Ost-West-Geschichten 20 Jahre später

Man kann behaupten, dass es bezeichnend ist für den Fußball in jenem geographischen Teil Deutschlands, der sich 1991 fußballtechnisch dem DFB angeschlossen hat, was da gestern bei der Partie Aue gegen Cottbus auf den Brüsten der Spieler zu sehen war. Da traf „Spar mit! Reisen“ auf „Tropical Island“. Ein Schweizer Reiseunternehmen mit 100 Beschäftigten vs. ein malaysischer Geschäftsmann, der im brandenburgischen Niemandsland in einer Halle, in der Cargolifter Ende des letzten Jahrtausends Luftschiffe bauen wollte und daran Pleite ging, im bereits zweiten Versuch eine tropische Traumlandschaft betreibt (Vision laut Eigenwerbung (broken Link): „Europas führendes Urlaubsresort“ – ähm ja). Die (zusammen mit Union) derzeit führenden ostdeutschen Fußballvereine wirtschaftlich und sponsorentechnisch immer noch unter ferner liefen, das ist das bezeichnende Merkmal für den Fußball 20 Jahre nach der Wende. Kein Gazprom, Emirates, VW, T-Home oder wie auch immer sie bei den westdeutschen Leuchttürmen heißen, sondern Spar mit! Reisen und Tropical Island! Möglicherweise zufällig, dass es Sponsoren sind, die vor allem auf das Fernweh abzielen.

Dabei ist es sowieso schon eine schräge Geschichte, dass ausgerechnet Cottbus und Aue (derzeit) die Sieger der ostdeutschen Fußballgeschichte sind. Erstere waren beim Abschied der DDR-Oberliga vor 20 Jahren 13. und damit Vorletzte. Zweitere starteten in der letzten Saison des DDR-Fußballs noch nicht mal im Oberhaus. Beide verschwanden in der Frühzeit des bundesdeutsch vereinten Fußballs in der Versenkung des Amateursports. Rostock, Dresden, Erfurt, Halle, Chemnitz, Jena, Lok Leipzig und Stahl Brandenburg hießen die Vereine, die damals in den Profisport aufrücken durften. Die ersten zwei sind immerhin wieder zweitklassig, kämpfen dort allerdings maximal gegen den Abstieg. Beim Rest darf jeder selbst nachvollziehen, wo die Vereine gelandet sind (Tipp: es geht bis runter in die sechste Liga).

Cottbus und Aue also und damit zwei Vereine, die für das Motto stehen, mit dem man gerne – auch schon mal in falscher Sentimentalität – die DDR-Lebensrealität beschrieb: Aus Sch… Bonbons machen. Ja, das können sie in Cottbus und Aue, unter widrigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Topergebnisse erschaffen. Und doch bleibt trotz der Topleistungen eine fußballerische Lebensrealität, die auch 20 Jahre nach der Fußballvereinigung keine Chancengleichheit zwischen Ost und West erlaubt. Sicherlich gibt es auch Unterschiede zwischen Nord und Süd und innerhalb des Ostens zwischen Sachsen und ostbrandenburger Grenzregionen, aber grundsätzlich und vereinfacht, unterscheiden sich die Bundesländer Ost und West eben durch ihre wirtschaftshistorisch gewachsenen Rahmenbedingungen. Chancengleichheit war auf dieser Basis nie zu haben und wird auf absehbare Zeit kein Thema sein. Der Blick auf die Besetzung der Bundesliga beweist dies nur allzu deutlich.

Man muss natürlich vorsichtig sein. Nicht alles in den letzten 20 Jahren lässt sich durch die unterschiedlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erklären. Wirtschaftliche Fehlentscheidungen, Ossis die allen vertrauten, die sie nur irgendwann mal im Fernsehapparat drinne (Westfernsehen!) gesehen hatten, verbranntes Geld, heruntergewirtschaftete Stadien, schlechtes Image durch gewaltbereite Fanszenen. Um den Niedergang des DDR-Spitzenfußballs nachvollziehen zu können, muss man sicherlich in die multikausale Trickkiste greifen.

