Alexander Laas: „Ich wollte eigentlich nur gut Fußball spielen“

Er war – statistisch betrachtet – einer der effektivsten Spieler der Hinrunde. In seiner Karriere hat er schon vieles erlebt, was andere Fußballer nicht erleben werden. Bundesliga-Premiere mit 20 beim HSV. Anschließend auf dem Weg zum Bundesliga-Stammspieler. Dann der Wechsel zu Felix Magaths VfL Wolfsburg und der Karrierebruch. Bei RB Leipzig versuchte er in der vergangenen Saison den Neuanfang. Zuerst im linken Mittelfeld, seit der Rückrunde in zentraler Position. Dort erkämpfte er sich einen Stammplatz und durfte so auch im erfolgreichen Saisonfinale, beim Sachsenpokal-Sieg gegen den Chemnitzer FC von Beginn an auflaufen. Die Rede ist von Alexander Laas, der schon seit einigen Monaten auf meinem Interview-to-do-Zettel stand. Kurz vor dem Sachsenpokal-Finale, also vor zwei Wochen war es soweit und ich traf mich mit einem Spieler, der im Vergleich zur durchaus bewegten Karriere erstaunlich wenig im öffentlichen Rampenlicht steht.

Erzähl mal, wie das so los ging bei Dir mit dem Fußball und dem Traum Profifußballer zu werden.

Ich habe mit drei, vier Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Mein Vater hat viel Wert darauf gelegt, dass ich nicht zu früh in einen Verein komme. Wenn man zu früh in eine Mannschaft kommt, dann geht es nur darum sich einzuordnen. Dann gehen Kreativität und Spaß ein bisschen verloren. Das war seine Meinung und im Nachhinein teile ich die auch. Mit acht Jahren bin ich dann in einen Verein, den Niendorfer TSV gekommen. Da wusste ich noch gar nicht, was ein Profifußballer ist. Ich habe den Sport einfach geliebt und habe ihn jeden Tag gespielt. Mir hat es Spaß gemacht, Tore zu schießen und im Team zu gewinnen. Der Ehrgeiz, Profi werden zu wollen, kam mit der ersten Einladung von der Jugendnationalmannschaft. Da war ich schätzungsweise 13, 14. Ich merkte, dass ich mit den Besten meines Jahrgangs zumindest mithalten kann und nicht abfalle. Wenn man älter wird, überlegt man dann, was man mal werden will. Da war dann schon viel darauf ausgelegt, den Fußball auch zum Beruf zu machen. Und dann bin ich zum Hamburger SV gewechselt.

Wie alt warst Du da?

Das war im Jahr 2000, da war ich also 16.

Das war wahrscheinlich ein großer Schritt?

Ja, wobei ich gebürtiger Hamburger bin. Mein Heimatverein, der war nicht weit entfernt vom Trainingsgelände des HSV. Von mir zu Hause zum HSV brauchte ich eine Viertelstunde. Von der Seite her war es kein großer Schritt. Aber natürlich war alles viel professioneller, zum Beispiel mit dem Internat. Ich hätte als Jugendspieler auch zu anderen Bundesligisten gehen können. Aber ich wollte zu Hause bei meiner Familie bleiben. Da hat es sich angeboten, zum HSV zu gehen. Und so war ich ab der B-Jugend beim HSV. Dann bin ich immer weiter mitgewachsen. B-Jugend, A-Jugend, Amateure, erste Mannschaft. Das war immer mein Ziel, irgendwann bei der ersten Mannschaft dabei zu sein. Und es war ein langer und harter Weg. Wenn man was werden will, dann muss man auf sehr, sehr viel verzichten. Es gab nur Schule und Fußball. Eigentlich hat sich alles dem Sport untergeordnet, nur einen Abschluss zu machen, war mir noch wichtiger. Das habe ich aber in Kauf genommen und ich bereue das nicht.

 

„Das war mein Durchbruch und ich dachte, jetzt geht es richtig los.“

Wie war das als Du aus der zweiten Mannschaft in die erste gerutscht bist?

