Regionalliga: RB Leipzig vs. Hannover 96 II 4:0

Ganz subjektiv bin ich kein großer Fan von Freikarten-Aktionen bei Pflichtspielen(!). Ich empfinde das Zuschauerwachstum und die daraus resultierenden Atmosphäre in der Red Bull Arena als angenehm, sodass mir 6.000 Zuschauer, die aus völlig eigenem Antrieb gegen Hannover 96 II ihre Mannschaft unterstützen, völlig ausgereicht hätten. Ein Regionalliga-Pflichtspiel mit 10.000 Freikarten zu bewerben, hat für mich ein wenig den Beigeschmack das ganze wie ein Freundschaftsspiel nicht so richtig ernstzunehmen. Mein schwer begründbares, subjektives Gefühl.

Objektiv gesehen war die Freikarten-Aktion sinnig und zudem ein voller Erfolg. Mehr als 14.000 Zuschauer, von denen etwa 8.000 Zuschauer mit (oder wegen der) Freikarten gekommen sein mögen bzw. ihren befreikarteten Spross (die Tickets gingen ja an Schulen und Kindergärten) begleitet haben, ein Spiel nach dem der eine oder andere (auch kleine) Besucher sicherlich wiederkommen wird (vielleicht schon gegen Holstein Kiel am Sonntag?) und eine tatsächlich stimmungsvolle, wenngleich auch nicht euphorische Stimmung auf den Rängen. Macht halt einen Unterschied, wenn beide Haupttribünen sehr gut gefüllt sind.

Man kann es drehen und wenden wie man will (selbst ich mit meiner diffusen, leichten Ablehnung), aber RB Leipzig hat unter den gegebenen Bedingungen alles richtig gemacht. Man hat ein Stadion mit vielen, vielen leeren Plätzen, man möchte gerne auch den geneigten Noch-Nicht-Besucher ins Stadion locken und für RB begeistern und man hat die nötige Wirtschaftskraft, um es zu verkraften, dass selbst bei 14.000 Zuschauern die Tageskassen kaum genutzt werden (weil davor Leute stehen, die noch Freikarten über haben) und man an den Verband nun Gebühren für einen 14.000er-Besuch zahlen muss statt für einen 6.000er. Einziger Wemutstropfen der Aktion, dass der eigentliche Fanblock im Sektor B im Vergleich zu anderen Spielen leer wirkte. Lag aber vielleicht auch nur daran, dass die anderen Blöcke so gut gefüllt waren.

Sportlicherseits hatte das Spiel auch einiges zu bieten. Der erste Heimsieg seit Ende August(!) nach vier vergeblichen Anläufen (inklusive DFB-Pokal), gleich zwei Tore auf das Fanblock-Tor, das in der bisherigen Saison noch komplett leer ausgegangen war und der zweite absolut souveräne Erfolg in Serie. RB Leipzig damit in den letzten 2 Spielen mit sieben Toren. Was eins mehr ist als man vorher in sechs Partien (wieder inklusive DFB-Pokal) zusammen erzielte. Der Knoten scheint geplatzt. Was angesichts der am kommenden Sonntag wartenden Aufgabe gegen Tabellenführer Holstein Kiel ein guter Moment sein könnte..

Es war beim Sieg von RB Leipzig sicher nicht alles Gold was glänzt, aber es war routinierter Regionalliga-Fußball, bei dem man immer wieder einen besonderen, kreativen Moment einstreute, zum richtigen Zeitpunkt die Tore machte, auch mal ein einfaches Tor nach einem Standard erzielte und auf einen Gegner traf, der wenn er denn mal aussichtsreich vors Tor kam, ziemlich harmlos blieb. Zwei hochkarätige Chancen vor dem Seitenwechsel boten den Gästen die Chance im Spiel zu bleiben. Mit Stefan Kutschkes 3:0 sehr kurz nach der Pause war die Partie gegessen und man konnte sich entspannt zurücklehnen und den restlichen Fußball-Tag unaufgeregt an sich vorbeigleiten lassen. Was vor allem in den letzten 20 Minuten als die RasenBallsportler noch mal dazu übergingen, ein paar wirklich hübsch anzusehende Kombinationen aufs Grün zu legen, auch sehr viel Spaß machte.

