Medienverkehrstechnisch

Ronny Garbuschewski und die Autos. Vor ein paar Jahren war er während seiner Zeit als junger Spieler beim FC Sachsen Leipzig damit aufgefallen, dass er ein und denselben Porsche mit manipuliertem Tacho drei verschiedenen Personen verkaufte, was ihm zum gelungenen Namensgesamtkunstwerk Ronny „the Porsche“ Garbuschewski verhalf. In Chemnitz fiel er nun, wenn man den wenigen Zeilen, die die LVZ (20.11.2010) dazu verlauten ließ, glauben darf, durch einen Unfall mit Fahrerflucht auf (zusammen mit seinem kongenialen Offensiv-Partner Benjamin Förster). Alkohol oder nicht sei einmal dahingestellt. Zu welchem Beinamen ihm dies in Chemnitz verhelfen wird und ob der schöner als der alte sein wird, ist derzeit noch unklar.

Ganz klar und vorneweg: Für Unfälle mit Fahrerflucht (und Fahrerflucht ist schon, wenn man beim Einparken ein Auto anstößt und anschließend einkaufen geht) gibt es die üblichen Instanzen des Rechts und nur diese. Selbst für den Fall, dass Alkohol im Spiel war. Wenn Frau Käßmann alkoholisiert Auto fährt, dann müsste sie sich nach meinem Empfinden ausschließlich nach den Kriterien des Strafgesetzbuches verantworten. Dass der moralisch-mediale Amoklauf sie zu jener Zeit tatsächlich aus dem öffentlichen Amt befördert hat, ist letztlich ein Unding. Dass das ganze „the Porsche“ bisher erspart bleibt, ist gut so.

Und doch bleibt die Differenz zwischen Chemnitz und Leipzig auffällig. Während in Leipzig schon nach drei Unentschieden zu Saisonbeginn RasenBallsport Leipzig und sein Trainer medial begraben wurden und die öffentliche Stimmung sowieso immer zwischen den Extremen schwarz und weiß, Bundesliga und Kreisklasse, perfekt und unterirdisch hin- und herpendelt ohne mal einen Moment in der Mitte zu verharren, kümmert man sich in Chemnitz in völliger Ruhe um sich selbst und seine von Spiel zu Spiel immer lockerer werdenden Fußballerbeine.

Während in Leipzig, nachdem ein hiesiger Fußballprofi möglicherweise unter Alkoholeinfluss gegen was auch immer gefahren wäre, tage- und wochenlang das Thema immer wieder behandelt, angestachelt und hinterfragt worden wäre, passiert in Chemnitz: nichts! Ruhig bleibt es. Niemand redet drüber. Es bleibt die Privatsache der zwei Spieler, die das ganze gleich mal mit 2 Toren im nächsten Spiel danken. Leipzigs Öffentlichkeit ist speziell und sie ist in Bezug auf ihre Lockerheit und Unterstützung jenseits der schwarz-weißen Unterstützung oder Ablehnung nicht gerade beflügelnd. Sich davon abzuschotten und das permanente Rauschen, Hinterfragen und Kritisieren zu ignorieren, dürfte jedem (Profi hin oder her) schwer fallen.

In Bezug auf das Gefühl, von der Öffentlichkeit gemocht und unterstützt zu werden, hat man in Chemnitz, Cottbus und Aue einen Standortvorteil gegenüber den Leipziger Öffentlichkeitsextremen (und das gilt für Lok und FC Sachsen genauso wie für RB Leipzig). Oder anders gesagt, einen kritischen Artikel über Energie fand man in der Lausitzer Rundschau, dem Cottbuser Zentralorgan vielleicht zweimal im Jahr. Und nicht etwa, weil es weniger Probleme als in Leipzig gäbe, sondern weil die Öffentlichkeit in kleineren Städten oft nicht in der Art ausdifferenziert ist, als dass es verschiedene Sichten und Selbstdarsteller/ Individualisten gäbe.

Leipziger Fußballvereine haben auch schon vor RasenBallsport Leipzig immer die Last getragen, den großen Auftrag Bundesliga zu schultern. Kein heute, kein morgen, meist schon Bayern und Werder, wenn die Gegner noch Meuselwitz oder Bautzen hießen. Scheitern unter Androhung von Liebesentzug striktest verboten. In Chemnitz ärgert man Favoriten, träumt vielleicht von ein paar Ost-Derbys gegen Dresden, Erfurt und Jena und erfreut sich ansonsten des ansehnlichen Hier und Jetzt. Schön ruhig haben sie es in Chemnitz. Meine geliebte, gleichermaßen streitsame und unterhaltsame Leipziger Öffentlichkeitswelt würde ich trotzdem auf keinen Fall eintauschen wollen. Meine Leipziger Fußballwelt lob ich mir. Auch in der Regionalliga. Auch gegen Meuselwitz. Immerhin Spiele gegen Meuselwitz mit bundesligatauglicher Presse und Öffentlichkeit..

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6 Gedanken zu „Medienverkehrstechnisch“

  1. Vielleicht, nur dank über 10jährigem Tingeln durch die unteren Spielklassen mit viel mehr ganz eigenem Saft..

  2. Es ist ganz sicher nicht die Aufgabe eines Qualitätsmediums, über einen Oberbürgermeister, den größten Arbeitgeber vor Ort oder einen viertklassigen Fußballverein unkritisch zu berichten.