Mein erster Trainer war Klaus Toppmöller. Amateurtrainer war gleichzeitig Thomas Doll. Der hat mich damals sehr gefördert. Er war erst A-Jugend-Trainer und dann Trainer der zweiten Mannschaft und dann Trainer der ersten Mannschaft. Wir haben uns also begleitet. Anfangs ist es eine Riesensache, wenn man mal bei der ersten Mannschaft mittrainieren darf. Aber dann hat man das Ziel nicht nur mitzutrainieren, sondern sich leistungsmäßig zu verbessern. Um zu zeigen, dass man – auch wenn man aktuell noch nicht so weit ist – in ein, zwei Jahren mit einem rechnen kann. Das muss man als junger Spieler wissen, dass man sich empfehlen muss. Ich habe mich stetig entwickelt. Irgendwann habe ich dann meine Chance bekommen. Natürlich erst einmal mit Kaderzugehörigkeit, dann Kurzeinsätze und irgendwann von Anfang an gespielt.

Was war denn Dein erstes Spiel in der Bundesliga?

Erster Einsatz war gegen Hansa Rostock zu Hause. Da haben wir 3:0 gewonnen und ich habe die letzten 10 Minuten gespielt.

Welches Jahr war das?

Das war 2005 unter Thomas Doll.

Wie war das?

Wahnsinn. Da hat man sehr lange drauf hin gearbeitet. Meine Familie war da. Früher war ich selbst im Stadion als Zuschauer. Plötzlich stehe ich selber auf dem Feld. Da ist schon ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen.

Und dann hast Du 10 Minuten lang die Zeit runter gezittert?

Ja, ich bin brutal nervös gewesen. Schnell wieder weitergespielt, versucht keinen Fehler zu machen. Für mich war das ein Riesenerlebnis. Da blickt man auch gerne zurück.

Dein Durchbruch kam dann in der Saison 2006/ 2007 als Du über 20 Bundesligaspiele gemacht hast. War da schon Huub Stevens Trainer oder noch Thomas Doll?

Beide. Thomas Doll in der Hinrunde und Anfang der Rückrunde kam Huub Stevens. Ich kam mit beiden sehr gut klar. Das war meine Saison, mein Durchbruch und ich dachte, jetzt geht es richtig los. Und dann bin ich zum VfL Wolfsburg, weil Felix Magath mich haben wollte und dann ging es leider bergab.

Es hat ja zwei Jahre gedauert, sich beim HSV durchzusetzen. Wie verändert man sich denn in der Zeit persönlich? Was passiert, wenn man sich in einer Profimannschaft auf höchstem Niveau durchsetzt?

Es prasselt sehr viel auf einen ein, auch weil man noch ein junger Mensch ist. Freunde, Familie, man steht ständig in der Zeitung und im Rampenlicht. Damit muss man erst einmal umgehen können, dass das einem zum Beispiel nicht jeder gönnt. Es ist eine andere Perspektive, wenn man die Zeitung aufschlägt und nicht andere sieht, sondern sich selbst. Und vor allem haben einen andere gesehen. Es gibt wesentlich mehr schöne Seiten an dieser Entwicklung, aber es gibt auch ein, zwei Sachen, mit denen man nicht gerechnet hätte.

Du hast mal irgendwann gesagt, dass Hamburg bzw. der HSV Deine große Liebe ist. Warum der Abschied nach Wolfsburg?

Als Nachwuchsspieler beim eigenen Verein – zu der Zeit ein Topverein mit vielen Stars – ist es schon schwer, überhaupt in die Mannschaft zu kommen. Ich hatte das Gefühl, in Hamburg der Lehrling zu bleiben und befürchtete, dass wieder neue Stars geholt werden und dass ich dann wieder hinten anstehen und mich wieder durchsetzen muss. Es gab dann mehrere Angebote aus der Bundesliga. Die Bemühungen seitens Wolfsburg waren sehr intensiv. Letztlich war es eine 50:50-Entscheidung. Einerseits natürlich HSV und Familie und Herz. Andererseits auch mal was Neues kennenzulernen, sich woanders durchzusetzen, mal selbst geholt zu werden und sich sportlich weiterzuentwickeln.

Auch wenn man schon zwei Jahre bei einer Profimannschaft mitgespielt und ein gewisses Standing hat: Wenn Felix Magath anruft, damals noch mit seinem Image als Bayern-Meistertrainer, fühlt man sich dann geschmeichelt?

Huub Stevens, mein damaliger Trainer hat ja auch einen großen Namen. Aber man fühlt sich schon geschmeichelt und geehrt, wenn man so umworben wird. Es war keine einfache Entscheidung und am Ende habe ich sie so getroffen, wie ich es eben habe. Ich habe viel dazu gelernt, aber sportlich war es natürlich eher ein Rückschritt.

