Fehlende Konkurrenz

Wir suchen noch einen Torwart, der Sven Neuhaus Druck macht, damit er seine Topleistungen bestätigt. (Tomas Oral in der BILD vom 21.07.2010)

Man sollte sowas ja nicht immer allzu hoch hängen, aber hier scheint mir die sportliche Leitung doch einen Sinneswandel vollzogen zu haben. Bisher hieß es immer, dass man noch einen Torwart für die Position 2 oder 3 sucht, möglichst Marke jung, talentiert und entwicklungsfähig. Franco Flückiger war ein Kandidat, dessen Verpflichtung an den zu hohen Ablöseforderungen der Magdeburger scheiterte. Nun sucht RasenBallsport Leipzig also doch eher einen Kandidaten, der bereits jetzt auf dem Niveau von Neuhaus spielt. Warum? Eine Möglichkeit ist, dass das eher undynamische Torwartspiel, das Neuhaus in der vergangenen Saison zeigte, gar nicht der ‚Schweineliga‘ Oberliga geschuldet war, sondern einfach seine Art ist und genau diese Art dem Trainer nicht hundertprozentig passt (Stichwort schnelle Spieleröffnung). Eine andere Möglichkeit wäre, dass es dem Trainer nicht passt, eine Position quasi ohne aussichtsreichen Konkurrenten hinter der Nummer 1 zu besetzen. Eine dritte Möglichkeit bestünde darin, dass sich Neuhaus mit seinen pointiert-kritischen Bemerkungen zur sportlichen Situation der letzten Saison, aufgrund der Öffentlichkeit, in der sie getätigt wurden, nicht nur Freunde gemacht hat.

Wir haben in der Oberliga nicht so professionell gearbeitet, wie ich das gewohnt bin. (Sven Neuhaus in der LVZ vom 15.07.2010)

Das ist die Kurzzusammenfassung der Neuhausschen Kritik, die auf den angeblichen Schlendrian und die Bequemlichkeit der Teamführung des Ex-Trainers Tino Vogels abzielt. Man kann dies als strebsamen Geist eines Profis interpretieren und gutheißen, könnte aber darin auch eine selbstgefällige Kritik sehen, die auch dem derzeitigen Trainer nicht gefallen kann. Ich persönlich empfinde die Äußerungen als nicht sonderlich stilvoll (Nachtreten), aber auch nicht dramatisch (ich finde generell, dass man Fußballern viel mehr Freiheiten für das öffentliche Agieren zugestehen sollte), schon gar nicht so dramatisch als dass man daraufhin die Mechanismen des Marktes in Bewegung setzen oder zu pädagogischen Maßnahmen greifen müsste. Von daher denke ich, dass es vor allem sportliche Gründe sind, die Orals Sinneswandel hin zur Verpflichtung eines Torwarts auf jetzt schon professionellem Niveau erklären.

Angesichts der Überlegungen mutet es aber erstaunlich an, dass der Dauerprobetorwart Timo Hammel, der sich bei RB Leipzig offiziell fit hält, in den Freundschaftsspielen den einen oder anderen Einsatz abbekam (z.B. 90 Minuten im letzten Test gegen Salzburg). Entweder der Verein sieht in ihm jemanden, der die erhoffte Konkurrenz zu Neuhaus ist, was ich schwer einschätzen kann, was aber vom Trainer immer bestritten wurde (Hammel galt bisher eher als mögliche Verpflichtung, die mit Bellot um die Nummer 2 kämpfen soll). Oder… Ja was eigentlich oder? Eigentlich gibt es kein oder, weil die Einsätze Hammels in den Testspielen keinen Sinn ergeben würden, verpflichtete man jetzt einen anderen Torwart. Dann würde man sich zumindest fragen, warum Benjamin Bellot, das 19jährige Torwarttalent, das noch ein Jahr Vertrag bei RB Leipzig hat, nicht anstelle von Hammel im Tor stehen durfte. Oder Neuhaus selbst die Abstimmung mit der Abwehr perfektionieren konnte.

Ganz klar ist es mir nicht, warum bei RasenBallsport Leipzig kurz vor Saisonbeginn eine Baustelle auf der Torwart-Position eröffnet wird, zumal ich mir immer noch vorstellen kann, dass man mit Neuhaus, Bellot und Hammel (oder einem anderen Äquivalent) in die Saison geht und zur Winterpause oder zur nächsten Saison einen der vielen Salzburger Torwächter (Tremmel, Walke, Heimann – am ehesten wohl Walke) nach Leipzig holt, wenn Salzburgs eigentliche Nummer 1 Gustafsson nach seinem Schien- und Wadenbeinbruch bis dahin wieder genesen ist. Wie auch immer, ich bin gespannt, wie sich diese überraschende Baustelle entwickeln wird und ob die Diskussion die Leistungen von Sven Neuhaus tatsächlich beflügelt oder eher lähmt.

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