Leipziger Fußball 2010/2011

Neue Saison, neues Glück oder Unglück, das weiß man vorher dummerweise nicht so genau. Am Wochenende steigen die drei wichtigsten bzw. größten Leipziger Vereine wieder in den Spielbetrieb ein. Zeit für einen Blick auf die Potenziale des neuen Fußballjahrs.

RasenBallsport Leipzig: Man kann es drehen und wenden, wie man will. Alles andere als der Aufstieg in die dritte Liga, wo dann bereits erste Auftritte in der Sportschau warten würden, wäre für den Verein sicherlich eine Enttäuschung. Das bedeutet aber keineswegs, dass man den ungefährdeten Durchmarsch erwarten muss, denn vor allem mit Chemnitz, aber auch mit Halle, Kiel, Magdeburg, Lübeck und einigen zweiten Mannschaften ist die Konkurrenz eine harte. Dazu kommt, dass es für jeden Verein eine besondere Freude sein dürfte, den RasenBallsportlern ein Bein zu stellen. Von daher hat jedes Spiel Pokalcharakter, eine Situation mit der die Spieler von RB Leipzig auch erst einmal fertig werden müssen. Zwei, drei Niederlagen am Stück und der Druck auf das Team dürfte – zusammen mit der Schadenfreude – riesig sein. In diesem Zusammenhang wird es interessant sein, wie sich der neue Kader von RB Leipzig in der Praxis schlagen wird. Nominell ein hochwertiger und spannender Kader gibt es doch einige Unbekannte. Zweite offen Frage für die neue Saison ist die Entwicklung des Zuschauerzuspruchs. Es wird die erste Saison im Herzen von Leipzig und man darf nach dem Schalke-Spiel vorsichtig optimistisch sein, dass sich das Team eben dort auch ein Stammpublikum erspielen wird, das Regionalligaverhältnissen entspricht. Der Auftakt am Freitag Abend gegen Türkiyemspor wird da bereits erste Aufschlüsse geben über den Zuspruch. Unter 2000 Zuschauer wären enttäuschend, zwischen 2000 und 3000 Besucher sind ok, alles darüber hinaus super. Oder anders gesagt, zum Heim-Auftakt der Regionalliga-Saison 2008/2009 kamen zum Spiel des FC Sachsen gegen die Zweite von Hamburg etwa 3500 Zuschauer, diese Zahlenregion wäre fürs erste RasenBallsport-Pflichtspiel in der Red Bull Arena eine sehr, sehr zufrieden stellende. In jedem Fall ist die Zeit des Vorgeplänkels nun vorbei. Magath ist Geschichte, die diversen Testspiele auch und selbst der Mensa-‚Skandal‘ gehört auf den Friedhof des Sommerlochs. Jetzt kann es endlich losgehen mit Diskussionen über Spielsysteme, Einsatzfreude, Tore, Fehlentscheidungen, Siege, Niederlagen, Enttäuschungen und Überraschungen. Alles ist angerichtet. RasenBallsport Leipzig hat in der Vorbereitung der Saison Entscheidungen getroffen, die sportlich vernünftig erscheinen, nun muss sich beweisen, wie das ganze auf dem Platz funktioniert.

FC Sachsen Leipzig: Letztes Jahr noch der zweitbeste Leipziger Verein steht der FC Sachsen vor einer weiteren schwierigen Saison. Finanziell und in Bezug auf den Fanzuspruch immer noch eher schrumpfend statt wachsend, hat man sich der Fusion mit der BSG Chemie verweigert und steht nun vor dem Problem, dass jene, die Führungsverantwortung im organisatorischen Bereichs des Clubs übernommen haben, entweder überarbeitet oder frustriert oder beides sind, aber eine professionelle Kraft, die den Hauptteil der Arbeit stemmt, kaum finanzierbar ist und aus dem Fanumfeld heraus keine Blutauffrischung zu erwarten scheint. Demgegenüber steht der Verein in Bezug auf seine sportliche Führung und deren Ideen sehr gut da. Dirk Heyne hat sich – noch von Lonzen(!) verpflichtet – als genau der Glücksgriff erwiesen, als den man ihn erwarten durfte. Mit stoischer Ruhe baut er aus den zur Verfügung stehenden Mitteln Jahr für Jahr eine Mannschaft auf, die es aufgrund ihrer spieltaktischen Ordnung jedem Gegner schwer machen kann. Dass dabei auch seit zwei Jahren über die wenig durchschlagskräftigen Offensivspieler lamentiert wird, ist letztlich nicht ganz fair, da sich aus dem Spielsystem heraus auch nur wenig Durchschlagskraft entwickeln kann. Heynes System braucht vorne zwei, drei überdurchschnittliche Spieler, die perfekt aufeinander abgestimmt die mannschaftliche Organisation veredeln (Radu/ Munteanu war mal in Cottbus ein solches Duo). Da sich der Kader des FC Sachsen nur minimal verändert bzw. verbessert hat, sollte man in Leutzsch jedenfalls weder Torefestivals noch eine bessere Saison als die letzte erwarten. Ganz im Gegenteil erwarte ich eher, dass sich die sportliche Entwicklung der nicht gerade Aufbruchstimmung vermittelnden Gesamtsituation des Vereins anschließen und der FC Sachsen am Ende irgendwo im grauen Mittelfeld landen könnte.