 

„Wenn man erstmal draußen ist, dann ist man eben draußen.“

Was ist denn passiert in Wolfsburg? Viele Einsätze hattest Du nicht?

Vielleicht vier oder fünf, in denen ich häufig auch nur eingewechselt worden bin. Wolfsburg wollte damals unbedingt Erfolg und hat sehr viel investiert und sehr viele Spieler verpflichtet. Ich war nicht einer von zwei, drei neuen, sondern einer von 28 neuen. Von daher war von vornherein klar, dass eine Menge Spieler auf der Strecke bleiben werden. Und ich gehörte halt zu denen. Im Erfolgsfall wird da auch keine Rücksicht genommen. Es geht am Ende nur um den Erfolg und der war auch ohne mich vorhanden. Insofern war es schwer, da wieder reinzukommen. Der Fußball ist sehr schnelllebig und wenn man erstmal draußen ist, dann ist man eben draußen. Dann muss man sich neu beweisen.

Was bei Felix Magath nicht so einfach ist, wahrscheinlich. Wie siehst Du ihn?

Ein Spieler, der nicht spielt, ist grundsätzlich unzufriedener als wenn er spielt. Das ist so und das wird immer so bleiben. Aber ich kann es nicht auf Felix Magath schieben. Das wäre zu einfach. Im Nachhinein denke ich, dass der Schritt einen Tick zu groß war. Ich hätte noch ein, zwei Jahre beim HSV bleiben sollen. Wenn es dann mal etwas Neues hätte sein sollen, dann hätte ich das immer noch machen können. Ich bin nicht der Typ, gerade jetzt, wo ich drei, vier Jahre älter bin, der sagt, alle anderen sind Schuld, nur ich nicht. Felix Magath ist ein harter Trainer, aber er hat auch selbst gesagt, dass nicht er hart ist, sondern das Geschäft. Auch er steht unter Erfolgsdruck. Im Fall der Fälle ist er der Erste, der entlassen wird. Das versteht man manchmal als junger Spieler nicht. Jetzt habe ich eine andere Sichtweise und kann sagen, dass er ein guter Trainer ist.

Felix Magath ist ja ein Name, der wenn es um RB Leipzig geht, immer mal wieder aus der Versenkung geholt wird. Hast Du da manchmal tief durchgeatmet nach dem Motto ‚Nee, lieber nicht noch mal‘?

Eigentlich eher das Gegenteil, weil ich jetzt weiß, wie er arbeitet. Ich wüsste sofort, was auf mich zukommt. Ob das dann besser wird, weiß ich nicht, das weiß man nie. Aber ich hätte keine Angst.

Nach einem Jahr Wolfsburg wurdest Du ja dann für ein Jahr nach Bielefeld ausgeliehen. In der Wolfsburger Meisterschaftssaison..

Die Vorbereitung habe ich in der Meistersaison noch beim VfL gemacht. Anfangs lief es in Bielefeld dann ganz ordentlich, da habe ich ein, zwei Spiele gemacht. Dann habe ich mich aber verletzt. Bei Bielefeld ging es darum, in der Bundesliga die Klasse zu halten. Da wird auch keine Rücksicht genommen. Deswegen habe ich da am Ende wenig gespielt. Und dann war das Jahr auch schon wieder rum. Das Problem bei den Wechseln war, dass ich dadurch kaum mal eine richtige Vorbereitung hatte. Ich hatte beim VfL die Vorbereitung noch mit dem HSV und beim Jahr Bielefeld noch mit dem VfL gemacht. Dann bin ich zum VfL zurück, wo der Meisterkader noch da war und 10 ausgeliehene Spieler zurückkamen. Einer von denen war ich. Und die 10, die zurück kamen, wurden direkt zur zweiten Mannschaft geschickt.

Warum bist Du denn nicht regelmäßig in der zweiten Mannschaft von Wolfsburg zum Einsatz gekommen?

Den einen oder anderen Einsatz habe ich gemacht. Aber es gab diese Ü23-Regel. Dass nur drei Spieler über 23 spielen dürfen. Mir war klar, dass ich nach dem Jahr gehen werde und habe einfach gesehen, dass ich mich fithalte, um dann 2010 wieder angreifen zu können.

 

„Ich will Teil von etwas sein, was gerade entsteht.“

Wie kam es denn dann zu RB Leipzig? Lief das über die alte HSV-Connection Beiersdorfer?

