Mittelfristige Vereinsphilosophien

Der Aufstieg soll kurzfristig her, mittelfristig braucht der Klub eine Philosophie. Wie sieht die aus?
Der Cheftrainer gibt die sportliche Philosophie vor. Wir arbeiten Hand in Hand, um diese auch umzusetzen. (Wolfgang Loos im BILD-Interview am 16.07.2011)

Na wenigstens wird nicht lange um den heißen Brei herum geredet bei RB Leipzig. Das derzeitige Prinzip, das gleichzeitig als Vereins-Philosophie gehandhabt wird, heißt Pacult. Punkt. In einem Ähnlichkeitswettbewerb zum Prinzip Magath. Da darf sich jeder gern selbst entscheiden, ob er das mag oder eben nicht.

Wenn man sportlichen Erfolg als Zielkategorie nimmt, dann zumindest kann man guter Hoffnung sein, dass die sachlich-zielstrebige Art Peter Pacults eben diesen mit sich bringt. Dass er bei seiner Arbeit gerne vertraute, fähige und kompetente Personen um sich hat und dementsprechend den Verein personell umkrempelt, ist aus seiner Sicht und angesichts der Philosophie vom Trainer als Vereinsboss absolut verständlich.

Auf der anderen Seite gilt trotzdem weiterhin das, was schon aus meiner virtuellen Feder floss, als einer der vielen RB-Geexten Dieter Gudel noch das Siegen als imagepflegendes Ziel ausgab, also die sportliche Erfolgsmaximierung als zentrale Vereinsstrategie postulierte:

Sportlicher Erfolg ist fürs Image, für das Verhältnis zu den Fans und für das Wachstum des Vereins die absolut zentrale Komponente. Wer keinen Erfolg hat, steht in der Öffentlichkeit in der Kritik und kriegt auf den Deckel – und damit meine ich noch nicht einmal die Attacken jenseits der Schmerzgrenze, wie man sie in letzter Zeit in Köln oder Frankfurt beobachten konnte. Trotzdem gibt es bei Fußballvereinen Komponenten jenseits des aktuellen Erfolgs, die man als Vereinsverantwortlicher nicht ignorieren sollte. (…)

Will man erfolgreich im Fußball arbeiten, dann muss man auch die Rahmenbedingungen mitdenken und beachten. Man muss Identifikationsmöglichkeiten zulassen können, man muss in Bezug auf Fanstrukturen manchmal auch einfach Entwicklungen ohne größere Steuerungsmöglichkeit beiwohnen können. Und man sollte nicht den Fehler machen, den sportlichen Erfolg als einzige Maxime auszugeben. Denn dann bastelt man sich erst ein Publikum, das nicht mehr mit dem Verein mitfiebert, sondern das sich in erfolgsorientierter Distanz nur dann offen zeigt, wenn die eigene Mannschaft alles abräumt.

Ich glaube immer noch, dass es jenseits der sportlichen Optimierung einer Idee bedarf, die dem Verein RB Leipzig, vor allem auch, weil er mit seinen zwei Jahren noch sehr jung ist, eine eigene Identität verschafft. Klar wird sich dabei gesteuerterseits viel um Red Bull und Eventkultur drehen. Passt ja auch grundsätzlich völlig prima zur Kultur des heutigen Profifußballs.

Allerdings braucht man daneben noch so etwas wie den lokalen oder irgendwie spezifischen Kolorit, der auch noch erhalten bleibt, wenn das Prinzip Pacult mal nicht mehr sein sollte. Der eigentlich nur entstehen kann, wenn man dem Verein Luft zur Entwicklung gibt. Vielleicht durch administratives Personal (wer wird eigentlich Nachfolger von Ex-Präsident Beiersdorfer bei RB?), das länger dabei bleibt als zwischen sechs und zwölf Monaten und somit eine wahrnehmbare und nachhaltige Außenwirkung jenseits von 1:1, 3:1, 12:3 kreieren kann.

Sicher aber auch das Fanumfeld, dem man die Luft lassen muss, im Rahmen des möglichen eigene Wege gehen zu lassen. Eine Vereinsfankultur zu entwickeln. Eine Unterstützerkultur, die mithin in einem Maße an dem Verein hängt, dass sie dem Team in sportlich schwereren den Rücken stärken und zusätzliche Punkte einfahren kann.

Ich bin nicht unbedingt ein Riesen-Fußball-Romantiker, trotzdem kann man auch ganz rational wissen, dass ein fest in seinem Umfeld verankerter und anerkannter Verein auch sportlich besser funktioniert als ein Verein, der von Jahr zu Jahr in seine nächste Identitätsrolle schlüpft. RB Leipzig ist gerade mal zwei Jahre alt und hat bereits drei komplett verschiedene Gesichter gezeigt. Das geht definitiv zulasten der Verankerung in der städtischen Umwelt und damit auch zulasten der Erfolgschancen.

