RB Leipzig und der Versuch von Normalität

Leipzig war bei Standards gefährlich. (Thorsten Gutzeit, Trainer bei Holstein Kiel nach der Partie (broken Link) bei RB Leipzig)

Wie deprimierend ist das denn. Da fährt RB Leipzig 2 Wochen lang ins Wintertrainingslager, holt mit Thiago Rockenbach eine kreative Schlüsselfigur und startet mit viel Hoffnung auf auch spielerische Entwicklungen in die Rückrunde. Und wofür wird man gelobt? Für Standards! Also das, was unisono in der Hinserie bei den Konkurrenten die Antwort war, wenn man sie nach den Stärken von RB Leipzig befragte. Standards! Ts.

Mit ein wenig Abstand wird das Spiel von RB Leipzig gegen Holstein Kiel nicht besser, aber man kann es gelassener betrachten. Es war wohl einer jener Tage, an denen Fußballspiele eine Eigendynamik kriegen, die man nur schwerlich stoppen kann. Das gibt es im positiven oder wie am Freitagabend bei RB eben auch im negativen. Da startet das Team 20 Minuten lang mit funktionierender Taktik, macht hinten die Räume eng und hält so den Gegner vom Strafraum weg, lässt den Ball laufen, kreiert sogar die eine oder andere gefährliche Situation und schießt ein Tor. Und dann kommt eine Standardsituation, in der die Innenverteidigung schlecht aussieht und den Torschuss nicht mit letzter Konsequenz verhindert und das Spiel bricht in sich zusammen.

Ich finde es immer noch extrem erstaunlich, dass eine mit viel Erfahrung gespickte Mannschaft, wie die von RB Leipzig es nicht schafft, nach dem 1:1 oder spätestens nach dem 1:2 (und dem direkt danch folgenden Pfostenwarnschuss zum Fast-1:3) Ruhe ins Spiel zu bringen, sich ein paar Minuten den Ball zuzukicken und Selbstvertrauen zu gewinnen. Vielleicht zwei, drei rustikale Zweikämpfe setzen und danach langsam wieder ins Spiel finden und fighten. Nein, was folgt ist bis mindestens zur Pause nur noch planloses Anrennen, das das eine oder andere mal auch gefährlich ist, aber letztlich die taktische Ordnung der ersten 20 Minuten komplett aufgibt und so ins offene Messer der schnellen Kieler rennt. Es gibt zwei (oder drei) mögliche Erklärungen: Entweder es gab so etwas wie eine taktische Grundordnung nicht wirklich (wogegen die ersten 20 Minuten sprechen) oder die Mannschaft beherrscht das taktische Gerüst noch nicht im Schlaf (dafür spricht, dass Oral nach dem Spiel meinte, dass die Mannschaft noch nicht stabil genug sei) oder die Hintergrund-Situation Aufholjagd setzte einen psychologischen Reiz, der nach dem Ausgleich und dem Rückstand immer sofort wieder zurückschlagen wollte und das Spiel so zu einem affektgesteuerten und nicht mehr systemgesteuerten machte (soviel zur Hobbypsychologie).

Apropos affektgesteuert, das bringt mich doch glatt zur Berichterstattung des MDR zum Spiel RB Leipzig vs. Holstein Kiel. Es ist zuerst einmal absolut positiv zu bewerten, dass der MDR als deutschlandweit einzige öffentlich-rechtliche Anstalt seinen Auftrag zur Grundversorgung so ernst nimmt, dass er sich bis in die 5.Liga hinunter eine recht umfängliche Fußballberichterstattung leistet. Nicht so schön ist, dass der MDR in seinen Berichten von Fußballspielen die Darstellung des Ablaufs der Spiele allzuhäufig der Dramaturgie opfert. Beim Spiel RB Leipzig vs. Kiel hieß die Story, RB Leipzig unterirdisch, schlecht, chancenlos, demprimierend, alles Mist. Schlecht ins Bild hätte da gepasst, dass nicht Kiel das Spiel machte, sondern dann doch RB Leipzig, inklusive diversester Chancen. Gezeigt wurde das nicht, sondern beispielsweise der Kieler Konter zum 1:4 gar noch mit den Worten unterlegt ‚Leipzig weiter unter Druck‘. Dabei war genau das nicht die Story des Spiels. Die Story des Spiels waren kopflos anrennende, aber eben anrennende Leipziger, die sich gnadenlos auskontern lassen. Kieler Druck habe ich jedenfalls 90 Minuten lang nicht gesehen. Schade, dass der MDR seine Möglichkeiten, die aus dem zeitlichen Umfang der Fußballberichterstattung resultieren, oft einfach verschenkt (was sich nicht nur auf Berichte über RB Leipzig bezieht).

Was auch immer am Freitag-Abend passierte, nur weil man gegen Holstein Kiel 1:5 verliert, ist bei RB Leipzig nicht plötzlich alles schlecht. Gewünscht hätte ich mir aber nach dem Hannover-Spiel, dass aus der sportlichen Leitung verstärkt die Mahnung kommt, dass nach einem 3:0-Auswärtssieg auch nicht plötzlich alles gut ist. Irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit, die sich in Platz 4 und – nach dem beeindruckenden 4:0 des Chemnitzer FC in Meuselwitz – in Aufstiegschancenlosigkeit völlig korrekt ausdrückt. Man hat nun bei RB Leipzig viel Zeit, die neue Saison anzugehen und Entscheidungen zu treffen, die sowieso schon seit langem anstehen. Die Wahl eines Sportdirektors oder die Inthronisation eine in Leipzig agierenden Präsidenten, also einer zentralen Figur im sportlichen Bereich wäre aus logischer Sicht zuerst dran. Alles andere sollte dem eigentlich folgen. Kaderplanung, Trainer-Frage. Aber da beim Thema Sportdirektor schon so lange nichts passiert ist und Dietmar Beiersdorfer bereits seit einem Jahr auf Fernbeziehungs-Päsident macht, weiß ich nicht, ob man sich große Hoffnung auf sinnvolle, strukturelle Änderungen machen kann.

Am Mittwoch geht es übrigens zum Nachholer zu Türkiyemspor Berlin. Den abgeschlagenen Tabellenletzten. Na, wenn das kein neues Blamagepotenzial hat. Obwohl, das Spielen gegen Teams der unteren Tabellenhälfte bei RB Leipzig ja bisher eigentlich recht gut klappte, auch auswärts. Vielleicht ja eine Möglichkeit, auch spielerisch ein wenig fürs Selbstvertrauen zu tun. Mal völlig unabhängig vom Tabellenstand und den weiteren (trüben) Saisonperspektiven.

Wie sagte Daniel Frahn deprimiert und gleichzeitig nach vorn guckend nach dem Kiel-Spiel:

Wir müssen ja nun Mittwoch wieder spielen. Wir können jetzt nicht zu Hause bleiben und sagen, wir spielen nicht mehr. Von daher müssen wir am Mittwoch wieder drei Punkte holen. (Daniel Frahn im Red Bull Audioplayer [broken Link] am 19.02.2011)

Na dann. Auf geht’s.

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Ein Gedanke zu „RB Leipzig und der Versuch von Normalität“

  1. Kann mich deiner MDR-Beobachtung nur anschließen. Wenn man sich ein Urteil bilden möchte, wie spielbestimmend, gefährlich, usw. eine Mannschaft war, sollte der MDR nie alleinige Quelle sein. Und das beziehe ich ebenfalls beileibe nicht nur auf die RB-Spiele.

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