RasenBallsport Leipzig vs. SV Wilhelmshaven 3:2

Ich hatte bereits in der Nachbetrachtung eines früheren Spiels ein Loblied auf das Publikum gesungen. Da werde ich mich nun wohl wiederholen müssen. 3500 Zuschauer gegen Wilhelmshaven sind schon von der Menge her sehr ordentlich. Doch darüber hinaus ist es vor allem die Art und Weise des Publikums, die bemerkenswert ist. Immer auf Ballhöhe (und mindestens so oft falsch liegend, wie der Schiedsrichter – aber deswegen ist es wohl auch ein Fußballpublikum), immer mitfiebernd hinter der Mannschaft stehend und nur sehr selten unruhig. Ein Publikum, dessen Anspannung sich in einer ultimativ-erleichterten Jubelorgie nach dem 3:1 entlud. Großartig, wieviel Spaß es macht mit 3500 anderen korrumpierten Opportunisten (wie sie der Chemieblogger nennen würde) ein Fußballspiel in der Red Bull Arena zu gucken. Zumal man auch zu spüren glaubt, wie Mannschaft und Publikum miteinander wachsen (vor allem qualitativ).

Mal abgesehen davon war die Dramaturgie des Spiels auch sehr geeignet für emotionale Publikumsreaktionen. Einen frühen Rückstand nach nicht unverhinderbar scheinendem Freistoßtor (Stichwort hoch springende Mauer), dem wohl auch nicht wirklich ein Foul voraus ging mit viel Geduld und Fleiß gedreht, anschließend ein Duell zwischen bemühten Gästen und konternden Gastgebern und nach gerechtfertigter Hinausstellung gegen Timo Rost (Gelb-Rot statt glatt Rot wäre wohl die richtigere Entscheidung gewesen, aber der verantwortliche Linienrichter hatte 90 Minuten lang einen sehenden Tag bzw. einen Tag mit sehr exklusiver Sicht) viele Emotionen und Aufregung mit positivem (und völlig verdienten) Ende. So die wohlwollende Sicht.

Auf der anderen Seite könnte man auch sagen, dass RasenBallsport Leipzig ein überlegen geführtes Spiel gegen den bisher schwächsten Gegner (den ich gesehen habe) völlig unnötig spannend gemacht hat. Was nicht nur an der roten Karte gegen Ersatzleader Timo Rost lag, sondern vor allem am überhasteten bis übermotivierten Angriffs- und Konterspiel der 2.Hälfte und einigen Aussetzern in einer eigentlich stabilen Defensive. Wenn RB Leipzig wirklich zum Spitzenteam werden will, dann sollten sie lernen, einen Gegner wie Wilhelmshaven mit der gesunden Mischung aus Ruhe und Leidenschaft mit einem angemessenen 4:1 nach Haus zu schicken. Wobei, mehr Spaß macht es natürlich so wie es gelaufen ist. Aber so geht es eventuell auch nicht immer gut aus.

Insgesamt hat man trotz allem das Gefühl, dass sich die Mannschaft entwickelt. Spielerisch ist das ganze noch immer suboptimal, aber vom Willen und vom Auftreten her absolut überzeugend. Um die spielerischen Mängel auszugleichen hat man sich offenbar bei RasenBallsport Leipzig dem ruhenden Ball verschrieben. Nach dem frühen Rückstand, nach dem kaum Verunsicherung zu bemerken war, hieß das Konzept vor allem Freistöße in Tornähe und Ecken herauszuholen, bei denen dem Publikum in einigen Situationen bereits der Torschrei auf den Lippen lag. Das sah nicht immer schön aus, war aber alles in allem höchst wirkungsvoll, wie der Ausgleich zum 1:1 zeigte. Womit die Standardtreffer-Quote nun 7 von 11 lautet. Nicht schlecht, wenn man an das Stuttgarter 5 von 7 denkt, allerdings brauchten die nur ein Spiel dafür und nicht sieben.

