Kaderschmiede RB Leipzig 2011/2012

Nun denn, langsam und exakt eine Woche vor dem DFB-Pokal-Spiel gegen Wolfsburg kommt die neue Saison in einer Art und Weise nah, dass man nicht mehr umhin kommt, sich ernsthaft mit ihr zu beschäftigen. Und was wäre ernsthafter, als zuerst einmal zu gucken, inwieweit der sportliche Teil – also die Mannschaft – in der Lage scheint, die anstehenden Aufgaben (Aufstieg, Sachsenpokal-Sieg) erfolgreich zu gestalten. Zum Trainer habe ich ja bereits an verschiedenen Stellen und immer wieder kund getan, dass ich bei aller Kritik am administrativen Wirrwarr bei RB Leipzig und der Art und Weise der Pacult-Verpflichtung und der weiteren Personalentscheidungen glaube, dass seine sachlich-zielstrebige Art, die den Spielern trotzdem die Möglichkeit zur Entfaltung lässt, den sportlichen Erfolgschancen gut tun wird. Ich glaube derzeit ernsthaft, dass Peter Pacult die Kompetenzen besitzt, die erste Männermannschaft von RB Leipzig erfolgsorientiert zu entwickeln. Sogar über ein Jahr hinaus.

In seiner ersten Saison in Leipzig vertraut Peter Pacult zum jetzigen Zeitpunkt gesprochen und mögliche Neu-Transfers oder Abgänge außen vor gelassen insgesamt 25 Spielern. Was noch keine Magath-Verhältnisse sind, aber durchaus ordentlich ist. Ich habe das ganze mal nach Positionen geordnet (Lesehilfe: hinter jeder Position erscheinen die Spieler, die dort – nimmt man die Vorbereitungsspiele als Maßstab – ihre Stammposition haben, in der Reihenfolge wie ich denke, dass ihre individuelle Stärke ist [ganz vorn steht also die jeweilige Nummer 1 auf jeder Position]. Einfache Klammern bedeuten, dass der Spieler dort auch umstandslos spielen kann, doppelte Klammern bedeuten, dass der Spieler auf der Position im Notfall spielen könnte):

Tor: Pascal Borel (32 Jahre), Andreas Kerner (22), Benjamin Bellot (20)

Man vergleiche die drei gerne mal mit den letztjährigen drei, die Neuhaus, Gäng und Bellot hießen und auf den ersten Blick keinerlei Qualitätsnachteile gegenüber ihren Nachfolgern haben dürften. Pascal Borel als Nummer Eins zu verpflichten, scheint erst einmal ein Risiko zu sein. Als Spieler, der früher für die eine oder andere unglückliche Aktion stand, seine Karriere schon beinah an den Nagel gehangen hatte und die jüngere Vergangenheit außerhalb des Zugriffs des deutschen Fußballs verbrachte, überrascht seine Verpflichtung zumindest, zumal RB weder auf der 1 noch auf der 2 in der vergangenen Saison ein Problem hatte. So wie ich Borel in den Tests bisher gesehen habe und mal abgesehen von seinem bösen Schnitzer im ersten Test in Braunsbedra, ist er aber ein völlig anderer Typ als Vorgänger Neuhaus, wirkt wesentlich agiler und präsenter. Eventuell entspricht er mit seinem Auftreten viel eher dem, was sich Pacult von seinem Keeper erwartet, als das Neuhaus hätte tun können.

Inwieweit man bei RB Leipzig Wolfgang Hesl hinterher weint, von dem es ja hieß, dass er nach Leihe nach Österreich wieder zurück zum HSV kehrte, weil man ihm dort die Nummer 2 versprochen hatte, er aber nun scheinbar doch nur Nummer 3 ist, weiß ich nicht. Inwieweit Hesl selbst den Nicht-Transfer bereut, kann man erst recht nur spekulieren. Andreas Kerner und Benjamin Bellot jedenfalls scheint nur die Rolle der Ersatzkeeper zu bleiben. Von beiden weiß man sportlich zu wenig, als dass man voraussagen könnte, ob sie ernsthafte Kandidaten für den Stammplatz im Tor sind. Ich vermute eher nicht. Fazit: Die Saison kann mit den drei Keepern gut laufen. Sie kann aber auch bei Verletzung oder vermehrten Patzern seitens Borels sehr schief gehen, wenn die Alternativen nicht greifen. Die Torhüterposition scheint jedenfalls auch angesichts des vergleichsweise hohen Alters Borels eher als Baustelle und wenig zukunftsfähig.

