Bekenntnisse

War nicht gestern irgendwas mit Nationalmannschaft? Ja? Dann passt es ja eventuell noch, hier und heute meine persönliche Lieblingsstelle im ganzen Lahm-Diskurs bekannt zu geben. Lahm himself wollte während einer der Pressekonferenzen vor dem letztwöchigen Österreich-Spiel nämlich folgendes erklärt wissen:

Ich werde nicht mehr über Trainer urteilen. Wenn der Bundestrainer das so will, werde ich mich daran halten.

Nun denn, bleibt von der ganzen Sache die eigentlich nicht ganz neue Erkenntnis, dass Lahm die Klaviatur der öffentlichen Kommunikation umfassend beherrscht. Was ihn manchem sympathisch, mir eher nicht macht. Durch die gezielt vorveröffentlichten Buchpassagen gilt Lahm jetzt als jemand, der seine Meinung sagt, wenn er es für richtig hält. Und dem Bundestrainer gibt er weiterhin das Gefühl, dass dieser der unumstrittene Chef vom Ganzen ist. Für Lahm sicherlich kein schlechtes Ergebnis der letzten reichlich zwei Diskurswochen.

Was auch noch zu einem anderen Thema führt, nämlich dem, dass es Philipp Lahm offenbar neben seiner Kritik an ehemaligen Trainer wichtig war, im Rahmen der BILD-Vorveröffentlichung zu klären, dass er ganz sicher NICHT schwul ist. Das ganze klingt zwar in seinen eigenen Worten nicht so extrem wie in der BILD-Titelschlagzeile vom 29.08.2011, die den eingängigen Titel „Schwulen-Gerüchte: Lahm wehrt sich!“ trug. Trotzdem wollte er mal klar stellen, dass die Gerüchte zu seinen sexuellen Präferenzen falsch seien und er seine Frau nicht nur zum Schein geehelicht habe. Eigentlich sei es ja egal und sowieso sei man schrecklich tolerant, aber trotzdem, dass bei der Google-Suche, gibt man in das Fenster Lahm und ein Leerzeichen ein, als erster Vorschlag schwul kommt, stört dann doch irgendwie.

Mit diesem Nicht-Coming-Out steht Lahm ganz in DFB-Linie. Gegen Homophobie ja [broken Link], aber selbst als schwul gelten will man trotzdem nicht unbedingt. Jogi Löw hat deswegen schon dementiert („Es stimmt nicht. Fragen Sie gern meine Frau.“) und Oliver Bierhoff fühlt seine Familie Nationalelf angegriffen, wenn diese mit dem Thema Homosexualität in Verbindung gebracht wird, wie in einem Tatort vor kurzem einmal geschehen („Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen.“).

Man kann es natürlich nachvollziehen, wenn sich Profifußballer und Profifußball-Verantwortliche vor dem direkten Kontakt mit dem Thema Homosexualität scheuen, denn Philipp Lahm hat in der Tendenz durchaus Recht, wenn er via BILD (auch am 29.08.) proklamiert, dass er

keinem schwulen Profifußballer raten würde, sich zu outen. Ich hätte Angst, dass es ihm gehen könnte wie dem englischen Profi Justin Fashanu, der sich nach seinem Outing so in die Enge getrieben fühlte, dass er schließlich Selbstmord beging.

Mal abgesehen davon, dass die öffentlichen Reaktionen auf ein Outing wohl niemanden mehr in den Selbstmord treiben würden und mal abgesehen, dass Matthias Puppe via LVZ-Blog darauf hingewiesen hat, dass Fashanu nur indirekt wegen seines Outings Selbstmord begangen hat, bleibt der Fakt, dass es ein schwuler Profifußballer in seinem Job innerhalb der Mannschaften und in der Öffentlichkeit schwer hätte und es zumindest unwahrscheinlich wäre, dass man mit dieser sexuellen Präferenz aktuell Nationalmannschafts- und Bayern-Kapitän würde. Da hat man es in der politischen Elite in Deutschland offenbar schon leichter.

Matthias Puppe sieht das dezidiert anders, er hält Lahms Outing-Warnung an seine Kollegen für falsch, weil er findet, dass dadurch „die angeblichen Gefahren eines Coming-outs sogar noch überdramatisiert“ würden. Mag sein, aber irgendeinem Fußballer aufzuhalsen, dass er via Coming-Out die Debatte um Homosexualität im Fußball auf seinem Rücken austragen muss, ist auch ein schwieriger Weg. Die Zwangs-Outings eines Rosa von Praunheims Anfang der 90er mögen der öffentlichen Debatte gut getan haben, waren aber für die geouteten Kerkeling und Biolek ein ziemlich Angriff auf deren individuelle Selbstbestimmung zu einem Zeitpunkt als schwul sein definitiv nichts karriereförderndes war und das Outing kurzfristig nicht zur Verbesserung der Lebensqualität der beiden beigetragen hat. Ganz im Gegenteil.