Dass das 2:1 dann ein schön herausgespielter Treffer war, zeigt, was möglich ist, wenn die Mannschaft das Vertrauen in die eigenen spielerischen Fähigkeiten gewinnt. Allerdings bin ich immer noch der Meinung und das Spiel bestätigte mich in dieser Meinung, dass weder Rost noch Rosin Mittelfeldspieler sind, die ein Spiel gestalten und den Gegner spielerisch beherrschen können. Von daher könnte das derzeitige Konzept von RB Leipzig, das auf die einfachen Sachen des Fußballs zielt auch durchaus zukunftsweisend sein. Und mit der individuellen Klasse auf allen Positionen geht das Konzept hoffentlich auch auf.

Fazit: ein schöner Fußballabend war es, was Dramaturgie, Fans und Leidenschaft auf dem Platz anging. Drei Punkte, wieder ein Schritt nach vorn und sicher den einen oder anderen Neu-Besucher vom Wiederkommen überzeugt. Ich jedenfalls will mehr davon.

Randbemerkung 1: Mein persönliches Ziel des Spiels war es, herauszufinden, ob Guido Schäfer sich über die Tore von RB Leipzig freut. Da ich bei den Toren dann doch zu sehr mit mir und dem Spielfeld beschäftigt war, entging mir, wie der heimliche König des LVZ-Sport-Teils auf seinem ‚Bei-RB-sitzen-sie-in-der-ersten-Reihe-Platz‘ die Treffer beging. Persönliche Mission missglückt, vielleicht gibt es ja von anderer Seite Erfahrungsberichte.

Randbemerkung 2: Die wohl traurigste Figur des Abends war Stefan Kutschke. Er stand fix und fertig zum Einwechseln an der Linie, als Timo Rost den roten Karton sah, der Trainer seinen Stürmer zurück zur Bank schickte und stattdessen nach Thomas Kläsener rief. Und auf der Bank verbrachte Stefan Kutschke auch den restlichen Abend. Bemitleidenswert traurig.

Randbemerkung 3: Dass ein nicht unwesentlicher Teil des Fanblocks Carsten Kammlott sehen wollte, mag ok sein. Dass man selbst beim Spiel 10 gegen 11 mit seinen neuen taktischen Erfordernissen noch immer nach ihm verlangt, wird dann schon schwieriger. Dass man allerdings an einem Tag nach ihm verlangt, an dem man ihn nun wirklich überhaupt nicht vermisste, ist ehrlich gesagt schräg. Es mag dem Selbstvertrauen von Carsten Kammlott gut tun, die Unterstützung der Fans zu spüren. Dem an diesem Tag überragenden Daniel Frahn (siehe unten) tut man damit als denjenigem, der als einziger für einen Tausch mit Kammlott in Frage kam, mehr als Unrecht.

Lichtblicke:

  • Daniel Frahn, Daniel Frahn und noch mal Daniel Frahn: Ihn gegen Wilhelmshaven spielen zu sehen, hat verdammt viel Spaß gemacht. Dass er nach seinen Einsätzen auf der linken Außenbahn und dem Zugucken von der Bank aus inzwischen dermaßen gut ins Team gefunden hat, erstaunt. Dass er mit einer Vorlage und einem Tor der Sieggarant war, zeigt seine Rolle im Spiel. Dass er darüber hinaus an so ziemlich jeder gefährlichen Situation beteiligt war, macht ihm zum (mal abgesehen von seiner aus meiner Sicht zurecht mit Gelb geahndeten Schwalbe) überragenden Mann des Spiel. Schnell, technisch stark, Zug zum Tor, Auge für den Mitspieler, torgefährlich, laufintensives Spiel. Ein kompletter Stürmer, der in dieser Form noch viel Freude bereiten dürfte. Die Standing Ovations bei seiner Auswechslung hatte sich Daniel Frahn mehr als verdient.
  • Shaban Ismaili: Rannte 90 Minuten die Linie rauf und runter. Eventuell fehlt im in einigen Situationen noch die Effektivität und Abgeklärtheit, aber was Ismaili offensiv und defensiv an Freude und Bereitschaft investiert, ist überragend.
  • Nico Frommer: Das Konzept von RasenBallsport Leipzig viele Bälle lang auf die Spitzen zu spielen, erfordert auch jemanden, der sie dort unter Kontrolle bringt. Nico Frommer spielt diese Rolle als technisch versierter, ballsicherer Stürmer an guten Tagen für Regionalliga-Verhältnisse in Perfektion. Am gestrigen Tag erwischte er ein solches Spiel. Prädikat: sehr wertvoll für die Mannschaft.
  • Ingo Hertzsch: meiner Meinung nach immer noch nicht der bessere (komplettere) Manndecker als Thomas Kläsener, aber seine Präsenz auf dem Platz ist gerade in einer Situation wie dieser (RasenBallsport als ewig gejagter Favorit) sehr wichtig. Wenn er weiter so wie gegen Wilhelmshaven agiert, dürfte es schwer werden, ihn aus dem Team zu verdrängen.