Ja. Ich fand das Projekt hier sehr interessant. Ich wusste, dass Leipzig eine schöne Stadt ist. Ich wusste, dass hier Bedingungen entstehen, die top sein werden. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, dass wir aufsteigen und dass ich so lange wie möglich mit aufsteige. Noch ist es nicht passiert, aber wenn wir aufsteigen sollten, dann wäre das ein Supergefühl und ein Erfolg, auch wenn es erstmal nur von der vierten in die dritte Liga ist. Ich finde es interessant, ein Teil von etwas zu sein, was gerade entsteht. Das war der ausschlaggebende Grund.

Du sagst, dass Leipzig eine schöne Stadt, der Verein interessant ist und Du schon wusstest, was Dich erwartet. Warst Du denn trotzdem überrascht über die Leipziger Fußballspezifika? Als Du angekommen bist, kam dann so etwas wie ‚Wow, so ticken die also hier‘?

Ja und nein. Es gibt ja hier schon auch Traditionsvereine mit dem FC Sachsen und Lok, die national nicht so im Fokus standen in den letzten Jahren, weil sie nicht besonders hochklassig gespielt haben. Aber man merkt schon, dass diese Vereine zu der Stadt gehören und dass da eine Tradition dahinter steckt. Aber man merkt auch gleichzeitig, dass es viele gibt, die offen für was Neues sind und sich wünschen, dass Leipzig als Fußballstadt und die Region irgendwann Erstligafußball sehen kann.

Gerade am Anfang der Saison gab es ja einige negative Vorfälle, wie den beschmierten RB-Bus in Braunschweig. Warst Du überrascht, gerade in den Auswärtsspielen, über das, was drumherum passiert? Ich hatte das Gefühl, dass gerade die neuen Spieler noch mal geschockt waren. Die alten Spieler kannten das schon ein bisschen vom letzten Jahr von einzelnen Spielen. Gab es da so etwas wie ein ‚Ok, hier bin ich also gelandet, das passiert hier also im Umfeld‘? Gab es das in der Mannschaft?

Ja, schon. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass wir dadurch noch ein bisschen mehr zusammenrücken. Ich denke, wir sind noch dabei, uns ein Image zu erarbeiten. Wir müssen zeigen, dass wir mit unserem Hauptsponsor sicher ein besonderer Verein, aber eben vor allem ein Fußballverein sind, mit ganz normalen Menschen. Da sind wir selbst für verantwortlich. Mich persönlich stört der Gegenwind nicht so, ich entwickle da eher ein Jetzt-erst-recht-Gefühl. Aber insgesamt muss man erstmal lernen, damit umzugehen. Ich denke, dass die meisten jetzt wissen, was nächste Saison wieder auf sie zukommen wird. Das ist wichtig.

 

„Ich habe von jedem Trainer etwas mitgenommen.“

Noch mal zurück zu der Karriere. Du hast ja unheimlich viele Trainer gehabt. Toppmöller, Doll, Stevens, Magath, Frontzeck, Köstner, Oral. Eine äußerst illustre Reihe namhafter Trainer. Was fällt Dir zurückblickend spontan ein?

Dass man von jedem was mitnimmt. Das ist wirklich kein Spruch. Ob nun auf dem Platz, außerhalb des Platzes, privat, grundsätzliche Lebenseinstellungen, egal. Man kann von jedem irgendwo etwas lernen. Und können tun sie alle was. Es kommt nicht von ungefähr, dass sie erfolgreiche Trainer sind beziehungsweise waren. Jemanden hervorzuheben, wäre sehr subjektiv. Das will ich auch gar nicht. Ich habe von jedem etwas mitgenommen und bin sehr froh, dass ich schon relativ viele Erfahrungen machen durfte.

Wenn man sich die letzte Reihe so anguckt. Stevens, Magath, vielleicht auch Frontzeck, Oral. Die gelten ja eher als die härteren Vertreter ihres Berufsstandes. Ist das ein Trainertypus, der Dir liegt?

Ich habe mittlerweile gelernt, dass das Geschäft an sich hart ist und dass der Beruf einem nun mal etwas abverlangt. Wir müssen ihn bestmöglich ausführen. Dazu gehört harte Arbeit.

 

„Insgesamt bin ich eher zufrieden als unzufrieden.“

Gucken wir mal auf Dich und die aktuelle Saison. Du bist am Anfang von der Bank gekommen, dann bist Du in die Mannschaft gerutscht. Insgesamt wurdest du relativ oft ein- oder ausgewechselt und hattest bei 23 Einsätzen nur sechs Spiele über die volle Distanz. Bist Du denn zufrieden mit der Saison, mit dem hoch und runter, rein und raus?

