Geplatzte Träume

Die Zahlen zur Winterpause waren erschreckend: Platz 11, 2 Punkte Rückstand auf den direkten Quali-Platz, aber auch nur 2 Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. (…) Es war ein schmerzlich schnelles Ankommen in der Realität, die anhand der Tabelle gar nicht so schlimm aussah, aber sich angesichts der Tristesse auf dem Rasen schlimm anfühlte. Im Sommer noch war es ausgemachte Sache, dass die Qualifikation für die Bundesliga geschafft werden würde. Wenige Monate später war der Hoffnungstrainer Petr Alexandrov ein hoffnungsloser Stolperer, der eher Pfiffe als Beifall (und wenn dann höhnischen) erntete, die Mannschaft mut- und energie- und die Zuschauer ratlos. Schlechte Stimmung allerorten, aber nun kam ja die Winterpause, Zeit zum Mut schöpfen also.. (Blühende Landschaft Profifußball)

So endete mein erster Versuch vor einem halben Jahr, mich in mein (Fußball-)Leben von vor 20 Jahren hineinzuversetzen bzw. die Versatzstücke, die mir haften geblieben sind niederzuschreiben. Nur zur Erinnerung, wir reden hier von der Saison 1990/ 1991, letzten Saison der DDR-Oberliga, zu der es schon bald gar keine DDR mehr gab. Es galt sich in jener Saison für die westdeutschen Bundesligen zu qualifizieren. Bis Platz 6 waren 2 Teams für die Bundesliga und 4 Teams für die zweite Liga qualifiziert. Die Plätze 7 bis 12 (von 14) und die zwei Meister der zwei Staffeln unterhalb der Oberliga spielten eine zweistafflige Relegation um zwei Restplätze in der zweiten Bundesliga. Der Rest sollte vorerst in der Bedeutungslosigkeit des damals noch drittklassigen Amateurfußballs verschwinden.

Diese Ausgangsituation machte die Saison zu einem einzigartigen Hauen und Stechen, das zu 90% ohne fußballerische Klasse auskam und vor allem jene zu Siegern machte, die mit dem letzten Willen ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen wollten. Eine Art – vielleicht für jene Zeiten typisches – Auscheidungsrennen, bei dem nur die Besten, Härtesten und Willigsten ins Ziel kamen. Und der Rest vorerst durchs Rost fiel.

Ich selbst hatte es mir in jenen Tagen in einer Ausbildung zum Industriemechaniker eher weniger freiwillig gemütlich gemacht. Inklusive solch lustiger Geschichten wie einem Kurzlehrgang, in dem man das wichtige Handwerk des Schmiedens erlernen sollte. Bei einem Schmied, bei dem es schon mal vorkam, dass er ein glühendes Stück Metall, das versehntlich auf den Boden gepurzelt war, zum Beispiel weil es aus der Zange rutschte, mit bloßen Händen wieder zurück ins Feuer beförderte. Einer, bei dem ein Hammer auch schon mal Flügel bekam, wenn die Laune sich gen rückwärtigem Teil unter der Gürtellinie bewegte. Einer, bei dem man bei jeder Bewegung darauf vorbereitet war, dass seine große Schmiedehand mit eine Geschwindigkeit ganz leicht oberhalb des erlaubten auf den eigenen Hinterkopf traf. Einer, bei dem man froh war, wenn man die Zeit hinter sich hatte. Und ohne dies allzu sentimental aufladen zu wollen, auch einer, bei dem man auf seinen popeligen, selbstgeschmiedeten Meißel am Ende des Lehrgangs ziemlich stolz war..

Die so wichtige Rückrunde für Energie Cottbus begann derweil ergebnistechnisch so deprimierend, wie die Hinrunde. Ein 1:2 bei Stahl Brandenburg war das Gegenteil vom Start der Aufholjagd. Ein Spiel, an das ich mich genausowenig erinnere, wie an das folgende 0:1 zu Hause gegen den BFC-Nachfolger FC Berlin. Eine dunkle Erinnerung habe ich hingegen an das folgende 1:1 beim Halleschen FC, ein Spiel, das vielleicht prototypisch war für das Hauen und Stechen der Saison. Ein Spiel, in dem sich meiner Erinnerung nach Energie mit überübergroßer Härte und zwei Platzverweisen zu Neunt zu einem 1:1 mauerte. Die fußballerische Depression ging derweil in Cottbus mit einer 0:2-Niederlage gegen den Chemnitzer FC weiter. Beim folgenden 2:2 beim Tabellenletzten Victoria Frankfurt schoss Energie wenigstens wieder Tore. Ein Unentschieden war trotzdem viel zu wenig. Was folgten waren zwei weitere 0:1-Niederlagen, eine zu Hause gegen Rot-Weiß Erfurt und eine beim FC Sachsen Leipzig (vor reichlich 2.000 Zuschauern – nur für die, für die der Alfred-Kunze-Sportpark schon immer eine gut besuchte Hölle war).