Komisch aber die Phase zwischen dem 3:0 und der 70. Minute als man auf Seiten von RB Leipzig gegen einen jederzeit willigen Gegner völlig unnötig Unruhe einziehen ließ. Rosts gelbe Karte als er 20 Meter in der gegnerischen Hälfte den Gegner einfach umgrätschte, war doof. Die mit (dunkel)gelb bedachten Rettungsaktionen vom Fast-Letzten-Mann Franke und vom überlaufenen Linksverteidiger Kocin waren sicherlich Folge eines nicht mehr zu 100% konzentrierten Stellungsspiels. Überhaupt zeigten die Hannoveraner in Ansätzen, nämlich dann wenn sie mit Geschwindigkeit über die Flügel kamen, wie RB Leipzig hinten ins Wanken zu bringen ist. Hoffentlich kein schlechts Omen für das Spiel gegen die (zumindest letztes Jahr) schnellen und konterstarken Kieler.

Fazit: Es war nicht ubedingt berauschend das Spiel von RB Leipzig, aber absolut überzeugend und souverän. Sehr guter, zielführender Regionalliga-Fußball mit viel Biss, aber auch dem nötigen Esprit. Behält man diesen Kurs bei, könnten die nächsten Wochen sehr erfolgreiche Wochen werden. Sogar in Heimspielen und vielleicht ja sogar mal dann und wann mit ein bisschen Rausch. Am besten gleich gegen Kiel..

Randbemerkung 1: Das Tor von Sebastian Heidinger zum 4:0 kurz vor Schluss hatte eigentlich keine Bedeutung mehr, weil zu dem Zeitpunkt das Spiel eh schon lange entschieden war. Das war dem Torschützen und auch weiten Teilen der Mannschaft aber egal, denn alle zusammen freuten sie sich überschwänglich über den Treffer. Heidinger, der mit seiner Bankposition nicht übermäßig zufrieden sein dürfte, weil er vielleicht den platzenden Knoten erahnt. Und die Mannschaft offenbar, weil sie sich für den vielleicht geplatzten Heidinger-Knoten freut. Fand ich eine sehr sympathische Szene. Bei Heidinger übrigens sah es so aus als wäre ihm kurz vor dem Tor das Herz in die Hose gerutscht, als Paul Schinke zur Einwechslung bereit stand und Peter Pacult Heidinger (gerade mal 10 Minuten im Spiel) quer über das Feld zu verstehen gab, dass er zu ihm kommen möge. Ein in die Luft geworfener Ball und ein paar Sekunden später trabte aber Timo Röttger zur Auswechslung und Heidinger wechselte nur auf die rechte Außenbahn, weil er fortan dort spielen (und sein Tor erzielen) sollte und nicht mehr links. Für einen Moment sah es aber so aus, als dächte Heidinger, dass ihn der Auswechslungsbannstrahl treffen solle.

Randbemerkung 2: Überhaupt die Auswechslungen. Rockenbach durfte wohl aufgrund eines eher unterdurchschnittlichen Auftritts frühzeitig duschen. Was eine wenig aufregende Auswechslung war. Die anderen beiden ließen Platz zur Spekulation. Tom Geißler wurde als Ersatz für Timo Rost herbeigerufen just nachdem Rost sein völlig überflüssiges Gelb-Foul in des Gegners Hälfte begangen hatte (siehe oben). Und Paul Schinke bekam seinen Einsatzaufruf für Timo Röttger direkt nachdem Röttger nach einem verlorenen Ball an der gegnerischen Eckfahne keinen Grund sah (oder keine Kraft mehr hatte), sich schnellstmöglich Richtung Abwehrposition zu begeben. Entweder waren die Auswechslungen Zufall oder Pacult stand gestern auf ganz schnelles Reagieren auf Sachen, die ihm missfielen.