Rechtsverteidiger: Christian Müller (27 Jahre), Tim Sebastian (27), Shaban Ismaili (22), ((Steven Lewerenz (20)))

Wenig Probleme hat man bei RB Leipzig auf der Rechtsverteidigerposition. Mit Christian Müller hat man einen sehr guten Mann auf dieser Position neu gewonnen. Und mit Tim Sebastian scheint sich Pacult einen hochklassigen Backup ausgeguckt zu haben, der letztes Jahr noch Kapitän war und eigentlich Innenverteidiger ‚gelernt‘ hat, nun aber mehr oder weniger notgedrungen nach rechts abgeschoben wurde. Eine Position in der Sebastian letztes Jahr nicht zu 100% optimal aussah. Shaban Ismaili scheint derweil auf dem Abstellgleis zu stehen. Kaum Einsätze in der Vorbereitung (auch krankheitsbedingt) und wenn dann nur als Ersatz des Ersatzes. Steven Lewerenz durfte zudem in der Vorbereitung auch mal den Rechtsverteidiger geben. Auch nicht sehr zukunftsfähig. Fazit: Dank Müller ist die Rechtsverteiger-Position prima besetzt. Fällt er aus, dürfte es trotz des Backups Sebastian einen auffälligen Substanzverlust geben.

Innenverteidiger: Marcus Hoffmann (23 Jahre), Fabian Franke (22), Henrik Ernst (24), Daniel Rosin (31), (Tim Sebastian (27))

Die Innenverteidiger-Position ist eine höchst spannende Position. Aufgrund der langwierigen Verletzung von Marcus Hoffmann lief es in der Vorbereitung auf das Duo Franke/ Ernst hinaus. Ersterer wirkte oft unsicher, zweiterer will nach eigener Auskunft lieber im defensiven Mittelfeld spielen. Aus irgendeinem Grund denke ich trotzdem, dass das passen würde. Da mit Daniel Rosin ein weiterer Innenverteidiger eher defensiver Mittelfeldspieler ist und Tim Sebastian in der Vorbereitung nicht als Innenverteidiger (der er sein könnte) in Betracht gezogen wurde, täte die Verpflichtung eines gelernten Innenverteidigers trotzdem gut. Der derzeitige Testspieler Ole Kittner (23) wäre jedenfalls einer, den man sich gut vorstellen könnte. Fazit:  Die Innenverteidigung ist nominell die am schwächsten besetzte Position bei RB Leipzig. Aus irgendeinem, unlogischen Grund bin ich da trotzdem optimistisch, vielleicht weil ich denke, dass Abwehrarbeit viel mehr mit Automatismen und Absprachen als mit individueller Klasse zu tun hat. Was natürlich auch falsch sein kann. Kittner/ Franke oder später Kittner/ Hoffmann wäre jedenfalls aus meiner Sicht absolut im Rahmen des nötigen.

Linksverteidiger: Umut Kocin (23 Jahre), Matthias Buszkowiak (19), (Fabian Franke (22)), ((Alexander Laas (27))), ((Tom Geißler(27)))

Der Posten des Linksverteidigers scheint dank Umut Kocin, der in der Vorbereitung einen sehr robusten und präsenten Eindruck machte, top besetzt. Dahinter wird es allerdings mau. Buszkowiak hat sich nicht als Alternative angeboten. Franke scheint eher als Innenverteidiger eingeplant zu sein. Und Laas und Geißler könnten das im Notfall, sind aber sicherlich nicht als Dauerlösungen vorgesehen. Macht zusammen, dass auf links hinten ein  noch zu verpflichtender Backup sicherlich nicht verkehrt wäre. Ob Testspieler Mark Prettenthaler der Mann für diese Position sein kann, bleibt abzuwarten. Fazit: Die Position des Linksverteidigers ist mit Kocin auf der Stammposition sehr gut besetzt. Dahinter wird es aber erstaunlich dünn.

Rechtes Mittelfeld: Timo Röttger (26 Jahre), Steven Lewerenz (20), Maximilian Watzka (25), (Carsten Kammlott (21)), (Sebastian Heidinger (25))

Auch für das rechte Mittelfeld gilt, dass sie auf der Stammposition absolut top besetzt ist. Timo Röttger hat in der Vorbereitung schon angedeutet, dass er gute Chancen hat, eine herausragende Spielerpersönlichkeit bei RB Leipzig zu werden. Schnell, torgefährlich, robust. Jemand, der das 1:1 auf dem Flügel sucht und auch für sich entscheiden kann. Die Personalie Lewerenz fällt dagegen ziemlich ab. Maximilian Watzka wird noch sehr lange (bis zur Winterpause?) verletzt sein. Ob er danach noch mal bei RB Leipzig in die Spur kommt, wage ich zu bezweifeln. Carsten Kammlott hätte ich – und so wurde er am Anfang der Vorbereitung auch getestet – als Rechtsaußen-Backup für Röttger erwartet. Inzwischen wird er aber doch eher als Stürmer erprobt. Solange RB ein 4-4-2 spielt, hat Kammlott da Chancen. Spielt RB ein 4-2-3-1 dürfte er zur ersten Alternative zu Timo Röttger aufrücken. Bleibt noch Sebastian Heidinger, der auf Linksaußen eingeplant ist, aber nach Eigenwahrnehmung auch problemlos die Seiten wechseln könnte. Fazit: Mit Röttger und auch Kammlott hat man für Rechtssaußen eine enorme Qualität im Kader.

