RB Leipzig und das ostdeutsche Fußball-Leben

Vor dem Pokalspiel Erzgebirge Aue gegen den  1.FC Nürnberg war es, als die Clubfans United den Aue-Blog [broken Link] zum Spiel und einigem mehr befragten. Der hiesige Fußball wurde dabei in Form von RB Leipzig auch zum Thema:

Kann für den Ost-Fußball nur ein Modell wie “Rasenballsport Leipzig” die Rettung sein?

“Mit Tradition und Herz gegen Kommerz!!!!!!” Wo steht RBL und wo steht der Rest des Ostdeutschen Fussballs??? RBL wird niemals zum Ostdeutschen Fussball gehören! 😉

Nun ja, mir persönlich ist das Bezugsfeld Ostdeutschland ja ziemlich egal, weil ich nicht den Anspruch habe, den Osten zu vertreten (noch nicht mal Leipzig), wenn ich mich für Fußball und für RB begeistere!!!!! Energie Cottbus war in den Bundesliga-Jahren ja auch nicht das Herzstück aller ostdeutschen Fußballanhänger, weil Ostdeutschland höchstens wirtschaftlich, aber nicht fußball-emotional als homogene Analyse-Größe begriffen werden kann…… Trotzdem, eine empirische Frage ist eine empirische Frage!!!!!!! Und wird deshalb auch hier aufgegriffen: Wo steht RB Leipzig im ostdeutschen Vergleich eigentlich???????

Aktuelle RanglisteRangliste Sommer 1991Aktueller Zuschauerschnitt
1.FC Union BerlinFC Hansa Rostock SG Dynamo Dresden (27282)
FC Energie CottbusDynamo Dresden FC Hansa Rostock (15433)
SG Dynamo DresdenFC Rot-Weiß Erfurt 1.FC Union Berlin (14861)
FC Erzgebirge AueHallescher FCFC Energie Cottbus (13222)
FC Hansa RostockChemnitzer FC FC Erzgebirge Aue (9850)
FC Rot-Weiß ErfurtFC Carl Zeiss Jena FC Rot-Weiß Erfurt (6332)
Chemnitzer FC1. FC Lokomotive Leipzig RB Leipzig (5817)
SV Babelsberg 03BSV Stahl Brandenburg FC Carl Zeiss Jena (5200)
FC Carl Zeiss JenaEisenhüttenstädter FC Stahl 1.FC Magdeburg (4790)
RB Leipzig1. FC Magdeburg Chemnitzer FC (4527)
Hallescher FCFC Berlin Lok Leipzig (ca. 2650)
ZFC MeuselwitzFC Sachsen Leipzig SV Babelsberg 03 (2149)
VFC PlauenFC Energie Cottbus
Germania HalberstadtFC Victoria Frankfurt (Oder)
1.FC Magdeburg

Die erste Spalte zeigt die 15 ostdeutschen Vereine, die es (ohne Zweitvertretungen) derzeit in den ersten 4 Ligen gibt (und nein Hertha zählt für mich nicht, auch wenn sie formal zum NOFV gehören). Spalte 2 zeigt zum Vergleich die Schlusstabelle der letzten DDR-Oberliga 1990/1991. Und Spalte 3 zeigt den aktuellen Zuschauerschnitt für alle Ost-Vereine mit mehr als 2.000 Zuschauern pro Spiel (Quelle: Weltfussball.de, bei Lok selbsthandüberschlagen).

Eine recht übersichtliche Liste ist das. Auffällig, dass gleich drei der vier führenden Teams im Ost-Fußball 1991 (sportlich) keine Rolle gespielt haben (Union, Energie und Aue). In Leipzig wurden Lok und Sachsen durch RB ersetzt (auch wenn Anhänger der ersten beiden das nicht für adäquaten Ersatz halten dürften). Lok taucht immerhin als Zuschauerkrösus der fünften Liga noch mal in der Liste auf. RB Leipzig ist mit seinem Zuschauerschnitt bereits absolut drittligareif. Ob dieser sich weiter so entwickelt, wird wohl stark von den nächsten Auftritten und Ergebnissen abhängen. Trotz der zu vermutenden, ergbnisabhängigen Schwankungen bleibt auffällig, dass sich der Zuschauerstamm bei RB auf hohem Niveau konsolidiert hat (letztes Jahr gegen Wolfsburg II zum Spitzenspiel Mitte Oktober 3.600 Zuschauer, dies Jahr zum durchschnittlichen Regionalliga-Match zum selben Zeitpunkt gegen St. Pauli II 4.500 Zuschauer).