Randbemerkung 3: Timo Röttger noch einmal. Der wurde bei seiner Auswechslung (auffällig vor allem im Vergleich mit den anderen Ausgewechselten) fast schon frenetisch gefeiert. Was jetzt in Bezug auf das Spiel gegen Hannover 96 II leicht überzogen war, in Bezug auf die Gesamtsaison aber absolut gerechtfertigt. Timo Röttger macht im Spiel von RB Leipzig oft den Unterschied (bereitete auch das 1:0 mit vor), ist eine auffällige Spielerpersönlichkeit und scheint sich bei den Zuschauern ein wenig den Top-Star-Bonus erkämpft zu haben. Womit er mir der erste wahrhaftige Star bei RB Leipzig zu sein scheint.

Randbemerkung 4: Stefan Kutschke stand vor dem Spiel bei vier gelben Karten. Eine noch und er wäre für das Top-Spiel gegen Kiel gesperrt gewesen. Eigentlich tat er alles dafür. Hier noch ein Rempler, da noch mal dem Gegner auf den Fuß getreten und dann noch mal dem Linienrichter Bescheid geben. Stefan Kutschke darf sich beim Schieri bedanken, dass er weiterhin die Chance hat, gegen Kiel aufzulaufen. Man muss Kutschke wohl nehmen wie er ist, seine emotional-kämpferische, immer auch verwarnungswürdige Spielweise ist seine Art und insgesamt gesehen wohl auch sein Plus.

Randbemerkung 5: Akkustik. Muss ich dazu noch was sagen? Ist es langweilig, immer wieder über dasselben zu schimpfen? Diesmal war die Akkustik auch in Block A mies. Man kann Halbzeit-Interviews führen wie man will. Wenn sie beim geneigten Zuschauer nicht ankommen, ist es albern. Hoch drei.

Randbemerkung 6: Der Fanblock auch mal wieder. Von weit weg beobachtet. Mit einer ganz neuen Variante. In der Mitte Richtung links das, was man als die offizielle Fanclub-Fraktion bezeichnen würde (L.E. Bulls und Bulls Club), rechts etwas abseits die eher unabhängige, ultraaffine Fan-Fraktion mit ihren Fahnen und Hang zum Rasenballismus. Sah nicht so aus als hätte dies stimmungstechnisch-pragmatische Gründe. Sah eher so aus als würde sich hier eine inhaltliche Spaltung auch optisch manifestieren. Was vor allem darin deutlich wurde, dass man stellenweise (gleichzeitig!) unterschiedliche Sachen rief. Ich war von der Idee des Rasenballismus nie überzeugt, aber ich finde diese (vermutete) Trennung der Fangruppen, bei der die unabhängigen Gruppen als zahlenmäßig unterlegene eher schlecht aussehen, nicht sonderlich gut, weil damit auch ein interner Reibe- und Kritikpunkt wegfiele (wie gesagt ich teile die Ansichten nicht wirklich, finde es aber eigentlich gut und sympathisch, dass es unterschiedliche Ansichten gibt). Hier zeichnet sich wohl ein negativer Nebeneffekt der Homogenisierung der Fanszene bei RB Leipzig ab.

Licht- und Schattenblicke:

  • Insgesamt eine kompakte und überzeugende Mannschaftsleistung. Wenn man mäkeln will, dann fielen Thiago Rockenbach und Timo Rost ein wenig ab. Ersterer mit vielen Stock-Fehlern und Fehlpässen, zweiterer mit zu viel Gemotze, unnötigen Fouls und verlorenen Zweikämpfen. Aber man soll ja nicht immer meckern..

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Tore: 1:0 Frahn (13.), 2:0 Franke (30.), 3:0 Kutschke (47.), 4:0 Heidinger (81.)

