Leipziger Fußball 2011/2012

Eine neue Saison steht unmittelbar bevor. Eine neue Saison, die für die verschiedenen Leipziger Fußballlager wieder einmal viele Fragen aufwirft, viele Fragen, die vermutlich derzeit noch nicht mal gestellt wurden. Erinnert man sich daran, wie es im Leipziger Fußball vor einem Jahr aussah, dann gab es dort RB Leipzig mit Tomas Oral, Lok Leipzig mit Achim Steffens, den FC Sachsen Leipzig mit Dirk Heyne und die BSG Chemie Leipzig mit Radisa Radojicic. Dass mal eben keiner der Vereine (aus den unterschiedlichsten Gründen) mehr mit demselben Trainer in das neue Spieljahr geht, wirkt schon fast unheimlich. Dass einer der Vereine nicht mal mehr existiert, ist dagegen für Leipziger Verhältnisse nicht ungewöhnlich. Neues Jahr also, neues Glück. Und viele Baustellen und verschiedenste Ziele für die Vereine in den verschiedenen Spielklassen.

RB Leipzig: Schon wieder zählt nur der Aufstieg

Die umfassensten Personalveränderungen hat in den vergangenen Monaten sicherlich der ranghöchste Leipziger Verein hinter sich gebracht. Man kann guten Gewissens sagen, dass da kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Was sowohl für den Bereich der sportliche Verantwortlichen gilt (wer das nachvollziehen möchte, nutze die Google-Suchfunktion oben rechts in der Sidebar und die Namen Pacult, Oral, Beiersdorfer, Linke, Loos, Bach, Shoukry), als auch für den Kader von RB Leipzig. In der Stammformation der Leipziger stehen gleich sieben Neuzugänge, die zumindest für den DFB-Pokal keine große Eingewöhnung brauchten.

Ich hatte den Kader der neuen Saison ja bereits ausführlich unter die Lupe genommen und bleibe bei dem formulierten Ergebnis, dass die Mannschaft bis auf kleiner Ausnahmen (vor allem die Innen- und Linksverteidigung) zumindest doppelt hochwertig besetzt ist. Neu-Trainer Peter Pacult hat den Kader nach seinen Vorstellungen noch einmal verändert und vor allem Spieler in den Mitzwanzigern verpflichtet, die dem Team auch in der Breite Stabilität verleihen sollen. Zudem hat Pacult sehr viel wert auf Spielertypen für die Außenbahn gelegt, die seiner Spielphilosophie, die man als schnell, robust, zielstrebig bezeichnen könnte, entgegenkommen. Die beiden Duos Kocin/ Heidinger und vor allem Müller/ Röttger verkörpern jedenfalls mindestens Drittliga-Niveau, dürften aber aufgrund ihrer Robustheit auch in der Regionalliga prima zur Geltung kommen und die Differenz zum letztjährigen Kader ausmachen.

Insgesamt kann es aufgrund der Kadervoraussetzungen und der eigenen Bundesliga-Zukunftsvorstellungen bei RB Leipzig nur ein Ziel für die Regionalliga-Saison: den Aufstieg. Witzigerweise nimmt das Wort bei RB im Gegensatz zum Vorjahr niemand in den Mund. Die ganze Liga nennt einstimmig RB als Favoriten [broken Link], nur der Favorit selbst zeigt sich davon unbeeindruckt und vermeldet, dass man nicht vom Aufstieg reden, sondern auf dem Platz Flagge zeigen müsse. Was natürlich grundsätzlich stimmt und man auch positiv als konzentrierte, nicht überhebliche Herangehensweise an die neue Saison interpretieren kann. Andererseits irritiert mich es schon ein wenig, dass das Team mit dem teuersten Kader, besten Bedingungen und den höchsten Marktwerten sich nicht schlicht und einfach öffentlich das naheliegende Ziel auf die Fahnen schreiben kann. Aber egal, wer was wo drauf schreibt: RB Leipzig ist der große Favorit und alles andere als der Aufstieg wäre für Verein, Mannschaft und Anhänger eine Enttäuschung. Ein Druck, mit dem die sportlich Beteiligten auch umgehen müssen.