Insgesamt hatten wir in der Mannschaft selten eine Formation, die mal über sieben oder acht Spiele gespielt hat. Es wurde viel rotiert, weil der Kader auch einfach gut und sehr ausgeglichen besetzt ist. Insgesamt bin ich, bezogen auf meine Person, eher zufrieden als unzufrieden. Es ist gerade bei uns wichtig, dass man nicht für Unruhe sorgt, wenn man mal ein Spiel nicht spielt. Es werden immer gute Spieler und auch eine hohe Anzahl von guten Spielern hier sein. Es wird immer Spieler geben, die auch von Anfang an hätten spielen können, aber auf der Bank sitzen oder sogar nur auf der Tribüne. Wenn man gefragt ist, muss man sich einbringen und sein Bestes geben.

Du hast ja, wenn ich mich recht erinnere, auf der linken Seite angefangen in der Saison. Ich persönlich fand Dein Spiel gegen Chemnitz auf links ein sehr gutes. Die Position passte irgendwie. Zur Rückrunde bist Du dann eher auf die Sechser-Position gewandert. Wo siehst Du Dich denn selber?

Ich sehe mich eher im Zentrum. Es kommt aber natürlich auch darauf an, welches System man spielt. Derzeit haben wir ja ein System, bei dem wir versuchen, über die Außen 1:1-Situationen zu lösen. Ich will nicht sagen, dass ich das nicht kann, aber ich denke, ich bin vom Spielertyp her eher der Stratege, der zuständig ist für den Spielaufbau. Ich fühle mich aber auf beiden Positionen wohl. Ich nehme mir das an, was mir zugetragen wird. Da vertraue ich auch auf den Trainer, der das richtig einschätzt, alle Spieler miteinander vergleicht und eine bestimmte Vorstellung vom System hat.

Aber als Du verpflichtet wurdest, so wie ich den Kader damals verstanden habe, warst Du schon für die linke Außenbahn vorgesehen?

Ich war eigentlich für das Zentrum vorgesehen. Aber ich kann theoretisch beides spielen Oder auch als linker Verteidiger. Das ist nicht immer festgelegt.

Du hast die letzten drei Jahre vor RB Leipzig immer weniger als 10 Spiele pro Saison gemacht, die auch meist nicht über die volle Distanz waren. Wie ist es denn, wieder in so einen wöchentlichen Rhythmus zu finden?

Ich war ja immer im Saft und im Training. Ich war, toitoitoi, nie schlimm verletzt. Deswegen habe ich da nie große Sorgen gehabt. Ich wusste, dass ich drei, vier Spiele brauchen würde, um den Rhythmus zu finden und das maximale Leistungsvermögen ausschöpfen zu können. Spielpraxis ist nun mal etwas Essenzielles. Von daher bin ich sehr froh, dass es diese Saison in die richtige Richtung ging. Ich weiß aber auch, dass noch Luft nach oben ist. Aber, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass wenn ich gesund bleibe und weiterhin Einsätze bekomme, dass es weiter nach oben gehen wird und dass ich von der Leistung her mal irgendwann wieder da bin, wo ich schon mal war.

Hattest Du schon Kontakt zum neuen Trainer Peter Pacult?

Nein.

Man hört ja öffentlich immer wieder, dass auch Leute mit Vertrag nicht so richtig wissen, wie es weitergeht, was der Trainer will, was er für ein Konzept hat.

Ich gehe davon aus, dass er sich erst einmal ein Bild macht von jedem einzelnen.

Du verspürst also keine Unsicherheit und guckst Dich um? Du siehst Deine Zukunft hier?

Ich gehe davon aus, dass es hier für mich weitergeht. Ich weiß nicht, was der neue Trainer für Vorstellungen hat, das wird man sehen. Ich denke, er wird sich erst mal jeden einzelnen anschauen.

 

„Wenn wir gewusst hätten, was nicht funktioniert, dann hätten wir es geändert.“

Weg von Deiner persönlichen Situation, hin zur Saison von RB Leipzig als Team. 18 Punkte und 31 Tore Rückstand auf Chemnitz. Irgendetwas muss nicht so funktioniert haben, wie man sich das vorher gedacht hat. Was ist schiefgelaufen?