Und trotzdem bleibt es ein matter of fact, dass wirtschaftliche Gründe ein nachhaltiges Aufholen fast schon unmöglich machen. Der Profifußball hat sich in den letzten 20 Jahren zu einem Geschäft entwickelt, in das man schwerlich von unten eindringen kann. Zu groß sind die finanziellen Aufwendungen, die es braucht, um überhaupt erst einmal den Status Quo von sagen wir Borussia Mönchengladbach zu erreichen. Klar kann Energie Cottbus, wenn es top läuft mal wieder ein, zwei Jahre am Stück Bundesliga spielen, für mehr wird es aber nicht reichen. Da kann man sich auf den Kopf stellen.

Und selbst für die Städte, die fußballtechnisch die Metropolen des Ostens waren (Dresden, Leipzig, und Rostock) ist es aus eigener Kraft nur schwerlich in den erlauchten Kreis der Bundesligisten zu schaffen. In Bezug auf RB Leipzig habe ich in diesem Zusammenhang letztens in irgendeinem Forum (wo und warum weiß ich nicht mehr) ein Argument gelesen, das mir bereits öfters begegnet ist in den letzten zwei Jahren, nämlich dass keine Stadt und keine Region ein verbrieftes Recht auf Bundesligafußball habe. Man müsse sich diesen Erfolg erarbeiten und bekomme ihn nicht aufgrund der Vergangenheit oder der Stadtgröße zugesprochen. Das ist natürlich grundsätzlich richtig, bekommt aber dann eine eigenartige Note, wenn es verstärkt von Leuten als Argument genutzt wird, die ganz real in ihrer Gegend einem Bundesliga-Verein anhängen oder in Gegenden wohnen, die eine hohe Dichte an Profi-Fußball-Vereinen aufweisen.

Nimmt man es mal grundlegend statsitisch (nur um die Auffälligkeit darzustellen), dann würden die 5 zugezogenen Bundesländern (mal von Berlin abgesehen) in Relation zur Einwohnerzahl drei Bundesliga-Startplätze beanspruchen dürfen. Drei. Im Vergleich zu aktuell: Null. Wenn nun das Argument also lautet, dass man Angst habe, dass wegen Red Bull alles kaputt gehe und man um die eigenen Plätze in der Bundesliga fürchte, dann kann man nur anmerken, dass es strengegenommen so ist, dass in der Bundesliga derzeit noch drei Plätze belegt werden, die von Clubs aus bspw. Dresden, Rostock oder Leipzig eingenommen werden sollten. Dass also die Fußballvereinigung eine wirtschaftliche Ausschlussveranstaltung auf Kosten der ostdeutschen Spitzenclubs war. Simpel gesagt. Und bei aller zu präferierender Multikausalität als Erklärungsmodell.

Genaugenommen ist das Modell Red Bull das Modell der aufholenden Entwicklung, das direkte Folge dessen ist, dass die Ostvereine mit dem Leben im Kapitalismus allein gelassen wurden, das Leben dann nicht allzu gut organisierten und darniedergingen. Am Beispiel Leipzig: Man hat einwohner- und fußballinteressetechnisch einen Markt wie es ihn bei einem unterklassigen Verein nur noch in Essen gibt. Man hat Fußballvereine (Lok und Chemie), die in den letzten mehr als 10 Jahren wirtschaftlich nicht in der Lage gewesen wären für den großen Wurf Profifußball. Man hat Insolvenzen, fehlende (weil zu teure) Infrastruktur (Nachwuchsarbeit) und ein großes, aber zu teures WM-Stadion. Man hat also einen Markt ohne das nötige Startkapital, um den Markt zu befriedigen. Unter diesen Rahmenbedingungen ist Red Bull die einzige logische Folge und vermutlich die einzige Chance die wirtschaftliche Lücke zum Profifußball mit einer übergroßen Anfangsinvestition (auch in die Infrasturktur) auch nachhaltig zu schließen und sich mittelfristig an die Geldtöpfe des Bundesligafußballs anzuschließen.

