Von Hoffenheim lernen, hieße zumindest lernen

Es ist schon erstaunlich, wie es die TSG Hoffenheim in den letzten Jahren seit dem Bundesligaaufstieg 2008 und einer rasanten Hinserie geschafft hat, die allermeisten der in jenen Tagen durchaus nicht gering vorhandenen, bundesweiten Sympathien wieder zu verspielen. Ich für meinen Teil mochte das Team nie sonderlich, was gar nicht am Verein, sondern an der Personalie Rangnick lag, zu der ich ganz subjektiv und irrational keinen Zugang finden konnte und kann.

Seit Rangnicks Abgang vor reichlich einem Jahr hat Hoffenheim bereits drei weitere Trainer eingestellt. Pezzaiouli, Stanislawski und Babbel. Allesamt galten als perfekte Besetzung. Solange bis sie dann vor der Tür saßen (zumindest zwei von ihnen). Holger Stanislawski war noch ein paar Tage vor seiner Entlassung für Dietmar Hopp auch langfristig die perfekte Besetzung des Trainerpostens, da er den Umbruch von alt auf jung, von international auf regional, von viel Geld auf nicht ganz so viel Geld mittragen wollte. Einen Tag vor seiner Entlassung (und somit zwei Tage nachdem Hoffenheim bereits mit Nachfolger Babbel Gespräche aufgenommen hatte) sprach Stanislawski im SportBild-Interview noch über die langfristigen Perspektiven seiner Aufgabe und verkündete, dass man nun „gemeinsam!!!“ arbeiten und angreifen werde. Gemeinsam; nur einen Tag später dann eben ohne ihn gemeinsam.

Die TSG Hoffenheim, so hat man dank öffentlicher Wahrnehmung das Gefühl, steht an einem Tiefpunkt. Was eine durchaus erstaunliche Wahrnehmung ist, spielt der Verein doch seit 2008 ohne konkrete Abstiegsgefahr in der Bundesliga mit. Das ist um so mehr eine durchaus positive Leistung, da man seit einem Jahr dazu übergegangen ist, eher Transfererlöse zu erwirtschaften, als hochklassige Spieler bei anderen Clubs loszueisen. Luiz Gustavo, Vedad Ibišević, Chinedu Obasi und Gylfi Sigurðsson stehen dafür, dass man derzeit eher Kosten senkt, als den Kader quali- und quantitativ aufzublasen.

Schon deswegen ist es höchst erstaunlich, dass vor dem DFB-Pokal-Viertelfinale bei Platz 8 in der Liga eine Stimmung wie bei einem Zwangsabstieg zu herrschen schien und Finanzier Dietmar Hopp den Trainer Holger Stanislawski öffentlich wegen einer angeblich fehlenden Linie anzählte. Vor einem der wichtigsten Spiele der Clubgeschichte! Zu dem bei knackigem Frost offiziell nur 14.000 Zuschauer kamen (Beobachter sprachen von maximal 10.000 Besuchern), von denen 4.000 bis 5.000 den Fürther Gästen zugeneigt waren. Noch mal: Platz 8 in der Liga und DFB-Pokal-Viertelfinale und die Stimmung ist am komplett entgegengesetzten Ende von Euphorie. Unglaublich eigentlich.

Das Projekt Hoffenheim wirkt ein wenig, als steckte es in der Sackgasse. Was ein Irrglaube sein könnte, denn dank immenser Investitionen in die Vereinsinfrastruktur (Stadion, Trainingszentrum, Jugend) kann die TSG sportlich ganz optimistisch in die Zukunft gucken. Strategisch und imagetechnisch macht man hingegen (mal sogar von der Schallattacke und ihrer absurden Nichtbestrafung durch den DFB abgesehen) trotzdem so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann, denn wenn man an Hoffenheim denkt, dann fällt einem wohl nur Rangnick (früher) und ansonsten Chaos und Tristesse ein. Ein Bild zu dem Dietmar Hopp das seinige beiträgt.

Man kann RB Leipzig auf vielen Ebenen schwerlich mit Hoffenheim vergleichen. Innenstadtstadion vs. Stadion an der Autobahn. Stadt mit sogar Europapokalhistorie vs. Region ohne ganz große Fußballvergangenheit. Vom Zuzug geprägte, (für ostdeutsche Verhältnisse) relativ junge Großstadt vs. ländliche Region. Red Bull als Unternehmenspendant zum Sportverein vs. klassisches Mäzenentum. Es gibt letztlich viel trennendes, aber eben auch das verbindende, nämlich den Versuch, einen Verein relativ aus dem Nichts in das fußballerische Rampenlicht bringen zu wollen. Und zwei Männer, die über allem stehen und in letzter Konsequenz die Entscheidungen treffen. Weswegen ich glaube, dass man bei RB Leipzig von dem, was in Hoffenheim passiert, durchaus das eine oder andere lernen könnte.

Dietmar Hopp und Dietrich Mateschitz sind natürlich (wenn auch nicht formal) direkte Angriffe auf die 50+1-Regel. Sie sind es, die das Geld geben und sie sind es, ohne die die ganz grundsätzlichen Entscheidungen nicht getroffen werden. Was viele als direkten Verstoß gegen die Unabhängigkeit der Sportvereine sehen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich einen entsprechenden Aufschrei vermisst habe, als Geldgeber Putin (Gazprom) bei ’seinem‘ Schalke 04 angerufen und den Aufsichtsratsvorsitzenden Tönnies veranlasst hat, den schon feststehenden Abgang Neuer mit seinem Geld doch noch zum Bleiben zu überreden, also ein Sponsor direkt in die sportlichen Entscheidungen des Vereins eingriff (und Rücksicht auf die Geldgeber wie auch in Liverpool rund um Suárez [broken Link], wenn auch meist auf subtilerer Ebene, gang und gäbe sein dürfte), ist es mir in letzter Konsequenz egal, wie die Entscheidungswege in Profifußballclubs sind, da es entscheidend ist, welche Entscheidungen getroffen werden und nicht, wer zum (sowieso eingeschränkten) entscheidungsfindenden Personenkreis gehört.