Wir haben im Sommer eine sehr gute Vorbereitung gespielt. Das hat die Erwartungen sehr hoch gesetzt. Denen konnten wir dann nicht gerecht werden, indem wir gleich in den ersten drei Spielen gegen – ohne denen zu nahe treten zu wollen – eher durchschnittliche Gegner sechs Punkte verloren haben. Dann waren wir in Kiel schon mächtig unter Druck und haben dort auch nur über eine Energieleistung gewonnen. Wir haben einfach zu viele Punkte und Tore hergeschenkt.

Aber woran liegt das, wo bricht das? Man kommt aus der Vorbereitung, ist guter Dinge, es funktioniert viel, die Stimmung ist relativ gut. Und dann macht es zack und es funktioniert nichts.

Ja, wenn wir das gewusst hätten, hätten wir es geändert. Das ist schwer, dafür Gründe zu finden.

Hat denn vielleicht auch die mediale Resonanz eine Rolle gespielt, bei der es ja auch am Anfang der Saison ordentlich Gegenwind gab. Ist der Druck dadurch noch mal derart erhöht worden, dass die Lockerheit gefehlt hat?

Bei mir persönlich nicht. Ich kenne das. Ich kenne das sogar noch extremer, was öffentlichen Druck angeht. Wo noch mehr hingeschaut, noch mehr erwartet wird.

Mit diesem Trigger in Kiel, dem Sieg kurz vor Schluss kam die Saison ja dann ein bisschen in die Puschen, dann kamen fünf Siege am Stück. Und man dachte, alles kommt ins Rollen. Vielleicht ist nicht alles super, aber die Mannschaft entwickelt eine zielführende Form von Einstellung gegenüber der Liga. Es werden Punkte auch erkämpft und Spiele wie gegen Magdeburg über den Willen entschieden. Lübeck war dann wieder so ein Schlüsselerlebnis, wo es wieder nach unten ging. Cottbus II dann ein paar Wochen später noch hinterher. Wie kommt das, dass man so eine Serie startet und dann doch wieder einbricht?

Wir haben zwar Spiele gewonnen und auch verdient gewonnen, aber ich denke, wir waren noch nicht so weit, dass wir jetzt eine Mannschaft wie Lübeck auswärts an die Wand spielen können.

Ok, bei Lübeck verstehe ich das. Aber Cottbus war dann ja noch mal eine andere Nummer..

Da fing dann meiner Meinung nach wieder das Problem an, dass wir uns stärker gesehen haben, als wir tatsächlich waren und dadurch ein wenig die Ruhe verloren haben. Die Spiele gegen Cottbus II, die musst Du gewinnen und darfst erst recht nicht verlieren. Und auch gegen direkte Konkurrenten wie gegen Wolfsburg darfst Du zu Hause nicht verlieren. Da musst Du auch mal 0:0 spielen, dass wenigstens der Abstand nicht wächst. Aber so bekommen die drei und wir keinen Punkt.

Stichwort Höhen und Tiefen der Saison. Nach der Winterpause kam die große Euphoriewelle. Wir greifen an, wir starten durch, 3:0 in Hannover gewonnen, jetzt kommt die große Aufholjagd. Und zack, das ging dann gegen Kiel richtig in die Hose..

Ja, das war das absolute Negativhighlight der Saison. Ich weiß nicht, ob es ein Schlüsselerlebnis war, aber der eine oder andere dachte sicher, er guckt nicht richtig.

Aber wie passiert das. Tomas Oral hat hinterher gesagt, wir sind noch nicht so weit, uns fehlt noch die Stabilität. Wo ich denke, ok, aber es gab doch eine ganze Vorbereitung noch mal im Winter, nach der man sagen könnte, dass man nun ein bestimmtes Spielsystem hat. Wie passiert das, dass man mit so einem Selbstbewusstsein und so einer Sicherheit in so ein Spiel geht und nach 20 Minuten sogar führt und fünf Minuten später ist trotzdem alles komplett weg?

Tja..

Die Psychologie des Fußballers, die unergründlich ist?

Sie ist wirklich unergründlich.

 

„Dass das Publikum hinter der Mannschaft steht, gibt uns Spielern Kraft“

Ich hatte das Gefühl, dass das nicht nur sportlich ein gewisser Bruch war, sondern auch im Verhältnis zu den Fans aufgrund der Pfiffe und Verhöhnungen und der ‚Oral raus‘-Rufe ein Bruch zu spüren war?