Anschließend passierte das, was im Fußball-Geschäft (fast) immer passiert, wenn es nicht läuft, der Trainer Hans-Dieter ‘Timo’ Zahnleiter wurde entlassen. Wegen Erfolgslosigkeit. Bei beeindruckenden Zahlen. Als Zahnleiter nach dem 11.Spieltag geholt wurde, stand Energie Cottbus auf Platz 9. Ein Punkt Rückstand auf Zweitliga-Qualifikationsplatz 6. Als er nach dem 20.Spieltag wieder ging, stand Energieauf Platz 13. Acht Punkte Rückstand auf Platz 6. Zwei Punkte Rückstand auf Relegationsplatz 12. Kein Sieg, 3 Punkte (Zweipunktregel) 4:12 Tore. Wahnsinn die Heimbilanz: 4 Spiele, 1 (!) Punkt, kein (!!) Tor, 4 Gegentore. Zahnleiter wurde später einmal irgendwo in einem Interview mit den Worten zitiert, dass Cottbus seine Karriere zerstört hätte. Auch eine Interpretation. Man könnte auch sagen, dass die Zeit unter Zahnleiter sämtliche Cottbuser Bundesliga-Hoffnungen zunichte gemacht hat. Zahnleiter blieb im Übrigen bis zur Niederkunft von Pele Wollitz der einzige Trainer aus den alten Bundesländern bei Energie Cottbus.

Auf Zahnleiter folgte für die letzten sechs Spiele Hans-Jürgen Stenzel. Der war zuvor, wenn ich mich recht erinnere, Trainer in Guben und war die bodenständige, lokale Variante. Alt, still, umgänglich. In meiner Erinnerung. Mit ihm kehrte ein wenig Hoffnung zurück ins Stadion der Freundschaft. Und dass obwohl mit Dynamo Dresden und Hansa Rostock die beiden Teams von der Tabellenspitze als nächste Gegner warteten. Jens Melzig nährte die Hoffnungen mit seinem Führungs-Tor in Dresden, doch der Fußballgott wurde in der Saison kein Lausitzer mehr, denn in der Nachspielzeit zerstörte Ralf Minge die Cottbuser Kampfes-Hoffnungen mit dem späten, umjubelten und verdienten Augleich. Und auch gegen den großen Favoriten Hansa Rostock ging man in Führung, kassiert aber nach einem Abwehrschnitzer wieder den Ausgleich, sodass man sich für einen großen Kampf nicht belohnte. Zwei Spiele gegen die Favoriten, zwei statt vier Punkte. Und eine gebrochene Moral.

Die sich dann beim 1:5-Desaster beim 1.FC Magdeburg in aller Deutlichkeit zeigte. An das ich mich, wie an die folgenden zwei Spiele gegen Lok Leipzig (1:1) und beim Eisenhüttenstädter FC Stahl (1:2 verloren) nicht erinnern kann. Gar nicht. Offenbar war die Saison für mich emotional auch schon gelaufen. Damit war bereits vor dem letzten Saisonspiel klar, dass Energie Cottbus keinen Relegationsplatz mehr ergattern könnte. Für den Gegner am letzten Spieltag Carl-Zeiss Jena ging es hingegen noch um einen direkten Aufstiegsplatz für die zweite Liga, für den sie einen Sieg und noch gegnerische Schützenhilfe brauchten. Letzlich war es auf Cottbuser Seite eine Partie mit Freunschaftsspiel-Charakter. Ich erinnere mich, dass ich das Spiel bei angenehmen Wetter im Sitzen verbrachte. Etwas, was sonst nicht gerade meiner Präferenz entsprach. Ich sah also ganz entspannt eine noch einmal gut mitspielende, aber auch chancenlose Cottbuser Mannschaft, die letztlich zugucken musste, wie die Jenenser ihre Aufstiegsparty in der Lausitz feierten. Das passte zur Saison.

Doch das ganz dicke Ende kam noch eine Woche nach diesem Spiel. Da fand ein Ausscheidungsspiel für den DFB-Pokal statt (warum auch immer). Gegen Wacker Nordhausen. Ich würde vermuten zu jener Zeit in der DDR-Liga aktiv (also zweitklassig). In einem trosttrosttrostlosen Spiel unterlag Energie vor 450(!) Zuschauern mehr als verdient mit 0:2. Ich würde behaupten, dass dies in den letzten 30 Jahren der absolute Depressionshöhepunkt in der Cottbuser Fußballgeschichte war. Anschließend durften sich die inzwischen gut verdienenden Fußballer ihre neu gesponsorten Autos von enttäuschten Anhängern (das sagt man doch so?) zerkratzen lassen. Das Scheiß-Millionäre-Thema war also schon damals eins, als es noch gar keine Millonäre gab. In Cottbus zumindest nicht.

