Pro 50+1, contra 50+1?

Sind Sie eigentlich Freund oder Feind der 50+1-Regel, die den deutschen Profiklubs ihre Eigenständigkeit erhalten soll?
Ich sehe es leidenschaftslos. Aber ich gebe der aktuellen Regelung dauerhaft keine Chance. Wenn einer – vielleicht zieht es Herr Kind ja durch – vor dem Europäischen Gerichtshof klagt, denke ich die 50+1 wird fallen.
Haben Sie keine Angst, dass einige Klubs – wie in England geschehen – danach zum reinen Spekulationsobjekt werden?
Dagegen spricht das Financial Fairplay, das die UEFA etablieren wird. Dann dürfen Klubs nur ausgeben, was sie auch eingenommen haben. Für Leute, die das schnelle Geld machen wollen, sind die Vereine dann uninteressant. Außerdem wird sich das Gesicht der Liga nicht grundlegend ändern. Vielleicht kommt mal ein neuer Klub wie Hoffenheim dazu. Oder Leipzig, wo jetzt Red Bull das Sagen hat. Die Traditionsvereine werden es sicher verstehen, diese Red Bulls schnell einzufangen. Für Red Bull wäre Dortmund doch ein wesentlich besseres Werbeobjekt als Leipzig. (Dietmar Hopp, Sport BILD vom 4.8.2010)

Ich bin kein Jurist, aber interessant ist schon, dass Hopp ähnlich wie Hannovers Präsident Martin Kind davon ausgeht, dass die 50+1 bei einer Klage keinen Bestand hätte. Was eigentlich dafür sprechen würde, dieses Thema grundsätzlich zu diskutieren, so wie es Martin Kind schon seit langem vorschlägt. Dieser wird fälschlicherweise immer als derjenige gebrandmarkt, der die 50+1-Regel wegklagen möchte, dabei sucht er eher nach einer einvernehmlichen Lösung, die es Investoren gestattet, die Mehrheit über den Verein zu erlangen und gleichzeitig Regulierungsinstanzen einzubauen, die es verhindern, dass Fußballvereine bspw. zu Spekulationsobjekten werden. Dass es dazu keine offenen Debatten, sondern vor allem Anfeindungen und Ablehnungen gibt, verwundert vor dem ungeklärten juristischen Hintergrund. Und es wundert vor allem vor dem Hintergrund des Status Quo, nachdem bereits jetzt ganz formal zwei Bundesligaclubs (Wolfsburg und Leverkusen) reine Werksclubs sind, die Bestandsschutz genießen. Dazu kommen mit Hoffenheim und (dem früher oder später Bundesligisten) RB Leipzig zwei Vereine, die zwar nicht formal aber ganz praktisch eine Art Werksclub sind. Und für alle anderen Bundesligisten kann man festhalten, dass die Mitbestimmung der Mitglieder, die durch die 50+1-Regel garantiert werden sollte, nur auf dem Papier besteht oder wer glaubt ernsthaft, dass die Mitgliederversammlung bspw. bei Bayern München wichtige Entscheidungen gegen die Vereinsführung durchsetzen würde?

