Wochen(end)splitter VIII

Montag war es als die mündliche Anhörung vor dem Ständigen Schiedsgericht stattfand, bei der es um die 50+1-Regel ging. Hannovers Präsident Martin Kind sucht bekanntermaßen seit geraumer Zeit nach Wegen, diese Regel zumindest aufzuweichen. Nachdem dies auf dem kooperativen Wege nicht ging und die Lizenzvereine gegen seine Vorschläge votierten (die nie auf die komplette und ersatzlose Abschffung der 50+1-Regel abzielten, sondern eher deren Lockerung erreichen sollten), war die angedrohte Zielrichtung bisher, die Regelung von europäischen Gerichten kippen zu lassen, wofür ihm das eine oder andere Rechtsgutachten gute Karten attestierte.

Vor dem Schiedsgericht nun, das – so wie ich es verstanden habe – die Rechtskompatibilität der 50+1-Regel und Kinds Contra prüft, kam Martin Kind mit einem überraschenden Kompromissvorschlag. In der aktuellen 50+1-Regel gibt es die Ausnahmeklausel, dass Firmen auch die Mehrheit an den Fußball-Kapitalgesellschaften (Profi-Clubs sind meist aus den Vereinen ausgelagerte Kapitalgesellschaften) erwerben können, wenn sie vor 1999 bereits mindestens 20 Jahre lang einen Verein gefördert haben. Wodurch es Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg in ihren Konstellationen gibt, bei denen nicht die Mehrheit an der Kapitalgesellschaft beim Verein verbleiben muss. Der Kompromissvorschlag sieht nun vor, das Datum 1999 ersatzlos zu streichen und so zu einer Regelung zu kommen, bei der die Mehrheit an einer Kapitalgesellschaft auch dann auf einen Investor, eine Firma übertragen werden kann, wenn diese nur in den letzten mindestens 20 Jahren in den Verein investiert hat und die DFL dem zustimmt. In welchem Umfang diese Unterstützung stattgefunden haben muss und ob die DFL demnach auf der Basis eines harten Kritieriums oder eher nach Gefühl entscheidet, bleibt derzeit unklar.

Vermutlich ist der Kompromiss zum jetzigen Zeitpunkt das beste, was allen Beteiligten passieren kann. Die 50+1-Bewahrer-Seite kann ihr Gesicht wahren, das vor Gericht vermutlich durchgefallen wäre. Und Martin Kind könnte zumindest potenziell die Mehrheit in Hannover übernehmen. Inwieweit dies – mal abgesehen von der Juristerei – für den Fußball gut oder schlecht ist, mag jeder selbst beurteilen. Ich denke weiterhin, dass man den Wunsch nach einer auch aktiv ausgelebten aktiven Mitgliedschaft am besten in Vereinen ohne Profiambitionen in den Ligen 4 abwärts pflegen kann. Und sowieso erlaubt die heutige Meinungswelt Wege der Meinungsbildung, die wiederum gänzlich neue Möglichkeiten der Einflussnahme schaffen. Man schaue nur auf die Schalker Auseinandersetzungen um Felix Magath oder das Bayern-Theater um Manuel Neuer. Das sind nicht unbedingt die offiziellen Kanäle der Vereinspartizipation, die da genutzt werden, sondern via Facebook, Offline-Presse, Foren und Co angefachte Auseinandersetzungen um Vereinsentscheidungen, die in letzter Konsequenz auch die Meinungsäußerung im Stadion beinhaltet. Will heißen, die Aufweichung von 50+1 verhindert nicht die Möglichkeit der Einflussnahme. Nirgendwo. Und der Kompromiss führt zumindest dazu, dass verhindert wird, dass Vereine einem permanenten Besitzer-Wechsel unterliegen. Der Kompromiss begünstigt nachhaltige Investitionen. Und das kann man durchaus für akzeptabel halten. Wobei mir weiterhin eine offene Diskussion über die (nicht erreichten) Ziele, Zwecke und Absichten von 50+1 fehlt.