Man muss kein hochgradiger Identitätstheoretiker sein, um festzustellen, dass RB Leipzig derzeit ein Identitätsproblem hat, das einige der Anhänger der ersten Stunde in den Status des wohlwollend-kritischen Beobachters versetzte und das man nicht löst (höchstens mit kurzzeitig hübscher Farbe überstreicht), wenn man sportlichen Erfolg und den Leitspruch ‚unsere Philosophie heißt Pacult‘ dagegen setzt. Vielleicht täusche ich mich aber auch und die Fußballer bei RB Leipzig liefern als Team und als Individuen schon im neuen Jahr die großartigen, sympathischen und erfolgreichen Storys, die den Verein RB Leipzig dauerhaft zusammenhalten.

Ich bin jedenfalls schon gespannt, wie das Publikum und vor allem die Fankurve beim DFB-Pokal-Spiel gegen den VfL Wolfsburg agieren bzw. reagieren wird. Man hat ja immer noch ein wenig die Folie Sachsenpokal-Finale gegen Chemnitz im Kopf. Also viele Emotionen, viel Mitfiebern und eine Atmosphäre, die aus der Fankurve auf das ganze Stadion übergriff. Voll dürfte es gegen Wolfsburg werden (und voll meint alles jenseits der 20.000), ob sich dies aber auch in Fußballatmosphäre umsetzt oder ob sich diese erst wieder über die nächsten Monate neu entwickeln wird (oder eben nicht), halte ich für eine offene Frage. Ich persönlich merke, dass ich mir eine ähnlich ausgelassene Freude wie beim Sachsenpokal-Sieg derzeit schwerlich vorstellen kann. Aber es sind ja auch noch 10 Tage. Und wenn es nicht klappt mit dem Mitfiebern werde ich eben ironisch gebrochener Teilzeit-Sympathisant. Was auch den Ursprüngen dieses Blogs wieder näher kommen würde:

Für alle, denen klar ist, dass die Teilnahme am modernen Profifußball nicht ohne unmodern hohe Investitionen zu kriegen ist und für alle, die trotzdem modernen Profifußball ansprechend, unterhaltsam und was auch immer finden, jedenfalls soviel finden, dass sie Spiele gegen Schalke, Bremen, Köln und Co lieber im Stadion vor der eigenen Haustür als im Fernsehen sehen, für all jene ist RB Leipzig ein Glücksfall.

Und auch für mich als Anhänger der Professionalität und der großen sportlichen Bühne erscheint es ein Glücksfall, dass sich mit RasenBallsport Leipzig ein Verein in Leipzig niederlässt, der sportlichen Erfolg, spektakuläre Neuverpflichtungen, gute Jugendarbeit, Spiele im Zentralstadion, zwischenmenschliche Animositäten und Gerüchte, Glamour und Gossip verspricht. Aus diesem Grund sei dieser Blog (vor allem) dem einzig wahren RasenBallsport und dem noch viel einzigst wahreren RasenBallsportverein in Deutschland gewidmet.

In diesem Sinne. Gossip, Glamour, Gerüchte und Spektakuläres gab es in letzter Zeit ja reichlich. Mal abwarten, ob die nächsten Wochen und Monate da mithalten können. Und wieviel Spaß das alles sportlich und abseits des sportlichen machen wird. Wieder mal alles auf Neustart. Mit unklaren Folgen für Verein, Identität und Zuschauerqualität und -quantität. Das Beständige ist der Wechsel. Woran eigentlich nichts schlimmes ist, weil es durchaus unterhaltsam sein kann. Nur Zeit zum ins (Fußball-)Herz schließen bleibt dann eben nicht mehr.

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9 Gedanken zu „Mittelfristige Vereinsphilosophien“

  1. Macht immer wieder Spaß deinen Blog zu verfolgen. Du bringst zu Papier, was viele andere auch denken. Mach weiter so, ich freu mich drauf. 🙂

    grüße
    /Fiskaron

  2. Das Unvermögen, untaugliches Personal auszuwechseln (außer im Sport), hat zum Ende der DDR geführt, das haben wir life erlebt.
    In der Wirtschaft funktioniert es nur so, wenn man nicht pleite machen will.
    Wünschen wir dem Prinzip PP in Leipziger Interesse alles Gute, noch so eine Saison mit oftmals Fußball zum Abgewöhnen, wie die letzte, braucht trotz des guten Endes mit dem Pokalsieg keiner.

