Siegen fürs Image

Siege sind unser größter Imagegewinn. (Dieter Gudel, Geschäftsführer bei RB Leipzig in  der Mitteldeutschen Zeitung vom 06.05.0211)

Das ist natürlich grundsätzlich richtig. Sportlicher Erfolg ist fürs Image, für das Verhältnis zu den Fans und für das Wachstum des Vereins die absolut zentrale Komponente. Wer keinen Erfolg hat, steht in der Öffentlichkeit in der Kritik und kriegt auf den Deckel – und damit meine ich noch nicht einmal die Attacken jenseits der Schmerzgrenze, wie man sie in letzter Zeit in Köln oder Frankfurt beobachten konnte. Trotzdem gibt es bei Fußballvereinen Komponenten jenseits des aktuellen Erfolgs, die man als Vereinsverantwortlicher nicht ignorieren sollte. Weswegen ich hoffe, dass man nach den Ereignissen der letzten Wochen mit dem Gipfelpunkt des Linke-Abgangs intern auch noch mehr zu besprechen hat, als die Forderung nach sportlichem Erfolg.

Nimmt man mal an, dass Profifußballvereine Wirtschaftsunternehmen plus x sind, dann ist im Sinne des Wirtschaftsunternehmens das, was derzeit in Bezug auf das Personal bei RB Leipzig und bei Red Bull passiert nachvollziehbar. Sportlicher Misserfolg ist gleichbedeutend mit Veränderungen in den Abläufen. Prozessoptimierung nennt man das Ganze wohl. Der Abgang von RB-Trainer Tomas Orals ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Da er einen Vertrag hatte, der sich nur bei Aufstieg verlängert hätte, war die Erfolgskontrolle bereits in seine Arbeitspapiere eingeschrieben. Sein Abgang ist also ein völlig normaler Vorgang, selbst wenn man den Faktor ‚plus x‘ mit einrechnet. Denn im Vereinsumfeld gab es nur wenige, die übermäßig viel Herzblut für Tomas Oral geopfert hätten.

Mit dem Abgang von Sportdirektor Thomas Linke sieht das Ganze schon anders aus. In Bezug auf seine Effizienz für den Proficlub RB Leipzig ließ sich nach nur 10 Wochen Arbeitszeit noch keinerlei Zeugnis ausstellen. Weswegen seine Demission, nachdem er alle Steine des Vereins angeschaut hatte und daran gehen wollte, die nicht so hübschen auszutauschen, schon für das Wirtschaftsunternehmen RB nicht so recht sinnig erscheint. Fatal wird das Ganze allerdings für das ‚plus x‘. Thomas Linke galt als so etwas wie die neue Hoffnung am RB-Fußballhimmel. Eine Mischung aus bekanntem Namen, sympathischen Auftreten und (so die Hoffnung) sportlicher Kompetenz. Jemand, der dem Verein auf längere Zeit ein Gesicht geben sollte, ein Gesicht mit leicht regionalem Hauch. Thomas Linke zu entlassen (Entschuldigung, zurücktreten zu lassen natürlich), bedeutet nach wie vor, das ‚plus x‘ zu vernachlässigen, während völlig unklar ist, ob sein Abgang positive Auswirkungen auf das Wirtschaftsunternehmen hat. Unter Aspekten der Prozessoptimierung also suboptimal.

