Testspiel: SV Braunsbedra vs. RB Leipzig 3:12

Nun denn, da wird das Personaltheater der letzten Wochen und Monate also mal wieder durch den Sport überschattet. Testspielausflug zum SV Braunsbedra hieß es gestern für RB Leipzig. Die feierten ihren 100. Geburtstag und luden sich die ranghöchste Leipziger Mannschaft ein. Das ganze in höchst angenehmer, freundlich gewogener Atmosphäre. Ich finde es eine sehr gute Idee, im Umland zu testen. Das erschließt neues Zuschauerinteresse und führt letztlich auch zu einer regionalen Verankerung des Vereins. Strategisch durchaus sinnvoll. Stichwort Imagepflege. Wenn es so läuft wie gestern angenehm noch dazu.

Sportlich war das ganze für RB Leipzig ein freundlicher Aufgalopp bei höchst unfreundlichem Wetter. Wobei das als Zuschauer ziemlich an einem vorbei ging, dank gelungener Dach-Tribünen-Architektur. Bei eben jenem Dauerregen gab es insgesamt 15 Tore zu bestaunen. Was bei einem Spiel eines Siebtligisten (?) gegen einen Viertligisten nicht extrem erstaunlich ist, zumal der Viertligist kadertechnisch eher ein Drittligist ist. Eine Verteilung von 3:12 dürfte trotzdem nicht allzu alltäglich sein. Drei Tore sind für einen Underdog doch bereits arg viel.

Wie auch immer, die Story des Spiels schrieb sicherlich Krzysztof Krol. Der Pole weilt derzeit zur Probe bei RB Leipzig und sollte gegen Braunsbedra die Chance bekommen, sich eine Halbzeit lang zu zeigen und so für eine Verpflichtung zu werben. Nach 20 auffällig unauffälligen Minuten dachte sich Herr Krol wohl, dass es nun Zeit wäre, mal zu demonstrieren, wie viel Einsatzbereitschaft er bei RB Leipzig einzubringen gedenke. Dazu grätschte er mit 40 Meter Anlauf seinen Gegenspieler ins Krankenhaus. Manche würden es brutal nennen. Bei anderen würde es als polnische Härte durchgehen. Strenggenommen hat es auf einem Fußballplatz nichts zu suchen, schon gar nicht bei einem solchen Testspiel. Peter Pacult sah das offensichtlich ähnlich und nahm Krol sofort nach der fälligen gelben Karte und noch während der Verletzungsunterbrechung vom Platz. Zurecht. Thiago Rockenbach wies den äußerst geknickt wirkenden Übeltreter beim Abgang dann noch mal freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass man so nicht in den Zweikampf gehen dürfe. Ob Krol weiterhin zur Probe mittrainieren darf, scheint jedenfalls zweifelhaft.

Zweiter Aufreger der ersten Hälfte war Pascal Borel. Dessen Verpflichtung als Torwart hatte allgemein für viele Fragezeichen gesorgt und bei mir die Erinnerungen an seine früheren Pannen als Bundesliga-Torwart geweckt. Etwas womit Borel sicherlich nicht mehr konfrontiert werden wollte in seiner Karriere. Seit gestern kommt er darum nicht mehr herum, ist der Kampf um die neue Nummer 1 offener denn je und kann man erahnen, dass die Torwart-Frage eine heißes Saison-Thema werden könnte. Auslöser war ein zwar flatternder, aber eigentlich eher ungefährlicher Freistoß aus etwa 30 Metern Entfernung, den sich Borel selbst ins Tor boxte. Dass die mitgereisten RB-Anhänger dies mit hämischen ‚Sven Neuhaus‘-Rufen quittierten, mag man als schlechten Stil interpretieren. Ich persönlich konnte es ein wenig nachvollziehen, obwohl es für Borel den denkbar schlechtesten Start in seine RB-Zeit bedeutete und er nun wirklich nichts für den Abgang der alten Nummer 1, Sven Neuhaus kann.