Ich denke, dass man den Fans keinen Vorwurf machen kann. Sie waren zurecht unzufrieden. In welchem Stadion wird in so einer Situation nicht gepfiffen? Das ist normal und darauf muss man auch vorbereitet sein. Da kann man nicht auf ‚die bösen Fans‘ schimpfen. Ich glaube nicht, dass das für uns als Mannschaft deswegen einen Bruch gab. Wir haben halt die Enttäuschung zu spüren bekommen. Aber wir waren ja auch selber enttäuscht. Als Profi muss man damit umgehen können, dass Fans auch mal reagieren und dass die Öffentlichkeit reagiert. Das gehört dazu. Denn umgekehrt ist es ja genauso. Wenn wir gewinnen, dann freuen sie sich umso doller.

Wenn man das Jahr mal als ganzes nimmt. Kriegt die Mannschaft die Entwicklung bei den Fans mit? Türkiyemspor am Anfang, wo ich ein relativ ruhiges Publikum in Erinnerung habe. Und inzwischen ist ein Kern von Fans entstanden, der auch – im überschaubaren, aber größer werdenden Rahmen – mitreist und wahrnehmbar ist. Und gegen Dynamo fand ich die Stimmung ziemlich beachtlich, wenn man das mal in der Entwicklung sieht. Kriegt man das mit, dass im Vereinsumfeld die Unterstützung wächst oder nimmt man das auf dem Spielfeld gar nicht wahr?

Doch das nimmt man wahr, dass hier was heranwächst. Dass es auch ein Publikum gibt, das wirklich mitfiebert, die wirklich hinter dem Verein oder hinter der Mannschaft stehen. Dass sie mitfiebern, das allein gibt einem schon ein bisschen Kraft als Spieler. Dass man weiß, es ist nicht alles sinnlos, sondern man kann, wenn man gewinnt, auch Menschen glücklich machen. Das spürt man schon und man spürt auch, dass es immer mehr wird.

Ich glaube, es war vor dem Wolfsburg-Spiel als es in der Gerüchteküche der Stadt mit dem Namen Peter Pacult vor sich hin tobte. Man kann zwar sagen, ok wir sind Profis, wir müssen nach Wolfsburg fahren und einen Punkt holen oder gewinnen, aber streng genommen, wenn man gerade nicht weiß, wie der Verein tickt und wie es weitergeht, dann sind 100% wohl nicht drin?

Man muss als Spieler begreifen, dass man letztlich Angestellter ist und egal, wer da ist oder nicht, man hat einfach Leistung zu bringen. Auch wenn es in solchen Situationen schwieriger ist, als wenn es alles läuft und harmonisch und eingespielt ist. Trotzdem darf man sich da nicht in Ausreden flüchten oder Alibis suchen. Man muss es wenigstens versuchen. Man darf sich die Probleme nicht selbst noch einreden, dann geht es erst recht in die Hose.

 

„Im Profifußball ist nach oben und nach unten alles möglich.“

Noch mal zurück zu Deiner Karriere; im Rückblick, quasi zur Hälfte Deiner potenziellen Profizeit. Es ging anfangs steil bergauf und es war wie ein Traum. Ich habe auch gelesen, dass Du als junger Spieler sogar die Nationalmannschaft im Kopf hattest, also die Idee vom großen Fußball, vollen Stadien, großer Bühne. Jetzt, vierte Liga, vierter Platz, 30 Tore Rückstand auf Chemnitz. Wenn Du zurück guckst, wie hat sich Deine Idee vom Profifußballerdasein verändert?

Der Beruf Profifußballer ist nicht immer fair, sondern es ist teilweise nicht zu erklären und irrational. Es ist nach oben alles möglich, aber es ist auch nach unten alles möglich. Ich denke, ich bewege mich irgendwo in der Mitte. Ich versuche natürlich immer das Maximale zu erreichen. Aber ich habe auch schon sehr viel miterlebt, im positiven wie im negativen Sinne.

Bei den ganz jungen Spielern hat man manchmal das Gefühl, dass sie böse gesagt komplett weichgespült sind, dass sie Image, Außenwirkung und, mediale Öffentlichkeit so gut beherrschen, dass von ihnen als Typ oder Charakter eigentlich nichts mehr übrig bleibt. Die Ecken und Kanten sind jedenfalls weg. Wie siehst Du das?