Klar kann man sich eine andere Fußball-Welt wünschen, in der es schwule Fußballer eben einfach gibt, ohne dass es thematisierenswert ist. Solange aber das Wort „schwul“ im Fußball weitestgehend ausschließlich als alltägliche Beschimpfung für den Gegner verwendet wird, verstehe ich jeden Spieler der sich nicht nur nicht outet, sondern sogar seine Heterosexualität und seine Männlichkeit (frag doch meine Frau, höhö) noch extra betont, denn Profifußballer zu sein, heißt Geld in dem Business zu verdienen und sich somit mit den Rahmenbedingungen zu arrangieren.

Und vermutlich weiß auch Matthias Puppe im innersten seines Herzens und aus eigenem Tun um diese Rahmenbedingungen, war er es doch schließlich auch, der nach einem fußball-untypischen und genau deswegen interessanten Löw-Interview über Nivea, Körperpflege, Nacktheit in der Kabine und vieles mehr wiederum in einem weiteren Beitrag im LVZ-Blog darüber räsonierte, dass Löw es schaffe, „dem Fußball als letzte Bastion gegen die Lagerfelds und Glööcklers dieser Welt jede Würde zu nehmen.“ Dazu ätzt Puppe noch über die „Sumpfschwalbe“ Christiano Ronaldo, die „Shampoo-Flasche“ Oliver Bierhoff und den metrosexuellen „Hübschling“ David Beckham. „Irgendwann endet eben auch meine Leidensfähigkeit.“, so der Gesamtduktus.

Der Fußball als letzte Bastion gegen schwule Modemacher und verweichlichte Fußballer als schwerlich tolerierbare Bestandteile. Und unter diesen selbstformulierten Rahmenbedinungen fordert Matthias Puppe tatsächlich, dass sich schwule Profifußballer outen sollen? Nunja.

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13 Gedanken zu „Bekenntnisse“

  1. Ahoi Herr Blogger,

    ich habe mit Interesse Ihre Ausführungen zu meinen Blogbeiträgen gelesen und möchte mich für das Feedback bedanken. Wir haben offenbar unterschiedliche Auffassungen dazu, wie der Tabuisierung von Homosexualität in diesem Sport beizukommen ist. Fein. Ich bin mir aber nicht ganz im Klaren, was meine (auch nicht ganz soooo ernst gemeinten) Ausführung zum ätzenden Schönheitswahn im Fußball mit dem stabsmäßigen Verschweigen von schwulen Kickern zu tun haben. Man könnte fast denken, Sie interpretieren eine Affinität zu Pflegeprodukten als Indikator für eine bestimmte sexuelle Orientierung … 😉 Dagegen möchte ich mich in aller Form verwahren.

    Herzliche Grüße

    mpu

  2. Den Konter habe ich ehrlich gesagt erwartet.. Der besagte LVZ-Blogeintrag besteht – im meinetwegen augenzwinkernden Unterton – aus zwei Bildern: einmal das archaisch urwüchsige, der gute alte Fußball und auf der anderen Seite der weiche, moderne Nivea-Fußball. Ersteres ist gut und zweiteres schlecht. Und zweiteres ist eben nicht nur Nivea und Löw, sondern wird zur Verdeutlichung mit schwulen Modemachern aufgeladen, gegen deren Typus der gute, alte Fußball doch eine Bastion sein sollte und dazu mit Spielern, die auch irgendwie gegen den guten, alten Fußball verstoßen, weil sie irgendwie weich sind, auf Pflegeprodukte achten, ihre Haare mit Gel einschmieren, für Pflegeprodukte werben, ergo – so liest es sich – schmierig sind und den guten alten Ritualen der männlichen Fußballwelt nicht entsprechen. Der Nexus von Pfleprodukten über weichliche Fußballer hin zu schwulen Modemachern im Gegensatz zu den guten, alten Tagen des Fußball-Lagerfeuers wurde in dem Text vollzogen und von mir nur nachvollzogen. Gilt genauso für die Interpretation, was die bessere Fußballwelt sei. Ich glaube, dass der Text Klischees und Muster (Tuckigkeit) aufgreift, die homophobe Bilder bedienen, was ich oben Rahmenbedingungen genannt habe. Der Gegenentwurf zum guten, alten Fußball ist tuckig und nicht mehr männlich, das ist die Lesart des Blogbeitrags und die ist dummerweise aufgeladen mit einem latenten, alltagshomophobem Rahmen.