Dritte Personalie der ersten Hälfte war Neuzugang Timo Röttger, der drei von vier Vorhalbzeittoren erzielte und den Torreigen bereits nach zwei Minuten eröffnet hatte. Röttger war dazu auch noch schnell, ballsicher und körperlich robust. Kann er sich auf diesem Niveau aufbauend in der Vorbereitung noch verbessern, dann wird man mit ihm bei RB Leipzig noch viel Freude haben. Kann man sich durchaus schon mal heimlich drauf freuen.

Erwähnenswert aus der ersten Hälfte noch das Spielsystem, das ein wie schon unter Tomas Oral gepflegtes 4-4-2 war. Wichtiger Fingerzeig, dass Timo Röttger auf rechts (könnte auch links) und Tim Sebastian (überraschend nach Verletzung mit dabei) als Innenverteidiger (war zuletzt unter Oral als Sechser aktiv) aufliefen. Insgesamt sah Hälfte 1 sehr nach Oralscher Taktik aus, gespickt mit einigen Spielern aus dem letztjährigen Kader. Dynamischer als letztes Jahr sah es trotzdem aus, was aber auch am Gegner gelegen haben könnte. Auffällig trotzdem die weiterhin vorhanden Anfälligkeit für schnelle Gegenstöße bei eigenem Ballverlust. Da wartet noch viel Arbeit.

Aufstellung 1. Hälfte: Borel – Müller, Sebastian, Franke, Krol (21. Kocin) – Röttger, Lagerblom, Geißler, Rockenbach da Silva – Frahn, Kutschke

Hälfte zwei brachte wie man erwarten konnte ein komplett neues Team: Kerner – Lewerenz, Rosin, Buszkowiak, Kocin – Rost, Ernst – Kammlott, Laas, Heidinger – Schinke

Auffällig sofort der Systemwechsel vom 4-4-2 hin zum 4-5-1, das mit den Außenspielern Kammlott und Heidinger auch mal schnell als 4-3-3 interpretiert werden kann. Interessant dabei, dass Steven Lewerenz rechten Verteidiger spielen durfte, was sich nur durch Personalnot erklären lässt (wo ist eigentlich Shaban Ismaili?). Das machte er zumindest auffällig, weil eigentlich permanent nur im Vorwärtsgang. Trotzdem wenig zukunftsfähig. Meine Meinung.

Neben Lewerenz war die Spielposition von Alexander Laas die zweite Überraschung. Der durfte so etwas wie den Spielmacher hinter der einzigen Spitze spielen. Eine Position, auf die sicherlich kaum jemand gewettet hätte. Eine Position, auf der man auch eher einen Thiago Rockenbach, ausgestattet mit allen Freiheiten sehen würde. Zusammen mit Ernst und Rost kam so ein nominell sehr kompaktes, vermutlich auch wenig zukunftsfähiges, zentrales Mittelfeld heraus. Laas blieb aus meiner Sicht unauffällig, hatte aber auch diverse lichte Momente.

Dritte interessante Positionsentscheidung von Peter Pacult war, Paul Schinke als einzige zentrale Spitze aufzustellen. Es mag spielsystematisch nicht so streng gemeint sein, da auch Kammlott immer mit in die Spitze stieß und Schinke auch öfters auf die rechte Seite auswich. Trotzdem, Schinke in der zentralen Position wirkte nicht übermäßig erfolgsversprechend.

Insgesamt sah mir Hälfte zwei sehr viel konfuser aus als Hälfte eins, sodass es mir schwer fiel, einzelne Spieler genauer unter die Lupe zu nehmen. Spannenderweise schossen die RasenBallsportler in Hälfte zwei doppelt so viele Tore wie in den ersten 45 Minuten. Was aus meiner Sicht aber eher an den Gastgebern lag, die nach der Pause irgendwann abbauten und auch begannen munter zu wechseln, was ihrer Gegenwehr nicht unbedingt gut tat.