Mit dem Spiel gegen Nordhausen manifestierte sich in allen Zügen der Fall in die Bedeutungslosigkeit. Bei Energie Cottbus blieb anschließend im Kader kein Stein mehr auf dem anderen. Jeder, der laufen konnte sicherte sich irgendwo anders einen Profivertrag. Und auch wenn bis auf Jens Melzig keiner mehr die ganz große Karriere startete, brach für mich ein Jugendtraum auseinander. Helden, denen ich jahrelang mehr oder weniger euphorisiert gefolgt war. Jeder einzelne irgend ein Charakter, den ich mit meinen jugendlichen Fußballträumen auflud und wahlweise ein entscheidendes Tor schießen oder verhindern ließ. In diesem Sommer 1991 war die Wende-Zusammenbruchsdepression, die insbesondere Städte wie Cottbus mit ihrem sozialistisch-künstlich aufgeplusterten Textil- und Energiesektor traf, auch in voller Härte über den Fußball der Stadt hineingebrochen. Wovon man sich auf Jahre nicht wirklich erholen sollte. Was aber im Nachhinein eventuell sogar zu einem gesunden, natürlichen Wachstum des Clubs und damit zur Zukunftsfähigkeit erheblich beitrug. Doch damals fühlte es sich einfach nur trist und falsch an, der geplatzte Traum von Bundesligaspielen in Cottbus.

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5 Gedanken zu „Geplatzte Träume“

  1. Da ich mich in dieser Saison lebensabschnittstechnisch schon nach Bayern verabschiedet hatte, kann ich mich so gar nicht mehr erinnern. Aber das kann ich ja nun alles auffrischen in der langen MDR Fußball Nacht.

    Dafür ist dein Bericht ja der passende Anreißer oder neudeutsch Teaser 🙂 !

  2. Ja, hatte ich hinterher auch gesehen, dass das MDR sich auch dem Zwanzigjährigen widmet. Wobei die Sendezeit (23 Uhr bis 3 Uhr) nicht gerade familienfreundlich zu nennen ist. Aber vielleicht gibt es ja die Mediathek dafür. Wobei, bei Fußballbilder könnte das mit den Rechten wieder schwierig sein. Nicht, dass dann 50% der Spielszenen geschwärzt werden..

  3. „Was aber im Nachhinein eventuell sogar zu einem gesunden, natürlichen Wachstum des Clubs und damit zur Zukunftsfähigkeit erheblich beitrug. “

    Wie hättest du damals reagiert wenn Brieske Senftenberg von einem Brausehersteller in Cold & Cool umbenannt, finanziell aufgepäppelt und nach Cottbus verfrachtet worden wäre?

    Irgendwie passt der oben zitierte Satz nicht mit dem Objekt deiner Beobachtung zusammen.

  4. Mag sein, dass das alles widersprüchlich ist. Zumindest, wenn ich Dich richtig verstehen und Du meinst, dass mein positives Interesse an RB nicht mit der positiven Bewertung des langfristigen Wachstums bei Energie Cottbus zusammenpasst. Andererseits funktioniert die Bewertung des Cottbuser Weges ausschließlich vor dem Wendehintergrund, also in Cottbus in einer Situation einer zusammenbrechenden Wirtschaft und eines nicht mal ansatzweise denkbaren Großinvestors. In der Situation nichts zu müssen (also keine verschuldenden Anstrengungen unternehmen müssen), weil man erst mal aus dem Profifußball rausfällt, tat dem Verein, würde ich behaupten, mittelfristig gut. Wenn 1991 ein Großinvestor einen anderen Verein in Cottbus gegründet und protegiert hätte, hätte ich es vermutlich nicht witzig gefunden bzw. hätte mich dem nicht zugewendet, weil ich natürlich mit Energie groß geworden bin (soviel zur Widersprüchlichkeit). Wenn ein Großinvestor langfristig bei Energie eingestiegen wäre, hätte ich es vermutlich gut gefunden. Wie ich einen möglichen Namenswechsel gefunden hätte, mag ich im Nachhinein nicht beantworten, vermutlich wäre ich aber dagegen gewesen (nochmal Widersprüchlichkeit).

    Das mit Brieske verstehe ich nicht, denn das war ja die Situation in den 60ern als Brieske nach Cottbus verpflanzt wurde und später dank Kraftwerks-Hintergrund (Jänschwalde) den Namen Energie verpasst bekam. Aber vermutlich spielst Du darauf an und ich versteh nur nicht, wie das in Deine Frage passt.

    1. Die ganz ollen Kamellen kenne ich nicht, also das Energie CB aus einer Brieske entstanden ist. Ohne zu googeln behaupte ich mal, dass in den 80ern ein Verein Brieske-Senftenberg gelegentlich in der DDR-Liga (also in der 2. Lige) gespielt hat.

      Brieske war für mich als Sachse das naheliegende Beispiel eines unterklassigen Dorfclubs in der Nähe der Stadt.
      Ich habe das Gefühl soweit hast du meine Frage schon richtig verstanden und kommst zu einer ähnlichen Einschätzung wie ich.

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