Man kann natürlich das Modell Red Bull unsympatisch finden, aber wer den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Niedergang im Ost-Fußball bei gleichzeitigem Desinteresse (mal jenseits gut klingender Absichtserklärungen) des Fußballfunktionärs und des West-Fußball-Vereins-Konkurrenten nicht zumindest in Betracht ziehen will, verfehlt das Thema. Sodass das Argument, RB Leipzig klaue einem alteingesessenen Verein den Platz eigentlich nur bedeutet, dass RB Leipzig – so sie denn einmal in diese Sphären kommen – einen Platz einnehmen könnte, den ein als alteingesessen bezeichneter Verein aus dem Westen aufgrund seiner wirtschaftlichen Überlegenheit (!) einem früheren Leipziger Verein weggeschnappt hat. Was auch bedeutet, dass das Argument für die Alteingesessenen auch nur ein Argument der Besitzstandswahrung ist. Was als Argument ok, aber auch eben kein heroisch-selbstloses mehr ist.

PS: Ja, ich bin mir bewusst, dass es DEN Ostfußball nicht gibt und schon gar nicht DEN Ostdeutschen, der es gut finden muss, dass Red Bull aus ureigenem Interesse in Fußball-Leipzig die wirtschaftliche Lücke zum Profi-Fußball zu schließen sucht. Trotzdem ist der Osten aufgrund seiner wirtschaftlichen Geschichte ein gemeinsamer historischer Raum, mit ähnelnden Problemlagen und somit auch als gemeinsames Raum analysierbar.

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5 Gedanken zu „Ost-West-Geschichten 20 Jahre später“

  1. Das ist ein sehr gelungener Artikel, außer Petitessen habe ich nichts auszusetzen. Im Grunde denke ich, dass die Anhänger der traditionellen Ostvereine genau wissen, dass mit – einiger Wahrscheinlichkeit – einzig und allein RB Leipzig den von Dir beschriebenen Anschluß an den absoluten Spitzenfußball dauerhaft wird leisten können, deshalb auch die unglaublichen Aggressionen. Aber das muß RB-Fans und die Jungs in Fuschl nicht weiter bekümmern, man kann ein Stadion auch gut ohne Tradtions-Fans voll bekommen. Ich habe dagegen nichts einzuwänden, denn RB Leipzig nimmt niemandem etwas weg und mit der ewigen Zementierung des Status Quo habe ich es nicht so: Panta Rhei – alles fließt.

    Die Neunziger waren für den Ostfußball (mit Ausnahme von Rostock) verlorene Jahre, mehr noch, es waren Minusjahre – sie haben ein jämmerliches Image erzeugt und unglaublich viel Geld gekostet. In Erfurt hat es 15 Nachwendejahre gedauert, bis mit Rolf Rombach der erste vernünftige Präsident dem Verein vorstand; die Schulden seiner Vorgänger trägt er noch immer mühsam ab. In Aue, Cottbus und Rostock wird schon wesentlich länger solide agiert und deshalb sind diese Vereine auch vorne dran.

  2. Danke für die Anmerkungen. Ich vermute, dass Dresden neben RB auch gute Chancen hat, sich mittelfristig höherklassig festzusetzen. Wenn, ja wenn sie sich mal auf zwei, drei Jahre in der zweiten Liga konsolidieren und die Dynamo-Anhänger dem nicht einen Image-Strich durch die Rechnung machen. Wobei der Nichtabstieg für dieses Jahr zugegeben eine Hammeraufgabe ist. Der letzte Abstieg aus Liga 2 unter Franke am letzten Spieltag tat Dynamo in seinem Wachstum sehr weh und hallte lange nach. Das sollten sie in ihrer finanziell eher kanppen Situation unbedingt vermeiden. Zumal die Euphorie da ist. Vergangene Saison hatte Dynamo den höchsten Zuschauerschnitt seit der Wende. In Liga 3..

