„Eure Meinung ist uns scheißegal“

Es war kein wirklich überraschender, aber trotzdem ein erstaunlicher Vorgang, dass insgesamt 600 Anhänger des Leipziger RasenBallsports ihren Verein mit zum Auswärtsspiel nach Meuselwitz begleiteten. Nicht wirklich überraschend, weil man in der beginnenden Saison bereits erkennen konnte, dass das Interesse an RB Leipzig im Vergleich zum Vorjahr noch einmal gewachsen ist. Erstaunlich trotzdem, weil 600 Menschen, die RB zu einem Auswärtsspiel begleiten ganz und gar nicht die Regel sind.

Es scheint ein bisschen als hätten die drei Highlights der letzten Monate mit dem gewonnen Sachsenpokal-Finale gegen den Chemnitzer FC und den DFB-Pokal-Festen gegen Wolfsburg und gegen Augsburg zu einer Art Selbstversicherung geführt, dass man nicht total behämmert ist, nur weil man RB Leipzig die Daumen drückt. Ganz im Gegenteil scheint man sich in diesen Spielen eher gegenseitig bestätigt zu haben, dass Fußball und RB Leipzig gucken in der Schüssel alias Zentralstadion alias Red Bull Arena einfach Spaß macht und dass dies einer ganzen Reihe anderer Leipziger oder Ex-Leipziger oder Neu-Leipziger oder Umland-Leipziger genauso geht.

Was bedeuten würde, dass das ureigene Konzept bei RB Leipzig, sich ausschließlich dem sportlichen zu widmen, als Angebot angenommen und akzeptiert wird. Es ist tatsächlich keine jugendliche Event-Fan-Kultur, die da tobt. Der kleine Kern schwarzbekleideter Jugendlicher und Spätjugendlicher ging in Meuselwitz beispielsweise unter gegenüber dem Rest der Reisenden, die bei einem Durchschnittsalter von vielleicht irgendwas knapp unterhalb der 40 einen sehr ungewohnten Anblick boten und selbst den wachhabenden Ordnungsdienstler bei der Einlasskontrolle zur Bemerkung verleitete, dass heute wohl sowieso nichts relevantes in den Block geschmuggelt würde.

Es hat im Umfeld von RB Leipzig aus meiner Sicht in den letzten drei bis vier Monaten etwas stattgefunden, was man als Wachsen einer Identität beschreiben könnte. Nicht nur, dass der Kern der RB-Anhänger noch einmal sichtlich gewachsen ist, wie auch die Tatsache beweist, dass im letzten Oktober zum Spitzenspiel gegen Wolfsburg II gerade einmal 3.600 Zuschauer kamen und in diesem Oktober zum Allerweltsspiel gegen St. Pauli II 4.500, es scheint zudem so, als würde neben der Heterogenität auf individueller Ebene auch so etwas wie eine Gruppenidentität entstehen, die in Bezug auf den sportlichen Gegenstand RB Leipzig ziemlich homogen ist.

Dass sich so etwas wie eine vereinsbezogene Fan-Identität zunächst einmal mit Bezug auf den puren Sport (Spieler, Trainer, Mannschaft) entwickelt, überrascht nicht und entspricht weitgehend dem, was der Verein an identitätsstiftendem Angebot macht. Vereine sind aber darüber hinaus meist noch ein Stück x. Irgendein spezifischer Kolorit, der irgendwann entstanden ist und sich keiner mehr so richtig erinnern kann wann, aber jeder weiß, dass man ihn bewahren muss.

Über die sportliche Seite hinausgehende Identifikationsangebote sind bei RB Leipzig von offizieller Seite rar, sieht man mal vom Versuch, den Begriff „Die Roten Bullen“ bis zum Erbrechen durch alle Kommunikationskanäle zu prügeln und vom gut zum jahrelang gepflegten, latenten Leipziger Fußball-Größenwahn passenden Ziel Champions League ab. Was dann meistens der Moment ist, wo die Identitätsstiftung eben einen anderen Weg nimmt:

Euer Neid ist unser Stolz. (Banner als Teil der Choreographie vor dem Spiel gegen Augsburg)

Eure Meinung ist uns scheißegal. (Teile der Gäste beim Spiel in Meuselwitz als Reaktion auf Red-Bull-Schweine-Gesänge der Gastgeber)

Vielleicht ist das alles etwas überinterpretiert, aber ich würde behaupten, dass in der Ablehnung von Außen die Gruppenkonstruktion bei RB Leipzig noch einmal beschleunigt wurde. Wir und ihr. Was in den vergangenen zwei Jahren von Außen oft als Kritik, Ablehnung oder Hass an das Umfeld herangetragen wurde, also die Tatsache, dass viele (bzw. jene, die laut sind) ihre Distanzierung vom Leipziger „Konsumenten“publikum formulierten, wird nun offenbar im positiven Selbstbezug gewendet, was im Endeffekt zu einer Konstitution des Wir ausgehend von der Ausgrenzung durch die Anderen führt. Man könnte es auch die positiv gemeinte Affirmation der zugeschriebenen Rolle nennen.