Zumal ich die Konkurrenz als nicht ganz so stark einschätzen würde, als es diese mit dem Chemnitzer FC im vergangenen Jahr war. Auch dies hatte ich bereits ausführlich in einem Überblick über die Regionalliga Nord 2011/2012 dargelegt. Und auch hier hat sich an meiner Einschätzung in Bezug auf die Mitkonkurrenz wenig geändert. Außer dem Halleschen FC und Holstein Kiel sehe ich kein Team, das ernsthaft in den Aufstiegskampf eingreifen könnte. Wolfsburg hat einen erheblichen Aderlass an Stammspielern hinnehmen müssen. Lübeck muss finanziell weiter sparen. Und bei den restlichen Mannschaften ist vorerst nicht davon auszugehen, dass sie einen derartigen qualitativen Sprung machen, dass sie eine komplette Regionalliga-Saison auf höchstem Niveau spielen können (wobei man gerade bei den zweiten Mannschaften immer vorsichtig sein muss mit solchen Prognosen).

Nimmt man all dies zusammen und die Tatsache, dass man in Halle und Kiel zumindest die Aufstiegschance wittert und im günstigsten Fall auch wahrnehmen will, könnte die Regionalliga-Saison auf einen Dreikampf hinauslaufen. Was sportlich natürlich hochspannend wäre. Gleichwohl hätte ich aber auch nichts dagegen, wenn RB Leipzig frühzeitig die Weichen Richtung Aufstieg stellen würde.

Gewöhnungsbedürftig an der neuen Saison ist die Tatsache, dass es aufgrund der Regionalliga-Reform nächsten Sommer keine Absteiger geben wird. Das heißt, dass der Großteil der Spiele in einer sowieso schon nicht übermäßig attraktiven Liga ohne tatsächliche sportliche Anreize absolviert werden wird. Eine Saison voller Freundschaftsspiele, die mit zunehmender Spielzeit und je mehr Teams die Tabellenspitze als unerreichbar empfinden, immer freundschaftsspieliger wird. Ob das für RB Leipzig, gegen die jeder (Freundschaftsspiel hin oder her) immer gut aussehen und möglichst gewinnen will, etwas bedeutet, wird sich erst noch zeigen. Wenn, dann auf jeden Fall nichts positives.

Konsequenzen wird das Szenario vermutlich auf den Zuschauerschnitt der Vereine haben, die unterhalb von Platz drei oder vier im Niemandsland der Tabelle agieren. Kein Abstiegskampf mehr in Meuselwitz oder Plauen oder wo auch immer und somit auch weniger Aufmerksamkeit für die Spiele. Das wiederum wird RB Leipzig nicht wirklich betreffen. Spielt man das ganze Jahr lang um den Aufstieg mit und rettet dabei auch ein wenig der Pokal-Euphorie in den Liga-Alltag dürfte der ohnehin schon respektable Schnitt von knapp 4.300 Zuschauern aus der letzten Saison auch ohne Top-Heimspiel gegen den Chemnitzer FC noch einmal übertroffen werden.

Fazit: Für RB Leipzig kann es in dieser Saison nur ein Ziel geben: den Aufstieg (sieht man vom Nebenbei-Ziel Gewinn des Sachsen-Pokals ab). Ich glaube, dass man dafür sportlich prima gerüstet ist und dass man mit Peter Pacult einen sachlichen, erfolgsorientierten Übungsleiter hat, dem es gelingen wird, die Mannschaft von Spiel zu Spiel auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Auch wenn ein enges Saisonfinale spannender wäre, glaube ich, dass RB Leipzig frühzeitig als Aufsteiger feststehen wird.

Lok Leipzig: Kampf gegen die sportliche Bedeutungslosigkeit

Auch für Lok kann es wie für RB Leipzig eigentlich nur ein Ziel geben: den Aufstieg. Im Gegensatz zu RB wird dies aber bei Lok auch formuliert. Im Gegensatz zu RB muss Lok aber auch nicht Erster werden, um aufzusteigen. Möglich macht dies wiederum die Regionalliga-Reform, wegen der nächste Saison fünf Regionalliga-Staffeln gebildet werden und wegen der aus den zwei Staffeln der NOFV-Oberliga, in deren Südstaffel Lok agiert, jeweils mindestens zwei Mannschaften aufsteigen. Je nach Abschneiden der Ost-Teams in der dritten und vierten Liga erhöht sich die Zahl auf acht. Um das ganze kurz zu machen: steigt Halle oder Leipzig aus der Regionalliga in die dritte Liga auf und steigt kein Ost-Team aus der dritten Liga ab, werden in den Oberligen acht Regionalligaufsteiger ausgespielt. Mit jedem Absteiger aus der dritten Liga wird es ein Platz weniger. So auch bei Nichtaufstieg der Hallenser und der Leipziger. (Im Deteil hier die Regelungen hier bei mir im Blog oder als pdf in der öffentlichen Verlautbarung beim NOFV)

