Zwischen Projektion und Normalität

Es ist schon eine Weile her, dass es hier in diesem Blog um eine Fake-Ultra-Gruppierung ging, die sich als Red-Bull-Leipzig-Ultras ausgab und eine Website kreierte, auf der sie mit Mobfotos andere Fangruppen anpöbelten, um gewaltaffines Ultragehabe auf die Schippe zu nehmen. Neulich passierte es, dass dieses Thema durch die Twitter-Welt lief, was den twitternden Chemieblogger zur verwunderten Frage trieb, wieso die Zwitscherer denn ausgerechnet jetzt auf dieses alte Thema kommen.

Nun, da das Thema direkt (so weit dies nachvollziehbar ist) von Bayern-Fans aufgegriffen wurde, liegt die Vermutung nahe, dass der Ausgangspunkt das Gerücht ist, dass RB Leipzig im Sommer ein Testspiel gegen den FC Bayern bestreiten würde (LVZ vom 28.04.2011). Was, so trifft sich das derzeit mit Freundschaftsspielen der Leipziger, bei der in letzter Zeit oft in der Öffentlichkeit auftauchenden Münchener Schickeria zum Beißreflex und zur Behauptung führte, dass es für einen fußballliebenden Bayern-Fan undenkbar wäre, ein Testspiel beim „Marketing-Produkt“ gut zu finden. Dieselbe Schickeria, die damit weit hinter dem zurückbleibt, worauf sie selbst auf ihren Blogseiten mit einem Text einer Pauli-Fangruppierung verweist. Dieser Text – man mag zu Kapitalismus-Kritik stehen wie man will – macht deutlich und plausibel, warum Red Bull nicht das böse Andere, sondern das normale Alltägliche des Fußballs ist.

Mir persönlich sind Testspiele sehr egal, sogar Testspiele gegen den FC Bayern. Fußball ohne Mitfiebern ist schön für die Fernsehcouch, aber nicht fürs Stadion. Da man sich Testspiele aber offenbar ideologisch nach Herzenslust aufladen kann, wenn der Gegner RB Leipzig heißt und man nie leichter zum besseren (weil antikommerziellen und traditionsverbundenen!) Menschen wurde als durch eine Ablehnung von Red Bull, wird das ganze dann aber doch zum Thema. Vermutlich sogar ein Thema für die Bayern-Führung. Erinnert man sich beispielsweise an Hessen Kassel, dann erfolgte deren Absage eines bereits vereinbarten Testspiels gegen RB Leipzig nicht etwa, weil man etwas gegen RB gehabt hätte, sondern um des lieben Friedens mit den vereinseigenen Ultras willen und weil man den Drittligaaufstieg nicht gefährden wollte. Angesichts der Tatsache, dass man sich beim FC Bayern mit den Ultras schon bei den Themen Manuel Neuer, Uli Hoeneß und Fragen des Zugangs zum Stehplatzbereich zerstritten hat, ist es nicht undenkbar, dass auch hier die Vereinsführung den organisiertesten ihrer Fans um des lieben Friedens willen einen Happen hinwirft, sprich ein möglicherweise geplantes Testspiel gegen RB Leipzig öffentlichkeitswirksam absagt. Andererseits sprechen die direkten Kontakte von Franz Beckenbauer zu Dietrich Matschitz und die von RB-Leipzig-Sportdirektor Thomas Linke zum FC Bayern sehr gegen so eine Aktion.

Lustig fand ich die Frage, die das oben angesprochene Gezwitschere über Ultras bei RB Leipzig eröffnete:

Es gibt Red Bull Leipzig Ultras?! Das ist jetzt ein Scherz, oder?

