RasenBallsport Leipzig vs. ZFC Meuselwitz 3:0

Spielberichte nach einem 3:0 werden meist mit Vokabeln wie souverän, überlegen, klar besser gewürzt. Wenn sich die RasenBallsportler das Video vom Meuselwitz-Spiel noch mal angucken, werden sie sich wundern, wie es überhaupt passieren konnte, dass zur Halbzeit ein 2:0 auf der Anzeigetafel stand.

Erster Paukenschlag der Partie (und für lange Zeit der einzige Aufreger) war die Mannschaftsaufstellung. Ismaili, Baier, Geißler, Frahn raus. Hertzsch, Rosin, Watzka, Lewerenz rein. Man könnte auch sagen, dass potenzielle Kreativität gegen Kompaktheit und Destruktivität gewechselt wurde. Dazu kam eine System-Rolle-Rückwärts vom 3 Spiele gespielten 4-3-3 hin zum 4-4-2. Spieler- und Systemwechsel (beides nicht erstmalig in dieser Saison) sind auch Ausdruck, dass RasenBallsport Leipzig auch nach 14 Spielen noch keinen eingespielten und funktionierenden Rhytmus gefunden hat. Man ist immer noch auf der Suche.

Und auch das gestrige Spiel vermittelte trotz Ergebnis beileibe nicht das Gefühl, dass die Suche beendet wäre, hatte man doch nie das Gefühl, dass System und Spieler zusammenpassen. In der Offensive durften Watzka und Lewerenz als Flügelspieler oft auf einer Linie mit den Stürmern agieren, wodurch das System manchmal fast wie ein 4-2-4 oder ein 2-4-4 aussah. Was grundsätzlich passen, das Spiel breit machen und Gefahr produzieren kann. Tat es dummerweise nicht, weil die fehlende offensive Kreativität und Ballsicherheit, die auf die Namen Hertzsch, Rosin, Rost, Sebastian hörte, dafür sorgte, dass die Offensivkräfte kaum einmal sinnvoll in Ballbesitz kamen. Das gesamte Offensivspiel hing quasi in der Luft des fehlenden Kreativmittelfeldes. Lange, schnell verloren gegangene Bälle waren die Folge. Kein Druck, keine Gefahr aus dem Spielsystem heraus, so sah die trostlose Lage der 1.Hälfte aus, die nur deswegen in Hälfte 2 besser gefiel, weil die insgesamt erschreckend schwachen Meuselwitzer zu jener Zeit die Partie bereits abgehakt hatten und aufgrund des Spielstandes auch defensiv nicht mehr ganz so kompakt agierten wie in Hälfte 1, sodass der eine oder andere schnell und präzise in die Spitze gespielte Ball für Gefahr sorgen konnte.

Bezeichnend, dass das 1. Tor von RasenBallsport Leipzig ein abgefälschter Watzka-Fernschuss, also ein Glückstor war. Tor 2 war dann hingegen ein schöner Schuss vom selbstbewusstseinsgestärkten Carsten Kammlott, an dessen Zustandekommen die Meuselwitzer Abwehr aber auch eine Aktie hatte. Nummer 3 die Folge einer schönen Einzelaktion von Carsten Kammlott, der so Daniel Frahn zum Torerfolg verhalf.

Vielleicht war der Auftritt gegen Meuselwitz gegenüber dem Cottbus-Spiel vor einer Woche ein Schritt nach vorn, mit Blick auf die Leistungen der Saison war für mich insgesamt kein Fortschritt zu erkennen. Gerd Schädlich jedenfalls dürften auf seinem Zuschauerplatz keine Angstperlen auf die Stirn getreten sein. Vielmehr könnte er verstärkt über die einmalige Chance nachdenken, RB Leipzig in 2 Wochen endgültig aus dem Kreis der Titelaspiranten zu schießen. Und auch Dirk Heyne dürfte, so er denn Bilder vom Spiel kennt, für seinen FC Sachsen Leipzig eher Mut für den Heim-Pokalauftritt am Mittwoch schöpfen.