Man müsste die Tabelle genaugenommen noch durch eine Etat-Spalte erweitern, aber das Geschäft ist mir ein wenig zu spekulativ. Schon wegen der Tatsache, dass oft die Etats des Gesamtvereins und der Etat der Profimannschaft wild durcheinander genannt werden. Fakt sollte sein, dass RB Leipzig irgendwo auf Niveau der ostdeutschen Zweitliga-Vereine agieren kann. Schon der Nachwuchsbereich mit diversem festangestellten Personal und eine gut bestückte Geschäftsstelle dürften einiges zu den monatlichen Fixkosten beitragen. In Meppen taxierte man die Kosten [broken Link] der Leipziger für die aktuelle Regionalliga-Saison auf 11 Millionen Euro. Ist damit wirklich der Gesamtverein mit allen laufenden und anfallenden Kosten gemeint, mag das inetwa sogar hinkommen (auch wenn man eine bei RB-Themen typische Übertreibungssumme von sagen wir 10% durchaus auch noch abziehen kann). Was irgendwo ein kleines Stück unterhalb des Cottbuser Finanz-Aufwands läge.

Fazit: Nimmt man die Fakten als Grundlage, dann steht RB Leipzig mit beiden Beinen im ostdeutschen Fußball-Leben (tabellarisch im unteren Drittel, zuschauertechnisch im Mittelfeld, finanziell vorn dabei)!!!!!!! Da das aber keine wirklich relevante Referenz ist, darf man das auch gleich wieder vergessen…….

Flattr this!

16 Gedanken zu „RB Leipzig und das ostdeutsche Fußball-Leben“

  1. @rotebrauseblogger
    Zuschauerschnitt hast du wie errechnet? Alle Heimspiele? Nur Pflichtspiele? Nur Liga?
    viele Grüße!

    1. Sind die Zuschauerstatistiken von weltfußball.de. Alle Liga-Heimspiele.

  2. @rotebrauseblogger
    … da ich deine Statistiken immer sehr informativ und spannend finde, hier die ultimative Anfrage: wieviele Vereine der 4. Liga haben in den letzten Jahren den Aufstieg geschafft, anchdem sie die 3. Runde des DFB Pokals erreicht haben? – nur um zu wissen, ob Kiel uns gefährlich werden kann… 🙂 🙂
    vielen Dank für deine Mühen und schönes langes WE!

  3. Wahrscheinlich müssen Typen wie Rotebrause- und Chemieblogger erst noch wegsterben bevor diese unsägliche Ost-West-Denkschiene Geschichte ist.

    Traurig sowas 2 Jahrzehnte nach der Einheit.

  4. @Knorre: Das lustige daran ist, dass die Schiene Ostfußball oben in dem zitierten Interview aufgemacht wurde und hier nur als empirische Frage aufgegriffen wurde. Mir persönlich sind Ost-West-Geschichten emotional ziemlich egal (wie ich oben schon schrieb), allerdings würde ich nie und nimmer bestreiten, dass Ost und West wirtschaftlich aufgrund der Geschichte völlig unterschiedliche Voraussetzungen hatten und haben. Was den Fußball elementar mitgeprägt hat und mitprägt. Das kann man auch 20 Jahre nach der Einheit ziemlich locker und ohne Hyperventilieren konstatieren und feststellen, dass sich ein gesamtdeutscher Fußballraum nie etabliert hat.

  5. Puh, ich brauche kein selbstverliebtes Wir-sind-Deutschland-Einheitsgerede – das ist purer Selbstzweck. West und Ost sind historisch gewachsene Bezugspunkte, die nach wie vor nicht wegzudiskutieren sind. Das kann man jetzt positiv oder negativ bewerten – es ist empirische Realität. Beispiel: Mentalitätsunterschiede, die zwar sehr subjektiv und willkürlich wahrgenommen werden, aber mit dem Ost-West-Diskurs überlagert sind. Wem das zu kritikwürdig ist, dann etwas Handfestes, das frei ist von Willkür: statistische Daten, etwa über den Grad der Beschäftigung von Frauen oder die Neigung zu beziehungsweise Distanz gegenüber religiösen Einstellungen. Da gibt es eklatante Unterschiede zwischen Ost und West.

    1. Soso, empirische Realität … kommt wohl auch immer ein wenig auf die jeweilige Statistik an …
      Wenn ich den Glauben an den Sozialismus/Kommunismus in die Frage der „religiösen Einstellungen“ als eine solche mit einbeziehe, sind die Unterschiede bspw. zwischen den Süd- und Nordeutschen mindestens ebenso groß/klein … 😉

  6. Ich habe hier bisher nichts lesen können was mich von meiner Meinung abbringt dass diese Ost-West-Denke seniles Alteleutedenken ist. Da braucht mir auch keiner mit sozialromantik oder empirischen Realitäten kommen. Der größte Witz ist der Umgang mit dem Berliner Verein. Witzig, man darf halt nur nicht drüber nachdenken und die Zeit wird diese Probleme hoffentlich beseitigen. Auf die eine oder andere Weise.

