Tomas Oral: Als richtiger Trainer zur falschen Zeit gescheitert

Ganz klar gesagt: die Verpflichtung Orals ist unter den gegebenen Bedingungen und Wünschen, also aus heutiger Sicht – gerade wenn man ihn mit allen anderen gehandelten Namen vergleicht – die optimale Entscheidung. Wenn man in absehbarer Zeit zu einer anderen Einschätzung kommen sollte, dann ändert das nichts an dieser Tatsache. (Schon wieder ein richtiger Trainer zur richtigen Zeit)

Ach lieber Tomas Oral: Gestern war ja Trainingsauftakt bei RB Leipzig. Vermutlich, so es Ihnen denn noch als Datum im Gedächtnis geblieben ist, noch einmal ein schmerzhafter Tag für Sie als ehemaligen Trainer, der dies sicherlich gern geblieben wäre. Vermutlich wissen Sie auch schon, dass mit Dieter Gudel gestern einer der letzten gegangen ist, mit denen Sie noch zusammengearbeitet haben. Neben Beiersdorfer, Linke und Gudel befinden Sie sich in einer sehr illustren Runde von Ex-Angestellten beziehungsweise Funktionsträgern bei RB Leipzig. Von daher sollte Sie Ihr eigener Abgang nicht über die Maßen schmerzen.

Obwohl ich zugeben muss, dass mir Ihre Vertragsnichtverlängerung im Gegensatz zu den anderen drei Personalien als einzige plausibel und sinnvoll erschien. Als Trainer eines Aufstiegsfavoriten, der 18 Punkte hinter dem Spitzenreiter ins Ziel kommt, muss irgendetwas nicht richtig gelaufen sein. Als sportlich Verantwortlicher müssen Sie auch die sportliche Verantwortung tragen. Ein verlängerter Vertrag wäre dem nicht mal im Ansatz gerecht geworden.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen, lieber Tomas Oral, ich mochte es, mit welchem Herzblut Sie Ihre Aufgabe bei RB Leipzig angefangen und durchgehalten haben. Von der ersten bis zur letzten Minute Ihrer Leipziger Aktivitäten hatte man das Gefühl, dass Sie mit 100% bei der Sache sind. Gerade im letzten Drittel der Saison, als die sportlichen Ziele nicht mehr zu erreichen waren und Sie es als Person in verschiedensten, medialen Situationen und nicht zuletzt durch die Pacult-Gerüchte und später -Verpflichtung nicht übermäßig einfach hatten, blieben Sie mit Ihrem Fokus (fast) immer bei der Mannschaft und dem letzten, verbliebenen Ziel, dem Gewinn des Sachsen-Pokals. Ein Ziel, das Sie glücklicherweise erreichten und so wenigstens ein kleines, positives Ausrufezeichen unter die verkorkste Saison setzten.

Auch Ihre spröde Art mochte ich im Gegensatz zu vielen anderen, öffentlich wahrnehmbaren Stimmen sehr gern. Ihre Pressekonferenzen werden nie in die Hall of Fame der Unterhaltungskultur einziehen und ihre Interviews waren nie wirklich gefüllt mit Essenzen, Anspielungen und Aussagen. Ganz im Gegensatz zu Ihrem Nachfolger, Peter Pacult pflegten Sie ein eher distanziertes Verhältnis zur Presse (so sah es jedenfalls für mich immer aus). Manche legten Ihnen das als Arroganz aus. Ich sah das immer eher als individuelle Note, die wohl jeder Trainer hat. Trainer sind ja die Menschen, die am stärksten im Fokus der Öffentlichkeit stehen, deren Entscheidungen, Aussagen und Bewegungen analysiert, kritisiert und zerrissen werden. Um sich dies anzutun, muss man schon eine spezielle Persönlichkeit sein, sprich einen kleine Macke (nicht bös gemeint) haben. Ihre kleine Macke war die spröde Art, Pressefragen mit ernster Mimik und teils schwer nachvollziehbarer Syntax und Rhetorik zu beantworten. Oder eben auch nicht. Eine eher liebevolle Macke. Was Pressevertreter unter Umständen anders sehen werden.