Interessanterweise wurde im Zuge der montäglichen Entscheidung und der Berichterstattung darüber – soweit ich es mitgekriegt habe – (fast) nie über Red Bull, sondern immer nur über Hannover, Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg geredet. Was deswegen interessant ist, da Red Bull neben Bayer und VW der derzeit konsequenteste Versuch ist, so etwas wie einen mit einem Konzern verwobenen bzw. nah an diesem hängenenden Verein zu betreiben. Klar scheint, dass man den Kindschen Vorschlag auch in der österreichischen Red-Bull-Zentrale mit einigem Interesse verfolgen dürfte, böte er doch die Möglichkeit ab 2029 ganz offiziell und formal zum Eigner von RB Leipzig zu werden. Etwas, was die Verfahrens- und Entscheidungswege etwas vereinfachen dürfte. Derzeit muss der Verein formal seine Entscheidungen eigenständig treffen und dies vermutlich auch dem DFB (bzw. der DFL?) auf Nachfrage nachweisen können. Wenn man bedenkt, wie aufgeregt die Öffentlichkeit bereits war als Hopp mit beim Gustavo-Transfer nach München beteiligt gewesen sein sollte (was er in entscheidender Position formal nicht war) und man sich Aufklärung einforderte, kann man sich ungefähr vorstellen, wie aufgeregt die Pacult-Einstellung und deren nachfolgenden Personal-Entwicklungen diskutiert worden wären, wenn sie zwei, drei Ligen weiter oben stattgefunden hätten. Und zwar unabhängig davon, ob es formal etwas auszusetzen gegeben hätte oder nicht.

Einer, der um einen verbalen Kinnhaken nie verlegen ist und sich öffentlich gerne als Widersacher zu Bayer, Hopp und Red Bull platziert, ist Hans-Joachim Watzke, seines Zeichens Chef beim deutschen Meister im Fußball aus Dortmund. Der hatte aber in der jüngeren Vergangenheit anderes im Sinn als vehement gegen Investoren im Fußball zu wettern. Diesmal traf sein Bannstrahl die polnische Gerichtsbarkeit. Die hatte den Dortmunder Profi Lukasz Piszczek zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt und ihn 25.000 Euro zahlen lassen. Piszczek hatte vor ein paar Jahren einer Spielmanipulation seines damaligen Teams Zaglebie Lubin zugestimmt, wodurch Lubin in den UEFA-Cup rutschte. Die Manipulation fand 2006 statt und soll auch unter Druck der älteren Teammitglieder auf die jüngeren (u.a. Piszczek) stattgefunden haben. Im Dezember 2009 zeigte sich Piszczek schließlich selbst an.

Das ist ein Skandalurteil, da sträuben sich mir alle Haare. Auch wenn so etwas prinzipiell nicht in Ordnung ist. Aber Lukasz stand damals in dem betroffenen Spiel gar nicht im Kader. Ich würde das Urteil nicht annehmen. (Watzke zitiert nach süddeutsche.de [broken Link]/ 30.06.2011)

Man darf den Ball gerne flach halten und feststellen, dass man im Leben Fehler machen kann. Sogar blöde. Vor allem, wenn man jung ist. Warum eine Bewährungs- und Geldstrafe für eine eingestandene und erst drei Jahre später angezeigte Manipulationsunterstützung und -mitwisserschaft allerdings ein Skandal sein soll, erschließt sich mir nicht. Fehler gemacht, eine Strafe kassiert, mit der sich leben lässt, Reue zeigen, Mund halten, weitermachen. Und hoffen, dass der polnische Verband mit der Jugendsünde leben kann und Piszczek bei der EM im eigenen Land mitspielen darf. Dass Watzke, der große Kämpfer für Gerechtigkeit, sportliche Moral und Chancengleichheit in einem Urteil eines Strafverfahrens gegen Spielmanipulationen einen Skandal sieht, bleibt dabei eine äußerst kuriose Notiz.