Ich überinterpretiere sicherlich wieder mal, aber es ist schon lustig, was die Außenwelt über RB Leipzig nachdenkend so alles für möglich oder unmöglich hält. Was meist mehr über die aussagt, die sich über RB Leipzig äußern, als über den Verein oder dessen Fans. Oder anders gesagt, dass RB Leipzig etwas ganz anderes ist, scheint ein so weitverbreitetes und verankertes Denken zu sein, dass alle Phänomene rund um den Verein auch ganz speziell oder anders zu sein haben. Weil RB Leipzig ein Verein mit relativ guten, wirtschaftlichen Möglichkeiten ist, dessen Sponsor (und formal muss es ein Sponsor sein, sonst würde der Verein nicht am Spielbetrieb teilnehmen dürfen) eine etwas andere, eigenverantwortlichere Philosophie vom Sportmarketing hat als beispielsweise die Telekom, müssen auch die Fans ein ganz besonderes Völkchen sein. Und Ultras bei RB Leipzig sind in dem Zusammenhang absolut undenkbar (Stichwort kühle Retorte vs. heißblütige Ultras!).

Wobei es ganz richtig ist, dass das was die Fake-Netz-Ultras an Gepose abgezogen haben tatsächlich damals genauso wie heute undenkbar wäre. Was (leider) nicht heißt, dass dies für alle Zeiten undenkbar bleiben wird. Die Fanentwicklung bei RB Leipzig ist eine für einen knapp zwei Jahre alten Verein in einer 500.000-Einwohner-Stadt mit relativ großem Einzugsgebiet völlig normale. Woraus auch resultiert, dass die Zukunft, so ungeschrieben wie sie ist, alle Facetten der Entwicklung von Fankultur bereithält.

Die derzeitige Fankultur hält von der ultraesken Fangruppierung bis zur fußballinteressierten Kleinfamilie alles parat, was es auch in jedem anderen Stadion gibt. Es gibt die L.E. Bulls (Facebook-Link) und die von diesen kürzlich abgespaltenen Red Aces, ultraaffine Fangruppierungen, die gerne Pyrotechnik im Stadion hätten, einen Capo mitbringen und 90 Minuten Stimmung machen wollen, aber trotzdem (bis jetzt) darauf bestehen, dass man sich den fußballüblichen, erlebnisorientierten Rivalitäten abseits des Fußballplatzes verweigert, genauso wie die in jedem Verein vorhandenen RB-Fans … (einzusetzen der jeweilige Umland-Ortsname), genauso wie die Rasenballisten, deren Hauptaufgabe darin besteht, sich nicht mit Red Bull zu verbrüdern (Dankbarkeit für einen Sponsor: ja, Bezug auf Red Bull in der Fankultur: nein), genauso wie den etwas ruhigeren Bulls Club, der auch Anhängern der Red-Bull-Eventkultur eine Heimat bietet. Dazu noch das übliche diverse an Foren, Gemeinschaften und Einzelpersonen.

Nichts spektakuläres, nichts was in irgendeiner Form speziell wäre, wenn man davon absieht, dass bei RB-Spielen (zumindest den nachmittäglichen) gerade im Vergleich zu Spielen des FC Sachsen früher im Zentralstadion unheimlich viele Familien die Haupttribüne bevölkern. So viele, dass mich immer ein schlechtes Gewissen beschleicht, wenn ich meine selbstgefertigten Stinkezigaretten mit Feuer befruchte (Wie wäre es eigentlich – nebenbei gesagt – mit einem Familienblock? Nicht um die Familien zu separieren, sondern um Rauchern die Möglichkeit zu geben, sich woanders hin zu begeben, als dorthin wo viele Kinder herumspringen?).

Fußballspiele von RB Leipzig sind auf und neben dem Rasen ganz normale Veranstaltungen (auch hier davon abgesehen, dass nicht jede Ecke, Verletzung, der Spielball und jedes Tor von irgendeiner mittelständischen Firma präsentiert wird/ werden muss) mit einem für Regionalligaverhältnisse absolut zufriedenstellenden Geräuschpegel. Dass dies tatsächlich für viele Menschen abseits des Klubs eine Unvorstellbarkeit ist, erstaunt mich immer wieder und sagt vor allem etwas über die Projektionsleistung der Meinenden aus.