Es wurde natürlich inhaltlich manchmal eigentümlich. Mehrmals philosophierten Sie, lieber Tomas Oral über die Qualität der gegnerischen Spielstätte. Mir eindrücklichste Erinnerung die Thematisierung des schweren Bodens nach der desaströsen Auswärtsniederlage beim 1.FC Magdeburg. Oft sahen Sie zudem gute Spiele, oft genug konnte man Ihnen in Ihrer Meinung nur mit allerhöchster Mühe folgen. Fast schon eine Legende Ihre Aussage nach dem Heimspiel gegen den CHemnitzer FC als Sie in einem maximal ausgeglichenen Match Ihr Team klar besser gesehen hatten und für den Gast aus Chemnitz eine halbe Chance notierten. Ungefähr 95% der Besucher des Spiels zeigten sich darüber zumindest verwundert.

Vielleicht war diese realitätsfern erscheinende Rhetorik auch nur psychologische Masche, die Ihr Team stark reden sollte. Wenn dies der Fall gewesen sollte, dann ging es insgesamt nicht sehr gut auf. Trotzdem steckt darin auch wieder etwas positives. Sie haben sich, lieber Tomas Oral öffentlich eigentlich immer vor die Mannschaft und vor die Spieler gestellt. Ein Nachtreten vor dem Mikrofon gegenüber dem eigenen Team hat man bei Ihnen nicht erlebt, zumindest könnte ich mich nicht daran erinnern. Dummerweise vermute ich, dass Sie auch intern nach schlechten, aber gewonnenen Spielen das Lob bevorzugt haben und den Spielern nicht klar Ihre Defizite aufgezeigt haben. Zumindest lässt die partielle Selbstzufriedenheit aus einigen Spielermündern nach schlechten Leistungen darauf schließen, dass sich in der Mannschaft nur wenig Bewusstsein dafür entwickelte, wie das Spiel aussehen müsse, damit es gut und erfolgreich sei.

Mich persönlich hat das verwundert. Wenn ich mich recht erinnere, sind Sie bei Ihrem Amtsantritt vor einem Jahr mit dem Wunsch aufgetreten, ein Spielsystem zu entwickeln, dass selber Druck entwickelt, offensive Akzente setzt und Spiele durch Eigenaktivität entscheidet. Ein 4-4-2 hatten Sie damals als präferiertes System benannt, mit dem Sie sich vom Ihrer Meinung nach in der Breite viel zu defensiven Fußball der damals parallel stattfindenden Weltmeisterschaft distanzieren wollten. Heraus kam praktisch über die ganze Saison viel Ballbesitz mit wenig Zug zum Tor. Sprich, meistens schoben sich Ihre Spieler den Ball über die Verteidigerpositionen gegenseitig zu bis irgendjemand die Nase voll hatte und das Leder irgendwo Richtung Spitze schlug. Mal präziser, mal weniger präzise. Mal entstand (eher zufällig) Gefahr daraus, meist eher nicht.

Spielkulturell war das nicht sonderlich ansehnlich, schon gar kein dominanter Kombinationsfußball. Das ganze wurde zwar Richtung Ende der Saison vor allem in den Heimspielen besser. Ein Formanstieg bei Tom Geißler im Mittelfeld. Ein für das Aufbauspiel sehr wertvoller Innenverteidiger Fabian Franke. Das Spiel, das gebe ich gerne zu wirkte in den letzten Heimspielen sehr viel durchdachter als in den ersten zwei Saisondritteln. Das kann aber trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Großteil der Tore und gefährlichen Situationen aus genialen Momenten eines Thiago Rockenbach, körperlicher Überlegenheit eines Stefan Kutschke oder gegnerischen Abwehrfehlern resultierten. Doppelpässe, Zug zum Tore, Flachpässe in die Spitze, überhaupt schnelles Kombinationsspiel sah man über die gesamte Saison, auch zum Ende hin nur im Ausnahmefall. Ballkontrolle hieß das Zauberwort. Und das war meist weder ansehnlich, noch erfolgsversprechend. Sprich, das Spiel Ihrer RasenBallsporter wirkte so antiquiert, wie es das Alter vieler Ihrer Stammspieler nahelegen mochte.