Heißt übersetzt nur, dass Lok mit einem Ziel in die Saison geht, bei dem unklar ist, welchen Platz man erreichen muss, um es zu erreichen. Ich würde schätzen, dass ein Ostabsteiger in Liga 3 wahrscheinlich ist, RB Leipzig aber aufsteigt, sodass sieben Plätze zu vergeben sind und Lok ein dritter Platz reicht, um direkt aufzusteigen und man Vierter werden muss, um sich ein Relegationsspiel gegen den Vierten der Nordstaffel zu sichern. Da erfolgreiche Relegationen in Leipzig durchaus Tradition haben, wäre das Letzte ja auch ein schöner Saisonabschluss.

Jedoch darf man nicht vergessen, dass schon Platz vier eine echte Herausforderung wird. Möchte man sicherer gehen und Platz zwei oder drei anpeilen, wird es richtig schwer. Mit Bautzen, Auerbach und Zwickau hat die Oberliga Süd drei Teams in petto, die entweder jahrelang gewachsene, robuste Oberligateams (Bautzen, Auerbach) oder finanziell wieder mal sehr gut ausgerüstet (Zwickau) sind. Vermutet man dazu noch, dass auch Aue und Dresden ein ernsthaftes Interesse (und auch die Qualitäten) haben, ihre Zweitvertretungen in der vierten Liga unterzubringen, ist man schon bei sechs Teams, die man als ernsthafte Kandidaten für vier Plätze sehen muss. Nimmt man dazu noch die Tatsache, dass ein Überraschungsteam immer denkbar ist (Luckenwalde, Erfurt II, Jena II?), wird es ein richtiges Hauen und Stechen um die Aufstiegsplätze geben. Nimmt man final auch noch die Tatsache dazu, dass auf jeden Fall zwei Teams absteigen werden, kann man feststellen, dass die NOFV-Oberliga Süd das komplette Gegenteil der Regionalliga Nord ist, denn in der Oberliga wird so ziemlich jedes Spiel sportlich reizvolle Aspekte haben.

Inwieweit Lok für dieses Hauen und Stechen sportlich gerüstet ist, kann ich schwer beurteilen. Mit Engler, Bachmann und auch Dolecek hat man drei namhafte Zugänge zu verzeichnen. Neben Dolecek hat man noch drei weitere, tschechischeSpieler verpflichtet, bei denen man abwarten muss, inwieweit sie dem Verein helfen. Überhaupt scheint es ein wenig, als habe es bei Lok eine kleine Abkehr vom Setzen auf die alten Lok-Haudegen gegeben. Die Abgänge Kunert, Linkert, Evers und die Adam-Brüder z.B. zeigen, dass man offenbar nicht unbedingt auf die Spieler setzt, die bei Lok die Vergangenheit geprägt haben oder aufgrund ihres Alters vielleicht die Zukunft hätten prägen können, sondern auf lokexterne, sportlich passende Lösungen. Wenn es gut geht, wird Mike Sadlo sicherlich auf Händen aus dem Stadion getragen, wenn nicht, dann könnte beim Verein auch schnell die Luft brennen.

Denn, schafft Lok den Aufstieg in die neue Ost-Regionalliga mit den wartenden Duellen gegen Magdeburg, eventuell Halle, Plauen und Co nicht, dann hat man ein weiteres Jahr in der dann noch unattraktiveren Oberliga Süd vor sich. Rein sportlich ein Albtraum für die blau-gelben, die sich vermutlich nicht auf einer Höhe mit Borea Dresden oder Fortuna Chemnitz sehen. Läuft es sportlich darauf hinaus, dass man auch in einem Jahr auf diese Gegner trifft, könnte die Stimmung schlecht werden. Was auch in Bezug auf den erwarteten Zuschauerschnitt von 3.000 Besuchern suboptimal wäre. 3.000 Menschen zieht man sicherlich nicht zweiwöchentlich ins Oberliga-Stadion, wenn der Aufstiegszug frühzeitig abfährt. Die 500 Besucher der komplett verregneten Saisoneröffnung zeigen, dass Lok weiterhin funktioniert in Leipzig und dass man bei Fütterung der Euphorie eine sportlich und zuschauertechnisch erfolgreiche Saison erleben kann. Nach den Misserfolgen der letzten Jahre bzw. der Nach-Lisiewicz-Ära wäre Lok eigentlich mal wieder dran mit einem sportlichen Ausrufezeichen. Schon das erste Punktspiel in Auerbach dürfte richtungsweisend werden. Ein positiver Auftakt könnte jedenfalls vieles erleichtern.