  3. Aber Hallo noch einmal,

    ich mag ja verstehen, dass Sie die Einleitung meines Textes nicht als Hinweis verstehen wollen, dass im Folgenden vielleicht mit Klischee-Bashing zu rechnen sein muss.

    „Es wird Zeit, dass ich mich zum Höhlenmenschentum bekenne. Anstatt den Anforderungen der Moderne zu folgen, sitze ich lieber im blutigen Hyänen-Latz am Lagefeuer, brutzele kleine Nagetiere über der Flamme und kratze mir deren Verwandte von den Fußsohlen. …“

    Mein Fehler, vielleicht war das etwas zu subtil formuliert. Aber darum geht es hier im Kern ja auch nicht. Denn Sie behaupten einfach noch, weil ich ein von Nivea lanciertes und mit haarsträubenden Plattitüden durchsetztes Interview zum Anlass nehme, mich einmal über die perfekte und von diversen Pflegeprodukt-Werbungen durchtränkte „modernen“ Fußballwelt auf „Neanderthaler-Art“ zu echauffieren, bin ich irgendwie homophob, ist – äähhh – einfach nur Quatsch. Ich erkläre in meinem Text, dass Fußball für mich nichts mit Schönheit, Pflege, Mode etc zu tun haben sollte und mich die zunehmende (mediale) Fokussierung auf ein gutes Aussehen der Beteiligten nervt.

    Die Verbindung von Pflegeprodukten und Schönheit etc. hin zum Attribut „weiblich“, hin zum Attribut „Tucke“, hin zur sexuellen Vorliebe, eher mit Männern, als mit Frauen unter die Decke zu hüpfen, ziehen allein Sie. Wenn Sie meinen, dass irgendeine der aufgezählten Personen „weiblich“,„tuckig“ oder „schwul“ wirkt, dann ist das Ihre Sache. Meine ist es nicht.

    So long

    mpu

  4. Ich habe nicht behauptet, dass Sie homophob sind, sondern dass ihre Darstellung homophobe Bilder und Klischees bedient/ beinhaltet. Wer Sie sind und wofür Sie stehen, kann ich nun tatsächlich nicht wirklich beurteilen. Ich kann nur noch mal wiederholen, dass diese im Text steckende Lesart auf der – subtil hin oder her – Gegenüberstellung zweier widersprüchlicher Welten und der Nutzung bestimmter Personen und deren Kontextualisierung (metrosexueller Hübschling, schwule Modemacher, Sumpfschwalbe..) beruht. Oder anders gesagt, ich lese das aus ihrem Text heraus, aber vielleicht ist das ja nur meine Sache, da haben Sie natürlich Recht.

  5. Pingback: Schwulzeugnis
  6. Hallo Herr Blogger,

    ich mach es kurz, denn es führt zu nichts: Sie sind auf dem Holzweg. Mein Bashing gegen die Sumpfschwalbe Ronaldo, die Nivea- und L’Oréal-Fans im DFB-Team und die „metrosexuelle“ (vgl. Definition) Flanken-Kleiderstange David ist nicht „latent alltagshomophob“. Dafür scheint Ihr Weltbild mit diversen Klischees über Homosexualität gespickt zu sein. Ein Interesse für Mode, Schönheit, Feuchtigkeitscremes etc ist – meiner Meinung nach – keineswegs in der Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe begründet.

    Schönen Tag noch.

    mpu

  7. Und ich kann es nur noch mal sagen, die negativ besetzte Sexualisierung liefert der Text selbst durch Verweise auf den abzulehnenden, äh zu bashenden Typus schwule Modemacher und metrosexuelle (Achtung neue Männerbilder!) Fußballer.

    Und klar kann man sagen, dass doch Präferenzen für Pflegeprodukte nichts mit sexuellen Präferenzen zu tun haben und das Bashen des ersten nichts mit zweitem zu tun hat, aber ein bisschen glaube ich, dass Sie schon wissen und vielleicht in dieser konfrontativen Diskussion nicht unbedingt zugeben wollen, dass sie mit dem Bashing von Pflegeprodukt-Männern auch einen Alltagsdiskurs bedienen, der eben homophobe Elemente beinhaltet.

