Sportliche Abstürze

Die These, die gestern hier im Blog aufgestellt wurde, lautete, dass die fußballerische Vereinigung DDR-BRD vor 20 Jahren eine „wirtschaftliche Ausschlussveranstaltung auf Kosten der ostdeutschen Spitzenclubs“ war. In den vergangenen 20 Jahren sind die hoffnungsfroh gestarteten Ost-Vereine sukzessive sportlich nach unten gerutscht. Und dies vor allem im Vergleich mit ihren historisch-wirtschaftlich bevorteilten Konkurrenten aus dem Westen.

Nun ist das mit Thesen ja so eine Sache, denn manchmal stellt man welche auf und dann guckt man auf die Fakten und stellt fest, dass es ganz so einfach dann doch nicht zuging. Weswegen ich mir dachte, dass ich zur gestrigen Behauptung noch den passenden Vergleich liefere. Und zwar in Form einer Tabelle, die für die Erst- und Zweitligisten von vor 20 Jahren auflistet, wo die Vereine heute gelandet sind.

Auffällig vorneweg, dass 11 Erstligisten von 1991 auch heute noch Erstligisten sind. Dazu kommen 4 Teams, die 1991 noch als Zweitligisten aktiv waren und inzwischen in der höchsten Spielklasse angekommen sind. 15 von 18 heutigen Bundesligaclubs gehörten demnach bereits 1991 zu den obersten zwei Spielklassen. Lediglich Hoffenheim, Wolfsburg und Augsburg, also Vereine, die auf die eine oder andere Art und Weise von erhöhten Geldspritzen profitieren durften, konnten von weiter unten in den Kreis ganz oben eindringen. Was gleichzeitig die gestrige These unterstreicht, dass ohne den Einsatz überdurchschnittlicher Finanzmittel für unterklassige Vereine die Lücke nach oben nicht zu schließen ist.

Auffällig auch, dass nur zwei Erstbundesligisten von 1991 einen Komplettabsturz hinnehmen mussten, Wattenscheid und die Stuttgarter Kickers spielen heute in Liga 6 und 4. Die verbleibenden sieben Bundesligisten von 1991 spielen hingegen heute immerhin in der zweiten Liga.

Während die Bundesligisten von 1991 also dem Profifußball in den obersten zwei Spielklassen fast durchgängig erhalten blieben, gilt das für die Zweitligisten nur bedingt. Gleich 17 der damals 24 Zweitligisten spielen heute in unteren Spielklassen. Immerhin 10 Vereine sind mindestens in die Regionalliga abgerutscht. Blau-Weiß Berlin existiert nach Insolvenz zudem gar nicht mehr. Das gilt gewissermaßen auch für den VfB Leipzig, der sich aber unter dem Namen Lok als in direkter Nachfolge zum VfB verstehender Neugründung wieder bis in die fünfte Liga gekämpft hat.

Bleiben noch ein, zwei Zahlenvergleiche der Wirtschaftsräume Ost und West. Die Zahl der in den ersten zwei Ligen vertretenen Ostclubs ist von 1991 bis 2011 von 8 auf 5 geschrumpft. Macht eine Quote von rund 63%. Die fünf Vereine spielen zudem allesamt nur in der zweiten Liga (mal ganz davon abgesehen, dass es teilweise neue Vereine sind). Die Anzahl der Westvereine ist im selben Zeitraum von 36 auf 31 gesunken. Was einer Prozentzahl von 86 entspricht. Heißt, die Anzahl der Ostclubs in den zwei Topligen ist in den letzten 20 Jahren prozentual gesehen deutlich stärker gesunken als die Anzahl der Westclubs. [Anmerkung: Aufgrund der Vereinigung starteten in Liga 1 und 2 1991 insgesamt 44 Vereine; die Ligen wurden nach und nach wieder auf 36 Mannschaften zurückgeschrumpft.]

Fast noch interessanter, wie tief die Vereine aus den zwei obersten Bundesligen im Schnitt sanken. Die acht Ostvereine von 1991 verloren im Laufe der letzten 20 Jahre insgesamt 14 Ligastufen, was pro Verein einen Absturz von 1,75 Ligen bedeutet. Jeder der acht Clubs musste also fast zwei mal absteigen. Die 35 Westclubs (Blau-Weiß muss aufgrund Insolvenz außen vorbleiben) stiegen insgesamt 32 mal ab, was einen Schnitt von 0,91 ergibt und demnach bedeutet, dass jeder der 35 angetretenen Westvereine im Schnitt in den letzten 20 Jahren knapp eine Ligastufe verlor. 1,75 : 0,91. Deutliche und symbolträchtige Relationen.