Im Schatten der Männer, wenn auch ligatechnisch weit drüber stehen die Frauen von Lok, die noch zwei Wochen Zeit haben bis zum ersten Punktspiel. Das findet dann erstmalig in der Bundesliga statt. Klares und einziges Ziel für die neue Saison: der Klassenerhalt. Was für Neuankömmlinge in der Bundesliga meist eine Mammutaufgabe darstellt. Für die Lok-Frauen ist das Erreichen des Ziels aber essenziell, will man mittelfristig konkurrenzfähige Strukturen im Frauenfußball ausbilden und sich vor allem auch einen Namen im Frauenfußball machen. Frauenfußball-Boss Wickfelder träumt ja bereits heimlich vom langfristigen Ziel Champions League. Dafür muss sich der Verein auf hohem Niveau konsolidieren. Ich finde es weiterhin spannend, wohin die Reise für die Lok-Frauen geht und inwieweit dies auch Einfluss auf die Ziele und das Image der Männer hat. Nicht auszuschließen, dass ich mir das Abenteuer Frauenfußball-Bundesliga aus nächster Nähe ansehen werde. Und nein, dafür müssten sie nicht mal in die Red Bull Arena umziehen..

Fazit: Auf Lok wartet eine ganz wichtige Saison mit vielen sportlichen Herausforderungen und Weichenstellungen. Ich persönlich finde, dass sie mal wieder dran wären mit Erfolgen, bin aber ob der starken Konkurrenz auch vorsichtig pessimistisch.

BSG Chemie Leipzig und SG Leipzig-Leutzsch: Grün-weiß gegen grün-weiß

Zwei sich völlig unterschiedlich verstehende Vereine, bei denen man aber nicht umhin kommt, sie gemeinsam zu besprechen, da sie an so vielen Punkten aufeinander Bezug nehmen oder dieselben Felder bearbeiten, dass man über den einen nicht sprechen kann ohne den anderen zu nennen. Zweimal grün-weiß, einmal in der Ultra-Version, einmal in der selbsternannten Sponsoren-Familien-Idylle. Zweimal Alfred-Kunze-Sportpark. Zweimal in der Tradition der chemischen Betriebssportgemeinschaft, die 1964 den DDR-Meistertitel erkämpfte.

Diese sowieso schon schräge Geschichte (die hier im Blog bereits zweimal beschrieben wurde: Grün-weiße Alternativen: SG Leipzig Leutzsch vs. BSG Chemie und Der Trauer folgt das Leipziger Allerlei), die zum Leipziger Fußball großartigst passt, bekommt ihre absolute Krönung dadurch, dass beide nun in der kommenden Sachsenliga-Saison gegeneinander antreten müssen. Grün-weiß gegen grün-weiß in den heiligen Hallen von grün-weiß. Ein tragikomisches Schauspiel, das sich wohl sehr viele Beteiligte gern erspart hätten, das aber im schlimmsten Fall dazu führt, dass die gegenseitigen Antipathien in diesen zwei Partien eher gefestigt als aufgeweicht werden.

Sportlich gesehen weiß man bei beiden Mannschaften nicht so genau wo sie stehen. Die BSG Chemie, dank Oliver Krause und dem Spielrecht ’seiner‘ ersten Männermannschaft von Blau Weiß Leipzig (das der nunmehrige Ultra-Versteher früher noch Red Bull angeboten hatte) mal eben von der Stadtklasse drei Ligen höher in die Sachsenliga gestiegen, hat zwar eine gute Vorbereitung gespielt, muss aber trotzdem erst einmal die viel höhere Qualität der Liga und einen runderneuerten Kader stemmen. Die SG Leipzig-Leutzsch musste gar einen komplett neuen Kader aus dem Boden stampfen, nachdem die meisten Spieler aus dem alten Kader des FC Sachsen Leipzig mit der neuen Leutzscher Alternative nichts am Hut hatten (woran letztlich auch das Übernehmen des Spielrechts des FC Sachsen scheiterte).

