Pragmatik, Vergangenheitsbewältigung und Religion

Mit Teams wie Meppen am Sonntag kommen jetzt die richtigen Kaliber. (Peter Pacult in der BILD vom 01.08.2011)

Man mag das für ein leicht übertriebenes Understatement halten, was Peter Pacult da direkt nach dem euphorisierenden DFB-Pkal-Triumph von sich gegeben hat, aber tatsächlich hat er damit auch ein ganz schön großes Stück weit recht. Die Saison beginnt in ihrer harten Realität erst am Wochenende, eben in Meppen. Dafür und nicht für den Wolfsburg-Aufgalopp wurden neun unterklassige Testspielgegner ausgewählt, die die in der Saison wartenden, hochmotivierten Defensivgegner bestmöglich imitieren sollten. Testspiele, in denen die RasenBallsportler das gedankenschnelle Agieren lehren sollten, mit dem auch 10 gegnerische Verteidiger überwindbar werden. Testspiele, in denen nicht alles immer perfekt lief. Man braucht gegen Meppen, Halberstadt, Halle und wie sie alle heißen werden, den Mut zur Offensivaktion gegen kompakte Gegner und keine Angst vor dem Fehlpass, der dann zum blitzschnellen Konter führen könnte. Wobei ich vermute, dass RB Leipzig in der kommenden Spielzeit aufgrund eines individuell schnelleren Defensivverbundes nicht ganz so anfällig für Tempogegenstöße sein dürfte, wie im vergangenen Jahr.

Für den SV Meppen ist das Spiel gegen RB Leipzig von ähnlichem Charakter, wie es das Pokal-Spiel von RB war. Man spielt gegen einen Gegner, der als Favorit das Spiel in die Hand kriegen will. Man kriegt vielleicht am Anfang eine Chance, die die Brust breiter macht. Und dann geht plötzlich vieles von selbst. Und ehe es sich der Favorit versieht, gelingt ihm spielerisch nicht mehr viel und die wenigen, dafür klaren Chancen gehen dann auch noch vorbei. Und schwupps sind die ersten Punkte weg.

Ich würde vermuten der nominelle Klassenunterschied zwischen RB Leipzig und Wolfsburg ist genauso groß, wie der zwischen Meppen und RB. Was verdeutlicht, was schief gehen kann, was aber auch verdeutlich wer als Sieger vom Platz gehen müsste. Wenn die RasenBallsportler tatsächlich den DFB-Pokal abschütteln können und mit ihren Gedanken voll bei der Liga sind, wird es angesichts der offensiv-individuellen Klasse auch klappen. Wenn nicht, dann nicht. Dass die Auslosung zur zweiten Runde im DFB-Pokal ausgerechnet am Samstag, einen Tag vor dem Punktspielstart stattfindet, mag da nicht sehr glücklich sein. Zieht man einen Gegner wie Bayern, Schalke oder Dortmund könnte das ziemlich zulasten der Konzentration in der Spielvorbereitung gehen.

Ein Luxusproblem dürfte für RB Leipzig beim Spiel gegen Meppen die Aufstellung sein. Bleibt Pacult beim 4-2-3-1, dann hat man mit dem offensiv-kreativen Rockenbach in der Zentrale eine Position besetzt, die man in dem technisch wenig feingliedrigen Spiel und dem wenigen Platz in der Zentrale eventuell gar nicht braucht. Schwenkt man auf ein 4-4-2 mit Doppel-Sechs um, dann muss Rockenbach auf die Bank oder eben Heidinger, weil Rockenbach auf links spielt. Schwenkt man auf ein 4-4-2 mit Raute um, dann würde Timo Rost als zweiter Sechser geopfert werden müssen. Probleme, die andere gerne hätten..

Apropos Timo Rost. Der hat der LVZ heute ein Interview gegeben, in dem er angesprochen auf den Unterschied zwischen Ex-Coach Tomas Oral und Neu-Coach Peter Pacult  folgendes von sich gab:

Fakt ist, dass es jetzt allen mehr Spaß macht, dass wir nicht mehr von morgens bis abends zugetextet werden.