  7. @knorre: Gemach, gemach. Die Dinge sind doch oft vielfältiger, wie man auf den ersten Blick denkt. Ich bin in Leipzig aufgewachsen, habe die Anhängerschaft mit allen Facetten von Chemie Leipzig und Lok quer durch die Familie erlebt: Opa und Onkel immer in Leutzsch mit den festen Daumen und meine Mutter immer mit allem Herzblut für Lok. Ich habe große Partien mit meinem Vater im Zentralstadion gesehen DDR-England 1974 oder später mit Kumpels die Partie gegen Neapel mit Maradona. Ab September 1973 nach den Spielen von Bayern München gegen Dynamo Dresden im Europapokal der Landesmeister habe ich als damals 10-Jähriger die Deutsche Einheit nach dem Dresdner Schlüsselerlebnis vorweggenommen. Bayern fand ich cool, wenngleich ich den Begriff damals gar nicht kannte.

    1989 war die Geduld von mir und vielen anderen mit der Spießigkeit der Genossen aufgebraucht: Montagsdemos waren auf der Tagesordnung und wurden mit Kontinuität gelebt. Danke auch nochmals an Gorbatschow. Es wäre auch eine chinesische Gewaltvariante mit unzähligen Toten in Leipzig machbar gewesen, wenn die Moskauer Seite Grünes Licht gegeben hätte.

    Doch ich will mich auf das sportliche konzentrieren. Lok hat irgendwann in den zahlreichen Querelen, finanziellen Vulkanasche Aktionen, semiprofessionellen Verhalten etc. meine Geduld viele Jahre nach der medial sagenumwobenen Wende aufgebraucht. Fortan drückte ich weiter Bayern München die Daumen. Konnte jedoch auch mal mit einer Saison ohne Titel entspannt leben, ich bin da kein Hardcore-Fan und sehe die Sache mit dem frischgebackenen Buchautor oder den Umgang mit van Gaal zuweilen sehr skeptisch und mit einer gewissen ironischen Distanz.

    RB Leipzig ist mir ab dem ersten Tag symphatisch gewesen. Bauchgefühl. Wenn es je in den nächsten Jahren ein Verein aus der Region Leipzig in die erste Bundesliga schafft, dann wohl RB. Rotebrauseblogger hat mit seinem Power-Blog, seinen guten Analysen und der Ausdauer beim Schreiben die Sympathiewerte nochmals gesteigert.

    Jetzt zu Deinen Ausführungen knapp über der Grasnarbe:

    ,,Wahrscheinlich müssen Typen wie Rotebrause- und Chemieblogger erst noch wegsterben bevor diese unsägliche Ost-West-Denkschiene Geschichte ist.

    Traurig sowas 2 Jahrzehnte nach der Einheit.“

    Hier muss gar keiner wegsterben, vielleicht etwas entspannter beim kommentieren dieses Blogs rangehen. Ich selber bin seit 11 Jahren mit meiner Jahrhundertliebe aus dem Westen (konkret aus dem Rheinland zusammen) und lebe seit 2011 nach langem Intermezzo in Nürnberg am Bodensee. Ich habe nie Hansa Rostock oder Union Berlin zu DDR Zeiten gemocht und habe auch jetzt keine Grund ihnen die Daumen zu drücken. Neben Bayern München kann ich mich auch mal freuen wenn Klopp eine Meisterschaft wie im vergangenen Jahr hinlegt (reicht natürlich jetzt auch fürs erste) und ich symphatisiere mit der einen oder anderen Mannschaft oft aus subjektiven Gründen. Geografisch dann durchaus übergreifend.

    Vielleicht stellst Du Dich einfach neben das Gleis und betrachtest die Dinge gelassener.

  8. Eine recht übersichtliche Liste ist das. Auffällig, dass gleich drei der vier führenden Teams im Ost-Fußball 1991 (sportlich) keine Rolle gespielt haben (Union, Energie und Aue).

    Das Aue bis auf das entscheidende Jahr permanent in der Oberliga gespielt hat, kommt leider bei dieser Momentaufnahme nicht raus. Union war in den 80ern eine Fahrstuhlmannschaft.

  9. Das ist natürlich richtig, dass Aue vorher eigentlich permanent zur Oberliga gehörte und sogar Europacup spielte. Mein Hintergedanke war eher, dass drei der vier Ossi-Top-Teams 1991 denkbar ungünstig in den gesamtdeutschen Fußball schlitterten, nämlich außerhalb des Profifußballs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.