Crunchtime

Ich persönlich verbinde mit dem Halleschen FC (noch) keine besondere Rivalität. Die bisherigen zwei Duelle zwischen RB Leipzig und dem HFC verliefen eher unspektakulär (0:0, 2:0), sportlich und medial-verbal. Kein Vergleich zu den letztjährigen drei intensiven Duellen mit dem Chemnitzer FC. Der besondere Reiz des morgigen Aufeinandertreffens resultiert daher vor allem aus der Tabellensituation, also daraus, dass zwei der verbliebenen drei Aufstiegskandidaten im direkten Duell aufeinandertreffen:

  • RB Leipzig: 39 Punkte, +24 Tore
  • Holstein Kiel: 37 Punkte, +27 Tore
  • Hallescher FC: 35 Punkte, +14 Tore

Danach kommt erst mal nichts und dann noch mal nichts und dann der TSV Havelse(!) mit 12 Punkten Rückstand auf den HFC. Havelse hat dann selbst allerdings nur neun Punkte Vorsprung auf den 18. und letzten Platz, den Energie Cottbus II einnimmt. Eine verrückte Liga, in der ziemlich exakt das eingetreten ist, was die Pessimisten schon vor der Saison, in der es keinen Absteiger gibt, erwartet haben, nämlich dass sich ein paar Aufstiegskandidaten herausschälen, die ihren eigenen Wettbewerb ausspielen, dem der Rest mehr oder weniger wohlwollend, aber ohne eigene Ziele zuschaut.

In dieser sehr speziellen Situation (an etwas ansatzweise ähnliches kann ich mich jedenfalls nicht erinnern) ist die Formel für den Aufstieg einfach: Man lasse gegen die 15 Restmannschaften nicht allzu viele Punkte liegen und entscheide die Topduelle für sich. Schon dies macht das Duell mit dem HFC für RB Leipzig so unheimlich wichtig.

Für den HFC ist das Spiel in Leipzig zusammen mit dem folgenden Auswärtsspiel bei Holstein Kiel bereits vorentscheidend. Verlieren sie beide sind sie fast schon raus aus dem Aufstiegsrennen mit dann bis zu 10 Punkten Rückstand bei 16 verbleibenden Spielen. Angesichts der speziellen Ligakonstellation, in der die Kontrahenten aus Leipzig und Kiel in den Partien gegen den Rest der Liga kaum sonderlich viele Punkte liegen lassen werden, ein sehr wahrscheinlich unaufholbarer Rückstand.

Für RB Leipzig ist das Duell gegen den HFC im Umkehrschluss die erste Chance, einen direkten Konkurrenten im Aufstiegskampf ziemlich direkt zu distanzieren, die Herbstmeisterschaft einzusacken und sich eine gute Ausgangsposition für die schon nächste Woche beginnende Rückrunde zu verschaffen. Was sicherlich nicht einfach wird gegen die seit Jahren defensiv sehr gut organisierten Hallenser.

Organisiert wird das Team nun schon seit 2007 von Sven Köhler, der im ersten Jahr Halle in die Regionalliga führte, im zweiten nur knapp gegen Holstein Kiel den Aufstieg in die dritte Liga verpasste und in den letzten zwei Jahren in der Regionalliga sportlich nicht mehr ganz oben anklopfen konnte (Platz 4 und Platz 5). War man in den ersten beiden Jahren noch jeweils das defensivstärkste Team, kassierte man insbesondere im letzten Jahr vergleichsweise viele Gegentreffer (21, 20, 25, 34). In dieser Saison ist Halle wieder das bekannt defensivstarke Team, für das die Köhlersche Fußballphilosophie (die ein wenig an Dirk Heyne erinnert) steht und folgerichtig ganz oben dabei. Schwer zu knacken, schwer zu bespielen, typisch unangenehmer Gegner.

Auf der anderen Seite steht, dass Halle derzeit nur halb so viel Tore geschossen hat wie Ligaoffensivkrösus Holstein Kiel (22 vs. 43). Die mit viel Hoffnungen verpflichtete Sturmspitze Andis Shala steht derzeit beispielsweise bei gerade einmal drei Treffern. Sicherlich hätte Shala in einem System wie dem der RasenBallsportler schon ein paar mehr Erfolgserlebnisse verzeichnet, andererseits braucht eine defensiv hervorragend organisierte Mannschaft auch die ein, zwei Ausnahmekönner im Vorwärtsgang, die das gewinnbringend veredeln. Andis Shala scheint diese Rolle aber nicht spielen zu können bzw. kommt aus der Mannschaft heraus offenbar zu wenig direkte Torgefahr. Mal gucken, wie das live aussieht.

Wie das bei RB Leipzig live aussieht, weiß man inzwischen schon. Der Versuch besteht darin, vor allem auch über die Flügel die gegnerische Defensive zu knacken. Röttger, Rockenbach, Heidinger und Kammlott heißen die damit verbundenen Kandidaten. Ich könnte mir vorstellen (unter der Voraussetzung, dass Pacult wieder auf ein 4-4-2 setzt), dass unter den Eindrücken der letzten Wochen diesmal die Wahl auf Heidinger und Röttger als Außenspieler fällt. Das ganze könnte dann so aussehen: Borel – Müller, Ernst (Hoffmann), Franke, Kocin – Schulz, Rost (Geißler) – Röttger (Heidinger), Heidinger (Rockenbach) – Kutschke (Kammlott), Frahn. Immer wieder erstaunlich, was man beim Aufstellungsbasteln für hochklassige Alternativen in die Klammern schieben kann..

Sei es drum, die Ausgangslage ist klar. Der Hallesche FC darf auf keinen Fall verlieren, RB Leipzig täte sehr gut daran zu gewinnen. Die besten Chancen darauf hätte man, wenn man sich nicht irgendein dusseliges Tor durch Konter oder Standard einschenken ließe und einem Rückstand hinterher rennen müsste. Wird wohl nicht unbedingt eine Veranstaltung für Fußballästheten, eher eine in der letztlich der Wille entscheidend sein wird. Macht mir persönlich nichts aus, da solche Spitzenspiele eh von ihrer Intensität leben und die eine oder andere Unzulänglichkeit angesichts der Aufregung und des Drumherums nicht die große Rolle spielt.

Letztlich ist alles angerichtet für ein Fußballfest. Im Vorverkauf gingen bereits 7.000 Tickets weg [Update: 9.000 [broken Link]]. Falls diese Zahl nur über die in Leipzig verkauften Tickets Auskunft gibt, dann könnten tatsächlich bis zu 20.000 Zuschauer kommen. Falls da das Gästekontingent schon mitgerechnet wurde, dann läuft es eher auf 15.000 Besucher hinaus. In jedem Fall wird es eine spektakuläre Viertliga-Kulisse und Gänsehaut-Atmosphäre. Passend zur sportlichen Crunchtime. Anstecken lassen, mitfiebern und jede Sekunde genießen. Großartig.

PS: Wer es nicht nach Leipzig schafft und trotzdem mitfiebern will, der nimmt morgen ab 13.30 Uhr einfach den MDR-Livestream (broken Link).

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