So weit, so (überwiegend) betriebswirtschaftlich. Man könnte nun sagen, ach sch… doch auf das ‚plus x‘. Und ehrlich gesagt, wenn ich behaupte, dass dies nicht geht, dann spricht noch nicht mal der Fußballromantiker in mir. Man kann davon halten, was man will, aber Fußballvereine sind ohne das irrationale, emotionale ‚plus x‘ nicht denkbar. Will man im Fußball nachhaltig Erfolg haben und ich gehe mal davon aus, dass das die Idee von Red Bull und Dietrich Mateschitz war, dann muss man diese Kompenente in seinen Ideen und Planungen berücksichtigen. Selbst, wenn einem die soziale Dimension des ‚plus x‘ erst mal schnuppe sein sollte. ‚Plus x‘, wenn es denn mit positiver Identifikation gefüllt ist, können für den Verein in vielen Situationen die 5% sein, die den Unterschied zwischen einer guten und überragenden Saison machen. ‚Plus x‘ hat den FC Kaiserslautern 1991 mit zum Deutschen Meister gemacht. Dortmund 1995 und (ganz lokal) Chemie 1964 sind sicherlich auch gute Beispiele aus der Vergangenheit. ‚Plus x‘ ist also ein Element der Vereinskultur, das nicht nur Anhängsel des Klubs ist, sondern essenziell zu diesem und seinem sportlichen Erfolg (oder eben Misserfolg) gehört.

Bei RB Leipzig war man mit dem ‚plus x‘ eigentlich auf einem guten Weg. Der Verein wird für ein zwei Jahre alten Viertligisten sehr gut angenommen. Die Stimmung ist selbst in den letzten, bedeutungslosen Heimspielen mindestens ok. Die Fankurve entwickelt sich und die Haupttribüne dürfte inzwischen auch diverse Stammgäste haben. Schön eigentlich und für den Verein ein Geschenk, für das er eigentlich – so unerwartet dies für viele kam, die vor zwei Jahren noch behaupteten, dass sich RB zumindest in den unteren Spielklassen kein Publikum erarbeiten könne, weil es neben Lok und FC Sachsen keinen Platz gäbe – jeden Tag erst mal eine kleine Morgenandacht abhalten sollte. Zu Recht bemerkte Tomas Oral nach dem 3:3 beim ZFC Meuselwitz:

Man merkt ganz deutlich, dass hier etwas heran wächst, hier entsteht eine tolle Fankultur. (redbulls.com [broken Link])

Da der Verein jung ist, ist auch das Pflänzchen ‚plus x‘ mit seiner positiven Identifikation ein sehr zartes. Der Verein hat keine lange Geschichte, keine unzähligen Fan-Erlebnisse, keine Geschichten, keine Gesichter auf die der/ die Einzelne zurückgreifen kann, auch wenn er/sie mit Entscheidungen des Vereins mal nicht einverstanden ist. RB Leipzig besitzt kein gefestigtes Image, das man jenseits der sportlich-personellen Entscheidungen des Alltagsgeschäfts heranziehen könnte und so seinen emotionalen Zugang zum Verein weiter rechtfertigen könnte. Personalentscheidungen, zumal solche, die dem Verein eher übergeholfen erscheinen, treffen direkt ins Mark derjenigen, die in hoffnungsfroher Erwartung RB Leipzig von Anfang an ihre Aufwartung gemacht haben. Und somit treffen sie direkt die positive Entwicklung des ‚plus x‘. Und sind somit kurz- und mittelfristig auch ein Stückweit kontraproduktiv in Bezug auf die erfolgreiche Zukunft des Vereins.

Oder anders gesagt: Will man erfolgreich im Fußball arbeiten, dann muss man auch die Rahmenbedingungen mitdenken und beachten. Man muss Identifikationsmöglichkeiten zulassen können, man muss in Bezug auf Fanstrukturen manchmal auch einfach Entwicklungen ohne größere Steuerungsmöglichkeit beiwohnen können. Und man sollte nicht den Fehler machen, den sportlichen Erfolg als einzige Maxime auszugeben. Denn dann bastelt man sich erst ein Publikum, das nicht mehr mit dem Verein mitfiebert, sondern das sich in erfolgsorientierter Distanz nur dann offen zeigt, wenn die eigene Mannschaft alles abräumt. Die Fankultur bei RB Leipzig war bisher – mal vom kollektiven Aussetzer gegen Holstein Kiel abgesehen – nicht überzogen kritisch, schon gar nicht das prognostizierte Operettenpublikum, sondern überwiegend positiv-unterstützend. Dieses Fundament ist das beste das man haben kann. Inwieweit die Vorgänge um Sportdirektor Linke tatsächlich das Fundament haben Schaden nehmen lassen, mag ich gar nicht abschließend beurteilen. Festzustellen ist bei einem Blick in das, was man öffentlich wahrnehmen kann, dass einige Anhänger der ersten Stunde angesichts des Linke-Rücktritts nachdenklich geworden sind und sich emotional ein Stückweit vom Verein entfernt haben. Gut kann das jedenfalls nicht sein und bei diesen Zuschauern spielen RB Leipzig, die Vereinsführung und die Entscheider bei Red Bull auf absehbare Zeit maximal auf Bewährung.