Schattenblicke:

  • Maximilian Watzka und Alexander Laas: das linke und rechte Mittelfeld waren sicher keine Totalausfälle, aber mehr als solides Spiel war für beide nicht drin. So blieben sie unauffällig (trotz Watzka-Tor) und ohne große Szenen. Da ist definitiv Luft nach oben.
  • Timo Rost: mal abgesehen von seiner Hinausstellung (bei der er sich zumindest nicht sehr geschickt angestellt hat) hatte Timo Rost nicht seinen allerbesten Tag. Diverse Pässe ins Nichts waren der Beweis dafür. Als im Vergleich zu Rosin etwas offensiverer Mittelfeldspieler ist er meiner Meinung nach nicht die optimale Besetzung. Dafür fehlt es ihm einfach an Ballsicherheit und Verteilerqualitäten. Timo Rost hat unverzichtbare Stärken in Bezug auf Präsenz und Robustheit. Mit diesen fiel er auch im Spiel auf. Nichtsdestotrotz fallen aufgrund seiner Rolle vor allem auch seine Schwächen (vielleicht etwas zu stark) ins Auge.
  • Paul Schinke: Ich hab mich gefreut, dass er früh in der 2.Hälfte ins Spiel kam. Dort hat man allerdings gesehen, dass ihm noch die Bindung an die Mannschaft fehlte. Dazu ein ganze Portion Übermotiviertheit, die sich in einer mehr als gerechtfertigten gelben Karte Bahn brach und heraus kam ein nicht ganz geglückter erster Auftritt im ersten Männerteam. Alles wäre eventuell anders gelaufen, wenn seine Riesenchance nicht durch einen Reflex des Gäste-Keepers vereitelt worden wäre. Hätte, wenn und aber..

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Ticker [broken Link], MDR-Bericht [broken Link], Wilhelmshaven-Bericht [broken Link]

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8 Gedanken zu „RasenBallsport Leipzig vs. SV Wilhelmshaven 3:2“

  1. Zu Guido Schäfer: Ich kann nur sagen, dass er nach dem Siegtreffer in Kiel vor lauter Freude von seinem Sitz gesprungen ist und die Arme nach oben gerissen hat. Dort hat er sich auf jeden Fall riesig gefreut. Ich gehe davon aus, dass er bei den Toren gestern wenigstens artig geklatscht hat 😉

  2. gegen Magdeburg saß er (der berühmteste Zopfträger Leipzigs) zumindest noch im neutralen Bereich neben dem Gäste-Block … rauchte artig Pfeife und machte sich spannende Notizen … sah relativ entspannt aus …

    @ Spiel gestern:

    netter Verlauf der das Spiel am Schluß aber noch mal (unnötig) spannend machte, ansonsten alles im Artikel absolut zutreffend analysiert …

    Frahn ist langsam nicht mehr wegzudenken, muß sich Kammlott eben besser im Training anbieten … die Standards sind eine ganz wichtige & effektive Waffe und daß auch spielerisch was geht hat man ja beim zweiten Tor gesehen …

    ach ja, stolz ein „korrumpierter Oppurtunist“ zu sein! 😉

  3. Ich muss jetzt einfach mal ein Lob für die Berichterstattung loswerden. Mir ist es aufgrund der Entfernung leider nicht immer möglich ins Stadion zu kommen, und die Berichterstattung hier ist einfach erfrischend und umfangreich (besonders heute). Hier findet man mehr Informationen als in den Medien und auf der RB-Website. Mach bitte so weiter.

    lg

  4. Im Großen und Ganzen gehe ich konform mit dem Artikel. Allerdings würde ich Schinke nicht als Schattenblick bezeichnen. Dafür, dass das sein erster Einsatz war, fand ich’s ganz ordentlich. Meiner Meinung nach hat er deutlich mehr Betrieb gemacht auf Links als zuvor Laas, war an einigen Kontern beteiligt und scheiterte bei seinem Torversuch ja auch nur an einer überragenden Parade des Gäste-Keepers. Das 3:1 hatte er glaube ich vorbereitet. „Übermotiviert“ würde ich so auch nicht sagen. Er zeigte, dass er heiß auf einen Einsatz war und ging engagiert zu Werke. Die Gelbe Karte musste man nicht geben.