Defensives, zentrales Mittelfeld: Pekka Lagerblom (28 Jahre), Timo Rost (32), Alexander Laas (27), Tom Geißler (27), (Daniel Rosin (31)), (Henrik Ernst (24))

Ich mach mir jetzt nicht die Mühe, herauszufinden, wieviele Erst- und Zweitbundesligaspiele die potenziellen Besetzer der Sechser-Position auf dem Buckel haben. Viele auf jeden Fall. Zwei aus vier heißt trotzdem das wöchentliche Motto, bei einem 4-4-2 mit Raute gar eins aus vier. Mindestens zwei der Hochkaräter Lagerblom, Rost, Laas, Geißler müssen mit der Bank oder gar der Tribüne rechnen. In der vierten Liga! Irre. Bedeutet für Rosin und Ernst, dass sie nur wenig Chancen auf Einsatzzeiten im zentral-defensiven Mittelfeld kriegen werden. Fazit: Eine über die Maßen top besetzte Position. Problematisch könnte hier nicht die Qualität werden, sondern eher die durch das Überangebot entstehende schlechte Laune, wenn man nicht spielen darf.

Linkes Mittelfeld: Sebastian Heidinger (25 Jahre), Thiago Rockenbach (26), Paul Schinke (20), (Timo Röttger (26))

Auch das linke Mittelfeld ist prominent besetzt. Mit Sebastian Heidinger hat man einen mit Timo Röttger vergleichbaren, zweitligaerfahrenen Spielertyp. Schnell, Zug zum Tor, robust. Allererste Wahl für die Position. In einem 4-4-2 mit Doppelsechs wäre Thiago Rockenbach die erste und edele Alternative. Einer, der diese Position nicht so sehr als Außenbahnposition interpretieren würde, sondern eher als Position, von der aus man prima die Spielfeldmitte erreichen kann. Im 4-4-2 mit Raute und im 4-2-3-1 wäre Paul Schinke erste Alternative zu Heidinger. Auch durchaus eine hervorragende Möglichkeit, bedenkt man, dass Schinke im letzten Jahr noch Stammspieler war. Timo Röttger ist wie Heidinger in der Lage beide Flügelpositionen zu bespielen und käme auch als Notlösung in Betracht. Fazit: Die offensive, linke Seite ist sehr gut besetzt. Von der Nummer 1 bis zur Nummer 3.

Offensives, zentrales Mittelfeld: Thiago Rockenbach (26 Jahre), Alexander Laas (27), (Steven Lewerenz (20)), (Paul Schinke (20))

Spielt RB Leipzig ein System, das einen offensiven, zentralen Mittelfeldspieler braucht, dann ist Thiago Rockenbach die erste und auch die beste Wahl. In einer Position, in der er seinen Freigeist ausleben kann, dürfte er sich am wohlsten fühlen. Viele Ballkontakte tun ihm und seinem Spiel – so wie ich ihn bisher gesehen habe – auch durchaus gut. In der Vorbereitung durfte sich Alexander Laas alternativ auf dieser Position testen. Ob Laas als 10er die allerbeste Besetzung ist, wage ich vorsichtig anzuzweifeln (sehe ihn eher als Sechser bzw. Achter). Dass Peter Pacult das auch nicht unbedingt glaubt, zeigt die Tatsache, dass er für diese Position Ervin Skela vor kurzem zum Probetraining eingeladen hatte. Zwar wurde der schnell wieder weg geschickt, aber der Eindruck bleibt, dass Pacult hier gerne einen anderen Backup hätte als Laas. Lewerenz und Schinke wären sicherlich keine ganz schlechten Alternativen für einen möglichen Rockenbach-Ausfall. Optimal sähe ich eine solche Besetzung in wichtiger Position nicht. Fazit: Mit Rockenbach hat man einen Super-Kreativspieler. Dahinter wird es schon dünner.

