Chemnitzer FC vs. RasenBallsport Leipzig 1:0

Viel Lärm um nichts. So könnte man den letzten Regionalliga-Auswärtsauftritt von RasenBallsport Leipzig beim Chemnitzer FC umschreiben. Deftiger formuliert würde es „große Klappe, nichts dahinter“ heißen. Aber hier soll nicht deftig formuliert werden, zumal dieses Aufeinandertreffen nur für eines der beteiligten Teams das Spiel des Jahres war. Das Spiel des Jahres der RasenBallsportler folgt erst noch im Sachsenpokal-Finale. Wieder gegen den Chemnitzer FC.

Im Vorfeld des Aufeinandertreffens von RasenBallsport Leipzig und dem Chemnitzer FC wurde viel gesprochen. Als Höhepunkt der Kampfansagen formulierte RasenBallsport-Coach Tomas Oral sinngemäß, dass der Chemnitzer FC, wenn er denn nach diesem Spiel den Aufstieg feiern wolle, auf Schützenhilfe des Halleschen FC hoffen müsse, da sein  Team auf keinen Fall verlieren werde. Doch daraus wurde wieder mal nichts.

Ich persönlich habe nichts gegen Kampfansagen. Solange man den sportlichen Respekt vor dem Gegner im Blick behält, gehört ein bisschen Verbalscharmützel zum Fußball dazu und peppt das Drumherum um die Spiele angenehm auf. Das macht definitiv mehr Spaß als das Dortmunder Prinzip, erst dann von der Meisterschaft zu reden, wenn man vier Spiele vor Schluss 10 Punkte Vorsprung hat. Ein wenig Demonstration des eigenen Selbstvertrauens beziehungsweise die Idee mit einem öffentlichen ‚wir wollen und werden die weghauen‘ in ein Spiel zu gehen statt mit einem ‚wir werden unser bestes geben und dann sehen was dabei raus kommt‘, kann ich eigentlich gut leiden. Demut vor der Spielklasse, in der man spielt und Respekt vor dem Gegner: ja. Übermäßige Zurückhaltung und bloß niemanden verbal verletzen wollen: nein. Selbsbewusstsein gehört zum sportlichen Teil des Fußballs tatsächlich dazu.

Problematisch wird das ganze nur, wenn das Selbstbewusstsein nicht so recht mit den eigenen Leistungen korrespondieren will. Auch gegen Chemnitz war dies bei den RasenBallsportlern wieder zu beobachten. Solides, kompaktes Spiel. Ansehnlich vielleicht noch bis zum Strafraum. Aber ohne Durchschlagskraft nach ganz vorn. Das funktioniert eventuell sogar noch, wenn man nicht gleich nach der Pause nach grobem Schnitzer in der Abwehr das 0:1 kassiert. Steht es lange 0:0 wird Chemnitz eventuell unruhig, weil sie wissen, dass sie gewinnen müssen. Eventuell ergibt sich dann sogar noch mal der Platz für einen lucky Punch. Durch die Führung retten die Chemnitzer das Spiel gegen ungefährliche RasenBallsportler eben über die Zeit und starten ihre größte Party der vergangenen Jahre.

Ich tue mir tatsächlich schwer damit, mich darüber freuen. Ich habe Respekt vor der sportlichen Aufbauarbeit der letzten drei Jahre, die in Chemnitz unter Trainer Gerd Schädlich betrieben wurde und nun zum großen Erfolg führte. Der Chemnitzer FC ist trotz wackeliger Rückrunde der absolut verdiente Aufsteiger. Empathie will da bei mir trotzdem nicht aufsteigen. Zu sehr waren Chemnitz und RasenBallsport Konkurrenten, als dass ich mich spontan einem ‚wenn schon nicht RasenBallsport dann wenigstens Chemnitz‘ widmen könnte. Zumal das Sachsenpokal-Finale und aus eigener Perspektive damit der hoffentlich positive Abschluss der diesjährigen Aufeinandertreffen noch bevor steht. Sportliche Verbalscharmützel im Vorfeld gerne inklusive. Der Chemnitzer FC wird in der neuen Saison in Liga 3 sicherlich eine gute Rolle spielen. Vielleicht entwickle ich ja dann Empathie, wenn sie also nicht mehr zur direkten Konkurrenz gehören.