Lok Leipzig: Dort könnte sich auch der letzte Saison drittbeste Leipziger Verein Lok platzieren, wobei diese Mannschaft eine noch größere Wundertüte ist als ihr Leutzscher Rivale. Nach teilweise grottigen Vorbereitungskicks könnte einem um Lok Angst und Bange werden, wenn denn Testspiele in irgendeiner Form größere Aussagekraft hätten. Aber eins scheint klar, es wird knapp für die ‚Loksche‘, bis zum Saisonstart, also bis zum wichtigsten Spiel der Hinrunde, also bis zum Lokalderby auf 100% zu kommen. Auch für Lok gilt wie für den FC Sachsen, dass der Kader nicht gerade besser geworden ist. Mit Achim Steffens hat man sich immerhin einen namhaften Trainer gesichert, der zusammen mit dem auch relativ namenhaften Mike Sadlo für den sportlichen Aufbruch sorgen soll. Inwieweit ein Trainer, der eher für die alte Schule in Bezug auf Spieltaktik und Umgang mit den Spielern steht, tatsächlich neuen Wind nach Probstheida bringen kann, einen Wind, der auch mittelfristig durch die sportlichen Vereinsstrukturen weht und nicht nach einer Saison wieder einschläft, bleibt abzuwarten. Ich persönlich bin da eher pessimistisch und traue Steffens und Co maximal eine gute Saison zu, die auf Platz 3 oder 4 enden könnte. Aber auch eine Saison wie die letzte mit einem permanenten Abwärtstrend halte ich nicht für ausgeschlossen. Und viel wichtiger: ich persönlich sehe nicht, dass Steffens den Club mittelfristig entwickeln und zumindest eine Liga nach oben führen kann. Während ich also Lok sportlich eher mittelmäßig aufgestellt sehe, ist der Verein zusammen mit seinem Umfeld sicher der gesundere der alteingesessenen Leipziger Clubs. Praktisch schuldenfrei hat sich bei den Derbys der letzten Saison gezeigt, dass Lok die größte Anzahl an Anhängern mobilisieren kann, die wiederum nicht nur bei Spielen ihre Aktivität beweisen, sondern Jahr für Jahr ihre Energie auch bspw. in den Umbau des Bruno-Plache-Stadions stecken oder den Verein auf anderen Ebenen mittragen. Genau deswegen hat Lok mittelfristig auch die bessere Perspektive als der FC Sachsen.

Wie auch immer, auf geht es in das erste Leipziger Fußballwochenende der neuen Saison. Alle drei Teams zeigen sich in der Schüssel, wo RasenBallsport Leipzig mit Türkiyemspor Berlin eines der schwächeren Teams der Regionalliga erwartet und Lok und FC Sachsen im Spiel gegeneinander den ganz scharfen Start wagen. Während man von RB Leipzig einen deutlichen Sieg erwartet, könnte das Lokalderby nach den Erfahrungen der letzten 2 Spiele auf ein 0:0 hinauslaufen. Bleibt nur noch die Frage, wie viele Zuschauer noch das Duell Lok gegen FC Sachsen sehen wollen. Ich schätze mal, dass die Tatsache, dass der höchstklassige Verein aus Leipzig zum ersten Mal seit Jahrzehnten weder Lok (bzw. VfB) noch FC Sachsen heißt, sich auch negativ auf die Besucherzahlen auswirkt und es nicht wesentlich mehr als 10000 Besucher werden. Aber Prognosen werden schon sehr bald allesamt Schall und Rauch sein.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.