Das Problem am Prinzip Hopp und Mateschitz tritt vor allem dann auf, wenn sich der sportliche Erfolg nicht in einem aus dem eigenen Wirtschaftsleben (und schwerlich gen Fußball zu verpflanzenden) bekannten Zeitrahmen einstellt. Misserfolg heißt Kurswechsel (und Misserfolg ist hier meist recht eng definiert), vor allem personeller. Bei der Art der Strategie ist es klar, dass relativ häufig kein Stein auf dem anderen bleibt. Was dazu führt, dass die Vereine zwar ein Erfolgsprinzip haben, aber leider keine Gesichter mehr, die dafür einstehen, die quasi über Erfolg und Misserfolg hinweg Imageträger für den Verein sind.

Was dummerweise offenbar auch dazu führt, dass bei sportlichem Misserfolg die Zuschauer genauso schnell wieder weg sind, wie sie einst kamen. Wobei man dies für RB Leipzig nach reichlich zwei Jahren noch nicht ernsthaft prognostizieren kann. Aber die Erfahrungen bei Red Bull Salzburg mit den dortigen permanenten Personalwechseln und einem eher sinkenden Zuschauerinteresse mögen da erste Indizien sein. Klar und sowieso, die Entwicklung einer Fankultur, einer beständigeren als einer, die auf Erfolg und Misserfolg baut, braucht Zeit. Mehr Zeit als sie Hoffenheim seit 2006 mit seinem fast schon zu rasanten Durchmarsch aus Liga 3 in Liga 1 hatte. Vielleicht ist da der Weg von RB Leipzig aus Liga 5 nach oben fast schon der günstigere, weil die Anhängerschaft in einem frühen Stadium Zeit hat, sich zu finden und eine eigene Kultur auzubilden.

Der angenehme Unterschied zwischen (den öffentlichen Personen) Mateschitz und Hopp besteht darin, dass ersterer im Gegensatz zu zweiterem nicht jeden Pups, der querliegt, via Presse verbreiten muss. Ganz im Gegenteil, Mateschitz‘ öffentliche Auftritte sind rar und beinhalten, soweit ich das sehen kann, keinerlei Demontagen des handelnden Fußballpersonals. Es gibt Ziele und Vorgaben, aber es gibt für das handelnde Personal innerhalb dieser Vorgaben auch einen ziemlich Freiraum, was die eigenen Entscheidungen in Bezug auf den Weg zum Ziel angeht. Bei Dietmar Hopp scheint dies, betrachtet man das, was er in der Öffentlichkeit sagt, etwas anders zu sein.

Trotzdem bleibt trotz dieser Differenz das skizzierte Grundproblem, dass hinter dem Ziel der puren Erfolgsmaximierung (und vor allem auch durch das zumindest implizite Erfolgsversprechen!) die Identitätsbildung des Vereins in Rückstand gerät. Permanenter Austausch beteiligter Personen (und damit vorhandener Narrationen) führt zur permanenten Neuerfindung, die auch permanent Zerstörung von langsam wachsenden Fankonstrukten bedeutet. Das kann man – behaupte ich – in Hoffenheim gut beobachten und eben daraus könnte man auch lernen. Nämlich lernen, dass Vereine personelle Anker brauchen. Aushängeschilder. Leute, die auch bleiben, wenn bspw. ein Pacult mal wieder weg ist. Leute, die eben nicht Mateschitz heißen, sondern direkt mit dem sportlichen Teil des Vereins zu tun haben bzw. aus diesem kommen. Das Prinzip Mateschitz/ Red Bull steht dem in gewissem Maße im Wege und doch täte es gut daran, aus Hoffenheim zu lernen, dass Konstanz für Außendarstellung, Image und interne Identität ein unerlässlicher Faktor ist. Was gar nicht Konstanz auf allen Positionen und um jeden Preis bedeuten muss.

Es ist wie gesagt viel zu früh, endgültige (negative) Urteile fällen zu wollen. Gerade aus dem Bereich der Jugendarbeit kann sowohl in Leipzig als auchn in Hoffenheim noch ziemlich viel an Konstanz und somit an Identifikation mit dem Verein wachsen. Und auch fankulturell bestehen alle Optionen, sich eigenständig zu entwickeln (wobei dies in einem Verein wie RB Leipzig mit seinen Kommunikationszielen [Rote Bullen] durchaus auch schwierig ist). Trotzdem, das Beispiel Hoffenheim zeigt, dass Euphorie um den fußballerischen Aufstieg in den anschließenden Mühen der Ebene ziemlich schnell wie eine Seifenblase zerplatzen kann. Woraus man als Leipziger Verein, der in einigen strukturellen Gegebenheiten ähnlich agiert, durchaus lernen könnte.

PS: Bei spielverlagerung.de gibt es (trotz irreführender Überschrift) einen insgesamt recht guten Überblick über die Geschichte und den aktuellen Stand der TSG Hoffenheim mit einer mindestens ebenso interessanten erwidernder Ergänzung in den Kommentaren.

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2 Gedanken zu „Von Hoffenheim lernen, hieße zumindest lernen“

  1. Ich kann dich beruhigen, der Putin befindet sich gar nicht in der Position bei Schalke etwas zu veranlassen. Denn soviel Einfluß hat Gazprom nun auch wieder nicht.
    Und am Ende ging es ja schließlich auch nicht mehr nur ums Geld.

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