Bei beiden Mannschaften ist also unklar, wohin es sportlich geht. Ohne dies genau begründen zu können, würde ich aus dem, was ich kadertechnisch am Rande mitbekommen habe, die SG Leipzig-Leutzsch für einen Tick stärker halten. Da sie finanziell und in Bezug auf das Stadion (Hauptmieter) ein wenig als großer Bruder der BSG erscheinen, würde das auch Sinn machen. Wie das tatsächlich ausgeht, kann man gerne in der kommenden Saison beobachten. Eine Saison im Übrigen, die auch in der Sachsenliga eine hochinteressante ist. Mit Markranstädt und RB Leipzig II tummeln sich zwei finanziell üppig ausgestattet Topkandidaten auf den Aufstieg in der Liga. Der Heidenauer SV hat auch ordentlich Geld investiert. Kamenzer, Eilenburger, Neugersdorfer und Grimmaer (die auch ein paar ordentliche Zugänge haben – Evers!) sollte man auch nicht unterschätzen. Es dürfte also auf eine sportlich interessante Saison mit diversen heißen Duellen hinauslaufen. Wobei auch hier die Aufstiegsregelung von den Vorgängen in den oberen Ligen abhängt und somit eine Folge der Regionalliga-Reform ist. Steigen aus der Oberliga mindestens 5 Teams in die Regionalliga auf, dann erhält die Sachsenliga nämlich einen zusätzlichen, zweiten Aufstiegsplatz. Was eine sehr wahrscheinliche Variante und gut für Markranstädt und RB Leipzig II ist. Oder doch für eine der grün-weißen Alternativen?

Neben den sportlichen Aspekten sind natürlich auch die Vorgänge abseits des Platzes von höchstem Interesse bei grün-weiß. Die BSG Chemie hatte fankulturell drei Jahre Zeit, sich in den unteren Spielklassen zu konsolidieren. Genaugenommen ist die aktive Fanszene das Faustpfand schlechthin bei der finanziell nicht unbedingt sonderlich üppig ausgestatteten BSG. Mit diesem Rückhalt lassen sich viele Löcher stopfen. Fraglich aber, inwieweit hier das Wachstum nicht bereits ausgereizt ist oder ob durch die Insolvenz des FC Sachsen die BSG hier noch einmal eine essenzielle Blutauffrischung erhält, die sie auch für höhere Aufgaben als die Landesliga befähigt. 1.000 Zuschauer erwartet die BSG Chemie zum Pflichtspielauftakt gegen Eilenburg. Ein Schnitt um die 1.000 Zuschauer sollte sicherlich auch für die Liga angepeilt werden. Trotzdem, gerade mittelfristig sehe ich für grün-weiß in BSG-Form wenig Wachstumspotenzial in der Leipziger Fußballszenerie.

Das gilt in ähnlicher Form auch für die SG Leipzig-Leutzsch, bei denen man nun gar nicht weiß, in welchem Umfang sie überhaupt eine Fanbasis haben. Mich hat in dem Zusammenhang eine Meldung überrascht, dass die Leipziger Polizei damit rechnet, dass 200 Zuschauer mit der SG zum ersten Saison(auswärts)spiel nach Oelsnitz fahren werden. Eine erstaunliche Zahl. Aber auch eine Zahl, die ich mit großer Skepsis betrachte. Aber ungeachtet des Wahrheitsgehalts wird dies natürlich trotzdem eine essenzielle Frage für den Verein, inwieweit er eine Mitglieder- und Fanbasis kriegt, die ihn mittelfristig auch tragfähig und belastbar macht. Was auch die Frage aufwirft, inwieweit es eine relevante Zahl an ehemaligen Sachsen-Anhängern gibt, die mit der BSG Chemie und den Ultras auf Teufel komm raus nichts zu tun haben wollen.

Eigentlich, ganz rational aus organisatorischer Vereinsperspektive geht angesichts des Molochs Alfred Kunze Sportpark und der Herausforderung in der sechsten Liga Vereinsfußball zu gestalten, kein Weg daran vorbei, dass sich die beiden grün-weißen Vereine vereinen. Ganz ehrlich glaube ich aufgrund der allseitigen Befindlichkeiten nicht mal im Ansatz daran. Eher scheint es wahrscheinlich, dass die schon zwischen der BSG Chemie und dem FC Sachsen gepflegten Animositäten nun unter neuem Namen weitergeführt und ausgebaut werden. Klar ist, dass beide Vereine einander brauchen, um den Alfred Kunze Sportpark betreiben zu können. Klar ist aber auch, dass diese rationale Einsicht beim Kampf um die grün-weiße Hauptrolle gerne auch mal ins Vergessen geraten kann. Pessimistisch würde ich sagen, dass der Leutzscher Fußball die letzte Insolvenz noch nicht hinter sich hat. Aber weiter geht es ja immer irgendwie..