Immer wieder haben Sie trotz allem Entwicklungen im Verein betont. Ich bin da ganz ehrlich, lieber Tomas Oral, in diesem Punkt kann ich Ihr positives Weltbild nicht teilen. Nimmt man ausschließlich die erzielten Punkte als Maßstab stimmt Ihre Sicht schlicht und einfach nicht. Einer Hinrunde mit 31 Punkten und +12 Toren, stand eine Rückrunde mit 33 Punkte und +16Toren gegenüber. Das ist keine Entwicklung, die man in irgendeiner Form als nachhaltig bezeichnen kann. Klar, Sie und Ihr Team haben in der Rückrunde in den Heimspielen die meisten Punkte aller Regionalligisten geholt. 8 Regionalligaspiele, mit Pokal gar 10 Heimspiele in Folge nur Siege. Das klingt nicht schlecht und war zeitweise sogar ansehnlich oder zumindest regionalligatypischer, zielführender, erfolgsorientierter Fußball. Doch diese Bilanz wurde gelinde gesagt zertrümmert durch die Rückrundenauswärtsbilanz, die RB Leipzig auf Platz 11, punktgleich mit dem Fastabsteiger 1.FC Magdeburg ausweist. 9 Punkte in 8 Spielen. Teilweise mit erschreckend ungefährlichem Fußball. Wer da das Wort Entwicklung in den Mund nehmen mag, spricht nur die halbe Wahrheit.

Sei es drum, lieber Tomas Oral, vielleicht kann man das einfach unter gesundem Ego verbuchen und darunter, dass Sie als Trainer Ihr Wirken schon sich selbst gegenüber in einem sich entwickelnden Licht darstellen müssen. Ich persönlich sehe das mit der Entwicklung nicht so und ich sehe ehrlich gesagt auch kaum einen Spieler, der in diesem Jahr einen unerwarteten Sprung gemacht hätte. Fabian Franke kann man vielleicht erwähnen, Stefan Kutschke oder vor allem Paul Schinke auch. Alle drei habe in der Endphase der Saison, als sich das Team teilweise selbst aufstellte, gut präsentiert. Inwieweit Sie das Ihrem Wirken verdanken, kann ich schwerlich beurteilen. Das von den vielen Perspektivspielern, die vor der Saison verpflichtet wurden, auch zwei, drei den Durchbruch schaffen könnten, konnte man schon vor der Saison annehmen.

Fakt bleibt, dass viele Spieler unter Ihren Erwartungen blieben oder von außen wenig nachvollziehbar auf der Ersatzbank oder gar bei der zweiten Mannschaft verschimmelten. Kammlott, Geißler, Rost, Hertzsch, Ismaili oder auch der früh in die Wüste geschickte Bick. Die Liste veränderte sich vielleicht über die Saison. Mal kam der eine oder andere dazu (Laas, Müller, Kläsener, Frommer), mal fiel wieder einer weg. Insgesamt blieben allerdings viele Spieler unter ihren Fähigkeiten und das muss in der Häufung Ursachen haben, die man nicht nur bei den einzelnen Spielern suchen kann.

Damit einher ging eine Situation, in der Sie im Gegensatz zum Chemnitzer FC nie zu einer Art Stammelf kamen. Erst als sich – wie schon erwähnt – die Mannschaft zum Sasonende quasi selbst aufstellte, kam wieder Kontinuität hinein. Keine Ahnung, ob das Rotieren gerade in der ersten Saisonhälfte Absicht war oder irgendeinem Grund geschuldet, der von Außen nicht sichtbar war. Leistungssteigernd hat sich Ihr Rotieren jedenfalls nicht ausgewirkt. Vielmehr hatte man manchmal das Gefühl, dass Sie auf diesem Wege Ihre Autorität gegenüber der Mannschaft sichern wollen und dies eher demotivierende Folgen auf Spielerseite hat.

Es sei an dieser Stelle nicht verschwiegen, dass Sie ganz sicher keine optimalen Rahmenbedingungen hatten, als Sie nach Leipzig wechselten. Kurz vor Ihrem Amtsantritt wurde Felix Magath als potenzieller Trainer ins mediale Gespräch gebracht. Dagegen mussten Sie zuerst einmal ankämpfen. Dann gab es keinen Sportdirektor, der gerade in der schwierigen Anfangsphase mit den den drei Auftaktunentschieden hinter Ihnen gestanden und der Mannschaft als zusätzliche Autorität zur Verfügung gestanden hätte. Inwieweit der Kader, den Sie vorfanden Ihren Vorstellungen entsprach, weiß ich auch nicht. Öffentlich lamentiert haben Sie meines Wissens nach nie. In der Winterpause jedenfalls bekamen Sie als Weihnachtsgeschenk Ihren kreativen Wunschspieler Thiago Rockenbach. Dass Sie auch mit Ihm kaum mehr Punkte geholt haben, als ohne Ihn, müssten Sie sich – nimmt man es statistisch – selber ankreiden.