    Der eine nennt es Öffentlichkeitsextreme, der andere unabhängigen Journalismus.

    Fußballfreies Beispiel gefällig? Das Schwäbische Tagblatt in Tübingen. Noch heute jammert George W. Bush in seiner Biographie über den Hitler-Vergleich von Herta Däubler-Gmelin. Ein Journalist des Schwäbischen Tagblatts hatte genau hingehört – und keine Hofberichterstattung für die damalige Bundes-Justizminsterin mit Tübinger Wahlkreis gemacht. Dem eher linken Blatt wird nachgesagt, mit der Enthüllung des Zitats die Bundestagswahl von 2002 mitentschieden zu haben.

    Und auch der aktuelle Tübinger OB bekommt vom Schwäbischen Tagblatt mal Prügel, mal Lob für seine Arbeit. Blöde Öffentlichkeitsextreme aber auch.

    Tübingen hat etwa 90.000 Einwohner. Weniger als Chemnitz oder Cottbus. Also korreliert guter Journalismus wohl doch nicht zwingend mit der Einwohnerzahl des Verbreitungsgebiets.

  3. Die Sache ist durchaus ambivalent: Ich habe einen grundsätzlichen und tiefen Glauben in Funktion, Nutzen und Bedeutsamkeit von unabhängigen, binnen- und außenpluralistischen Medien. Von daher ist jedes kritisches Wort ein Beitrag zu Vielstimmigkeit und Reflexion. Aber: Ein überwiegender Großteil der Medien (für die Öffentlich-Rechtlichen gilt dies eingeschränkt) steht in einer bestimmten Verwerttungslogik: Aufmerksamkeit um jeden Preis erzeugen, um Absatz, Einnahmen und Attraktivität für den Werbemarkt zu vergrößern. Deshalb dürfen wir jetzt überall lesen, wie stark ‚unsere‘ Weihnachtsmärkte durch Al-Quaida bedroht sind. Kann das nicht als Legitimationsdiskurs für die Einschränkung von Freiheitsrechten betrachtet werden?

  4. @Alex: Dass es offenbar unterschiedliche Fußballöffentlichkeiten gibt, ist m.M.n. trotz Deiner Argumente schwerlich von der Hand zu weisen. Otto Rehhagel ist in München nicht zuletzt daran gescheitert, als er aus dem beschaulichen Bremen kommend, auf eine Öffentlichkeit traf, die nicht jede seiner ‚Weisheiten‘ bereitwillig abgenickt hat. Und Ede Geyer und Timo Rost waren nach ihren Cottbus-Erfahrungen nicht umsonst beide eher überrascht als sie auf eine Leipziger Öffentlichkeit trafen, die nicht per se alles abnickt. Dabei geht es nicht darum, ob große Städte für guten und kleine für schlechten Journalismus stehen. Beides ist in beiden Arten von Städten möglich. Es geht darum, inwiefern Öffentlichkeit (und das sind nicht nur Medien, sondern auch Fans im Stadion oder im Netz oder Interessensgruppen wie derzeit die Naturschutzverbände) eher hemmt oder eher unterstützend wirkt. Oder andersherum: Rico Schmitt, Trainer in Aue hat als einen Grund für den derzeitigen Erfolg seines Teams ausgemacht, dass die Spieler in Aue und Umgebung nicht so viel Ablenkung hätten und sich deshalb voll auf den Sport konzentrieren könnten. Er meinte das in Bezug auf das kulturelle Angebot, ich denke man kann das auf mediale und außermediale Öffentlichkeit ausdehnen. Wenn Garbuschewski im Sommer nach Leipzig gekommen wäre und hier einen Unfall gebaut hätte, dann wäre dies in Leipzig ein Riesenthema geworden, das halte ich für einen Fakt und es wäre auch Riesenthema geworden, wenn er ihn vor zwei Jahren als Sachsen-Spieler gebaut hätte. In Chemnitz ist es kein Thema, das ist auch ein Fakt (den ich völlig ok finde). Richard Baum, der nie ein Zauberfußballer war, aber immer das beste aus seinen Möglichkeiten gemacht hat, war beim FC Sachsen und seinen Fans immer der Depp, wenn er mal zwei Fehlpässe am Stück gespielt hat. In der Ruhe von Meuselwitz ist er Stammspieler und Führungskraft. Für Timo Rost gilt das in ähnlicher Form auch.
    Es gibt – und ich halte das für einen Fakt – in anderen (hauptsächlich kleineren) Städten einen anderen, ruhigeren, sachlicheren Umgang mit den örtlichen Gegebenheiten. In Leipzig gibt es – salopp gesagt – solange ich dies beobachte sehr schnell und oft auch ungerecht auf den Sack. Ersteres ist leistungsfördernd, zweiteres nur sehr bedingt. Trotzdem muss man mit Zweiterem leben, zumal ja gerade RB mit seinem Bundesliga-Gedanken das Anspruchsdenken auch stark angeheizt hat. Und ich kann mit Zweiterem leben, auch wenn ich Ersteres als Standortvorteil für Cottbus, Aue oder Chemnitz sehe.

  5. „was ihm zum gelungenen Namensgesamtkunstwerk Ronny “the Porsche” Garbuschewski verhalf.“
    Imho lautete der Arbeitstitel Ronny Autoschiebski 😉

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