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Eigentlich war die Idee eine gute, eine Diskussionsveranstaltung zum Thema “Der Fußballklub Red Bull und die Leipziger Stadtgesellschaft” zu organiseren. RB Leipzig ist ein Phänomen, das mit seiner professionellen und finanzkräftigen Power ziemlich unvermittelt und heftig über Leipzig hineingebrochen ist und durchaus kontroverse Positionen über die Stellung des Vereins in der Stadt provoziert. Darüber zu diskutieren, also sich zu fragen, was den Verein ausmacht, wie er in Leipzig verankert ist, was er überhaupt in und für Leipzig bedeutet oder wie er (Fußball-)Leipzig verändert, könnte als sachlich-kontroverses Thema durchaus ein spannendes sein. Eines, das vermutlich nur einen Teil der Leipziger und der Leipziger Fußballanhänger interessiert, aber als gesellschaftspolitisch relevantes seine Berechtigung hat und bei einer gesellschaftspolitischen Organisation wie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die gestern zu oben genannter Diskussion in die Räume des Leipzig Fernsehens lud, gut aufgehoben scheint.

Dass die Diskussion trotz des insgesamt spannenden Hintergrundes mit dem Titel dieses Beitrages zwar überspitzt, aber in der Tendenz stimmig beschrieben ist, lag überraschenderweise daran, dass man mit Wolfgang Loos einen Vertreter von RB Leipzig mit auf das Podium gesetzt hatte. Eine Entscheidung, die in der Theorie sinnig erscheint, da man natürlich am liebsten über ein Thema mit direkt daran beteiligten Personen redet, die in der Praxis aber offenbar nicht funktioniert, da das öffentlich kontroverse Diskutieren und der Meinungsaustausch – und diese Erfahrung durfte man in der Vergangenheit, Stichwort Trainingszentrum, Personalentscheidungen und Lizenzprobleme mit dem DFB, bereits öfters machen – nicht zum Standardrepertoire des Vereins gehören. Wobei man fairerweise auch dazu sagen muss, dass es einem gerade einmal drei Monate beim Verein angestellten Geschäftsführer Loos auch schwerlich möglich ist, mal locker fluffig über die Stellung von RB Leipzig in der Stadt Leipzig zu plaudern.

Das Problem an der Personalie Wolfgang Loos bestand aber hauptsächlich darin, dass sich das nicht gerade heterogen zusammengesetzte Podium in seinen Beiträgen immer wieder an ihn wandte, die meisten Diskussionsansätze aber einfach an ihm abperlten und im Sande verliefen. Die zentrale Frage, die vor allem vom Wirtschaftsvertreter Matthias Reuschel und SPD-Stadtratsfraktions-Vorsitzender Axel Dyck – wenn auch eher vorsichtig – eingeworfen wurde, zielte darauf ab, wie sich RB Leipzig mit Leipzig, sprich mit der Wirtschaft und den Menschen verzahnen will. Der ideelle Gesamtleipziger – wenn man die Thesen der beiden zusammenfassen will – “bedränge” RB Leipzig in einem positiven Sinne und begrüße den Verein (auch das Podium war sich in seiner Dankbarkeit für Red Bull einig), weil er für und in der Stadt guten Fußball sehen will und das Engagement von Red Bull deshalb schätze. Aber, so beide unisono, sowohl die Wirtschaft, als auch die Menschen wollen und wünschen Signale, dass RB Leipzig dieses positiv bedrängt werden auch annehme und sich mit den Interessierten verzahne, also Schritte auf Leipzig zumache. So wolle beispielsweise die Wirtschaftsvereinigung “Gemeinsam für Leipzig” nichts anderes als ernst genommen und mit ins Boot geholt werden. Nicht zuletzt sollte das doch auch dem Verein und seiner regionalen Identität gut tun, wenn sie beispielsweise mit dem Label “Gemeinsam für Leipzig” in einem Atemzug genannt werden.

Woraufhin Wolfgang Loos sinngemäß: ‘Man muss die Kirche im Dorf lassen, uns gibt es erst seit zwei Jahren. In der kurzen Zeit schafft man nicht alles, was man schaffen will. Und außerdem werden wir von den Zuschauern angenommen [Zahlenbeispiele selber einsetzen]. Und noch außerdemer engagieren wir uns sozial und spielen ab und zu auch Benefizspiele, sind also in Leipzig angekommen.’