Fazit: Dass die Sachsenliga mal eine sehr spannende Liga sein würde, hätte man wohl auch nie gedacht. Gleich vier ambitionierte Teams aus Leipzig und Umgebung geben der Liga ein interessantes Gesicht. Gekrönt natürlich vom grün-weißen Duell, dessen Ausgang ich als offen empfinde. Für beide Vereine wird es sportlich und organisatorisch eine Saison mit vielen Herausforderungen. Ob sie sich dabei gegenseitig unter die Arme greifen oder eher miteinander verstreiten, wird sich zeigen.

Ergo

Bühne frei für ein weiteres Jahr Leipziger Fußball, in dem fußballerisch für jeden etwas dabei sein dürfte. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass man in den nächsten 10 Monaten in Leipzig an jedem Wochenende ein in irgendeiner Form spannendes Fußballspiel sehen könnte. Was ziemlich viel ist, wenn der ranghöchste Verein der Männer in der Regionalliga und der ranghöchste Verein der Frauen vor ein paar hundert Zuschauern kickt. Wünsche viel Spaß allerseits.

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6 Gedanken zu „Leipziger Fußball 2011/2012“

  1. „ein Überraschungsteam immer denkbar ist (Luckenwalde, Erfurt II, Jena II?)“
    Erfurt II oder Jena II können nicht aufsteigen, solange ihre Ersten Mannschaften in der 3. Liga sind, insofern fallen sie bei Nichtaufstieg der Ersten auch direkt aus den Aufstiegsrennen raus und m.E. dürfte der Sprung in die 2. Liga für beide auch recht unwahrscheinlich sein. Erfurt ggf. noch mit den besseren Chancen. Würde bei Abstieg von Aue oder DD auch für deren Mannschaften gelten.

  2. Das höre ich nun schon zum wiederholten Male und glaube es immer noch nicht so recht, weil ein Nichtaufstiegsrecht für zweite Mannschaften von Drittligisten keinerlei Sinn machen würde. Hast Du das auch als offiziellen Link? Und ich meine nicht den MDR, der das glaube ich auch mal ohne Quellenbeleg behauptet hat.

  3. @rotebrauselogger: ich habe das gefunden: „Nicht teilnahmeberechtigt für die neue Regionalliga sind die Reservemannschaften von Drittligisten sowie die dritten Mannschaften von Lizenzvereinen. “
    Quelle: http://www.kicker.de/news/fussball/regionalliga/startseite/551802/artikel_dfb-weitet-die-spielklassenreform-aus.html
    Zum Lok Teil folgende Anmerkung: Evers wollte irgendwie schon immer weg, Linkert war mehrmals weg und Kunert hat nach seiner Verletzung nie mehr den Anschluss gefunden. Insofern ist nur Evers diskutabel, der sich aber auf keinen Fall dem sportlichen Anspruch stellen will. Nämlich sich mit einem gleichwertigen Torhüter zu messen. Ansonsten hast du Heusel vergessen, der hat imho mit dem letzten Derbytor genug Kohle für den Verein rangeschafft und hätte als Urgestein sicherlich eine Abschiedsaison als Pendler zwischen 1. und 2. Mannschaft verdient.

  4. Dann macht doch aber die Beschränkung der Anzahl der zweiten Mannschaften auf 35 in der Regionalliga (sieben pro Staffel) faktisch gar keinen Sinn mehr. Es gibt ja schließlich nur 36 Erst- und Zweitligisten und deren potenzielle zweite Mannschaften. und zwei zweite Mannschaften spielen derzeit zudem in der dritten Liga. Och, diese Regionalliga-Reform..

  5. Interessanter Ansatz den worst case anzunehmen. Vom statistischen Bauchgefühl würde ich jetzt sagen: Im Schnitt 4 Zweitligisten pro Staffel. Wer Lust hat kann ja mal ne kleine Tabelle aufstellen: Wie war die Verteilung der Zweitligamannschaften in der Regionalliga bisher? Wäre jemand bei der neuen Konstellation betroffen?

  6. Mist, Pointe vermasselt. Im worst case würden die Zuschauerzahlen der Zweitmannschaften steigen, da es für die um einen Nichtaufstieg ginge 🙂

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