Testspiel: RB Leipzig vs. Budissa Bautzen 3:0

Es hatte ein bisschen was von einer Zeitreise, das gestrige Freundschaftsspiel von RB Leipzig gegen Budissa Bautzen, das ich mir entgegen meiner ursprünglichen Planungen dann doch in Torgau live angeschaut habe. Das mit der Zeitreise lag unter anderem daran, dass man mit Budissa Bautzen auf einen Gegner traf, der unweigerlich mit der Entstehungsgeschichte von RB Leipzig verknüpft ist, kassierte man doch gegen die Budissen die erste Pflichtspiel-Niederlage. Damals, vor knapp zwei Jahren noch in der Oberliga. Dem folgten zwei 2:0-Siege in Pflichtspielen (Liga und Pokal) und gestern eben ein 3:0 im Testspiel.

RB Leipzig gegen Budissa Bautzen

Dass man sich wie bei einem Ausflug in die Vergangenheit vorkam, lag aber auch daran, dass man sich wie zu besten Oral-Zeiten fühlte. Woran auch der komplett erneuerte administrative Bereich und der gute Miene zum bösen Spiel machende, anwesende Neu-Pressesprecher Sharif Shoukry nichts ändern konnten. Was nämlich vor allem in der ersten Halbzeit am bereits unter Oral gepflegten, wenig durchschlagskräftig und wenig kreativ interpretiertem 4-4-2 bzw. 4-2-2-2 lag. Aber auch daran, dass mit Hoffmann (verletzt) und Röttger, Müller und Heidinger gleich vier der acht Neuzugänge fehlten. Da mit Borel und Kerner zwei weitere Neuzugänge weitestgehend beschäftigungslos und unauffällig im Tor standen, mühten sich vor allem Spieler aus der Oral-Ära um einen erfolgreichen Test und um Stammplätze im Team. Warum Röttger, Müller und Heidinger nicht mal im Kader standen und soweit ich sehen konnte auch nicht im Stadion waren, ist mir nicht bekannt. Storytechnisch würde es sich anbieten, disziplinarische Gründe gerüchteweise zu verbreiten. Wahrscheinlicher ist, dass die drei wichtigsten Neuzugänge ihre Plätze im Team bereits sicher haben und es gestern darum ging, dass sich die anderen zeigen dürfen.

Was nur sehr partiell gelang, da einiges auf dem Platz doch arg gewöhnungsbedürftig war. Allen voran die Viererkette in der Abwehr, die wohl derzeit – auch ‚dank‘ Hoffmanns Langzeitverletzung – die Hauptbaustelle darstellt. Umut Kocin ist als Linksverteidiger derzeit konkurrenzlos und sicherlich ein guter, doch die anderen drei Positionen schienen zumindest gestern ziemlich wacklig. In der Innenverteidigung durfte Henrik Ernst durchspielen, der das zumindest ok machte, aber eigentlich lieber defensiver Mittelfeldspieler wäre. Neben ihm lief 60 Minuten lang Fabian Franke auf, der in der letztjährigen Rückrunde ein Leistungsträger war, gestern aber – mehr noch als schon in Braunsbedra – vor allem in der ersten Hälfte durch einige individuelle Schnitzer auffiel und nicht so recht Werbung in eigener Sache betreiben konnte. Als Rechtsverteidiger durfte sich in Müllers Abwesenheit mal wieder Ex-Kapitän Tim Sebastian üben, der in dieser Position weiterhin keine optimale Besetzung ist, gerade für das Spiel nach vorn. Da er in Braunsbedra auch als Innenverteidiger nicht übermäßig sicher wirkte, könnte Sebastian sich zum Luxusproblem entwickeln.