Auch eine kuriose Notiz ist das, was Bernd Wickfelder, Hauptverantwortlicher der Frauen-Abteilung bei Lok Leipzig am 02.07.2011 gegenüber der LVZ über die ferne Zukunft des frischgebackenen Bundesliga-Aufsteigers verlautbaren ließ:

Meine Vision ist, dass wir in zehn Jahren in der Champions League spielen.

Das klingt nach einer ähnlichen Vision, wie sie Dietrich Mateschitz für den RB-Leipzig-Männerbereich gerne pflegt. Mal sehen, wer es eher schafft.. Das Ziel Champions League bei den Lok-Frauen könnte auch das mittelfristige, starke Hintenanstehen der Männer bedeuten. Das dürfte vereinsintern noch spannende Debatten geben. Bis dahin aber hoffe ich, dass die Lok-Frauen ihr sportliches Minimalziel Klassenerhalt im ersten Jahr Bundesliga schaffen. Am 28.08.2011 ist Heimauftakt gegen den 1.FFC Frankfurt. Ein ordentliches Kaliber für die Heimpremiere.

Witzigerweise bin ich beim hiesigen, bloginternen Suchen nach Mateschitz und der Champions League über folgende Aussage des Chefs von Red Bull aus dem Februar 2010 gestolpert:

Ich glaube, dass wir mit Beiersdorfer und Stevens die bestmögliche Führung gefunden haben. Wir müssen jetzt Kontinuität hineinbringen, mit den falschen Leuten war das nicht möglich. (Champions League in 5 bis 7 Jahren?)

Man kann die Aussage gerne (und fiktiv natürlich) an die heutigen Gegebenheiten anpassen:

Ich glaube, dass wir mit Kornett, Moniz und Pacult die bestmöglichen Führungen gefunden haben. Wir müssen jetzt Kontinuität hineinbringen, mit den falschen Leuten war das nicht möglich.

To be continued.

Einer, der in einem Interview ganz viel erzählt hat über sich und seine Sicht auf den Fußball, ist Verteidiger beim 1.FC Kaiserslautern und heißt Mathias Abel. Auch über RB Leipzig weiß Abel Bescheid:

Über Hoffenheim oder Red Bull Leipzig denke ich, dass dies lediglich Randerscheinungen sind, die über kurz oder lang wieder verschwinden werden. Für solche Vereine wird es aber nie so eine Begeisterung unter den Zuschauern geben, wie dies bei gewachsenen Vereinen der Fall ist. Da gibt es eben ein paar Event-Fans, oder wie auch immer man sie nennen mag, die sich an den verpflichteten Stars oder dem kurzfristigen Erfolg fest klammern, aber authentisch ist das nicht. (Abel: „Ich bin FCK-Fan, seit ich denken kann“)

Ich finde es ja immer wieder erstaunlich, wie man aus der Entfernung, ohne irgendein Wissen, außer dem projektiven Gleichklang von Geld, Red Bull, Moderne, schlecht, über irgendwelche Menschen und Entwicklungen urteilen bzw. bescheidwissen kann. Mal aus der Nähe gesagt, würde ich aktuell bei RB Leipzig behaupten, dass das Scheitern definitiv nicht zu 100% auszuschließen ist. Dass aber 3.000 Zuschauer, die sich ein Viertliga-Spiel gegen Wilhelmshaven anschauen und wegen der Schiedsrichter-Leistung abgehen, ein pures Event-Publikum sein sollen, geht mir irgendwie nicht in den Kopf (das spektakuläre Regionalliga-Event?). Mal ganz abgesehen davon, dass ich die Unterteilung in gute und schlechte Zuschauer albern finde, gerade wenn sie vom Spieler eines Bundesligisten gemacht wird, der seinen Zuschauerschnitt beim Sprung aus der zweiten in die erste Liga gleich mal um 10.000 Zuschauer erhöhte. Auch alles nur Event-Fans, die sich an den verpflichteten Stars oder dem kurzfristigen Erfolg festklammern, aber nicht authentisch sind? Und wenn schon? Sicher ist es eine offene Frage, wohin sich Emotionen und Leidenschaften bei den Zuschauern und Anhängern von RB Leipzig entwickeln. Wer das Sachsenpokal-Finale gegen Chemnitz verfolgt hat, wird jedoch wissen, dass man sich in Leipzig derzeit nicht negativ von anderen Clubs, schon gar nicht Viertligaclubs unterscheidet.