Auffällig neben dem oben schon genannten Röttger fand ich auf der linken Außenbahn den Neuzugang Sebastian Heidinger (schnell, dribbelstark), der schon mal zeigte, dass Thiago Rockenbach sich sehr strecken muss, um seinen Platz dort zu verteidigen (wenn er nicht einfach auf die Position des Spielmachers verschoben wird). Pekka Lagerblom war zumindest verbal sehr präsent und könnte eine Art Teamleader werden. Rechtsverteidiger Christian Müller deutete seine Offensivqualitäten an. Umut Kocin wusste als Linksverteidiger zumindest in Ansätzen zu gefallen. Und Timo Rost zeigte sich auch sehr agil.

Eher enttäuscht war ich vom eher wenig agilen Thiago Rockenbach und vom erstaunlich nervösen und fehlerbehafteten Fabian Franke. Carsten Kammlott scheint man sein besonderes Wollen, die schlechte vergangene Saison vergessen zu machen, besonders anzumerken. Scheint aber auch sehr nah beim Verkrampfen zu liegen. Und Pascal Borel sollte man aus einem Fehler keinen Strick drehen. Und sowieso, insgesamt war das alles schon ok und eben auch nur ein Test und wenig aussagekräftig. Die ersten Eindrücke, gegen die der eine oder andere nun ankäpfen muss, dürfte Peter Pacult trotzdem schon im Kopf haben.

Eine ’nette‘ Nebenstory drehte sich noch um die RasenBallsportler der ersten Hälfte, die in der zweiten Hälfte auf der Laufbahn rund um das Spielfeld ihre Auslauf-Runden drehten. Was für die obligatorische Anti-RB-Gruppe von 15 Leuten auf der Gegengeraden Anlass war, ihre Ablehnung verbal noch einmal direkt an den Mann zu bringen. Mal abgesehen davon, dass sie nicht nur räumlich komplett vom Rest der Besucher separiert waren (freiwillig) und ihre Bemühungen beim Braunsbedraer Anhang eher auf Kopfschütteln stießen, fand ich es gut, dass die RB-Neuzugänge gleich im ersten Spiel gesehen haben, was ihnen im Laufe der Saison durchaus an der einen oder anderen Stelle wiederbegegnen wird. Ist ja nicht so, dass ich die Rufe an sich gut finde. Da sie aber zur RasenBallsport-Fußballrealität dazu gehören, ist es auch gut, wenn sich die Spieler früh an die Realität gewöhnen. Im letzten Jahr jedenfalls hatte man am Anfang der Saison den Eindruck, dass die Spieler nach weitestgehend abgeschotteter Vorbereitung von der ablehnenden Haltung mancher Fangruppen überrascht wurden..

Und noch eins zum oben angesprochenen Personaltheater. Seit vorgestern macht ja angestachelt durch ein österreichisches Mediengerücht (broken Link) der Name eines neuen Pressesprechers für RB Leipzig die Runde. Nimmt man die Personalpolitik im Reiche Red Bull ernst, muss man wohl auch das Gerücht ernst nehmen. Und da das Prinzip derzeit zu heißen scheint, dass Peter Pacult die Entscheidungshoheit über die Besetzung der administrativen Posten bei RB Leipzig hat und der gehandelte Pressesprecher ein langähriger Pacult-Wegbegleiter ist, wird das Gerücht noch ernster. Was auch gleich die Frage nach dem existierenden Pressesprecher aufwirft. Sharif Shoukry, der gehandelte Ex-Rapidler wurde in Braunsbedra jedenfalls nicht gesichtet. Zumindest von mir nicht. Enrico Bach hingegen schon. Was immerhin bedeutet, dass er bei RB Leipzig noch nicht vom Hof gejagt wurde. Was dieser Tage ja auch schon mal was ist. Theoretisch gedacht und spekuliert, könnte Shoukry ja auch der Versuch sein, sich kommunikativ breiter aufzustellen. Shoukry als Kommunikationsstratege und -oberhaupt und drunter Personen die sich verschiedenen Aufgabengebieten widmen. Möglich. Wie so vieles in diesen Tagen des Personalwechselns.