Als Reuschel dann zum vierten Mal seine “Offerte” (man bräuchte eigentlich sächsische Lautschrift dafür) an RB Leipzig ohne nennenswerte Resonanz wiederholt hatte, war auch dem letzten im Saal klar, dass der Abend ohne größere Erkenntnis enden würde und man besser ohne Wolfgang Loos diskutiert hätte, wie sich denn eine Leipziger Stadtgesellschaft einen von Red Bull gestützten Profifußballclub RB Leipzig wünscht und was sie sich von seiner Entwicklung über die Jahre in Bezug auf eine Verzahnung mit der Stadt erhofft. Denn dazu hatten die Beteiligten auf dem Podium und im Saal durchaus Thesen und (auch kontroverse) Ansichten, die aber in ihrer Gerichtetheit an den Vereinsvertreter leider versandeten, versanden mussten.

Der Rest des Abends bestand aus Michael Mamzed vom Leipziger Stadtsportbund, der in der Diskussion weitestgehend nicht vorkam und von dem mir nur im Kopf geblieben ist, dass er irgendwen anders kurzfristig vertreten musste und berichtete, dass die Mehrzahl der Leipziger Vereine positiv auf RB Leipzig blicke und natürlich aus dem notorischen Guido Schäfer, der ein paar gut erzählte Anekdoten einstreute, die immerhin die Stimmung der etwa 100 Anwesenden deutlich aufbesserte. Dass Guido “Wir wollen hier endlich guten Fußball” Schäfer nicht die allerbeste Wahl für den abstrakten Teil der Frage RB und Leipzigs Stadtgesellschaft ist, hätte auch vorher klar sein können.

[Eine lustige Randgeschichte lieferte er dann aber doch, als er auf den Einwurf aus dem Publikum, die LVZ sei RB gegenüber nicht kritisch genug und hätte die Verbiegung der Verbandspragraphen beim Einstieg von Red Bull beim SSV Markranstädt nicht angemessen begleitet und veröffentlicht, einerseits völlig richtig entgegnete, dass er spontan 50 Artikel mit kritischem Inhalt zu RB heraussuchen könne und andererseits zugab, dass er die Verbiegung der Paragraphen auch vermute, es ihm aber scheißegal sei, weil es ihm nur darum gegangen sei, dass der Einstieg klappe. Was dann wiederum im völligen Widerspruch zu seiner Rechtfertigung seiner Berichte zu möglichen Problemen von RB Leipzig mit dem DFB stand, zu denen er bemerkte, dass der Verein doch die Verpflichtung habe, sich den Statuten des deutschen Fußballs zu unterwerfen.]

Den letzten bemerkenswerten Auftritt hatte schließlich Steffen Kubald, der die eventuelle Sinnlosigkeit, das Thema RB Leipzig und die Stadtgesellschaft überhaupt diskutieren zu wollen, in den markanten Worten zusammenfasste: “Wenn sie guten Fußball spielen, dann ist die Schüssel voll.” Und so sieht es wohl auch der Verein selbst. Man organisiert Profifußball und alles andere ist untergeordnet. Sprich, der mittel- und langfristige Erfolg beim Zuschauer und Anhänger generiert sich ausschließlich über den sportlichen Erfolg der Mannschaft. Ich halte diese Position immer noch für fahrlässig, weil man nach allem, was man über die moderne Welt und die Öffentlichkeitsarbeit in dieser weiß, davon ausgehen kann, dass nur eine dialogorientierte, vertrauensbildende Kommunikation mit der städtischen Umwelt zum nachhaltigen Erfolg führen kann. Das Image des Vereins, das auch eventuelle sportliche Durststrecken des Vereins überdauern sollte (und die Ausbildung positiver Images über die Kommunikation mit der Umwelt ist zentral dafür da, in Krisenzeiten nicht gleich umzukippen), muss sich auch jenseits der Tore eines Timo Röttgers, jenseits sportlicher Erfolge generieren. Würde ich sagen. Man kann es ja in 10 Jahren noch mal prüfen, denn solange wird es dauern, ehe man ernsthafte Aussagen über die Folgen der eher verschlossenen Kommunikation für die Entwicklung des Vereins wird machen können. Steffen Kubald wird in jedem Fall Recht behalten, die Frage wird aber sein, wie und ob RB Leipzig es schafft, auch die emotionale Energie der interessierten Leipziger Stadtgesellschaft für sich nutzbar zu machen. Die will offenbar irgendeine Form identitärer Teilhabe jenseits des puren Spielbesuchs. Der Verein wird herausfinden müssen, auf welcher Ebene er dafür Möglichkeiten schaffen kann und möchte.