Aufstellung: Borel – Müller, Ernst, Franke, Kocin – Röttger (80. Schinke), Schulz, Rost (68. Geißler), Rockenbach (60. Heidinger) – Kutschke, Frahn

Zuschauer: 14.248

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], H96-Bericht [broken Link]

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7 Gedanken zu „Regionalliga: RB Leipzig vs. Hannover 96 II 4:0“

  1. Ich hatte mich schon schwer gewundert, als in den Spielberichten von mehr als 14000 Zuschauern (gegen eine Reserve!) die Rede war und es zuerst auf Post-Pokal-Euphorie zurückgeführt, auch wenn es mir nicht recht plausibel erschien. Die Freikarten sind also die Erklärung.

  2. Das mit Heidinger hab ich auch so gesehen. Auch sein schleichender Trapp Richtung Bank wirkte für mich, wie die schleichende Gewissheit, dass man ausgewechselt wird.
    Will nicht wissen wie da der Puls gewesen war 😀

    Ich will noch Borel und Schulz erwähnen, die ja doch immer wieder kritisch gesehen wurden. Borel hatte wirklich einen guten Tag, sehr solide. Und die Rettungstaten (Latte und Doppelchance gefühlte 10cm vor dem Tor) waren auch ein Grund für das zu Null.
    Schulz hat heute – finde ich – gute Arbeit abgeliefert. Nicht immer perfekt, aber seine Einleitung zum 1:0 war sehenswert.

    Freu mich auf Kiel und deine immer lesenswerte Berichte dazu 🙂

  3. Vom Block b aus sah es Doch ein wenig anders aus: dass der Fanblock diesmal nicht so voll war, wunderte mich auch. Aber direkt vor der b. Kasse wurden mir c. Freikarten angeboten, ich wollte aber lieber mit dem Kindern zu b auch wenn es dann nicht umsonst war. Die erstmalige Teilung derFanclubs erstaunte mich ebenso. Aber die offiziellen haben den unabhängigen in der Pause und hinterher durchaus für ihren Support applaudiert. Und die großen Fanclubs singen auch rasenballlieder, nehmen also den red bull ukas vom Unwort Rasenball auch nicht ernst. Für mich sind das also eher Altersfragen. Für meine Generation sind die l.e. Bulls, für meine Kinder die unabhängigen…

  4. Danke für den in allen Punkten zutreffenden Beitrag.

    Zum Thema Akustik:
    Es liegt auch an der Interviewführung. Viel zu schnell, zu komplizierte Sprache, undeutlich.
    Trauert eigentlich noch jemand dem einfachen: Danke! Bitte! nach?
    Das war doch schön, in Meuselwitz: „Wir haben einen neuen Spielstand: …“

    1. Da inzwischen ziemlich klar ist, das Tim Thoelke in diesem Kontext immer Dankeschön! sagt, halte ich es durchaus für erlernbar mit Bitteschön! zu antworten. Auch wenn die Bedankung in anderen Stadien etwas kürzer ausfällt ist.

  5. A propos Schulz: Lichtblicke wie bei der Vorlage auf Röttger, die zum 1:0 führte sind leider bei ihm viel zu selten. Bleibt es bei dieser Form würde ich lieber Geißler von Beginn an sehen. Bei fast jedem Kopfball habe ich den Eindruck, das er sich die Kraft zum Hochsteigen auch sparen kann. Das ist immer wieder ein Lehrbeispiel für ganz schlechtestes Timing. Leider.

  6. …wir haben diesmal auch im Block C gesessen und nicht im A wie sonst – 3 Freikarten macht 30,- gespart… und der erste Stadionbesuch unseres Kurzen (5 Jahre)… war wirklich eher ein Familien/Kinderblock, aber beim „RBL“ Ruf nicht leiser als die Haupttribüne… 🙂
    …freue mich auf Kiel – die Wochen der Wahrheit brechen an…

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