Sturm: Daniel Frahn (24 Jahre), Stefan Kutschke (22), Carsten Kammlott (21)

Der Jungsturm, der doch nominell so viel Klasse hat. Vorneweg der Toptorjäger Daniel Frahn, dem auch Peter Pacult voll und ganz zu vertrauen scheint. Dahinter der Fighter Stefan Kutschke, den ich ziemlich gleichauf sehe mit dem völlig anderen Spielertypen und Dauerwirbler Carsten Kammlott. Spielt Pacult eine Taktik mit Zweiersturm wird es wohl vom Gegner abhängen, ob er mit Kutschke die brachialere oder mit Kammlott die spielerische Klinge wählt. In einem Einersturm im 4-2-3-1 ist Frahn wohl bis auf weiteres gesetzt. Ich finde drei Stürmer im Kader zu haben, insgesamt etwas wenig. Will man mit 2 Stürmern spielen und nur einer fällt aus, hat man keinen mehr auf der Bank. Zumal RB im Kader nicht wirklich Alternativen hat, die auch mal einen Not-Stürmer spielen können. Wie es im Nachwuchs aussieht, weiß ich nicht. Fazit: Der Sturm ist topbesetzt, eventuell aber etwas zu dünn für eine lange Saison.

Rundumblick: Als kleine Baustellen des Kaders sind die Innenverteidigung und die Backup-Position hinten links auszumachen. Da scheint Peter Pacult mit jeweiligen Testpielern (Kittner, Prettenthaler) bereits dran zu sein. Aus meiner Sicht täte auch ein weiterer Notfall-Stürmer gut. Und über einen veranlagten Kreativspieler kann man zumindest nachdenken.

Wenn man allerdings weitere Spieler verpflichtet und davon ausgeht, dass der Kader mit 25 Spielern vermutlich recht optimal besetzt ist, heißt jede Neuverpflichtung auch gleichzeitig ein Abgang. Kandidaten wären hier Shaban Ismaili, der als vermuteter Rechtsverteidiger Nummer 3 keine guten Karten hat. Matthias Buszkowiak könnte man sicherlich prima verleihen, wenn man gerade nicht das Gefühl hat, auf ihn als Linksverteidiger Nummer 2 setzen zu wollen. Dafür müsste man allerdings zuerst seinen Vertrag verlängern. Steven Lewerenz wäre eine Option. Solange Watzka verletzt ist, glaube ich aber nicht daran, dass Pacult auf Lewerenz verzichten würde. Und im zentral-defensiven Mittelfeld schreien die vier prominenten Spieler förmlich danach, dass einem von ihnen ein Verlassen des Vereins nahe gelegt wird (zumal hinter den Vieren ja noch zwei weitere stehen, die im Notfall aushelfen könnten). Hier kämen Geißler oder Laas als Abschieds-Kandidaten in Frage.

Der Kader ist insgesamt sehr gut besetzt und vor allem ausgeglichener und breiter als im letzten Jahr. Was auch daran liegt, dass man vor allem mit Lagerblom, Müller, Röttger, Kocin und Heidinger potenzielle Stammkräfte verpflichtet hat, die als Mitzwanziger eine Alterslücke bei RB ausfüllen. Allesamt Spieler mit Erfahrung, die gleichzeitig noch ein Stück Karriere und Ziele vor sich haben und dem spielerischen Auftreten von RB Leipzig eine viel dominantere Note verleihen werden.

Fasst man mal die Kadererkenntnisse zusammen, bleibt nach derzeitigem Stand der Kaderplanung folgende Stammformation:

4-2-2-2: Borel – Müller, Ernst, Franke, Kocin – Rost, Lagerblom – Röttger, Heidinger – Kammlott (Kutschke), Frahn

4-4-2 (Raute): Borel – Müller, Ernst, Franke, Kocin – Röttger, Lagerblom, Rockenbach, Heidinger – Kammlott (Kutschke), Frahn

4-2-3-1: Borel – Müller, Ernst, Franke, Kocin – Rost, Lagerblom – Röttger, Rockenbach, Heidinger – Frahn

Alles Formationen und Positionsbesetzungen, die schon mal sehr gut über die Lippen gehen. Die Innenverteidigung bleibt da eventuell (noch) etwas zurück, aber ansonsten ist das nominell ein sehr guter Drittligakader. Nun braucht man nur noch zu hoffen, dass sie in der Vorbereitung herausgefunden haben, wie man sehr guten Viertliga-Fußball spielt. Aber selbst da bin ich guter Dinge.

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Ein Gedanke zu „Kaderschmiede RB Leipzig 2011/2012“

  1. gut gesehen, gut geschrieben. Zum jetzigen Stand der Vorbereitung hat man als interessiert beobachtender Rasenballfreund ein gutes Gefühl mit Trainer und Team.
    Danke für die ausführliche Zusammenfassung.

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