Fazit: Möchte man das 3:0 positiv wenden, dann sollte man das Ergebnis als Selbstvertrauensspritze mitnehmen und auf der frappierenden Effektivität im Torabschluss (zumindest bis zum 3:0) aufbauen. Aus meiner Sicht stimmte hingegen die Mischung aus Spielsystem und Einzelspielern am gestrigen Tag überhaupt nicht, waren es gegenüber dem letzten Heimspiel gegen die Hertha-Bubis eher zwei Schritte zurück als nur einer. Wenn das 3:0 tatsächlich ein Fundament für die restlichen Partien des Jahres sein soll, dann muss sich seine Tragfähigkeit auf jeden Fall erst noch beweisen. Seit gestern fehlt mir zum ersten Mal in dieser Saison der Glaube, gerade in Bezug auf die kommenden 3 Spiele. Bleibt zu hoffen, dass ich in den nächsten Wochen eines besseren belehrt werde.

Randbemerkung 1: Ganz peinlich ist es den insgesamt sympathischen, im ganzen Stadion verstreuten und überhaupt nicht verbalaggressiven Gästefans ein hämisches „Das ganze Dorf ist da“ entgegenzuschleudern, wie es einem hörbaren Teil des Fanblocks zugegebenermaßen nur einmal im Spiel einfiel. Kann man sicher machen, wenn man sich ein kreatives Sangesduell mit des Gegners Kurve liefert, im konkreten Fall war es nicht Ausdruck von Kreativität, sondern freundlich gesagt Unbedachtheit. Fremdschamalarm.

Randbemerkung 2: Offenbar hat der Schiedsrichter bei den beiden Trainern unterschiedliche Bewertungen hervorgerufen. Insgesamt war es ein guter bis sehr guter Regionalligaschiedsrichter, der in einem fairen Spiel keine Mühe hatte, wenn man vom kompletten Ignorieren der Vorteils-Regel absieht. Positiver Höhepunkt des Schieri-Spiels war die Entscheidung Sekunden vor Spielende, den Ex-Leutzscher Meuselwitzer Karsten Oswald nicht regelentsprechend nach Tätlichkeit mit Rot vom Platz zu schicken, sondern mit viel Fingerspitzengefühl lediglich Gelb zu zücken. Lobend zu erwähnen, das Insistieren beider (!) Teams beim Schiedsrichter, den roten Karton stecken zu lassen.

Randbemerkung 3: Shaban Ismaili, der im Saisonverlauf bisher auffälligste RasenBallsport-Spieler durfte gestern noch nicht mal auf der Reserverbank sitzen, musste sogar am Tag zuvor mit der zweiten Mannschaft in der Bezirksliga beim SV Mügeln-Ablaß antreten. Stellt sich die Frage, womit Shaban Ismaili wohl wem auf die Nerven gegangen sein mag..

Lichtblicke:

  • Carsten Kammlott: Herausragender Akteur und Mann des Spiels. Zwei Tore nach Standards auf der Linie verhindert, ein schönes Tor geschossen, ein Tor wunderschön vorbereitet. Diverse gute Aktionen im Dribbling und im Passspiel. Nicht alles war Gold, aber im gestrigen Spiel reichte es locker alle anderen auf dem Platz um Längen zu überragen. In der Form wird Carsten Kammlott tatsächlich zum Hoffnungsträger. Hätte ich noch vor wenigen Wochen nicht gedacht.

Schattenblicke:

  • Nico Frommer: Nachdem er vor dem Spiel über die LVZ noch vergleichsweise heftige Kritik an seinen Mitspielern und deren Mund-Leistungs-Verhältnis geäußert hatte, erwischte er gegen Meuselwitz einen sehr durchwachsenen Tag. Zwar immer bemüht, aber kaum effektiv, viele Ballverluste im Dribbling, kaum ein gelungener Pass zum Nebenmann. Quittung: nach 66 Minuten ausgewechselt.
  • Ingo Hertzsch: Bei ihm wurde sehr deutlich, dass er für die rechte Verteidiger-Position als Spieler nicht komplett genug ist. Spieleröffnung wird ganz einfach nicht mehr seine Leidenschaft. Diverse Bälle, die in den Füßen des Gegners landeten. Dafür defensiv immerhin solide. Trotzdem gerade im Vergleich zum agilen Shaban Ismaili fällt die Hertzsche Schwäche im Vorwärtsgang extrem auf.