  3. Hhm, bei Dresden bin ich skeptisch: viel Testosteron, viele Altmeister, zu wenig Mateschitz. Langfristig haben da nüchtern agierende Vereine (so nüchtern wie Fußball halt sein kann und sollte), wie Cottbus, Rostock, Augsburg, Fürth – um auch mal unglamouröse Westvereine einzubeziehen – die besseren Chancen. Wie Du schon sagst, das große Geld ist in Dresden nicht vorhanden und eingedenk dieser Finanzlage kann man sich Fehler kaum erlauben. Dynamo ist aber ein dauerüberhitzter Verein, immer kurz vor dem Verglühen. Viele Stressoren provozieren dann halt zu viele Fehler. Aber, okay, wir werden sehen.
    Im Übrigen: Du kannst stellungsfehler.de jetzt auch per RSS verfolgen.

  4. Sehr guter Beitrag mit gewohnt tiefer Analyse. Es gibt wirklich nicht den Ostfußball. Genau wie es den Westfußball auch per Definition nicht gibt. Aber es gibt wirtschaftliche Unterschiede, die auffällig sind. Das von Dir angesprochene Trikotsponsoring ist so ein Merkmal. Die Fehler einstiger Europapokalmannschaften wie dem 1. FC Magdeburg, Dynamo Dresden, 1. FC Lokomotive oder der Jenenser Truppe unter Hans Meyer (selten ein so temporeiches Spiel gesehen wie damals beim 4:0 gegen den AS Rom) nach der Wende sind mannigfaltig. Kaum ein Fettnapf wurde ausgelassen. Unerfahrenheit, Ausverkauf der sportlichen Talente, fehlender Umgang mit Sponsoren, Westgläubigkeit, Präsidenten die den Namen nicht verdienten, marode Stadien in den 90igern (ich habe an einem Herrentag mit Kumpels noch im Zentralstadion Fußball gespielt. Mir brach fast das Herz. Zerbrochene Bänke, Unkraut meterhoch, eine Sportstättenruine). Aber auch das Einbinden verdienstvoller ehemaliger DDR-Nationalspieler in die Vereine geschah und geschieht mir zu selten. Doch der Fisch fängt bekanntlich im Kopf an zu stinken. Ich will hier nicht alle dubiosen Präsidenten in der Nachwendezeit aufzählen. Aber da waren wirklich ein paar bunte Paradiesvögel mit unseriöser Verhaltenweise an der Macht. Da hielt sich manch einer seinen eigenen Hofstaat. Führte seine privaten Scharmützel und hatte das Wohl und Wehe des Vereins nicht im Blick. Eigentlich ein Filmstoff für Dieter Wedel.

    Hat der Osten denn keine soliden eigenen Präsidenten? Traut sich keiner? Hat keiner den wirtschaftlichen Hintergrund? Dabei gibt es auch sehr positive Beispiele von ostdeutschen Präsidenten. Ich habe das Glück gehabt Hubert Wolf, Präsident von ZFC Meuselwitz persönlich kennenzulernen. Er hat über die Jahre eine prosperierende Firma aufgebaut und wirtschaftet solide. Den Verein hat er in die für ihn realistische sportliche Sphäre geführt. Mehr wie die 4. Liga ist jedoch für die regionalen Möglichkeiten nicht drin und auch nicht gewollt.

    Für die dauerhafte Zugehörigkeit zur Bundesliga braucht es schon die Möglichkeiten von RB Leipzig. Finanzielle Power, das Marketinggenie Mateschitz, Visionen und ehrgeizige Ziele, einen langen Atem auch in kurzfristigen Durststrecken, der Glaube an die Erreichbarkeit der vorgegebene Ziele. Mateschitz wurde einst von sogenannten Experten ausgelacht als er einen jungen deutschen Rennfahrer verpflichtete. Wie die Geschichte ausging wissen wir alle…

  5. Sehr guter Artikel,
    hab den Blog erst kürzlich über G+ entdeckt. Für mich als Exil-Leipziger in Hamburg eine gute Möglichkeit, den Fussball in der Heimat im Auge zu behalten.

    Dafür Danke!

    Der Meinung zu RB im Allgemeinen & zu Leipzig bzw. dem Fussball im Osten kann ich mich nur anschließen!

    Gruß
    DopeyDevil

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