Insgesamt sind untige Tabelle und obige Zahlen weitere belegende Indizien für die These, dass die Ostclubs im Kampf zweier ungleicher Wirtschaftsräume über 20 Jahre hinweg den Anschluss an die großen Fleischtöpfe des Profi-Fußballs verpasst haben.

q.e.d.

Team1991/19922011/2012+/-
VfB Stuttgart1.Bundesliga1.Bundesliga0
Borussia Dortmund1.Bundesliga1.Bundesliga0
1. FC Köln1.Bundesliga1.Bundesliga0
1. FC Kaiserslautern1.Bundesliga1.Bundesliga0
Bayer Leverkusen1.Bundesliga1.Bundesliga0
1. FC Nürnberg1.Bundesliga1.Bundesliga0
SV Werder Bremen1.Bundesliga1.Bundesliga0
FC Bayern München1.Bundesliga1.Bundesliga0
FC Schalke 041.Bundesliga1.Bundesliga0
Hamburger SV1.Bundesliga1.Bundesliga0
Borussia Mönchengladbach1.Bundesliga1.Bundesliga0
Eintracht Frankfurt1.Bundesliga2.Bundesliga-1
Karlsruher SC1.Bundesliga2.Bundesliga-1
VfL Bochum1.Bundesliga2.Bundesliga-1
MSV Duisburg1.Bundesliga2.Bundesliga-1
Fortuna Düsseldorf1.Bundesliga2.Bundesliga-1
Hansa Rostock1.Bundesliga2.Bundesliga-1
Dynamo Dresden1.Bundesliga2.Bundesliga-1
Stuttgarter Kickers1.BundesligaRegionalliga Süd-3
SG Wattenscheid 091.BundesligaWestfalenliga-5
SC Freiburg2.Bundesliga1.Bundesliga+1
1. FSV Mainz 052.Bundesliga1.Bundesliga+1
Hertha BSC2.Bundesliga1.Bundesliga+1
Hannover 962.Bundesliga1.Bundesliga+1
TSV 1860 München2.Bundesliga2.Bundesliga0
FC St. Pauli2.Bundesliga2.Bundesliga0
Eintracht Braunschweig2.Bundesliga2.Bundesliga0
1. FC Saarbrücken2.Bundesliga3.Liga-1
SV Darmstadt 982.Bundesliga3.Liga-1
VfL Osnabrück2.Bundesliga3.Liga-1
Chemnitzer FC2.Bundesliga3.Liga-1
FC Carl Zeiss Jena2.Bundesliga3.Liga-1
FC Rot-Weiß Erfurt2.Bundesliga3.Liga-1
SV Waldhof Mannheim2.BundesligaRegionalliga Süd-2
Fortuna Köln2.BundesligaRegionalliga West-2
SV Meppen2.BundesligaRegionalliga Nord-2
Hallescher FC2.BundesligaRegionalliga Nord-2
FC 08 Homburg2.BundesligaOberliga Südwest-3
Bayer Uerdingen2.BundesligaNRW-Liga-3
VfB Oldenburg2.BundesligaOberliga Niedersachsen-3
VfB Leipzig (Lok)2.BundesligaNOFV-Oberliga Süd-3
BSV Stahl Brandenburg2.BundesligaBrandenburg-Liga-4
FC Remscheid2.BundesligaLandesliga Niederrhein-5
Blau-Weiß 90 Berlin2.BundesligaInsolvenzk.A.

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12 Gedanken zu „Sportliche Abstürze“

  1. Sehr interessant und äußerst spannend zu lesen!
    Einen kleinen Schönheitsfehler habe ich aber dennoch entdeckt.

    Der SV Blau Weiß Berlin ist genauso inoffzieller Nachfolger der SpVgg Blau-Weiß 1890 Berlin wie der 1.FC Lok Leipzig inoffzieller Nachfolger des VfB Leipzig bzw. der bis 1991 aktiven DDR Lok ist. Siehe auch:

    http://de.wikipedia.org/wiki/SpVgg_Blau-Weiß_1890_Berlin
    https://de.wikipedia.org/wiki/1._FC_Lokomotive_Leipzig

    Beide mussten wieder in der untersten Spielklasse beginnen und haben sich mehr oder weniger weit hoch gearbeitet (7. und 5. Liga).
    Also entweder man hält beide Vereine aus der Wertung raus, oder keinen.
    Find ich zumindest.

