Leipziger Öffentlichkeitsextreme

Es bringt doch nichts, schon die große Keule rauszuholen, draufhauen kann man immer noch, wenn wir unsere Ziele nicht erreichen. Wir sitzen alle im gleichen Boot, deshalb sollten jetzt auch alle das Projekt RB pushen. (Timo Rost, LVZ vom 19.08.)

Ich persönlich verstehe Timo Rosts an Medien und Öffentlichkeit gerichtete Kritik zumindest ansatzweise. Als Fast-Kapitän und Führungsspieler muss er sich natürlich auch öffentlich vor die Mannschaft stellen dürfen. Und darauf hinzuweisen, dass man gleich nach Saisonbeginn nicht eine neu zusammengestellte Mannschaft runterputzen muss, ist mehr als legitim. Zumal es tatsächlich albern ist, wenn man immer so tut, als müssten Fußballspieler – nur weil sie mit ihrem Job gutes Geld verdienen – maschinengleich ihr Pensum herunterspielen können. Fußballmannschaften sind fragile Systeme, die gerade in Bezug auf das Spielverständnis auch Zeit brauchen, sich zu finden und gerade in Zeiten, in denen es nicht so läuft, öffentliche Unterstützung gebrauchen können.

Auf der anderen Seite unterliegt Timo Rost demselben Missverständnis, dem schon Eduard Geyer bei seiner Arbeit beim FC Sachsen unterlag, nämlich zu glauben, dass es in Leipzig eine ähnlich ungeteilte Unterstützung für eine Mannschaft geben könnte wie bspw. in Cottbus oder Aue oder anderen ostdeutschen Städten mit nur einer Profimannschaft. Leipzig ist und bleibt in Bezug auf die Fußballöffentlichkeit speziell. Das liegt nicht nur daran, dass die Stadt fußballerisch inzwischen sogar drei- oder gar viergeteilt ist, sondern vor allem daran, dass in Leipzig der Weg vom Hochjubeln hin zum Runterputzen oft in einer atemberaubenden Geschwindigkeit genommen wird. Heute noch die Retter Fußballleipzigs, morgen schon die Deppen der Stadt bzw. die Totengräber der Hoffnung. Man muss diese Art der öffentlichen Meinung nicht mögen, aber man wird damit vor allem als Profi bei RasenBallsport Leipzig leben müssen.

Wenn man um die Leipziger Spezifika weiß, fällt es auch leichter, mit ihnen umzugehen oder gar die positiven Signale der Fußballanhänger schätzen zu lernen bzw. stärker in den Fokus des öffentlichen Auftretens zu rücken. Man sollte aus meiner Sicht viel intensiver die positiven Entwicklungen thematisieren. Über 20000 Zuschauer beim Schalke-Spiel, 4000 Zuschauer zum Saisonauftakt gegen Türkiyemspor, das sind die Zahlen auf denen man aufbauen, über die man sich freuen kann und das sind auch die Fußballfreunde, die unter Umständen etwas irritiert darüber sind, wenn man nach einem durchwachsenen Saisonstart sehr schnell die (ver)öffentlich(t)e Meinung kritisiert. Wie gesagt, ich verstehe Timo Rosts Interesse, sich vor die Mannschaft zu stellen und für öffentliche Unterstützung zu werben. Trotzdem wird Leipzig wohl immer ein Pflaster sein, das aus schneller gerechtfertigter und ungerechtfertigter Kritik besteht.

Und ehrlich gesagt, sind die Ziele von RB Leipzig, das schnelle Wachstum und das schnelle Streben nach oben auch darauf ausgerichtet, dass sich die Öffentlichkeit mit großer Lust auf Fehltrittte und schlechte Spiele stürzt. Das Image als FC Bayern des Ostens tut da sein übrigens und dies mit Leben zu füllen, hieße auch, öffentlichen Druck und gelegentliche Häme auszuhalten. Und noch ehrlicher, was wäre Leipzig eigentlich ohne seine hochunterhaltsame Öffentlichkeit, wo das Essen in der Mensa schnell mal zu einem Skandal oder Profis das Feiern in der Gottschedstraße vorgehalten wird. Und am allerehrlichsten, ich finde den Begriff Projekt, den auch Timo Rost für RasenBallsport Leipzig verwendet unglücklich. RasenBallsport Leipzig ist eine Profifußballmannschaft, eine mit großen Zielen klar, aber vor allem eine, die sich in der alltäglichen Arbeit beweisen muss, eine Mannschaft mithin, für die nicht das Ziel bzw. das Vorhaben im Mittelpunkt stehen sollte, sondern die Normalität des Weges dahin. Frei nach dem Motto ‚Wir sind der Regionalligist RB Leipzig und morgen geht es gegen Hannovers U23 um drei Punkte‘. Nicht mehr, nicht weniger. Ich freu mich drauf.

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