Fazit: Ein netter Ausflug ins Leipziger Umland brachte einen hübschen Fußballabend. Vermutlich schon mein letztes Live-Testspiel des Sommers. Mal sehen. Ergebnis gelungen, Umfeld gelungen. Der Gastgeber gleich mit drei Ehrentreffern, RB standesgemäß zweistellig. Für alle was dabei. Nur das üble Foul durch RB-Testspieler Krol und die Verletzung des Braunsbedraer Spielers hätten nicht sein müssen.

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Tore:

Zuschauer: 465

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link]

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4 Gedanken zu „Testspiel: SV Braunsbedra vs. RB Leipzig 3:12“

  1. „Ich finde es eine sehr gute Idee, im Umland zu testen. Das erschließt neues Zuschauerinteresse und führt letztlich auch zu einer regionalen Verankerung des Vereins.“

    Finde ich auch gut in Braunsbedra zu spielen. Punkt!
    Aber auch wenn es Leipziger Umland ist glaube ich doch das der Sachsen Anhaltiner mehr zu Halle tendiert. So sagt mir meine Erfahrung.

    Hoffe Du konntest trotz des schlechten Wetters etwas von der Gegend sehen, denn die ist auch jenseits von Fußball wirklich toll. Der Geiseltalsee ist zwar ob der Ereignisse in Nachterstedt noch nicht freigegeben allerdings wenn das mal soweit ist, ein wirkliches lohnenswertes Ausflugsziel.
    Wir waren zu Pfingsten ein paar Tage dort, schöner Radweg um den See, Aussichtstürme an den Ufern, sogar ein Weingut (für Liebhaber eines trockenen Weines), schottische Rinder und auch im Hinterland nette Sachen, besonders die alten Stadtteile von Mücheln sind überraschend gut erhalten und wirklich sehenswert. Soviel zum Geografischen!

    Noch eine kleine Anmerkung zu den Transfers: Mir bleibt es ein Rätsel wieso RB trotz der ständigen Personalquerelen immer noch so eine Anziehungskraft auf höherklassige Spieler hat. Ich persönlich würde das Risiko als zu hoch erachten, die Aussortierungen am Ende der letzten Saison hätten mich da abgeschreckt. Aber vielleicht sehe ich das auch zu konservativ und eine Fußballerkarriere ist mit einen Job in der Wirtschaft nicht zu vergleichen.

    1. Das mit den Aussortierungen wird aber auch zu hoch gehängt. Alle die Vertrag hatten sind bis jetzt geblieben, war auch letzte Saison nicht anders (Außnahmen bilden da eher die Positionen außerhalb des Kaders). Also an die Spielerverträge hält man sich und wenn ein Kläse, Hertzsch oder Müller bis jetzt in der 2. Liga gespielt hätten, wäre da eben auch Schluss gewesen ob des Alters. Einzig die Personalie Neuhaus sticht da heraus und hier scheint es zu einem nicht unwesentlichen Teil ums Gehalt gegangen zu sein. Wobei der Vertrag auch ganz regulär auslief und für junge Spieler die Teilproblematik „nach der Karriere“ keine Rolle spielt, wie sie dies bei Neuhaus tat.

  2. @Tom Read: Ehrlich gesagt war es ein ausschließlicher Fußball-Ausflug. Es hat aber immerhin dafür gelangt, aus dem Augenwinkel wahrzunehmen, dass sich ein Ausflug auch ohne Fußball-Anlass durchaus lohnen könnte. Von daher nehme ich Deine touristischen Empfehlungen als Bestärkung dieser Wahrnehmung..

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