Noch einer wusste mal laut Bescheid vor Wochenfrist, nämlich Mario Barth. Seines Zeichens deutscher Vorzeige-Geschlechter-Komödiant. Der brauchte für seine Show letzten Samstag einen Einstieg mit Leipzig-Bezug. Nachdem er  festgestellt hatte, dass er weiterhin gerne Zentralstadion sagen möchte statt Red Bull Arena, weil das Stadion ja zentral liege (aha), probierte er es zusätzlich noch auf fäkal:

Wir sch… auf Red Bull.

Nun ja, Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht. Und Comedy ist, wenn sich alle vor Lachen krümmen, nur weil jemand laut „Stuhl“ gesagt hat und dann wartend ins Publikum blickt. Eins muss man dem Herrn Komödianten aber lassen, er füllt die Schüssel immerhin mit seinem Programm. Leipziger Fußballmannschaften würden das wohl momentan nicht schaffen. Mal sehen, wie es im DFB-Pokal Ende Juli zwischen RB und dem VfL Wolfsburg aussieht. Und sowieso: Wer zueltzt lacht, lacht am besten. Hoffentlich.

Fußball ist ein gutes Stichwort, denn Fußball ist ja schließlich die Kernbeschäftigung bei RB Leipzig. Ich weiß, das geht manchmal unter, aber tatsächlich ist das so. Man kann es daran erkennen, dass die Mannschaft täglich und intensiv trainiert und gelegentlich (morgen [also Samstag, 09.07.2011] zum Beispiel wieder) Testspiele absolviert. Fußball wird deswegen in nächster Zeit auch wieder verstärkt Thema an dieser Stelle sein (so der Verein und dessen Personalabteilung da mitspielt). Vieles steht noch auf meiner Liste. Die rückblickende Kaderbewertung für die letzte Saison seit Ewigkeiten offen, der Blick auf den kommenden Kader schon längst überfällig, die Namen Heidinger und Shoukry noch ohne ein paar Sätze und die Rubrik ‚Vor 20 Jahren‚ sollte in der Sommerpause auch noch Zuwachs kriegen. Dazwischen natürlich noch die notorischen Testspiele. Kann es sein, dass diese Sommerpause viiiel zu kurz ist? Oder liegt es nur daran, dass RB Leipzig im Wochenrhythmus Entscheidungen trifft, die besprechenswert spektakulär sind? Wer weiß..

Aber eins weiß ich sicher. Erstmal steht ein Wochenende an. Weswegen ich allen, die es bis hier runter geschafft haben (schummeln gilt nicht!) ein wunderschönes ebensolches wünsche.

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Ein Gedanke zu „Wochen(end)splitter VIII“

  1. Watzke und Barth, schlimmer geht es nimmer, wobei ich den Mario trotzdem wegen seines Erfolgs durchaus respektiere, Watzke ist in meinen Augen mehr als scheinheilig, wegen ihm freue ich mich bei jeder Niederlage der Borussia, das ist eigentlich traurig, da der „Kloppo“ (Freund vom G.S.) eigentlich sympathisch ist (zur Meisterschaft hätte auch er sich aber etwas eher bekennen können…).
    Wichtig ist mir noch: Gegen Enrico Bach habe ich persönlich gar nichts, er war das schwächste Rad am Wagen und mMn ein „Bauernopfer“ – alles Gute für die Zukunft auch von mir, wirklich!
    Wilhelmshaven war übrigens auch mein „Schlüsselspiel“, nie war die Stimmung im Stadion besser als andiesem Tag.

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