  2. Das mit den Blau-Weißen ist mir tatsächlich entgangen. Das würde die obige Zahl von 0,91 auf etwas über 1 anheben. Was an der Relation nichts ändern würde. Vielleicht ändere ich es im Text morgen noch, mit ein bisschen mehr Zeit.

    Danke für den Hinweis.

  3. Interessante Zahlenspiele, und auch deine Aussagen sind (leider!) passend.
    Allerdings ist mir nicht ganz klar, welche Art von Finanzspritze, der FC Augsburg bekommen hätte.
    Hertha BSC ordnest du nicht geographisch als Ostverein, sondern historisch als Westverein ein. Unterschreibe ich auch!
    Die 2 Komplettabstürze von Wattenscheid und den SK liegen wohl auch darin begründet, dass Wattenscheid ein Emporkömmling war, der allein am Tropf eines Gönners gehangen war, während es bei den Kickers ähnlich ist/war, und sie zusätzlich mit dem VfB noch einen übermächtigen Lokalrivalen haben…

    Dass der Fußballosten keinen 1. Liga Club hat, ist sehr bedauerlich, aber hoffentlich nur eine Momentaufnahme. Aber ehrlich: Rasenball Leipzig als zukünftigen, einzigen Erstligisten aus den neuen Bundesländern, will ich mir auch nicht vorstellen müssen…

    Abschließend eine grundsätzliche Anmerkung noch:
    Der deutsche Profifußball ist eine mehr oder weniger geschlossen Gesellschaft. Wie du sagst, in 20 Jahren gerade 3 „neue“ Vereine. Genaugenommen ist nur Hoffenheim völlig neu, da die beiden anderen schon mal vorher im Profifußball vorbei geschaut haben. Es gibt auch im Westen Regionen, die völlig ohne Bundesligageschichte sind. Es kam noch nie ein 1. Bundesligist aus Schleswig-Holstein, die Vereine dort haben auch irgendwann mal den Anschluss verpasst, und können ihn heute alleine nicht mehr finden. Falls da kein Dietmar Hopp um die Ecke schaut, und zB. Holstein Kiel zu seinem Baby macht, wird sich daran auch nie mehr etwas ändern.

    1. Wenn ich den Text richtig verstanden habe, bezogen sich die die 3 „neuen“ Vereine nicht auf den deutschen Profifußball, sondern auf die erste Liga. Im Profifußball (der ja die dritte Liga mit einschließt, was einen deutlichen Unterschied zu 1991 darstellt) dürften es deutlich mehr sein, aber auch wenn man nur bis zur zweiten Liga geht, sind wohl ein paar Vereine dabei, die sich 1991 weiter unten tummelten (ungeprüft).

      Holstein Kiel ist ein schönes Beispiel, schließlich gab es dort ja zu Falko Götz‘ Zeiten sogar schon Schlagzeilen, in denen Vergleiche zu Hoffenheim und Hopp vorkamen. War wohl nichts.

    2. Ja, die drei neuen bezogen sich auf die erste Liga. In der zweiten Liga sind es immerhin acht Vereine, die vor 20 Jahren nicht in Liga 1 oder 2 waren, es aber nun sind. Was grundsätzlich wenig an der These ändert, dass man ohne Finanzier nicht ganz nach oben kommt. Was wiederum nicht heißt, dass ein Finanzier gleichbedeutend ist mit dem nach oben kommen. 😉

      Das mit der dritten Liga ist tatsächlich ein sehr bedeutender Unterschied, weil heute bis in die vierte Liga hinunter praktisch unter Profibedingungen gearbeitet wird, dies vor 20 Jahren aber selbst in der dritten Liga nur sehr bedingt der Fall war. Trotzdem ändert dies nichts an der Tendenz, dass gesamtdeutscher Fußball vor allem westdeutscher Fußball ist, was auch und vor allem mit den jeweiligen wirtschaftlichen Hintergründen in den Regionen zu tun hat und die 1.Liga eine historisch gewachsene, recht abgeschottete Verantaltung ist, in die man ohne größere Investition nur schwerlich hineinkommt, geschweige denn dort bleibt.

    3. die 1.Liga eine historisch gewachsene, recht abgeschottete Verantaltung ist, in die man ohne größere Investition nur schwerlich hineinkommt, geschweige denn dort bleibt.

      Uneingeschränkte Zustimmung. Auch zu Gotti, dass das analog für Vereine und Regionen aus der alten Bundesrepublik gilt.

      dass gesamtdeutscher Fußball vor allem westdeutscher Fußball ist, was auch und vor allem mit den jeweiligen wirtschaftlichen Hintergründen in den Regionen zu tun hat

      Bestimmt tragen die wirtschaftlichen Hintergründe dazu bei, dass sich Vereine aus Ostdeutschland (Berlin zähle ich explizit hinzu) schwerer tun.