Mal abgesehen davon, dass die Spieler, von denen man nicht weiß, wer sie sind, die aber selbst bereits mitgeteilt bekommen haben dürften, dass sie keine Perspektive mehr bei RB Leipzig haben, vermutlich gerade wenig Spaß empfinden, finde ich, dass jetzt aber langsam mal gut ist mit dem Nachtreten Aufarbeiten der möglichen Oral-Fehler. Seit dem 01.07. und einem damaligen BILD-Interview bearbeitet Timo Rost das Thema Oral vs. Pacult in verschiedenen medialen Auftritten und Variationen mit gleichem Inhalt: Ich möchte ja nichts falsches sagen, aber jetzt haben wir endlich wieder Spaß am Fußball. Das war beim ersten Mal noch interessant. Beim zweiten Mal war es noch gut, um die Information im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Beim dritten, vierten und fünften Mal wird es langsam überflüssig. Oral ist weg, eine neue Saison steht vor der Tür, also Schluss mit den Oral-Scharmützeln, nur weil man selbst eine mehr als enttäuschende Zeit erlebte (nach Pele Wollitz übrigens die zweite Rost-Trainer-Enttäuschung binnen kürzester Zeit..).

Auch gewöhnungsbedürftig war gestern bereits ein Leipziger Medien-Neuzugang. Waldemar ‚Waldi‘ Hartmann zieht mit seinem Club nach Leipzig, von wo aus er bereits am Freitag nach dem Bundesliga-Auftakt senden wird. Vorher besuchte er noch das Spiel RB Leipzig gegen Wolfsburg, traf sich auf eine Tasse Kaffee mit Peter Pacult und plauderte mit LVZ-Online:

Man muss ja nicht gleich mit einem RB-Schal umherlaufen, aber warum boykottieren so viele Menschen das Projekt? Die Leipziger sollten Dietrich Mateschitz in jedes Morgen- und Abendgebet einschließen, weil er die Stadt wach küssen will.

Och puh. Fangen wir mal vorne an: Dietrich Mateschitz/ Red Bull hatte vor ein paar Jahren die Idee sein Sportmarketing um den Fußball zu erweitern. Franz Beckenbauer, so ich mich an die Legende richtig erinnere, hatte ihn auf die Idee gebracht. Deshalb kam es zu Red Bull Salzburg. Schon bald musste man bei Red Bull konstatieren, dass sich so richtiges Sportmarketing in Österreichs Fußballliga nicht bewerkstelligen lässt. Deshalb hielt man schon seit längerem Ausschau nach einem potenziellen Stadort für einen Verein in einer europäischen Topliga, ein Verein, der dann in allerbester Manier von unten nach oben durchstartet und eine Erfolgsstory Marke Red Bull schreibt.

Die Wahl fiel dann irgendwann auf Leipzig. Ein perfekter Fußballstandort. WM-Stadion, fußballinteressiertes und ausgehungertes Publikum, Großstadt mit akzeptablem Einzugsbereich, Deutschland. Äußere Bedingungen wie es sie halbwegs ähnlich (mal vom Stadion abgesehen) nur in Essen gegeben hätte. Ein Muss, wenn man denn im Fußball investieren will. Zudem fand man bei Red Bull noch einen Weg eine Vereinskonstruktion zu kreieren, die sowohl den deutschen 50+1-Regelungen als auch dem eigenen Bedürfnis nach maximaler Kontrolle entsprachen. Und schon war er fertig der Club RB Leipzig.

Dietrich Mateschitz hat also etwas gemacht, was alle Geldgeber im Profifußball machen und weiterhin machen werden. Geld in die Hand genommen und irgendwo eingebracht, wo es kurz-, mittel- oder zumindest langfristig einen halbwegs messbaren, zurückzahlenden Effekt bringen soll. Sportmarketing also im Fußball als weiteres Standbein für die Marke Red Bull, die schon durch das Sportmarketing in der Formel 1 und in diversen, teils selbst kreierten Wettkampfserien in Trendsportarten Standbeine hatte.