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], ZFC-Bericht

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4 Gedanken zu „RasenBallsport Leipzig vs. ZFC Meuselwitz 3:0“

  1. Sehr gut analysiert!
    Ich persönlich kann nach 14 Spielen wieder nur sagen, die selbe Tunke wieder nur aufgewärmt.Ich muß es einmal los werden.
    Die sogenannten Recken Hertzsch, Rost stehen einer positiven Entwicklung dieser Mannschaft im Wege.Sie zwingen der Mannschaft und vieleicht auch dem Trainer eine Spielweise auf, die den Erfordernissen eines Aufstieges nicht gerecht wird.Sie genügen nicht den erforderlichen Ansprüchen,sie machen das Spiel langsam und zu durchsichtig.
    Diese Spielweise lebt von Glück und Hoffnung nicht von Mut und Tatendrang. So wie die Mannschaft jetzt auf dem Platz steht ist das Klassenziel nicht zu erreichen.

  2. Hervorragende Spielzusammenfassung, gut gesehen. Nach diversen Systemversuchen wäre es nun vielleicht mal an der Zeit, eine jüngere Mannschaft in den Kampf um den Rasenball zu schicken. Der Kader gäbe es her und wer weiß, vielleicht verleiht ja Jugendliche Spielfreude und -hunger mehr Flüüügel.
    @Trainer: es ist ein Unterschied, ob Du spielst um zu gewinnen oder um nicht zu verlieren!

  3. Zutreffender kann eine Spielzusammenfassung nicht sein. Auch mir fehlt seit Anfang an das Kreativmittelfeld, wie schon mehrfach geschrieben. Hier ist einfach nix zu sehen, was wohl aber auch für das Spiel eines Nico Frommer unbedingt nötig scheint. Bei dem was zur Zeit von dort kommt verhungert er regelmäßig bzw. sieht beim Versuch sich die Bälle selber zu holen das eine oder andere Mal schlecht aus.

    Ich dachte schon, dass ich als Einziger registriert hatte, dass die normalerweise fällige rote Karte zum Schluss hauptsächlich deshalb nicht gegeben wurde, weil zahlreiche RB-Spieler sich für den gegnerischen Spieler beim Schiri eingesetzt hatten. Fand ich eine tolle Geste. Schade das Halata in der PK dazu keinen anerkennenden Kommentar abgab, sondern sich nur über den Schiri beschwerte, was ich allerdings nicht so sah. Einzig die Vorteilsauslegungen waren verbesserungswürdig, das aber für beide Seiten. Auch wurde sonst in keinem Medium die schöne Geste der RB-Spieler erwähnt. Na ja, ist wahrscheinlich einfacher negative, als positive Aspekte zu berichten. Es könnten ja einige Sympatien mehr gewonnen werden.

  4. Zu den Anmerkungen, dass die alten Spieler eventuell das Problem darstellen: Ich würde das nicht so sehr an den alten Spielern festmachen wollen. Ich finde, man muss mit den aktuellen Spielern ein funktionierendes Spielsystem kreieren. Da passen auch alte Kämpen wie Rost oder Hertzsch – zumal als Führungsspieler – rein. Allerdings passt es nicht, Ihnen die Verantwortung für die Spielkreativität aufzuhalsen. Das können sie schlicht und einfach nicht. Da hat mir das 4-3-3 mit vielen offensiven Optionen und potenziell kreativen Köpfen (wie Baier und Geißler) bei gleichzeitger defensiver Kompaktheit schon wesentlich besser gefallen. Zumindest hätte in dem System kein Ingo Hertzsch den Ball über das halbe Feld zu seinem offensiven Pendant befördern müssen. Von daher bleibe ich dabei, dass gegen Meuselwitz möglicherweise die richtigen Spieler ein ihnen nicht passendes System ausfüllen mussten. Oder anders gesagt, Ingo Hertzsch braucht genauso eine Rolle, in der er seine defensiven Stärken ausspielen kann und nicht ständig mit seinen offensiven Schwächen konfrontiert wird, wie dies ein Timo Rost auch braucht.

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