Das Turnier als Flachetappe

Ach, liebe Fußball-Weltmeisterschaft: Irgendwie fühlen Sie sich an, wie eine Live-Übertragung einer Tour de France-Flachetappe. Viel Geplänkel, ein paar Ausreißversuche und zum Schluss freut man sich darüber, dass jemand gewonnen hat bzw. eigentlich viel mehr darüber, dass es vorbei ist. Und ein bisschen hab ich das Gefühl, dass es relativ nahtlos übergeht vom in-der-ersten-Runde-noch-nicht-so-gut-spielen-können in ein Ko-Spiele-sind-geprägt-von-Taktik. Warum dauert das ganze eigentlich einen ganzen Monat?

Ach, liebe deutsche Fußballnationalmannschaft: Ein wenig sieht es so aus, als würden Ihre Baustellen von Spiel zu Spiel größer – und bei Baustellen denke ich nicht zuerst an Badstuber, schon eher an Podolski oder Mertesacker oder Friedrich oder das Defensivverhalten der Mannschaft insgesamt. Und: Wenn ihre Offensive tatsächlich bereits dadurch komplett auszuschalten ist, indem man einfach zwei, drei Leute zwischen Ihren Verteidigern und der Doppelsechs herumwuseln lässt, dann ist Ihr Offensivsystem nicht sehr flexibel, geschweige denn gut. Naja, Hauptsache die Stimmung im Team ist jetzt besser als zu Zeiten als alles noch auf den großen Leader zugeschnitten war. Dumm nur, dass mit großer Wahrscheinlichkeit die Stimmung schon morgen im tiefsten Keller sein wird. Aber selbst flache Hierarchien könn(t)en ordentlich einen trinken gehen, wenn es denn schief gehen sollte mit einem Achtelfinal-Sieg. Wobei dann der worst case eintreten könnte und Matthias Sammer Jogi Löw ablöst. Das vor Augen bleibt wohl nur, auf einen glücklichen Sieg zu hoffen. Und dann? Argentinien? Ab wann gilt die WM eigentlich als Sammer-verhindernder Erfolg?

Ach, liebe WM-Schiedsrichter: Ottmar Hitzfeld hat natürlich unrecht, wenn er glaubt, dass schlechte Leistungen vor allem bei jenen Schiedsrichtern unter Ihnen zu beobachten wären, die ihren Alltag nicht in einer der größeren Fußball-Ligen verbringen. Und generell ist das Schiedsrichter-Bashing zu einem unhinterfragten Allgemeinplatz geworden. Dabei fällt nur eins auf, dass sie liebe Schiedsrichter Ihren Entscheidungen höchst unterschiedliche Kriterien und Maßstäbe zugrunde legen. Und das wiederum sieht eher nach schlechtem Schiedsrichter-Briefing aus. Naja, die FIFA-Schiedsrichterkommission ist ja mit Ihnen zufrieden. Aber aus Sicht der FIFA ist sowieso immer alles prima.

Ach, lieber WM-Favorit: Wer sind Sie? Sind Sie es vielleicht, liebes Argentinien? Trotz Diego Maradona und trotz Martin Demichelis? Wenn Messi noch anfängt Tore zu schießen, sieht es eigentlich gut aus. Oder sind Sie es, liebes Brasilien? Wenn Sie Ihrer taktischen Klasse noch ein bisschen Esprit (jenseits des Handspiels) hinzufügen, dann haben auch Sie gute Chancen. Oder sind Sie es, liebe Niederlande? Ich weiß, als Deutscher darf ich sowas nicht sagen, aber ich würde es Ihnen gönnen. Aber ob Ihre Innenverteidigung da mitmacht? Oder sind Sie es, liebes Spanien? Von allen Teams sind sich sicher das kompletteste, aber irgendwie hat man nicht das Gefühl, dass es für Sie ganz nach oben reichen könnte. Oder sind Sie es, liebes England? Ach ehrlich, ich würde es auch Ihnen gönnen, wobei ich nicht so recht weiß, auf welchem sportlichen Fakt Ihre Favoriten-Rolle beruhen sollte. Oder sind Sie es, liebes Deutschland? Also, beim besten Willen, ob Ihrer jugendlichen Frische und bei aller Sympathie für ihre Versuche, dem Offensivgeist zu frönen, das wird wohl nichts mit Ihnen und dem Cup. Und Louis van Gaal wird sich wahrscheinlich freuen, wenn seine WM-Spieler bis auf van Bommel und Robben etwas früher nach Haus kommen. Naja, mit meinen Prognosen liege ich ja auch manchmal daneben, von daher…

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