  3. Kornett ist indirekt Nachfolger von Beiersdorfer bei Red Bull mit offenbar leicht verschobenem Aufgabenfeld. Heißt nun nicht mehr Head of Global Soccer, sondern irgendwas mit financial Head. Kümmert sich wohl trotzdem um die Vernetzung der verschiedenen Fußballstandorte, aber vermutlich eher aus Marketing- und Eventsicht. Nichts genaues weiß man nicht. Nachfolger von Beiersdorfer als Vorstantsvorsitzender bei RB Leipzig ist derzeit niemand. Zumindest wurde da bisher niemand kommuniziert. Das muss bei RB/ Red Bull nicht unbedingt heißen, dass es niemanden gibt..

  4. @ITWolle
    Genau, gerade dieser völlig überalterte Staatsratssprecher Bach war einfach nicht mehr der Richtige nach einigen Jahrzehnten auf dieser Position bei RBL. Und im Leipziger Interesse? Besser jetzt schon daran gewöhnen, dass dieses Projekt ein Fremdkörper in der Leipziger Fußballlandschaft bleiben wird. Schon wegen PP.

  5. Och, immer diese Fremdkörper-Spekulationen. Den Bach-Sarkasmus verstehe ich ja noch, aber nimm doch einfach mal zur Kenntnis, dass RB in Leipzig sehr gut funktioniert, wie auch der durchaus beachtliche Vorverkauf für das DFB-Pokal-Spiel (bisher 12.000 verkaufte Tickets) in einer Stadt, in der man es gewöhnt ist, erst an der Tageskasse zu kaufen, wieder mal zeigt. Du kannst natürlich ‚Leipziger Fußballlandschaft‘ wieder man in Deinem Sinne besetzen und damit nur die ‚wahren‘, ‚wirklichen‘ Fußballanhänger meinen, aber so kommst Du auch nicht in den Genuss, auch nur ansatzweise eine Idee zu kriegen, warum RB in Fußballeipzig sehr gut funktioniert. Ganz unabhängig davon, was Du generell und ich aktuell und im strategischen Detail am Verein (bzw. ist es vermutlich für Dich ja nicht wirklich einer) auszusetzen haben.

  6. Ich bezweifle nicht, dass RB in Leipzig nicht viele Stadionbesucher anziehen kann. Ich bezweifle auch nicht, dass das Projekt RB mal irgendwann unabhängig von Spielen mit Eventcharakter funktionieren kann. Aber ich bezweifle, dass RB irgendwann mal DER Leipziger Verein werden kann. Es ist im System des RB-Fußball-Konzepts begründet, dass keine lebendige und kritische Fanszene entstehen kann und der Respekt vor Erfolgen außerhalb des Sympathisantenkreises immer sehr überschaubar bleiben wird. Und ich bleibe dabei: Es ist nicht im Interesse vieler Fußballfans in Leipzig, dass RB auch nur einen Blumentopf gewinnt. Also Vorsicht damit, vom „Leipziger Interesse“ zu schreiben.

  7. Ich gebe Dir recht damit, dass es nicht hinhaut, von DEM Leipziger Interesse zu sprechen, da es zu viele verschiedene Interessen und Vorlieben in der Stadt gibt, als dass man das ganze auf eins verdichten könnte. Trotzdem bezweifle ich Deinen Zweifel, dass RB irgendwann DER Leipziger Verein wird, zumindest wenn man DER mit breiter Mehrheit übersetzt. Oder mal rein hypothetisch gesagt: Ich glaube, dass zu einem möglichen DFB-Pokal-Spiel Lok gegen Wolfsburg 1 Woche vor dem Spiel keine 12.000 Karten verkauft gewesen sein würden. Was dann eben doch eine relevante Verschiebung in der Stadt bedeuten würde. Ob daraus irgendwann so etwas wie Respekt oder Anerkennung außerhalb der direkten RB-Welt erwächst, muss man abwarten.

  8. @rotebrauseblogger:
    Ich denke das die VVK Zahlen bei LOK ähnlich wären, vorrausgesetzt das die Eintrittspreise gleich sind. Es ist das erste „richtige“ Spiel einer Leipziger Mannschaft seit dem DFB Pokalspiel des FCS, der Gegner sportlich interessanter. Der gemeine Leipziger weiss schon wann man die Karten vorher kaufen muss (Nationalmannschaft), sollte (z.B. Derby), oder es bei normalen Spielen von der Ticketkasse aufn Sitzplatz inkl Wurst & Bier in 15 Minuten schafft ;).

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