auch Zeit dass es wieder losgegangen ist!

  2. Schalker sagt:

    Im Endeffekt muss Leipzig mit den finanziellen Mitteln aufsteigen. Der Verein hat einen Etat wie ein kleiner Zweitligist. Aber es war ja schon mal ein guter Anfang.

  3. [...] der letzten Saison kein Weltuntergang. Jetzt also der Auftakt zur Rückrunde in der Regionalliga. Rotebrauseblogger lag mit seiner Prognose gar nicht [...]

  4. Bullenwächter sagt:

    @ Randbemerkung:
    Hab auch erst gestaunt daß ein BL-Schiri zu solch einem Viertligakick geschickt wurde … nachdem ich nun seine Vorgeschichte kenne bin ich ziemlich restlos überzeugt daß es sich hier um eine moderate “Strafversetzung” handelt, auch wenn es der DFB/DFL immer so schön mit “aus der Schußlinie nehmen” umschreiben …

    ob das der einzige und auch richtige Weg sein sollte (kennt jemand noch den Namen Rafati?) laß ich jetzt mal dahingestellt …

  5. rotebrauseblogger sagt:

    @Bullenwächter: Gelegentlich kam es schon vorher vor, dass mal ein Bundesligaschiedsrichter in Leipzig pfiff. Allerdings nicht bei einem Spiel ohne Brisanz. Rafati zum Beispiel pfiff das Spiel gegen Magdeburg letztes Jahr. Vielleicht ist es ja für die Schiedsrichter tatsächlich eher die Möglichkeit, mal ohne den Druck diverser Superzeitlupen agieren, ergo durchatmen zu können.

  6. Billigblogger sagt:

    Mal ne frage?

    Kommt man sich da nicht ein bisschen dilettantisch vor,vom großen Fussball zu lamentieren,wenn man mit Ex.Nationalspieler gegen Feierabendkicker gewinnt?

    “Es roch nach Fußball. So richtigem. Mit schnellem, präzisem Passspiel und perfekt herausgespielten Toren. Mit sehr viel Klasse, die man in dieser Form bei RB Leipzig wohl auch noch nicht gesehen hat ”

    Sehr Amateurhaft dein Geschreibsel hier…..

Leave a Reply

rotebrauseblogger unterstützen