    Oder anders und aus einer Rezension einer Studie der Ebert-Stiftung, die sich mit Homophobie und Rollenbildern im Fußball auseinandersetzt, zitiert: < „Schwul sein“ wird gleichgesetzt mit „anders“, da Homosexuelle vom klassischen Rollenbild abweichen. Schwulen Männern wird häufig Weiblichkeit, Schwäche und Emotionalität nachgesagt, hier wird das bipolare Geschlechterbild wiedergegeben, es müsse eben immer einen weiblichen Part in einer Beziehung geben. Damit könnten sie nicht in der harten Männerwelt des Fußballs bestehen, Fußball, das sei eben noch die letzte Bastion der Männlichkeit, da treffen sich angeblich nur die echten Kerle.>

    Klar können Sie behaupten, dass mein Weltbild mit Klischees über Homosexualität besetzt ist (was stimmen mag oder auch nicht), eben dem dass sie anders sind. Ich hingegen würde sagen, dass das der allgemeine Diskurs in Fußball und Gesellschaft ist, den ich lediglich beschreibe (Ob man in der Beschreibung den Zustand schon wieder manifestiert, ist eine ganz andere Frage). Und an diesen Diskurs und diese Bilder schließt Ihr Text an, egal ob Sie das nun gar nicht wollten oder beabsichtigten.

  8. Oh danke, das Pamphlet „Fussball ist keine Feuchtigkeitscreme“ wär mir sonst ganz entgangen. Ich lerne daraus das man Fussballer als Sumpfschwalbe titulieren darf und folgere daraus das ich dann auch Affe sagen dürfte. Ist ja auch nur eine Tierart. Wahrscheinlich ginge auch dumme Sau durch. Hauptsache keine Phob-istischen Sprüche. Irgendwie bin ich jetzt froh das Fussball eben doch kein Ponyhof ist, wünsche mir aber mal ein korrektes „das ist im Stadion erlaubt“ Wörterbuch. 😀

  9. Hallo Herr Blogger,

    wir drehen uns im Kreis, Sie sind resistent gegen jedes Argument und deshalb entschwindet mir jede Lust am Gedankenaustausch. Ich habe mich in meinem Text überspitzt-kritisch zu Fußballern geäußert, die Ihr Äußeres und die Pflege dessen besonders gern medial aufbereiten. Sie empfinden dieses Nicht-Mögen sowie die abwertenden Worte, die ich dafür fand, als schwulenfeindlich. Schön, belassen wir es einfach dabei. Denn wenn ich Bierhoffs Shampoo-Friese, den affektierten Christiano Ronaldo sowie Löws achso „ungewöhnliches“ und dem bösen Fußi-Rollenbild entgegen springende „Interview“ über die Bedeutung der „kleinen blauen Dose“ in seinem Leben mögen muss, um bei Ihnen nicht als latent schwulenfeindlich zu gelten, dann sitze ich doch wirklich einfach an einem Neanderthaler-Feuer und überlasse Ihnen den Triumph, einem tumben Fußball-Proleten den Spiegel vorgehalten zu haben.

    Oink, oink!

    mpu

  10. Sehr geehrter Herr Puppe,

    vermutlich drehen wir uns hier im Kreis, aber resistent gegen Ihre Argumente bin ich nicht. Ganz im Gegenteil habe ich Ihre Argumentation aufgegriffen, die ja darauf beruht, dass Sie meinen, lediglich Ihre Aversion gegen medial aufgesetztes Pflegeproduktnutzen im Fußball pointiert satirisch geäußert zu haben und das nichts mit Homosexualität zu tun habe. Diese Argumentation verstehe ich und ich glaube auch nicht, dass Sie persönlich etwas gegen Schwule im platten Wortsinne haben. Ich habe versucht Ihnen – auch am Beispiel der Ebert-Studie – noch mal zu zeigen, dass manche Sprachbilder nicht ganz so harmlos sind, wie man eventuell denken könnte, dass sie sind, weil sie auf einem gesellschaftlichen Diskurs aufsetzen, der eventuell nicht der Ihre ist, den Sie aber eventuell auch nicht ignorieren können. Gerade als Journalist darf man ja auch Interessse daran haben, was sich hinter der eigenen Sprache und den eigenen Bildern vielleicht noch so verbirgt..

    Und nein, ehrlich gesagt fühl ich mich nicht triumphierend, schließlich bin ich nicht Ihr personifiziertes schlechtes Gewissen. Und ob Sie ein Fußball-Prolet sind, weiß ich nicht, muss ich aber auch nicht wissen. Ich finde/ fand den Schlagabtausch nicht uninteressant, weil ich nun besser verstehe, wie Sie ticken und was Sie meinen. An meiner Kritik der Textbilder ändert das allerdings wenig.

    Mit besten Grüßen..

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