Dass Dietrich Mateschitz in Leipzig Geld investiert, hat selbst bei viel Wohlwollen nichts mit Sentimentalität, sondern vor allem mit einer klaren Analyse der Bedingungen vor Ort zu tun. Was völlig ok ist, denn alles andere wäre für ein Wirtschaftsunternehmen auch untragbar. Was aber nun mal auch bedeutet, dass man Dietrich Mateschitz nun nicht unbedingt einen Schrein bauen müsste, um seiner selbstlosen Hilfe Ost zu huldigen. Es ist letztlich eine Win-Win-Situation. Red Bull braucht guten Fußball und eine Erfolgsstory für das Sportmarketing (und hat nebenbei gesagt auch einen sehr guten Ruf als intensiver Sponsor von Individualsportlern, Teamsportlern, Mannschaften und ganzen Wettkampfserien). Und alle, die hier und heute nach Fußballfesten in der Red Bull Arena lechzen, brauchen das Sportmarketing von Red Bull für guten Fußball. Punkt.

Da könnten beide Seiten feststellen, dass sie ziemlich viel Glück gehabt haben, mit dem jeweiligen Gegenüber (Geld trifft Begeisterungsfähigkeit) und man nun drangehen kann, die partnerschaftliche Distanz zu überwinden und zusammenzuwachsen, beten muss hier aber wohl keiner für keinen. Wenn irgendwer einen Schrein kriegen darf, dann sind das zukünftig eventuell Spieler oder Vereinsverantwortliche. Ein Timo Röttger, der gegnerische Abwehrreihen demontiert eventuell. Daniel Frahn, wenn er den nächsten Seitfallzieher im Dreiangel versenkt eventuell auch. Oder Peter Pacult, wenn sich seine zielorientierte Arbeitsweise auch in entsprechende Erfolge umsetzt. Aber doch nicht der Geldgeber, der eine gute Chance nutzt, ein für sich (und im Effekt auch andere) sinnvolles Investment durchzuführen.

Schräg auch, dass Waldemar Hartmann so tut, als müssten alle Leipziger glücklich sein über Red Bull. Vielleicht sollte man auch manchmal etwas demütiger sein, wenn man das erste Mal in einer Stadt den Fußball verfolgt. Mich ärgert dieses Losgemeine bei RB-‚Kritikern‘, die herkommen und dann Berichte über ein leeres Stadion beim Regionalliga-Spiel (und das bei einem Verein mit im Regionalligavergleich überdurchschnittlichen Besucherzahlen), über einen verhassten, seelenlosen Verein und über einen Geschäftsführer, dem ein Zahn fehlt schreiben genauso wie ein gedankenlos formuliertes ‚Alle müssen Mateschitz lieben‘ eines wohlmeinenden Neu-RB-Unterstützers. Wobei ich bei letzterem mehr Fremdscham entwickle und ich bei ersterem bockiger bin.

Man muss sich schon überhaupt nicht für den Leipziger Fußball und die vielen Menschen, die von seiner Geschichte geprägt sind, interessieren, um nicht zu merken, dass es in dieser Stadt und drumherum eben auch aus Gründen RB-Ablehner und -Kritiker gibt. Genauso, wie es aus Gründen eine Vielzahl von RB-Anhänger und -Sympathisanten gibt. Diese Stadt hat eine nicht irrelevante Masse an Menschen, die vor allem blau-gelb, aber auch grün-weiß anhängen. Menschen, die zu Teilen nicht sonderlich begeistert sind, dass sie in ihrer historisch gewachsene, lokalen Rivalität und Zweisamkeit einen übermächtigen Konkurrenten vor die Nase gesetzt kriegen. Menschen, die unter Umständen auch die mit RB verbundene, professionelle Fußball-Kultur nicht sehr anziehend finden. Menschen, die finden, dass es Red Bull nicht bedürfe, um fußballerisch auf die Beine zu kommen. Menschen mithin, die nun wirklich als Gebetspartner komplett ausfallen. Und – in einer pluralistischen Gesellschaft, in der man verschiedenste Wege zur Selbstverwirklichung wählen kann eigentlich selbstverständlich – auch ausfallen dürfen.