    Meiner Meinung nach Schinke ein Lichtblick, der sich für weitere Einsätze empfohlen hat.

  5. @Vorharzer: Danke!

    @René: Ich gebe zu, dass man den Paul Schinke in seinem gestrigen Einsatz auch anders sehen kann als ich. Ihn gleich bei den Schattenblicken unterzubringen, ist tatsächlich etwas ungerecht und resultiert wohl vor allem daraus, dass ich mich eigentlich freute, dass er eine Chance kriegt und dann ein wenig enttäuscht war, dass er sich nicht unbedingt für weiteres aufgedrängt hat. Aus meiner Sicht fehlte in Bezug auf Abstimmung und Laufwege (gerade defensiv) noch sehr viel. Dazu noch die von mir so wahrgenommene Aufregung über das erste Spiel und der Versuch alles besonders gut zu machen. Da sah entsprechend nicht alles glücklich aus. Und wenn Befreiungsschläge als Torvorlage gelten, dann war das wohl ein Scorerpunkt. 😉 Den er übrigens ganz regulär hätte kriegen müssen, wenn Carsten Kammlott Schinkes tatsächlich großartige Vorlage kurz vor Schluss im Tor untergebracht hätte. Naja, aber über das Gelb konnte es zumindest von meinem Platz in der Schüssel aus keine zwei Meinungen geben.

  6. Finde auch, dass der Schinker nichts bei den Schattenblicken zu suchen hat (besser als Laas war er m.E.). Klar ist es ein Befreiungsschlag, aber er kommt an, was man von den vielen anderen hohen Bällen ja nicht unbedingt sagen kann.

    Übrigens: Die beiden Lichtblicke Ismaili und Hertzsch verpennen gemeinsam das 3:2 😉

  7. Leider muss ich fairerweise (als Fan von LOK) nach dem Spiel konstantieren: alles richtig gemacht RB :/ Wenn geschätzte 60% der Zuschauer bei den Toren mitjubeln und olle Opis sich einen Schal um den Hals hängen – modulo Dumpingpreise – geht das Konzept auf. Nebenbei wird durch kopierte Fangesänge (gibt es eigentlich Stadionverbote für „Schiri du Arschloch“, „von Stalingrad…“ 🙂 ) Stadionatmosphäre erzeugt. Durch die Komponente Schiedsrichter entstand dann auch noch ein Dammsitzgefühl bei den Zuschauern (bezogen auf BPS/AKS) die dank des Spielverlaufes dannzufrieden nach Hause gingen. Kurzum hier wurden ca. 2500 Zuschauer „abgeholt“ die sich die Derbys imho nicht mehr geben werden.
    Allerdings lässt mich das wandelbare Publikum hoffen das weiterhin nichts entgültig entschieden ist in dieser Stadt. Irgentwann kommen 3 Niederlagen in Folge und sei es erst in Liga 2. Möglichst zum Auftakt dann wird es leer wie beim VfB in der ersten Liga. Das Leipziger Publikum will nur Sieger sehen.

    PS: Rote Karte berechtigt, wenn er ihn richtig trifft gäbs sogar 5 Spiele Sperre

  8. @interpreter: Ich sehe das ähnlich. Also damit, dass noch nichts entschieden ist. Spannend wird es bei RasenBallsport Leipzig fantechnisch tatsächlich erst, wenn man in eine sportliche Krise rutscht oder den Aufstieg in Liga 3 (starke Chemnitzer!) vergeigt. Aus meiner Sicht gehört sportlicher Misserfolg zum Vereinswachstum dazu. Ob das das restliche Leipziger RB-Publikum auch so sehen wird, wird sich zeigen.

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