Bei allem, was man über Red Bull, RB Leipzig oder 50+1 denken mag, geht es in letzter Konsequenz im Fußball immer noch darum, dass ein professionell arbeitender Fußballverein Strukturen schafft, die sportlichen Erfolg ermöglichen. Das ist das Kerngeschäft. Alles andere ist eine Konstruktion, die sich aus Erlebnissen, Emotionen, Personen und Geschichten speist und letztlich von den sportlichen Akteuren und vor allem auch den Fans und Zuschauern mit Leben gefüllt wird. Für dieses Leben ist das soziale Umfeld des Vereins, sprich die Stadt in der er existiert sehr viel relevanter als die Art der Finanzierung. Ein Verein in Leipzig, einer Stadt mit (groß-)städtischem Leben, Rieseneinzugsgebiet und einer langjährigen Sehnsucht nach Erfolg in Mannschaftssportarten hat für die Entwicklung der Fankultur ganz andere Möglichkeiten als beispielsweise ein Verein am Autobahnkreuz Walldorf mit seiner hohen Dichte an kleinen Gemeinden (Zuzenhausen, Meckesheim oder Angelbachtal) und mittelgroßen Städten (Heidelberg/ Mannheim).

Wie gesagt, mir ist ein Testspiel RB Leipzig gegen den FC Bayern sehr egal, ich würde es vermutlich genauso verpassen (wenn es nicht im Fernsehen übertragen wird) wie das Schalke-Testspiel letzten Sommer, nicht egal ist mir, wenn Fangruppierungen meinen, für ihren Bessere-Welt-Pathos RB Leipzig als Projektionsfläche zu missbrauchen, die mit allen möglichen Formen der Andersartigkeit bedruckt wird. Ganz so wie es der eigene Duktus und das nur nicht über sich selbst nachdenken wollen, gerade braucht. Aber wer weiß, wenn man bedenkt, dass (Fan- und Vereins-)Identität ja auch durch Zuschreibungen von außen entstehen, ist das ganze vielleicht sogar noch zu etwas gut. Man wird es in den nächsten Jahren beobachten können.

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5 Gedanken zu „Zwischen Projektion und Normalität“

  1. Sehr gut, absolut auf den Punkt und dabei sogar sachlich geblieben. Einer Deiner besten Texte, gehört in jede Blogschau! (Hallo spox, 11Freunde!!?)

  2. „So viele, dass mich immer ein schlechtes Gewissen beschleicht, wenn ich meine selbstgefertigten Stinkezigaretten mit Feuer befruchte (Wie wäre es eigentlich – nebenbei gesagt – mit einem Familienblock? Nicht um die Familien zu separieren, sondern um Rauchern die Möglichkeit zu geben, sich woanders hin zu begeben, als dorthin wo viele Kinder herumspringen?).“

    Dann würde man ja die Raucher separieren. 😉
    Eine bessere Variante wäre, 90 min mal nicht zu rauchen. Nicht nur wegen der Kinder!

    Schöne Grüße
    Don

  3. Na klar, das stimmt. Nicht zu rauchen, ist natürlich auch eine Option. Stichwort Gesundheit und Rauchen verursacht … Aber ich bin da wohl etwas altmodisch. Quasi in der Tradition der Toppmöllers, Augenthalers und Baslers.

    Disclaimer: Liebe Kinder, bitte nicht nachmachen!

    😉

  4. @chemieblogger: Das mit der „Recherchekompetenz“ hast Du aber sehr schön gesagt. Noch mal bitte. 😉 Tatsächlich war es ein Wundern darüber, dass plötzlich ein sehr alter Text von mir sehr häufig angeklickt wird und das Recherchieren und Finden der Ursache und ein bisschen Lesen im Twitteruniversum drumherum. Ein Twitteraccount hätte sich in dem Zusammenhang sicherlich sehr gut gemacht..

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