Wenn aber eine Regel wie die 50+1 den von ihr intendierten Zweck (Chancengleichheit, Vereine nicht in Investorenhand, Mitgliedermitbestimmung) nicht erfüllen kann, dann muss man sie verändern. Entweder um sie in einer Art zu schärfen, dass sie den intendierten Zweck erfüllen kann. Oder um sie vor dem Hintergrund aktueller Gegebenheiten anzupassen; bspw. indem man Mehrheitsbeteiligungen unter strengen Auflagen zulässt. Nicht ganz zu Unrecht weist Martin Kind darauf hin, dass es für Klubs wie Hannover ohne neue Geldquellen gar nicht möglich ist, im wirtschaftlichen Wettbewerb mit den anderen Klubs (wie z.B. Wolfsburg oder Leverkusen) zu bestehen. Interessant in diesem Zusammenhang ist das von der UEFA eingeführte Instrument des Financial Fairplay, das so etwas wie wirtschaftliche Chancengleichheit zwischen den europäischen Vereinen herstellen und somit auch den sportlichen Wettbewerb stärken will. Dietmar Hopp beschreibt es als ein Instrument, das den Klubs quasi einen ausgeglichenen Haushalt vorschreibt. Wie auch immer dies in der Praxis funktionieren mag, zielt diese Idee darauf, den Erfolg von Vereinen vom kurzfristigen finanziellen Engagement abzukoppeln, wie es ein Abramowitsch bei Chelsea macht, der seine Finanzgaben dem Klub auch noch als Schulden ‚gut’schreibt. Langfristiges, sportliches Arbeiten unter vernünftigen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wäre mit dem neuen Instrument gefragter als zuvor. Was wiederum die 50+1-Regel als ‚Fußball-Gesetz‘, das die Vereine (neben seinen basis-demokratischen Intentionen) auch davor schützen soll, zum wirtschaftlichen Spielball (Geldhahn auf, Geldhahn zu, Kaufen, Weiterverkaufen) zu werden, ein Stück weit überflüssig macht, weil die Übertragung des VfB Stuttgart an die Daimler AG auch nicht die wirtschaftlich solide, langfristige sportliche Arbeit ersetzen würde. Andererseits stellt sich natürlich die Frage, wie die UEFA kontrollieren will, ob Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen sind. Was sind Einnahmen, was Ausgaben? Eine andere Möglichkeit, die ja im amerikanischen Sport eine gute Tradition hat, ist die Salary Cap, eine Gehaltsobergrenze, die man den Vereinen zur Ausgabenbegrenzung auferlegen könnte, aber das wäre schon wieder ein anderes Thema. Der Punkt an dieser Stelle ist lediglich, dass das Financial Fairplay der UEFA von der Idee her möglicherweise ein gesamteuropäisches Instrument ist, das den deutschen 50+1-Weg in einigen Facetten überflüssig macht.

Einen dritten, interessanten Punkt spricht Dietmar Hopp mit Bezug auf die Traditionsvereine an. Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren in ihren Grundzügen kaum verändert. Es gibt einen Kern an Vereinen, die man Traditionsvereine nennen mag oder auch nicht, die über die Jahre Strukturen aufgebaut haben, die man als aufholender Verein bspw. in Dresden auf mittlere Sicht kaum überwinden kann. Daraus resultiert eine Art Undurchlässigkeit nach oben, die quasi als Schutzschild für die alteingesessenen Bundesligaklubs fungiert. Daraus resultiert auch, dass sich das Gesicht des Profifußballs in Bezug auf die teilnehmenden Vereine in den letzten Jahren kaum verändert hat. Eine Neugestaltung der 50+1-Regel hätte in Bezug auf die Durchlässigkeit sicherlich keine wesentlichen Effekte. Die Traditionsklubs haben einen unschätzbaren Vorteil aufgrund ihrer jahrelang gewachsenen Strukturen, Netzwerke und Fankreise. Man denke nur an Schalke und Dortmund, die über die ganzen Jahre vor allem durch ihre feste Verankerung in ihre Umgebung getragen werden. Ein Investor, der bspw. in Oberhausen investieren würde, hätte in dieser Region wohl schlechte Karten, sich eine Nische zu erobern. Von daher ist Leipzig sicher auch als Ausnahmefall zu sehen, denn eine Stadt mit 500.000 Einwohnern, mit einem riesigen Einzugsgebiet, mit jahrelanger Fußballvergangenheit, mit WM-Stadion und ohne Team im Profifußball, also eine Stadt, die fußballerisch geradezu danach ruft, wach geküsst zu werden, gibt es in Deutschland in der Form nicht noch einmal. Und selbst für RasenBallsport Leipzig mit einem relativ finanzkräftigen Investor ist der Weg nach ganz oben fast unbezwingbar weit. Auch in Hoffenheim hat man nach dem Sturm auf die Spitze nun erst mal das Spielen im Mittelfeld ausgerufen. Viel mehr ist in dem Umfeld, in dem der Verein agiert nicht zu wollen. So ähnlich dürfte das für alle ’neuen‘ Vereine gelten, die sich auf den Weg in den Profifußball machen wollen. Ab einem gewissen Punkt bedarf es neben Geld, fachlicher Kompetenz und Glück auch eines tragfähigen Umfeldes, vielleicht einer Südtribüne oder vielleicht eines ‚Mia san mia‘ oder vielleicht eines ‚Attacke‘-Signals, also irgendetwas, was sich nicht planen, nicht rational erarbeiten lässt, sondern sich im Laufe der Zeit kreativ entwickeln muss.