Im defensiven Mittelfeld jedenfalls, wo Sebastian im letzten Jahr seine stärksten Spiele ablieferte, dürfte für ihn kein Platz sein. Dort scheinen derzeit Timo Rost und Pekka Lagerblom die Nase vorn zu haben. Mit Alexander Laas, dem gestern verletzten Tom Geißler und den derzeit als Innenverteidiger gebrauchten Ernst und Rosin (gestern in 30 Minuten sehr präsent, auch verbal) tummeln sich dort noch einige Konkurrenten. Mir persönlich scheint das Duo Lagerblom/ Rost noch nicht ganz optimal. Mir fehlt bei den beiden ein wenig die kreative Komponente. Beide sind sich als Spielertypen in Bezug auf das Stören und Zerstören  zu ähnlich. Kann man aber sicher auch anders sehen. Mir fiel jedenfalls auf, dass mit der Einwechslung von Alexander Laas für Pekka Lagerblom dringend benötigte Kreativität in das zentrale Mittelfeld einzog. Laas war anspielbar, verteilte gut die Bälle und hatte Zug zum Tor, was sich in einem schönen Pfostentreffer nach Schuss von der Strafraumgrenze manifestierte. Mit ihm jedenfalls schien das vorher an der Mittelfeldzentrale vorbeilaufende Spiel variabler, ballsicherer und zielstrebiger. Wenn man sich auf ein 4-4-2 einschießt, wird man jedenfalls Spieler in der Zentrale brauchen, die ihre Rolle eher als Acht denn als Sechs interpretieren können. Das trifft auf Laas, der mir schon Braunsbedra gut gefiel (wo er aber als Spielgestalter auflief) sicherlich eher zu als auf Lagerblom und Rost.

Im offensiven Bereich durften außen gestern in Hälfte 1 Thiago Rockenbach über links und Steven Lewerenz über rechts angreifen. Ersteren halte ich auf dieser Position weiterhin für ein wenig verschenkt, da ihm dort der Drive und die Dynamik fehlt, die ein Heidinger mitbringt. Rockenbach sehe ich immer noch als offensiven Freigeist in einem 4-2-3-1-System. Im 4-4-2 wird es selbst für ihn sicherlich schwer, immer in der Mannschaft zu stehen. Lewerenz brachte auf rechts viel Einsatz mit, ohne freilich sonderlich effizient zu sein. Zudem wirkt er gelegentlich ziemlich eigensinnig, was ihm seitens der Kollegen sicherlich auch keine überbordende Begeisterung einbringt. Der in einer Situation einschussbereite, aber von Lewerenz nicht angespielte Frahn jedenfalls wirkte ziemlich bedient. Dass Lewerenz es in der kommenden Spielzeit schwer haben dürfte, liegt aber auch daran, dass er mit Röttger und Kammlott saustarke Konkurrenz zumindest auf der Position des Rechtsaußen hat.

Wobei Kammlott natürlich auch ein möglicher Stürmer in einem 4-4-2 ist. Mir gefällt er eher als Rechtsaußen, da in der Sturmzentrale zu wenig Raum für sein Spiel scheint. Aber gerade in konterlastigen Spielen kann Kammlott eine gute Sturmoption sein. Gestern jedenfalls durfte er je 45 Minuten lang Stürmer und Rechtsaußen spielen. In Hälfte 1 rannte er sich als Stürmer oft fest, schoß aber dank eines Schnitzers in der Abwehr der Budissen auch auf schöne und überlegte Art und Weise das 1:0. In der zweiten Hälfte hatte er einige gute Szenen auf der rechten Seite. Für Kammlott rückte in der zweiten Halbzeit Stefan Kutschke auf die Sturmposition und machte das ziemlich prima. Schoss ein Tor selbst, bereitete ein zweites schön vor und war viel unterwegs, um Bälle zu sichern und zu verteilen. Sehr auffälliges Spiel, positiv wohlgemerkt. Im Gegensatz zu Daniel Frahn, der gestern bis auf sein typisches Mittelstürmer-Tor nach Kutschke-Vorarbeit weitestgehend unsichtbar blieb. Einerseits könnte dies, vor allem in der ersten Hälfte, an der mangelnden Vorarbeit der Kollegen gelegen haben. Andererseits wirkte er bei Anspielen aus der eigenen Hälfte immer einen Schritt zu langsam, sodass er kaum Bälle sichern konnte.