Wie gesagt, man muss kein Fußballromantiker sein, um den Effekt eines positiven ‚plus x‘ zu erkennen. Identifikation mit dem Verein ist da das Zauberwort. Verankerung in der Region auch eins. Gesichter ein weiteres. Identifikation über Personen und Region kann aus der Nachwuchsarbeit erwachsen, wenn man es schafft, Spieler zu integrieren, die als bei RB Leipzig Großgewordene diesen Verein repräsentieren können. In Bezug auf die Nachwuchsarbeit ist man sicherlich auf einem guten Weg, die zielführenden Strukturen zu bauen, die es für das erfolgreiche Arbeiten braucht. Identifikation braucht es aber auch auf irgendeiner Ebene der Administration. Dass Thomas Linke weg ist und im dritten Jahr praktisch die dritte sportliche Leitung agiert, steht vielleicht in Salzburger Tradition, ist aber für die Entwicklung von RB Leipzig, die Identifikation und die Pflege von ‚plus x‘ ein mittleres Desaster. Wozu das jährliche Wechseln des sportlichen Kurses führt, zeigt sich bei Red Bull Salzburg in sinkenden Zuschauerzahlen und geringem sportlichen Erfolg. Man könnte nun – quasi mit Dieter Gudel – sagen, dass man den Zuschauern nur wieder erfolgreichen Spektakel-Fußball bieten muss, dann kämen sie schon wieder. Man könnte aber auch behaupten, dass die Tatsache, dass die einzige Konstante bei Red Bull Salzburg und damit die einzige Figur, die sich zur Identifikation anböte, Dietrich Mateschitz ist. Und dies ist für einen Fußballanhänger nun tatsächlich bei allem Respekt vor dem Red-Bull-Chef nicht übermäßig sexy und hoffentlich nicht die finale Option für RB Leipzig.

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6 Gedanken zu „Siegen fürs Image“

  1. Also diesen immer wieder als unakzeptablen „kollektiven Aussetzer“ so negativ zu beschwören, verstehe ich eigentlich nicht! Zuerst war der kollektive Aussetzer auf dem Rasen. Aus anderen Ligen hört man üble Dinge über Fans gegenüber ihrer Mannschaft. Das beklatschen des Gegners war weder unzumutbar noch gewaltätig noch beleidigend noch eine Kriegserklärung an das Team. Es war einfach die Antwort auf das gebotene, und wäre 2 Tage später keine Zeile mehr wert gewesen. Deswegen teile ich die Ansicht der meisten Kommentare wie auch deinen nicht wirklich!
    Wenn sich Fans auf diese Form als angenommene „Höchststrafe“ für ihre Mannschaft beschränken würden, gäbe es wahrscheinlich weniger Übergriffe durch aufgestauten Frust.

  2. Ich teile deine Einschätzung der Personalie Linke für RBL nicht.Linke hat unbetritten eine tolle Sportliche Laufbahn vorzuweisen.Sein sportlicher Sachverstand scheint daher wohl unbestritten und ich war auch ein bischen stolz das er zu RBL gestoßen ist( oder wurde).
    Eine Reputation als sportlicher Direktor kann er aber noch nicht vorweisen.Daher ist es von mir nicht nachvollziehbar, nach 10 Monaten die Segel zu streichen. Das sein Rücktritt mit der Trainerfrage gekoppelt war ist offenlichtlich.Das seine Vorstellungen in bezug auf RBL mit RB nicht übereinstimmen ist für ihn schade.Seine Entscheidung nachvollziehbar. Welches Konzept ist das richtige?
    Zu dem Plänzchen X. Wir als Fans sind die Heger und Pfleger dieses Pflänzchen. Erst wenn wir uns bewußt werden , das wir als Fans ein Spiel entscheiden können, haben wir es geschafft.Wir sind auf einem guten Weg.