Auch in Leipzig wird das Vereinsumfeld mit dem sportlichen Erfolg des Klubs mitwachsen und eine Dynamik entwickeln müssen, die den Verein über das eine oder andere Spiel trägt. Um mit dem Fußball Erfolg zu haben, sprich regelmäßig europäisch zu spielen, hat Red Bull in Leipzig sehr gute Ausgangsbedingungen. Ein Selbstgänger wird dies trotzdem nicht, was sich vor allem darin begründet, dass in der Bundesliga der Kuchen wie gesagt schon verteilt ist. Und eben weil er verteilt ist, hat sich Red Bull in Leipzig und nicht – wie Dietmar Hopp das Red-Bull-Marketing missverstehend vorschlägt – in Dortmund niedergelassen, denn Red Bull will im Sport nicht anderen Flügel verleihen, sondern will selbst fliegen. Wenn sie die erste Strecke hinter sich haben und im Profifußball angekommen sind, wird man sich bei der DFL und beim DFB fragen lassen müssen, wie ein Bundesligaklub in Hannover mit Wolfsburg, Leverkusen, Leipzig und Hoffenheim konkurrieren soll, wenn er nicht zu den selben (Finanz-)Mitteln greifen darf. Und man wird sich Gedanken machen müssen, wie man mit der 50+-Regel umgeht, auch wenn man die Diskussion besser früher begonnen hätte. Man muss die 50+1-Regel nicht abschaffen wollen, aber man sollte sich ergebnisoffen fragen, was ein solches Instrument leisten soll und inwiefern dies mit der Realität des Profifußballs vereinbar ist. Herauskommen sollte zumindest ein Instrument, das für alle Bundesligaklubs eine gleichermaßen vernünftige Basis darstellt, auf der sich arbeiten lässt.

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3 Gedanken zu „Pro 50+1, contra 50+1?“

  1. „wie es ein Abramowitsch bei Chelsea macht, der seine Finanzgaben dem Klub auch noch als Schulden ‚gut’schreibt.“

    Abramowitsch hatdie Schulden Chelseas im letzten Winter getilt. Die stehen aktuell bei Null. Für ManU zählt dieses Argument jedoch.

  2. Danke für den Hinweis. Das war mir tatsächlich entgangen. Chelsea schuldenfrei, offenbar ist dem modernen Fußball aber auch gar nichts mehr heilig. 😉

  3. Der Verstoß der 50+1-Regel gegen die EU-Grundfreiheiten (die Kapitalverkehrsfreiheit) ist eins der Lehrbuchbeispiele für Jurastudenten der ersten Semester. DFB-Recht stellt nämlich weder Steuerrecht, Schutzrecht gegen innerstaatliche Rechts- und Verwaltungsvorschrifte noch Recht zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung dar.
    Zulässig wäre nur ein Verbot aller Kaptalgesellschaften (also auch Bayern München, Borussia Dortmund usw.)
    Sobald einer klagt, ist die 50+1-Regel also Geschichte.

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