Die Duelle zwischen RasenBallsport Leipzig und dem Chemnitzer FC stehen jedenfalls schon jetzt als die Highlights der (fast) vergangenen Regionalliga-Saison fest. Nicht das Sachsen-Anhalt-Derby (1.FCM vs. HFC), nicht das Derby im Norden (Kiel vs. Lübeck), auch nicht etwa die Duelle der beiden besten Regionalliga-Teams (CFC vs. Wolfsburg). RasenBallsport Leipzig gegen Chemnitzer FC, das waren sicherlich nicht die fußballerisch besten Spiele, aber es waren unheimlich intensive Duelle, die die Zuschauer am meisten in den Bann zogen. Insgesamt 26.000 Zuschauer sahen die beiden Partien (wovon etwa 16.000-17.000 Chemnitzer gewesen sein dürften). Nur mal als Vergleich: die bisher 33 Spiele der U23 von Energie Cottbus (als Beispiel) haben insgesamt knapp 21.000 Zuschauer gesehen..

Und wo wir schon bei Zahlen sind, fällt mir beispielhaft auch noch Tom Geißler ein, der – so wie viele andere Spieler in letzter Zeit auch schon – vor dem Spiel in Chemnitz sinngemäß verkündete, dass er traurig sei, dass die Saison schon zu Ende gehe, da man sich doch in letzter Zeit positiv entwickelt habe. Ähm ja. Hinrunde: 31 Punkte, +12 Tore, Platz 4. Rückrunde nach 16 Spielen: 30 Punkte, +14 Tore, Platz 5. Sich positiv entwickelnde Zahlen sehen anders aus. Tom Geißler hat natürlich trotzdem ein klein wenig recht, denn spielsystematisch gesehen hat sich RasenBallsport Leipzig in den letzten Wochen tatsächlich entwickelt. In den Heimspielen hat man oft ein zielführendes, regionalligataugliches Konzept entwickelt, um die Gegner unter Kontrolle zu halten. Acht Heimsiege in Folge zeugen davon. Doch es gibt dummerweise auch noch die Kehrseite der Medaille, die Auswärtsbilanz und die liest sich für die letzten sieben (!) sieglosen Spiele so: 4 Punkte, 6:9 Tore. Irre. Die Bilanz eines Abstiegskandidaten. Und sehr weit davon entfernt, irgendeine positive Entwicklung konstatieren zu können.

Bleibt mir noch eins zu erwähnen, nämlich ein Spruchband der Chemnitzer Anhänger aus dem Spiel gegen RasenBallsport Leipzig:

Wir gratulieren dem Aufsteiger zum Klassenerhalt (aus dem Liveticker [broken Link])

Wenn Fankultur tatsächlich auch in der Auseinandersetzung mit RB und Leipzig immer diese witzig-ironische Form des auf die Schippe Nehmens wählen würde (Stichwort oben angesprochene nette Verbalscharmützel), dann sähe es in den Stadien des Landes echt nett aus..

Fazit: Ich habe mich von diesem Spiel auch medial etwas ferngehalten. Die ewigen Jubelorgien wollte ich mir nun beim besten Willen und bei allem Respekt nicht antun. Die RasenBallsportler hatten nicht das Glück von Freiwilligkeit und mussten sich das antun. Hoffentlich wandeln sie das erlebte für den Rest der Spielzeit in positive Energie um. Zuerst beim lockeren Auslaufen nächste Woche gegen Havelse und dann beim Saisonfinale gegen den frischgebackenen Drittligisten aus Chemnitz. Wo und wann das Sachsenpokalfinale und damit der RasenBallsport-Saisonhöhepunkt steigt, steht bis morgen hoffentlich auch fest. In der Zwischenzeit nutze ich die Zeit und gratuliere dem Chemnitzer FC zum Aufstieg.

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Tore: 1:0 Förster (46.)

Aufstellung: Neuhaus – Hertzsch, Rosin, Franke, Müller – Geißler, Laas (85. Kläsener) – Schinke (71. Frommer), Rockenbach, Baier (83. Van den Bosch) – Kutschke

Zuschauer: 12.837

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], CFC-Bericht

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