RB Leipzig ist eine Leipziger Lebensrealität; fußballkulturell vermutlich auf absehbare Zeit sogar die bestimmende. Genauso gehört zu der aber auch Lok, die BSG Chemie, der Rote Stern, die SG Leipzig-Leutzsch und und und. Man sollte das nicht vergessen und man sollte auch nicht versuchen, das alles gleichzumachen und plattzuwalzen. Nach Leipzig zu ziehen und erst mal allen, die mit RB nicht viel anfangen können, den verbalen Vogel zu zeigen, ist jedenfalls ziemlich neben der Spur. Verstehen setzt Zuhören voraus. Wer zuerst spricht und dann zuhört, hat schon den ersten Fehler gemacht. Dass das Sprechen dann schon mal peinlich wirken kann, muss man dann wohl in Kauf nehmen. Willkommen im Leipziger Fußball Waldemar Hartmann. Um Peinlichkeiten zumindest war man hier nie verlegen. Bis heute nicht. Das lässt doch auch für die Zukunft hoffen..

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3 Gedanken zu „Pragmatik, Vergangenheitsbewältigung und Religion“

  1. Das Statement von Waldi ist ein Plagiat, im Original wollte Springer Chef Döpfner das die Verleger jeden Tage für Steve Jobs beten. Inzwischen hat sich Döpfner das allerdings auch wieder anders überlegt…

  2. Für mich ist Red Bull schon ein extremer Glücksfall für L.E., insbesondere deshalb, da die Kooperation mit dem FC Sachsen auf Grund von Fanprotesten zuvor gescheitert war.
    Im Verlauf der letzten Saison unter Übungsleiter Oral hätte D.M. durchaus das Interesse am „Projekt“ verlieren können, obwohl letztgenannter Niederlagen eher als persönliche Herausforderung ansieht und es das nächste Mal besser machen will/wird!
    Ich verstehe den Timo Rost (sollte so toll spielen wie er oft spricht) irgendwie gut, auch mir hat es zuletzt wenig Freude bereitet, was da sportlich ablief.
    Ich bin auch kein Freund vom „Waldi“, für den Medienstandort bleibt er aber durchaus ein (insbes. wirtschaftlicher) Gewinn, er polarisiert schon im ersten Interview…

  3. Zu dem Waldi-Statement kann ich dir nur Recht geben. Man kann nicht in eine Fremde Stadt kommen und dort erstmal ein Teil der Fußballanhänger kritisieren, weil sie aus bestimmten Gründen das Projekt RB ablehnen.

    Die ohnehin schon schwierige Situation im Leipziger Fußball hat sich durch das hinzukommen von RB ja noch ein Stückweit mehr verkompliziert.
    Sicherlich es wird auch welche geben, die sagen, Gott sei Dank jetzt kommt Leben und somit höherklassiger Fußball in die Bude. Aber genauso wird es halt auch Kritiker geben.

    Ich spinne mal ein bisschen rum. Vielleicht hätten ihn ja alle Leipziger in ihre Gebete geschlossen, wenn der Ösi, Lok und Chemie finanziell unterstützt hätte, beide ihren Namen behalten hätten und irgendwann zusammen in Liga 1 spielen würden.

    Ich weiss ne Spinnerrei, ebend genauso wie Waldis Aussage.
    Wobei ich mir bei Waldi noch nicht sicher bin ob ers ernst Meinte oder einfach nur versucht kramphaft Lustig zu sein!
    Heute auf dem MDR hat er ja auch den Spruch gebracht, „Na immerhin weiss ich schonmal wie man 3 Weißbier vor einer Länderspielübertragung trinkt!“.

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