Wobei man die Rückrunde auch nicht so eng sehen darf. Nach Spiel 2 und der Niederlage gegen Kiel war der Aufstiegszug zumindest gefühlt abgefahren. Mit einigen katastrophalen Auswärtsauftritten wurde es bei RB Leipzig in der Folge richtig deprimierend. Danach jedenfalls wurde der Rest der Runde zur Nebensache. In dieser Phase wurde dann ein der wenig optimalen Rahmenbedingung korrigiert und Sie bekamen Ihren Wunsch erfüllt und einen Sportdirektor an die Seite. Es waren jene Tage, in denen man Sie bei Presseterminen lachen sah und man das Gefühl hatte, der Ballast der alleinigen Verantwortung für den sportlichen Bereich fiele von Ihnen ab. Man hatte für einen kurzen Moment eine Vorstellung davon, was möglich gewesen wäre, wenn man Ihnen eine Jobstruktur gebaut hätte, in der Sie ein wenig mehr an Schutz und Ruhe gehabt hätten. Ständig die Nase im Wind, das konnte vielleicht von vornherein nicht gut gehen.

Zu dieser Zeit war das Kind aber bereits in den Brunnen gefallen und als dann mit den Gerüchten um Peter Pacult nicht mehr über Sie, sondern nur noch über Ihren Nachfolger geredet wurde, waren Ihre letzten Tage gezählt. Wie gesagt, zurecht meiner Meinung nach. Ganz egal wie zufrieden man mit Peter Pacult als Ihrem direkten Nachfolger ist. Um auch hier nicht falsch verstanden zu werden. Noch zur Winterpause war ich der Meinung, dass man natürlich keinen Trainer, von dem man bei seiner Einstellung absolut überzeugt war, nach einem halben Jahr entließe. Ich war nicht überzeugt davon, dass es noch für den Aufstieg reichen könnte. Ich war aber schon überzeugt, dass es eine positive Entwicklung geben würde. Diese wurde enttäuscht, wie schon in der ersten Halbserie als ich zumindest bis zum Spiel gegen Meuselwitz (das für mich ein Wendepunkt war) rhetorisch Ihnen verwandt auch in Rückschlägen immer das Weiter- und Schritte machen betonte. Deshalb halte ich Ihren Abgang für die einzigst nachvollziehbare Option.

Natürlich braucht man im Fußball die Geduld, die Sie nach Ihrem Abgang den Herren bei Red Bull ans Herz legten. Ich bin der letzte, der dies nicht verstehen würde. Trotzdem ist Fußball jenseits der Konzepte auch immer ein Ergebnissport. Und 18 Punkte sind 18 Punkte sind 18 Punkte sind gescheitert. Man muss das ja auch mal so klar sagen und stehen lassen. Mir persönlich tut es leid. Ich hätte es gerne gesehen, man hätte Ihnen optimale Rahmenbedingungen gebaut, Sie hätten Erfolg mit Ihrer Arbeit gehabt und Ihr Vertrag hätte sich bei Aufstieg automatisch zwei Jahre verlängert. Ich wäre der letzte gewesen, der etwas dagegen gehabt hätte. Im Gegensatz zu Teilen der Fanöffentlichkeit, die mit Ihnen nie so recht warm geworden war, hegte ich Ihnen gegenüber nie Groll, auch wenn ich in vielen inhaltlichen Fragen der Spielkultur, taktischen Formationen und Spielanalysen anderer Meinung war als Sie.

Die Saison war Mist, klar. Aber so etwas passiert im Fußball. Mal gewinnt man, mal verliert man. Im nächsten Jahr gewinnt oder verliert RB Leipzig ohne Sie. Was Ihnen in diesen Tagen, wo auch Ihr Vertrag langsam auslaufen dürfte, eventuell auch noch mal bewusst wurde. Sei es wie es sei und bei allen grundlegenden Differenzen, Sie bleiben als der erste RB-Trainer, der einen Pokaltriumph feiern durfte im Gedächtnis. Ob das für die Fußball-Geschichtsbücher reicht, wage ich zu bezweifeln. Für ein freundliches Hinterherwinken meinerseits und ein herzliches Danke sagen, lieber Tomas Oral für Ihren Einsatz und Ihr Engagement bis zur letzten Sachsenpokal-Minute, reicht es allemal. Machen Sie es gut und haben Sie bei Ihrer nächsten Aufgabe mehr Glück und ein verständigeres Umfeld als hier in Leipzig.

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