Ganz so wie die Paulianer, die lauthals „Wir sind Zecken, asoziale Zecken“ singen und damit einen Gegenpol zu jenen setzen, die Zecke ehemals als Schimpfwort benutzten, scheint man bei RB Leipzig dazu überzugehen, gegen Beschimpfungen und Ablehnungen und im Wissen um die Freude am eigenen fußballbezogenen Fan-Dasein ein selbstbewusstes ‚Mir doch egal, was ihr denkt. Ich bin was ich bin und habe Spaß daran.‘ zu setzen. Eine Ironie der Geschichte, dass jene, die offenbar mit Anti-Red-Bull-Banner-Generatoren, durch die Lande reisen und mittels dieser immer neue Banner basteln, die möglichst die Worte Kommerz, Projekt, gegen den modernen Fußball oder auch seit neuestem Augsburg enthalten, mit dafür verantwortlich sind, dass das Objekt ihrer Ablehnung eine ganz eigene Identität ausbildet.

Wenn man genau ist, ist der Satz ‚Euer Neid ist unser Stolz‘ natürlich falsch, denn kaum einer, der RB Leipzig ablehnt, tut dies, weil er neidisch ist, würde ich behaupten. Richtig müsste man wahrscheinlich „Eure Ablehnung ist unsere Stärke“ formulieren. Das permanente Gerausche und Geplapper über leidenschaftslose Event-Fans, über freikartenbefüllte Publikumsstatistiken (die Ausnahme [broken Link] stellt da tatsächlich das Spiel gegen Hannover am Sonntag dar), über das Ende der Fußballkultur und über satte, geldgierige Profis im RB-Vorruhestand hat den angenehmen Nebeneffekt, dass sich dies spätestens dann entlarvt, wenn 30.000 Zuschauer einen vermeintlichen Underdog in den letzten 10 Minuten eines Pokalspiels stehend zum Sieg treiben wollen. Spätestens dann wissen zumindest diese 30.000 um die Kraft der ganz eigenen Erfahrungswelt, die der Projektion von Außen entgegensteht.

Mag sein, dass dem durchschnittlichen RB-Zuschauer die Organisationsstruktur bei RB Leipzig nicht ausreichend präsent oder sogar egal ist (was ihn vermutlich mit 80-90% aller Fußball-Anhänger verbindet). Dafür hat auch der durchschnittliche RB-Zuschauer mehr als genug Liebe zum Sport und zum Spiel und mehr als genug Spaß am konkreten Erleben bei RB Leipzig, sodass die Ablehnung seiner Spezies Fan von Außen zu seinem gruppenbildenden Faustpfand nach innen wird. Mir persönlich kommen die Begriffe „wir“ oder „ihr“ oder „Stolz“ nicht so leicht von der Zunge, wie der geneigte, regelmäßige Besucher hier im Blog sicherlich weiß oder ahnt. Aber spannend ist es schon, wie sich eine vereinsbezogene Gruppenidentität bei einem Verein herausbildet, der außer „Roten Bullen“ nicht sonderlich viel im kreativen Identitätsköcher zu stecken hat. Noch viel spannender, dass das ganze so wie in Meuselwitz sympathisch und gelegentlich sogar selbstironisch ist, sprich alles in allem ziemlich viel Spaß macht. Willkommen im Reich der Fans des Kommerz-Fußballs.

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2 Gedanken zu „„Eure Meinung ist uns scheißegal““

  1. WOW! Super geschrieben ( wie eigentlich immer ). Die „Analyse“ geh ich zu 100% mit, in meinem von LOK und Chemie-Anhängern geprägten Freundeskreis kann ich definitv die Abgrenzung durch Ablehnung und dadurch die Stärkung des Gruppenbewusstseins der RBler erkennen!

    Danke!

  2. Ja, das war damals schon richtig geil:)
    Es ist schon Wahnsinn wie sich das ganze entwickelt hat.

    Aber auch dies hat sich entwickelt:

    „Der kleine Kern schwarzbekleideter Jugendlicher und Spätjugendlicher ging in Meuselwitz beispielsweise unter…“

    …nun ist aus diesem Kern eine reife Frucht geworden, welche sich in meinen Augen manchmal einfach zu wichtig sieht…

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