Das ist halt ein bisschen die Zeit. Heute brauchst Du nur ein klitzekleines, falsches Wort sagen. Das wird Dir dann gleich im Mund herum gedreht. Das kriegen die jungen Spieler natürlich mit. Das ist im Laufe der Jahre immer extremer geworden.

Würdest Du sagen, dass Du in Deiner Profikarriere auch ruhiger geworden bist?

Abgeklärter. Ich habe aus den Fehlern, die ich gemacht habe, gelernt. Ich habe gelernt, dass man wesentlich mehr Ruhe hat, wenn man nicht immer das sagt, was man denkt und sich aufs Wesentliche konzentriert.

Wenn Du sagst, Du bist abgeklärter geworden. Siehst Du Dich in der Mannschaft als einer der älteren Führungsspieler, die gegenüber den jüngeren eine Funktion haben?

Ich habe schon eine Menge miterlebt, wo Jüngere erst noch hinkommen. Ich versuche, dem einen oder anderen zu helfen, ein paar Tipps zu geben. Allerdings bin ich auch noch nicht in einem Alter, wo ich mich nur um andere kümmern kann. In dieser Saison war es auch eher so, dass die noch älteren, die letztes Jahr schon da waren und noch mehr erlebt haben als ich, noch einen Tick mehr zu sagen hatten, in der Hierarchie ein Stück weiter oben angesiedelt waren.

Wie ist denn die Stimmung in der Mannschaft gewachsen über das Jahr? Was ist da passiert? Man hatte in den letzten drei, vier Wochen schon dass Gefühl, dass ihr etwas enger zusammengerückt seid, dass die Mannschaft ein bisschen näher beieinander ist. Wie ist das Jahr gelaufen auch mit den vielen Neuzugängen am Anfang des Jahres, die ja erstmal als Gruppe funktionieren müssen?

Ich denke schon, dass wir zusammengewachsen sind. Es braucht seine Zeit, bis man sich endgültig gefunden hat. Da haben wir Fortschritte gemacht. Es ist etwas gewachsen im Team, aber nun ist die Saison vorbei und wir müssen das in der nächsten Spielzeit fortführen.

Wenn Du in die Zukunft Deiner Karriere guckst, was sind Deine Pläne? Wo willst Du noch hin?

Das kann man sich gar nicht so vornehmen, weil im Fußball alles möglich ist. Ich versuche mich sportlich und persönlich zu entwickeln. Ohne mich dabei zu sehr unter Druck zu setzen, denn dann geht gar nichts. Wo die Reise hin geht, kann ich wirklich nicht sagen und ich lass mir da auch alles offen. Entscheidend ist, dass ich jetzt bei RB Leipzig bin und wir hier unsere Ziele erreichen.

Aber hattest Du in der Saison schon mal so Vorstellungen wie: 3.Liga, volle Red Bull Arena, Kickers Offenbach. Gerade wenn man vor 1.300 Zuschauern gegen den TSV Havelse spielt, hat man ja als Spieler vielleicht mal Gedanken wie ‚Oh wär das geil, wenn jetzt das Stadion voll wäre‘. Gibt es das manchmal, die Idee mit RB Leipzig sportliche Highlights zu erleben?

Ja, die Vorstellung habe ich, dass wenn wir mal höherklassig spielen sollten, dass dann das Stadion gut gefüllt ist, dass die Atmosphäre eine ganz andere ist und dass das ganze wirklich Richtung Profifußball geht. Wenn ich mir jetzt ein Derby gegen Dresden vorstelle, dann werden wohl 5.000 bis 10.000 aus Dresden kommen und unsere sind sowieso da. Also ist das Ding voll. Das wäre ein Highlight. Aber auch die ganz großen Mannschaften. Das ist ein großer Ansporn.

Alexander Laas hat noch Vertrag bis 2012 und wird nach Stand der Dinge am 27.06.2011 zusammen mit der Mannschaft unter Neu-Trainer Peter Pacult mit der Saisonvorbereitung beginnen. Mit Timo Rost, Tom Geißler, Pekka Lagerblom, Henrik Ernst und Daniel Rosin erwarten ihn auf der Position im defensiven, zentralen Mittelfeld irgendwo zwischen Sechser und Achter einige (teils neue) Konkurrenten. Rotebrauseblogger wünscht Alexander Laas von dieser Stelle noch einmal viel Glück für die weitere Karriere und die neue Saison und eine erfolgreiche Zeit, am besten bei RB Leipzig.

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