Fazit: Wenn die Veranstaltung in Bezug auf ihr Thema irgendetwas gezeigt hat, dann dass RB Leipzig immer noch ein Verein in oder meinetwegen auch für Leipzig ist, aber noch lange kein Leipziger Verein. Ein Eindruck, der einerseits aus dem Auftritt des gerade erst gelandeten Wolfgang Loos (mir gefällt Leipzig, habe schon ein Wohnung, meine Frau shoppt hier gern) resultiert, aber auch daraus, wie distanziert-freundlich die anwesende Politik und Wirtschaft auf den Verein zuging (wie auf einen willkommenen Fremden). Ob das weitere Andocken und möglicherweise gar Übernehmen von Verantwortung seitens regionaler Institutionen von RB Leipzig gewünscht ist oder ob man doch weiterhin die eigenverantwortliche Insel bleiben will, konnte die Veranstaltung nicht klären. Die Zukunft wird es zeigen, die Zukunft wird zusammen mit Anhängern und Interessierten richten.

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7 Responses to “Zwei Stunden verschenkte Lebenszeit”

  1. Huge sagt:

    Ich hatte auch überlegt, hinzugehen – Deinem Bericht nach zu urteilen, war es wohl klüger, zu Hause zu bleiben.

  2. rotebrauseblogger sagt:

    Inhaltlich gesehen und meiner Meinung nach: ja. Hängt natürlich immer noch ein bissel davon ab, was Du zu Hause gemacht hast und wieviel Spaß Du daran hattest. ;-)

  3. henne sagt:

    Habe auch mit dem Gedanken gespielt hinzugehen, habe mich aber in´s Bett gelegt und geruht, da ich wirklich “fertig war”.
    Danke für den tollen Bericht, scheinbar gibt es weder Bilder im TV oder im Netz, das Fernsehen hat wohl nur die Räumlichkeiten gestellt, schade ist es dennoch.
    Trotzdem großer Respekt für S.K.!!!! Er wird mir immer sympathischer, irgendwie sollte man bei ihm die Vergangenheit auch mal abhaken, die jetzige “Lok” sollte ihm später einmal ein Denkmal setzen! Das sage ich als Ex-Loki und zumindest auch aktuell mit Sympathien für den Verein (= die Sportfraktion).

  4. interpreter sagt:

    Da ich auch schon mal bei solchen Tschense-Festspielen war (allerdings mit mehr Knalleffekt Besetzung des Podiums), habe ich mich von vornherein entschieden der Veranstaltung fernzubleiben. Bemerkenswert finde ich aber die Bemerkung von GS: “dass er die Verbiegung der Paragraphen auch vermute, es ihm aber scheißegal sei, weil es ihm nur darum gegangen sei, dass der Einstieg klappe.”.
    Da zeigt sich mal wieder welchen Wert ein abgehalfteter Sturzbier Journalist hat. Passt allerdings ganz gut zur LVZ, ich erinner mich noch gut daran wie ein Jens Weinreich von denen angegangen wurde, weil er es gewagt hatte im Olympiasumpf zu wühlen.

  5. jezek sagt:

    so sind nunmal SPD Veranstaltungen spröde und langweiiiiilig!

  6. interpreter sagt:

    @jezek: Die machen wenigstens ab und zu solche Veranstaltungen. Leider geht es mit der Weichspülerei immer mehr aufwärts, das sollte man aber nicht dem Veranstalter sondern den Nicht-Veranstaltern vorwerfen.
    PS: Mist, jetzt habe ich auch noch Tschense unterstützt. Ich werde langsam alt :D

  7. sportinsider sagt:

    Jens Weinreich anzugehen geht eigentlich gar nicht. Er ist in Sachen Kompetenz, Kenntnisse um Vorgänge und Hintergänge der lieben Funktionäre in Sachen Olympische Spiele einer der profundesten Sportjournalisten. Leipzig hat in Sachen Olympia-Bewerbung einen sehr semiprofessionellen Eindruck damals hinterlassen.

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