  3. @Leipziger Elend: Ich sehe das Kiel-Spiel auch eher als kollektiven Aussetzer auf dem Grün und neben dem Grün. Muss man sicher nicht unbedingt sonderlich hoch hängen, aber ich persönlich finde das Nachtreten der Zuschauer gegen ein am Boden liegendes Team immer noch als stillos (Stichwort fehlendes Fingerspitzengefühl). Und bei allem wo man da sicherlich unterschiedlicher Meinung sein kann, bleibt doch, dass das Verhältnis von Mannschaft zu Anhängern in den anschließenden Wochen leicht unterkühlt war, im Kiel-Spiel also irgendetwas unerwartetes passiert sein, irgendwas zerbrochen sein muss. In meiner Wahrnehmung wurde das erst mit dem Sieg im Pokal beim FC Sachsen endgültig wieder gekittet. Und: ich finde nicht, dass man Übergriffe von Fans als Vergleichsbasis heranziehen sollte, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen oder zu erklären.

    @diddi: Klar, defacto bleibt nach dem Abgang von Linke die Frage, ob es nicht – schaut man nur auf diese Personalie – für die Zukunft Sinne gemacht hat auseinanderzugehen oder die Entscheidung Linkes nachvollziehbar war. Ich glaube, mir geht es darum festzustellen, dass ich gerne einmal ein längeres Arbeiten in erfolgsorientierter Ruhe hätte als ein Jahr oder wie bei Linke 10 Wochen. Dafür ist es grundsätzlich erstmal egal, wei die Personalie heißt, ob Linke oder Pacult oder irgendwer. Ich würde gerne sehen, dass sich der Club aus sich selbst heraus entwickelt. Das jährliche Wechseln des Personals hat zumindest in Salzburg nichts gebracht und wird es vermutlich in Leipzig auch nicht. Weder für den Verein noch fürs x. Guy Demel hat letztens in der Sport BILD geklagt, dass man beim HSV (der eine ähnliche Quote im Wechseln der sportlich Verantwortlichen hat wie Red Bull), mit jedem Trainer bei Null angefangen habe als Verein, als Team (neues Spielkonzept, neue Ideen, neue Spieler) und daraus kein langfristiges Wachsen, kein Erfolg entstehen kann. Darum geht es. Thomas Linke ist da im Fall RB Leipzig wohl für mich nur der Aufhänger, dieses Faktum mal zu benennen.

    Und dass das Pflänzchen X auf einem guten Weg ist, sehe ich genauso. Allerdings entwickelt sich x nicht komplett ohne Verein. Ein Verein, der jährlich alle relevanten Steine austauscht, kriegt ein entsprechend sprunghaftes x, so meine These. Als Verein sollte man zumindest versuchen, das Pflänzchen x nicht zu beschädigen. Klappt nicht immer, das weiß ich auch, aber x wird nicht mit dem Verein mitwachsen, wenn der Verein jedes Jahr ein – übertrieben gesagt – neuer ist.

    1. Durch die fehlende zeitliche Gelassenheit im Verein wird auch weiterhin ein hoher Druck erzeugt werden, der zwangsläufig zu Fehlern führen wird.Die Außwirkungen sehen wir auch im Pflänzen X. Mit dem Ziel einen stetigen Aufstieg in die 1.Liga zu schaffen wird dieser Druck immer bleiben, er wird noch ansteigen.
      Dabei wird die Saison 2011/12 eine Schlüsselrolle sein.
      Ich finde es trotzdem außerordentlich spannend diese „Geburt“ auch emotional zu verfolgen.

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