Was von dem Testspiel bleibt, Stichwort Reise in die Vergangenheit, ist eine erste Hälfte die an Tomas Oral erinnerte. Wenig spielerisch gelungene Aktionen. Viele lange Bälle. Kaum Gefahr. Das Tor unter Mithilfe der Budissen. Dazu noch ein spektakulärer Lattentreffer von Umut Kocin von der Mittelllinie aus (ein gewollter Torschuss wohlgemerkt!). Mehr gab es nicht zu vermelden, wenn man mal von den individuellen Schnitzern in der Verteidigung und im Spielaufbau absieht. Bautzen in der ersten Hälfte mindestens gleichwertig. RB Leipzig insgesamt trotzdem abgezockter und körperlich eine ganze Portion robuster. Tomas Oral hätte nach dem Spiel gesagt, dass man sich gut bewegt habe und den Ball laufen gelassen hat. Ähnlich hat sich Peter Pacult gestern geäußert und hat natürlich recht. Auch ohne spielerische Glanzlichter war RB Leipzig gestern läuferisch sehr präsent und hat über 90 Minuten fast keine Aktion des Gegners zugelassen (wenn man von zwei Chancen nach individuellen Fehlern absieht). In der zweiten Hälfte und spätestens mit den Einwechslungen von Stefan Kutsche und Alexander Laas kam dann auch noch spielerische Klasse dazu und das ganze sah Richtung Spielende auch stellenweise ganz passabel aus. Ob dies an der eigenen Stärke oder am nachlassenden Gegner lag, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Dass neben den schon genannten Hoffmann, Müller, Röttger, Heidinger und Geißler auch noch Watzka langzeit- und vor allem Schinke kurzzeitverletzt fehlten, zeigt, was für Potenzial in diesem Team steckt.

Was gleichzeitig die Frage aufwirft, ob man den Kader noch verschlanken möchte. Worauf ich erst einmal die konträre Antwort geben würde, dass die bisherige Besetzung der Innenverteidiung in den Testspielen eher die Frage aufwirft, ob man dort nicht noch etwas zusätzliches tun möchte (außer man hat die Idee, dass Ingo Hertzsch im Notfall aus der zweiten Mannschaft reaktiviert werden kann). Auf den anderen Positionen könnte man aber sicherlich auch noch mal über Abgänge nachdenken. Lewerenz wäre als Nummer drei auf rechts sicher ein Kandidat. Bei Carsten Kammlott muss man abwarten, wie er sich in das Team kämpft. Ansonsten wäre auch für ihn eine Leihe denkbar, die ihm ein Jahr Entwicklung bei einem Drittligisten ermöglich (absurd, aber wahr, dass es für den einen oder anderen einfacher wäre bei einem Drittligisten Spielpraxis zu sammeln, als bei RB). Alexander Laas sehen einige Anhänger als Kandidaten für einen Vereinswechsel. Ich persönlich mag den Spielertypus Laas im zentralen Mittelfeld und fände dies unklug. Shaban Ismaili wird es sicherlich schwer haben hinten rechts und würde dem Kader nach jetzigem Stand nicht extrem fehlen. Angesichts der Tatsache, dass Peter Pacult ja aber Felix Magath als eine Art Trainer-Idol auserwählt hat, könnte dies auch für einen breiten Kader und einige Tribünen- und Reservemannschafts-Kandidaten sprechen. Man wird sehen.

Fazit: Es war im Vergleich zum Braunsbedra-Spiel ein eher unspektakulärer Test-Kick im durchaus schönen Ambiente des Torgauer Hafenstadions. Das aufregendste am Spiel fast schon ein ordentlicher Regenguss, der nicht nur dem Spielerpersonal, sondern vor allem der RB-Liveticker-Crew direkt vor uns ordentlich zu schaffen machte. Nächstes Testspiel ist am Mittwoch irgendwo in Franken gegen die U23 von 1860 München. Am Samstag geht es dann nach Auerbach und Sonntag wird wieder im Leipziger Einzugsbereich in Grimma benefizgespielt. Mit 95%iger Wahrscheinlichkeit muss ich leider auf das Leisten meines Benefizbeitrages verzichten. Was auch bedeutet, dass die nächste Chance RB Leipzig zu verfolgen, für mich wohl das DFB-Pokal-Spiel Ende Juli gegen Wolfsburg sein wird. Kann ich mir jetzt also fast drei Wochen lang Zeit nehmen, den Personalkomplettaustausch der letzten Wochen sacken zu lassen und zu gucken, wie sich meine Sicht auf den Verein in der Zeit entwickelt. Gestern jedenfalls glaube ich bemerkt zu haben, dass mein Zugang zum Spiel sehr viel distanzierter und unemotionaler war als in der Vergangenheit, auch in der jüngeren Testspiel-Vergangenheit. Was eventuell nicht mal eine Randnotiz ist.

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Tore: 1:0 Kammlott (28.), 2:0 Kutschke (52.), 3:0 Frahn (81.)

Aufstellung: Borel (46. Kerner) – Sebastian (60. Ismaili), Ernst, Franke (60. Rosin), Kocin (60. Buszkowiak) – Lagerblom (60. Laas), Rost – Lewerenz (46. Kutschke), Rockenbach – Kammlott, Frahn

Zuschauer: 455

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], Budissa-Bericht

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