      Gleichzeitig ist es aber auch nicht ganz überraschend, dass ein „Westdeutschland“, das Du im Grunde als „Gesamtdeutschland minus neue Bundesländer (minus Berlin nach meiner Zählung)“ definierst und das folglich etwa 20% der Bevölkerung und 30% der – meines Erachtens weniger relevanten – Fläche Deutschlands ausmacht, auch abseits des Sonderfalles Bundesliga mit weniger Vereinen als besagtes Gesamtwestdeutschland vertreten ist.

      Da sind knapp 28 % in der zweiten und 20% in der dritten Liga ja nun nicht sonderlich weit daneben, und auch die 18% für die gesamten drei Profiligen sind so schlecht nicht.

    4. Betrachtet man die Ligen 1 bis 3, dann haut es fast hin mit der rein statistischen Rechnung. Bei 56 Plätzen sollten etwa 11 Richtung Osten gehen. Zählt man Union (aber nicht Hertha) dazu (was ich tue), dann kommt man aktuell auf 9. Bleibt trotzdem die Auffälligkeit, dass keiner der Klubs in absehbarer Zukunft in der Lage scheint auch nachhaltig in die Bundesliga vordringen zu können. Heißt: die ostdeutschen Leuchtturmklubs haben derzeit maximal das wirtschaftliche Potenzial für die zweite Liga, mit möglichen kleinen Ausreißern nach oben.

      Mir geht es letztlich gar nicht so sehr um Ost-West-Gejammer, sondern im Zusammenhang mit dem am Anfang des Beitrages ganz oben verlinkten Text um die nüchterne Feststellung, dass die alteingesessenen, westdeutschen Klubs in den letzten 20 Jahren ihren wirtschaftlichen Vorsprung genutzt haben, um ihre Position weiter zu festigen, sodass es für egal welchen Verein aus den zugezogenen Bundesländern (aber auch Westklubs mit Ambitionen) kaum möglich ist, in diese Phalanx einzubrechen.

    5. Wenn Du Hertha nicht rechnest, darfst Du auch die Westberliner nicht rechnen, dann wären rechnerisch auch nur 10 Plätze angemessen (wenn ich mich nicht verrechnet habe…).

      Aber das ändert nichts an der Situation, dass die Bundesliga zu weiten Teilen zementiert ist, keine Frage. Zugunsten von west-, süd- und nord(west-)deutschen Vereinen. 😉

    6. Mathematische Konsensfindung: Ich hab bisher immer vereinfachend mit 16 von 80 Millionen ist gleich 20 Prozent gerechnet, was der Wahrheit offenbar nicht sehr nah kommt. Die liegt (mit dem ehemaligen DDR-Berlin) eher bei 14,6 von 81,7 ist gleich 17,9 Prozent. Womit man bei 10 Vereinen rauskommt. Und ich Dir in diesem Punkt uneingeschränkt Recht gebe. 😉

      Interessante Frage vielleicht nebenbei: Gibt es in den neuen Länder, auch basierend auf der schwierigeren wirtschaftlichen Ausgangslage in der Vergangenheit eventuell eine andere (schlechtere) Sponsoringbereitschaft, die sich auch unter verbesserten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verändert und so die Arbeit der Spitzenfußballklubs nicht gerade erleichtert?

    7. Sehr interessante Frage, in der Tat, die ich leider auch nicht beantworten kann. Ich neige aber zu der Ansicht, dass dem zumindest mittelfristig nicht so sein wird. Was zum Teil daran liegen mag, dass neue oder künftige Sponsoren besagte wirtschaftlich schwierige Situation gar nicht vor Ort miterlebt haben. So wie Red Bull, zum Beispiel. Oder bestimmt auch andere, die unternehmerisch stärker in den neuen Ländern verwurzelt sind oder sein werden.

  4. Augsburg wurde vom (ehemaligen?) kik-Chef Seinsch jahrelang aufgepäppelt. Sicherlich nicht im selben Umfang wie Hopps Hoffenheim, aber doch beträchtlich, sodass der Club konkurrenzfähig wurde. Inzwischen fordert er wohl – auch in Analogie zu Hopp – dass Augsburg sich selber und ohne seine Zuwendungen finanzieren müsse.

    1. Wusst ich so nicht… Danke für die Info!
      Nur mal so: Es ist schon komisch von einer „westdeutschen“ Region zu reden, und damit Schleswig Holstein zu meinen… Aber klar, ist mir klar warum…

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